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MIT ZÄHNEN UND KLAUEN – Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Roman von Craig DiLouie

MIT ZÄHNEN UND KLAUEN

Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Roman

von

Craig DiLouie

Private First Class Jon Mooney liegt im Dunkeln auf seiner Pritsche und kann nicht schlafen. Er ist unruhig, starrt vor sich hin und hat einen trockenen Mund, nachdem er Tag und Nacht mit einer Grippemaske herumgelaufen ist. Immer wieder spielt sich die Erschießung vor seinem geistigen Auge ab: Taten Sie das Richtige? Den Anblick des Tollwütigen, der sich im Stacheldraht verstrickt kreischend in seinem eigenen Blut wälzte, bekommt er nicht aus dem Kopf.

Seine Kameraden von Gruppe 1 schnarchen leise ringsum. Collins lallt unverständlich im Schlaf, überwiegend zusammenhangloses Zeug, das allerdings mit der Frage »Brathähnchen?« und einem rauen Kichern endet. Jemand anderes lässt einen fahren und dreht sich um. Mooney mag diese Kerle; sie kommen ihm vor wie Brüder, sind gemeinsam mit ihm durch die Hölle und wieder zurückgegangen, aber er erträgt sie nicht mehr und wäre liebend gerne eine Zeitlang allein.

Als er sich zur Seite dreht, bemerkt er, dass Private First Class Wyatt ihn ansieht, denn dessen Augen schimmern im Dunkeln. Er nimmt seine Kopfhörer ab und fragt: »Bist du noch wach, Mooney?«

»Kann nicht pennen, und du?«

»Bin am Chillen, Kumpel.«

»Alles klar. Dann gute Nacht, Joel.«

»Nacht.«

Mooney schließt die Augen, verdrängt die Schießerei und versucht stattdessen, sich zu vergegenwärtigen, wie Laura aussieht. Eigentlich sind die beiden kein Paar mehr, aber auch das blendet er aus. Bevor er in den Irak ging, sagte er ihr, es sei vernünftig, Schluss zu machen. Vom damaligen Standpunkt aus betrachtet steht er auch heute noch zu dieser Entscheidung, zumal er sich seinerzeit bereits länger damit grämte, dass er bisweilen an ihrer Schönheit zweifelte und erwog, etwas Besseres verdient zu haben. Leider sah er dabei nicht kommen, wie hart es in Übersee zugehen und wie einsam er sich fühlen sollte. Jetzt beharrt er darauf, sie immer noch zu lieben – sein Rettungsanker in dieser turbulenten Welt. Im Übrigen sprang sie etwas zu eifrig auf seinen Vorschlag an, neue Bekanntschaften zu schließen, und dies lässt ihm schon seit seiner Entsendung keine Ruhe.

»Hey, Mooney.«

»Was ist, Joel?«

»Ich hab Bock auf Glotze. Oben in den Krankenzimmern stehen Fernseher, richtig? Bist du dabei?«

Ein Gefühl gleich elektrischen Stroms, der seinen Kreislauf anregt, lässt Mooney mit einem Satz von der Pritsche aufspringen. Binnen weniger Sekunden haben die beiden T-Shirts und Hosen angezogen und trippeln barfuß auf Zehenspitzen in den Flur. Sie bemühen sich, nicht zu lachen, als sie am Büro des Gebäudetechnikers vorbeihuschen, in dem der Lieutenant, der Platoon Sergeant sowie die Gruppenführer angespannt die Köpfe zusammenstecken, um sich zu beratschlagen.

Die beiden verharren und lauschen.

»Meine Frau ist allein dort draußen mit meinem Sohn, und ich werde sie beschützen«, hören sie jemanden sagen.

Lewis?, fragt Mooney lautlos. Wyatt zuckt mit den Achseln.

»Richtig«, erwidert eine zweite Stimme. »Sie ist allein dort draußen. Was, wenn sie eine von denen wird? Wollen Sie, dass wir auch sie erschießen?«

»Ich sage Ihnen eines«, hebt Lewis an. »Falls ich mich in so etwas verwandle, möchte ich, dass Sie mir einen Kopfschuss verpassen.«

»Was zum Henker, over?«, flüstert Mooney.

»Was zum Henker, Ende«, antwortet Wyatt, wiederum achselzuckend.

So reizend Bespitzeln auch sein mag, überwiegt nun doch die Verlockung geistloser Unterhaltung und ruft ihnen ihren ursprünglichen Vorsatz ins Gedächtnis zurück. Auf dem Flur ist es dunkel, also bemerkt niemand ihre Bewegungen, während die surrenden Maschinen im Keller des Krankenhauses ihre Schritte unhörbar machen. Überall im Untergeschoss stinkt es nach Ammoniak und Desinfektionsmitteln.

Wir sind Ninja, denkt Mooney, völlig im Verborgenen. Er lächelt über diese Vorstellung.

»Was steht so spät noch auf dem Programm«, will Wyatt wissen, als sie das Treppenhaus erreichen und die ersten Stufen nehmen.

»Ist doch egal. Ich will einfach nur abschalten und ’ne Stunde lang vergessen, wer ich bin.«

»Besser als Pennen!«

»Wer kann jetzt schon ein Auge zumachen?«, fragt Mooney.

»Wohin gehen wir überhaupt?«

»Lass uns vom fünften Stock aus abwärts eine Etage nach der anderen abklappern, bis wir ein Zimmer mit Flimmerkiste finden, die funktioniert. Geritzt?«

»In den Finger«, bestätigt Wyatt.

Als sie im fünften Stock ankommen, keuchen die Jungs und legen eine Pause ein, um Luft zu schnappen. Nicht, dass ihre Form zu wünschen übrig ließe, doch nach Monaten harter Arbeit bei wenig Schlaf und unzureichender Kalorienzufuhr sind sie erschöpft. Sie lassen sich auf dem obersten Treppenabsatz nieder und rauchen gemeinsam eine Zigarette. Mooney wird allmählich warm mit dem hochgeschossenen, dürren Wyatt, der als Ersatz aus Michigan kam. Bei Unterhaltungen scheint der Rotschopf stets über die Schulter seines Gegenübers zu schauen. Die meisten anderen finden ihn ein bisschen schräg.

»Bereit für ein paar Dauerwerbesendungen, Kollege?«, fragt Wyatt. »Wie wäre es mit Girls Gone Wild

Mooney schnippt die Zigarette die Treppe hinunter, wo sie beim Auftreffen Funken sprüht, und schiebt seinen Mundschutz wieder hoch. »Okay, weiter.«

Wyatt reicht ihm ein paar Latexhandschuhe, die Mooney gleich anzieht. »Denk daran: Falls uns eine Krankenschwester oder sonst jemand entdeckt, sagen wir einfach, man schickt uns, um diesen Bullen Winslow zu finden. Das ist unser Vorwand.«

Kaum, dass sie die Etagentür öffnen, müssen sie würgen, da es erbärmlich stinkt. Der widerlich saure Körperschweiß der Lyssa-Opfer verbirgt sich unter einer Übelkeit erregenden süßlichen Mischung aus Lufterfrischern und einem Parfüm, das der Stab des Trinity offensichtlich überall versprüht hat.

Mooney hört Menschen stöhnen und erkennt fahrbare Krankenliegen an den Wänden des Korridors, alle mit Lyssa-Patienten belegt, die am Tropf hängen, damit sie nicht austrocknen. Einige knurren und sträuben sich gegen die Gurtbänder, mit denen sie fixiert wurden, doch die meisten liegen einfach nur da und stöhnen mit rasselndem Atem.

Außer ihnen ist keine Menschenseele in Sicht.

Wyatt pfeift leise angesichts dieser Kulisse. »Schaurig.«

Mooney nickt.

»Im Ernst«, fährt Wyatt fort, »wäre es nicht cool, wenn die alle aufspringen und uns angreifen würden?«

Sie biegen um eine Ecke. In diesem Bereich sind keine Patienten untergebracht, doch für die Nacht hat man die Beleuchtung eingeschaltet. Die beiden Soldaten blinzeln gegen das Neonlicht.

»Wir wären besser nicht hier«, sagt Mooney. »An diesem Ort wimmelt es vor Viren.«

»Alter, was hältst du von diesem Mief? Jedes Mal, wenn ich glaube, ich hätte mich daran gewöhnt, krieg ich den Kotzreiz. Dabei steckt sogar eine dieser Werbe-Duftproben zum Reiben in meiner Maske, die ich aus einer Zeitschrift gerissen habe.«

»Mission abbrechen?«

»Scheiße, nein! Immerhin liegen hier oben Patienten auf den Zimmern, also muss auch irgendwo eine Mattscheibe stehen. Wäre doch hammermäßig, wenn sie auch eine Play-Station hätten.«

»Würde gern Guitar Hero zocken«, gesteht Mooney.

Während sie sich die Nasen zuhalten, schleichen sie zu einer weiteren Tür. Im dunklen Raum dahinter liegen Lyssa-Opfer in ihren eigenen Körperausdünstungen und stinken vor sich hin. Mooney kann ihren unregelmäßigen Atem hören. Unter ihnen befindet sich eine junge Frau auf einem Klappbett am Boden, die abwechselnd weint und sich im Fieberwahn bei jemandem namens Ron entschuldigt.

»Bingo«, sagt Wyatt. »Da hat aber wer auf stumm geschaltet. Wir müssen also die Fernbedienung finden, es sei denn, du stehst auf den Ticker. Ich für meinen Teil kann gar nicht so schnell lesen.«

»Welcher Sender ist es?«

»CNN, glaube ich. Irgendwelche Ausschreitungen in Chicago. Nein warte; jetzt geht es um Atlanta.«

»Hallo?«

Die kratzige Stimme jagt ihnen einen Schrecken ein, sodass sie zusammenzucken.

»Ihretwegen, wer auch immer Sie sind, habe ich mir fast in die Hosen geschissen«, wispert Wyatt und lacht los.

»Ging mir genauso«, sagt die Stimme. »Sind Sie von der Polizei?«

»Nein, Sir«, antwortete Mooney. Da sich seine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnen, macht er die Umrisse eines Mannes aus, der sich im Bett aufgerichtet hat. »Wir gehören zur US Army.«

»Etwas früher heute Abend gab es Geschrei weiter unten auf dem Flur. War wohl nur jemand, den das Fieber in den Wahnsinn getrieben hat, was? Es klang aber schrecklich – wie ein Tier auf der Schlachtbank. Vielleicht gehen Sie der Sache auf den Grund. Ich hätte mich gerne an eine Krankenschwester gewendet, habe aber schon seit Stunden keine mehr gesehen.«

»Wie geht es Ihnen, Sir? Ist es schlimm?«

»Heute ein bisschen besser, danke. Mein Fieber ist gesunken, aber ich könnte etwas Wasser …«

Sie fahren erneut zusammen, als vor dem Gebäude kleinkalibrige Schüsse losgehen. Vorsichtig treten die Soldaten ans Fenster und spähen durch die geschlossenen Läden. Tief unten sehen sie Mündungsfeuer. Gruppe 3 nimmt jemanden aufs Korn.

»Was zum Henker?«, fragt Wyatt.

»Oh Gott!«, ruft Mooney und rennt aus dem Zimmer.

Wyatt stürzt hinterher und holt ihn ein, als er in sich in einen Papierkorb übergibt.

»Ich habe es eingeatmet«, japst Mooney, während er ausspuckt und versucht, wieder Luft zu bekommen.

»Ich vergaß eine Sekunde lang, mir die Nase zuzuhalten. Das war das Ekelhafteste, was ich je gerochen habe. Heiliger Strohsack, das stank wie eine verwesende Leiche.«

»Alter, zieh die Maske wieder an, bevor du dir was einfängst«, rät Wyatt nervös.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, ruft der Patient aus dem dunklen Zimmer. »Lassen Sie mich nicht alleine, ja? Könnte ich etwas Wasser haben, bitte?«

»Hey, sieh mal.«

Wyatt zeigt auf den Boden. Eine Blutspur beginnt kurz vor ihnen und führt zu einer Doppeltür zehn Meter weiter. Sie ist verschmiert, als habe jemand einen mit Blut vollgesogenen Wischlappen bis durch die Tür gezogen.

»Mach keinen Scheiß, Mann«, sagt Mooney, als sich Wyatt der Tür nähert. Wir sollten zurückkehren, denkt er. Falls Gruppe 3 draußen kämpft, zählt McGraw die Männer bestimmt durch. In diesem Augenblick wird er sich wahrscheinlich in blinde Raserei hineinsteigern, da er seine unerlaubt abkömmlichen Schützen nicht findet, seinen breiten Schnauzbart mit der Unterlippe bearbeiten und mit den Backenzähnen knirschen, die in seinem kantigen Kiefer stecken. Mooney hegt keinerlei Interesse daran, was sich hinter der Tür befinden mag. Wie hat sich der Kerl vorhin ausgedrückt? Schrecklich nannte er es – das Geschrei sei schrecklich gewesen, wie von einem Tier auf der Schlachtbank.

»Wir verziehen uns besser«, drängt Mooney. »McGraw liest uns sonst die Leviten.«

Wyatt grinst. »Ich schau nur kurz nach. Kumpel, hier geht’s ab wie in einem Spukhaus. Mal sehen, ob uns Zombies hinter der Tür auflauern.«

Er betätigt einen Wandschalter mit der flachen Hand. Die Türflügel öffnen sich automatisch …

(wird fortgesetzt!)

Copyright (C) 2014 by LUZIFER-Verlag. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des LUZIFER-Verlages

Bildrechte: “Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Cover-Apokalypsen.jpg” © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Wer wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht, erfährt dies in folgendem Buch des Autors:

DiLouie, Craig
Mit Zähnen und Klauen

Verlag :      Luzifer-Verlag
ISBN :      978-3-943408-23-2
Einband :      Englisch Broschur
Preisinfo :      13,95 Eur[D] / 14,95 Eur[A] / 18,40 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 14.01.2014
Seiten/Umfang :      ca. 400 S. – 20,5 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Produktform (detailliert) :      Geklebt
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 20.02.2014
Erstverkaufstag :         20.02.2014
Gewicht :      400 g

KLAPPENTEXT
Ein Roman von Bestseller-Autor Craig DiLouie!

Wie die Welt enden wird? Nicht mit einem Knall, nicht mit einem Wimmern, sondern in einem Gemetzel!

Als eine neue Pest in Form eines Tollwutvirus Millionen Menschen infiziert, holt Amerika seine Streitkräfte aus der ganzen Welt zurück, um seine Krankenhäuser und andere wichtige Gebäude zu schützen.

Die Infektion weitet sich unkontrollierbar aus, die tollwütigen Opfer werden extrem gewalttätig.

Lieutenant Todd Bowman führte seine Einheit durch die Schrecken des Krieges im Irak. Jetzt muss er seine Männer in New York durch einen Sturm der Gewalt führen, um eine Forschungseinrichtung zu sichern, die ein Heilmittel verspricht. Doch in dieser Mission sehen sich die Männer der Charlie Company einer schrecklichen Schlacht mit einer furchtlosen und endlosen Horde gegenüber – einer Horde, bewaffnet mit Zähnen und Klauen.

WAR IS HELL – dieses Sprichwort bekommt für die Jungs der Charlie Company in dieser Apokalypse eine ganz neue Bedeutung!

AUTOR
CRAIG DILOUIE … lebt mit seiner Familie in Kanada. Er hat zunächst zahlreiche Sachbücher veröffentlicht, bevor er mit seinen Zombie-Romanen in Amerika große Erfolge feierte.

Titel erhältlich bei Amazon.de
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Updated: 3. September 2014 — 01:40

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