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MULTIVERSUM – DER AUFBRUCH – Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Roman von Petra Mattfeldt

MULTIVERSUM – DER AUFBRUCH

Leseprobe (Teil 1)
aus dem gleichnamigen Roman
von
Petra Mattfeldt

Ungläubig blickte er auf das Boot, das gekentert und kieloben treibend unter dem ruhigen Tuckern des Schleppers in den Hafen gezogen wurde. Trotz der vielen Menschen um ihn herum herrschte eine beklemmende Stille, und selbst die Möwen am Kai gaben kaum einen Laut von sich. Stumm sah der Neunjährige zu seiner Großmutter hinauf, die angespannt und mit zusammengepressten Lippen ihren Blick starr auf das verunglückte Boot gerichtet hielt. Unter Wasser konnte man das große, weiße Segel erkennen, das sich gespenstisch hin- und her bewegte. Auf den Jungen wirkte es falsch, doch auf eine schauerliche Weise auch faszinierend, das Segelboot seiner Eltern verkehrt herum durch das Wasser gleiten zu sehen.

Unfähig zu begreifen, was sich direkt vor seinen Augen abspielte, beobachtete er staunend, wie der Schlepper seitwärts anlegte und ein Helfer das Seil am Mauerpflock vertäute. Das Segel der »Birdfly« scharrte unter der Wasseroberfläche an der Hafenmauer entlang, bis die Bewegungen erstarben und der Schlepper und seine traurige Fracht ruhig auf dem Wasser lagen. Ein ihm unbekannter Mann trat heran und er hörte seine Großmutter sagen, dass es das Boot seiner Eltern sei. Doch wo waren seine Eltern? Suchend sah er sich nach ihnen um, als seine Großmutter nach seiner Hand griff und ihn sanft fortzog. Hastig warf er einen letzten Blick auf das Segel, das ihm unter Wasser zum Abschied zu winken schien. Erst jetzt erkannte er, dass es nicht der Abschied von dem Boot, sondern von seinen Eltern sein sollte.

*** Kapitel 1 ***

Seine Hand zitterte, als er den Schlüssel ins Schloss gleiten ließ. Wie schon so oft. Aber dieses Mal wollte er es schaffen. Es musste einfach gelingen! Sein Atem ging schnell und er spürte jeden seiner hastigen Herzschläge in den Ohren dröhnen. Die Augen fest geschlossen begann er langsam, den Schlüssel herumzudrehen. Das erste Klicken ließ seinen Atem rascher werden. Er schluckte. Heute wollte er es schaffen. Eine weitere Umdrehung des Schlüssels – das zweite Klicken ließ ihn zusammenzucken. Nur noch ein klein wenig und die Tür würde sich öffnen lassen.

Sein Puls begann zu rasen. Er keuchte, und bei jedem eiligen Atemzug entwichen seinem Mund helle Wölkchen. Plötzlich stieg eine gewaltige Übelkeit in ihm auf. Das Pochen seines Herzschlags glich nun Hammerschlägen und Schweiß ließ seine Hand abrutschen. Schnell wischte er sie an seiner Jogginghose ab und griff entschlossen erneut nach dem Schlüssel. Kleine Lichtpunkte begannen, vor seinen Augen auf- und abzutanzen, in seinen Ohren rauschte es und der eben noch feste Boden unter seinen Füßen glich nun einer Drehscheibe, die immer schneller zu werden schien. Er versuchte sich zusammenzureißen, seinen Körper zu straffen und das Schwindelgefühl zu bekämpfen. Doch es schnürte ihm immer mehr die Brust zu, bis es ihm unmöglich wurde, zu atmen. Er konnte es einfach nicht. Nach kurzem Zögern drehte er den Schlüssel zurück und zog ihn mit einem heftigen Ruck eilig und voller Enttäuschung heraus. Kurz geriet er ins Taumeln und musste sich an der Hauswand abstützen. Dann stürzte er los, rannte weg von dem Haus, den Hügel hinunter und hielt erst inne, als er die kleine Mauer am Rande des Weges erreicht hatte. Erschöpft ließ er sich darauf niedersinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. Es dauerte eine Weile, bis sich seine Atmung beruhigte und er in der Lage war, sich auf den Heimweg zu machen.

Erst ging er, bis seine Beine wie von selbst wieder einen leichten Laufschritt annahmen und er nach einer Weile schließlich sogar rannte. Er hatte es so sehr gewollt. Es war der erste Ferientag und er hatte sich fest vorgenommen, dass heute genau der Tag sein sollte, an dem er das erste Mal seit dem Verschwinden seiner Eltern sein früheres Zuhause betreten wollte. Doch so gut er sich auch auf diesen Moment vorbereitet hatte, packte ihn bei dem Gedanken, dorthin zurückzukehren, wo sie zusammen so glücklich gewesen waren, kalte Panik. Sechs Jahre waren seit dem Unfall vergangen, und nichts war mehr wie zuvor.

Er verlangsamte seinen Lauf und joggte nach einer Weile gleichmäßig weiter, bis er die Straße mit dem Haus erreichte, in dem er gemeinsam mit seiner Großmutter lebte. In diesem Augenblick fasste er einen Entschluss: Die Quälerei musste ein Ende haben. Er würde seine Großmutter bitten, einen Makler zu beauftragen. So schön das Anwesen seiner Eltern auch sein mochte, es würde nie mehr sein Zuhause sein.

Noch bevor er die Tür aufschloss, wurde sie von innen geöffnet.

»Guten Morgen, Tom! Nicht einmal in den Ferien schläfst du aus.«

Mary Westley schüttelte lächelnd den Kopf, als sie ihren Enkel eintreten ließ.

»Guten Morgen. Ich konnte nicht mehr schlafen und wollte mich bewegen.«

Sie griff nach seinen Schultern und sah ihm in die Augen. »Du warst wieder beim Haus, nicht wahr?«

Er nickte und sah zu Boden.

In diesem Augenblick klingelte es und ersparte ihm damit das weitere Gespräch. Rasch drehte er sich um und öffnete.

Vor der Tür stand Aurelia Johns, die Witwe des alten Tide und eine Freundin seiner Großmutter. Sie machte einen aufgewühlten, gehetzten Eindruck.

»Guten Morgen Tom, kann ich bitte mit Mary sprechen?«

Sie spähte an Tom vorbei, der die Tür ein Stück weiter öffnete.

»Aber sicher.« Er trat beiseite.

»Aurelia, was verschafft mir den frühen Besuch?« Mary hatte einen Schritt auf sie zugemacht und umarmte die Freundin. »Was ist los mit dir? Du bist ja ganz aufgewühlt. Ist etwas geschehen?«

Aurelia warf einen flüchtigen Blick auf Tom. »Eben das weiß ich nicht. Kann ich dich allein sprechen, Mary?« Sie berührte kurz Toms Arm. »Bitte verzeih.«

»Kein Problem. Ich wollte sowieso gerade duschen gehen.« Er trat an den Frauen vorbei und ging in Richtung Bad davon.

Mary hakte sich bei ihrer Freundin ein und zog sie in die Küche. »Ich mache uns erst einmal einen Tee. Du bist ja ganz blass.«

Aurelia zog die Küchentür hinter sich zu und prüfte, dass diese auch wirklich verschlossen war. »Tom sollte uns besser nicht hören.«

»Meine Güte, was ist denn los? Du klingst ja sehr geheimnisvoll.«

Aurelia zog eine kleine Schatulle aus ihrer Handtasche hervor.

»Setz dich lieber, Mary. Das musst du dir ansehen. Ich habe wirklich hin- und her überlegt, ob ich es dir zeigen soll. Mein Neffe Rick hat es heute Morgen beim Fischen aus dem Meer gezogen. Wir haben es geöffnet.« Sie hielt Mary das Kästchen entgegen. Es wies eine tiefe Einkerbung auf, die vermutlich durch das gewaltsame Öffnen entstanden war.

»Ein schöner Gegenstand, Aurelia. Aber ich bin Goldschmiedin, keine Kunstsammlerin. Ich kenne mich mit so etwas zu wenig aus, deshalb kann ich dir leider nicht sagen, ob es wertvoll ist. Außerdem ist es beschädigt. Vielleicht stammt es von einem der alten Schiffwracks, die hier in der Nähe vor langer Zeit gesunken sind. Aber wie gesagt, ich verstehe zu wenig davon. Du solltest dich an einen…«

»Nein Mary, nicht die Kiste ist das Außergewöhnliche, es ist der Inhalt«, unterbrach die Freundin sie.

»Was ist denn drin?«

»Eine Nachricht! Und ich denke, sie ist für dich und Tom. Anders kann ich es mir nicht zusammenreimen.« Sie legte ihre Hand auf Marys. »Bevor du es liest, möchte ich, dass du weißt, dass ich gezögert habe, hierher zu kommen.«

»Also jetzt machst du mich aber wirklich neugierig, Aurelia«, erwiderte Mary schmunzelnd und öffnete die Schatulle. Zum Vorschein kam ein zusammengefaltetes Blatt, das sie mit spitzen Fingern herausnahm. Es war kein gewöhnliches Papier, das erkannte Mary auf den ersten Blick. Vielmehr schien es eine Art Pergament zu sein.

»Sieht wirklich alt aus«, entfuhr es ihr.

»Lies, was draufsteht«, drängte Aurelia.

»Also gut, wenn du meinst«, sagte Mary und begann laut vorzulesen:

»Wir sind am Leben, Charles und ich – aber wir wissen nicht, wo und in welcher Zeit wir uns befinden. Derjenige, der diese Nachricht findet, soll sie bitte unserem Sohn überbringen. Tom, wir lieben dich und denken an dich. Claire und Charles Stafford.«

Mary sackte auf ihren Stuhl. Ungläubig starrte sie auf das Blatt in ihrer zitternden Hand. Kein Ton kam über ihre Lippen. Sie musste sich an der schweren Tischplatte festhalten, denn ihr wurde schwarz vor Augen und kalte Schauer liefen ihr über den Rücken.

»Claire«, flüsterte sie schließlich, »das ist Claires Handschrift.« Mary war kreidebleich geworden und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Aber das kann doch nicht sein. Sie ist tot. Beide sind tot.« Vorsichtig legte sie das Pergament auf dem Tisch ab, konnte aber den Blick nicht von den Zeilen wenden.

Der Bootsunfall lag bereits sechs Jahre zurück. Seitdem hatte sie kein Lebenszeichen von ihnen erhalten. Sie schluckte schwer. War es möglich, dass sich jemand einen bösen Scherz mit ihr erlaubte? Panisch blickte sie zu der verschlossenen Tür hinüber. Was wäre, wenn Tom etwas davon erfahren würde? Er war noch immer nicht über den Tod seiner Eltern hinweggekommen. Wenn auch nur ein Tag verging, wo er nicht für einen Moment in tiefe Traurigkeit fiel, war es bereits ein guter Tag. Doch das kam selten vor. Wenn er diese Zeilen zu Gesicht bekäme, wie würde er reagieren? Und wie sollte es überhaupt möglich sein, dass tatsächlich Claire diese Zeilen geschrieben hatte? Und wenn es doch so war, wann hatte sie die Nachricht verfasst? Vielleicht hatten sie nach dem Unfall noch gelebt. Doch wenn Claire und Charles irgendwo an Land gespült worden wären, sodass sie die Nachricht wirklich geschrieben hatte, warum hatten sie sich nicht einfach gemeldet? Angerufen, dass es ihnen gut ging? Die Fragen pochten heftig gegen ihre Stirn. Mary blickte auf Aurelia, die ihr noch immer gegenübersaß und sie schweigend betrachtete. Führte sie vielleicht etwas im Schilde? Doch warum sollte Aurelia ihr schaden wollen? Die Gedanken hämmerten wild in ihrem Kopf.

»Kann ich dir vielleicht einen Schluck Wasser holen?« Aurelia blickte sie besorgt an. »Du bist kreidebleich.«

Mary seufzte schwer. »Bitte entschuldige Aurelia, aber ich würde jetzt gern allein sein.«

Aurelia nickte und stand auf. »Das verstehe ich gut.« Sie ging einen Schritt Richtung Tür, drehte sich aber nochmal um. »Kannst du dir das erklären?«

Mary reagierte nicht. Wie erstarrt blickte sie auf das Stück Pergament.

(…)

(Zum nächsten Teil 2)

Copyright (C) 2015 by Petra Mattfeldt (Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Bookspot Verlags)

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

ZUM VORLIEGENDEN ROMAN:


Multiversum (Kartoniert)
Der Aufbruch
von Mattfeldt, Petra

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Verlag:  Bookspot Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  200
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erscheint:  Juni 2015
ISBN-10:  3956690281
ISBN-13:  9783956690280

Beschreibung
Multiversum ist die Geschichte von Tom Stafford, der gerade neun Jahre alt ist, als seine Eltern bei einem Bootsunfall ums Leben kommen. Er wächst fortan bei seiner Großmutter auf, bis er sechs Jahre später eine Nachricht erhält, die scheinbar von seiner Mutter geschrieben wurde. Nicht nur, dass seine Eltern eigentlich tot sein müssten – die Nachricht stammt allem Anschein nach auch noch aus dem Mittelalter.

Auf unerklärliche Art tauchen auch andere mittelalterliche Artefakte auf. Außerdem schalten sich der Geheimdienst und ein Professor mit einer scheinbar verrückten Theorie ein. Er behauptet, die Lösung des Falles könnte in der „Viele-Welten-Theorie“ der Quantenforschung zu finden sein. Diese „Viele-Welten-Theorie“ sagt aus, dass es nicht nur ein Universum, sondern eine Vielzahl von Universen gibt, die nebeneinander existieren und sich an manchen Stellen überschneiden. Bei einem Test an der Stelle, wo Toms Eltern mit dem Boot verunglückten, entdeckt man eigenartige Veränderungen. Bei dem Versuch, diese zu erforschen, verschwinden auch Tom und Maximilian spurlos …

Autor
Petra Mattfeldt, geboren 1971, wuchs in einer norddeutschen Kleinstadt auf. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten und arbeitete danach als freie Journalistin. Anfang 2014 erschien ihr Krimidebüt „Sekundentod“ um den Lüneburger Kommissar Falko Cornelsen, darauf folgte mit „Der Jahrbuchcode“ ihr erster Jugendkrimi, dessen Fortsetzung Ende 2015 im Bookspot Verlag erscheinen wird. Seit 2010 veröffentlicht sie außerdem historische Romane unter dem Pseudonym Caren Benedikt. 2015 stieg sie schliesslich mit »Multiversum – Der Aufbruch« ins SF-Genre ein.

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