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MEIN GOTT ARNOLD – MEIN GOTT, ARNOLD? – Shortstory von Irene Salzmann

MEIN GOTT ARNOLD – MEIN GOTT, ARNOLD?

Shortstory

von

Irene Salzmann

Liebe Maddie,

allmählich wird es Zeit, dass ich Deinen Brief beantworte. Vielen Dank für die hübschen Fotos, Deine beiden Jungs sind ja wirklich allerliebst. Ich hätte nicht gedacht, dass Benedikt schon so groß ist. Es ist noch gar nicht lange her, dass ich ihn auf dem Arm getragen habe, und jetzt läuft er schon. Florian freut sich sicher, dass er endlich mit seinem Bruder spielen kann. Wenn die beiden miteinander beschäftigt sind, hast Du wieder mehr Zeit für Dich – oder täusche ich mich da?

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Viel Neues habe ich eigentlich nicht zu erzählen. Du weißt ja, viel Uni, wenig Vergnügen.

Die schriftlichen Prüfungen liegen nun hinter mir, die erste mündliche ist in zwei Wochen fällig, und ich fühle mich wie auf einem Horrortrip. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, wenn es überstanden ist und ich ein paar Tage Urlaub machen kann. Vielleicht fahre ich mit Jutta in die Schweiz, aber das ist noch nicht ganz sicher.

Vorgestern hat einer beim Einparken die Seitentür vom Golf eingedrückt, ist aber zum Glück dabei beobachtet worden. Ich bekomme zwar den Schaden bezahlt, aber ärgerlich ist es trotzdem.

Über Peter bin ich schon hinweg – danke der Nachfrage! Es war sicher ganz gut, dass wir uns getrennt haben, es ging einfach nicht mehr, aber vier Jahre vergisst man nicht so schnell.

Mein Bruder – ich glaube, Du hast Marcus einmal gesehen – ist seitdem der Ansicht, er müsse ein gutes Werk vollbringen und mich mit einem seiner Freunde (die sonst keine haben wollte) verkuppeln, echt! Letzte Woche rief er an, dass ein Freund von ihm wegen eines Seminars nach München fährt und eine Übernachtungsmöglichkeit bräuchte. Na gut, dachte ich, die meisten, die ich so kenne, sind ganz nett, und für eine Nacht, was soll’s.

Zugegeben, ein bisschen neugierig war ich schon – man kann ja nie wissen! Und als es dann klingelte, öffnete ich voller Spannung die Tür. „Hallo, ich bin Arnold!“, hörte ich, sah aber erst mal nur die Knöpfe von einem geblümten Hemd. Bauchredner? Nee, Zweimetermensch. Beim Eintreten drückte er mir ein kleines Präsent in die Hand, ein Taschenbuch über Selbstfindung und so einen Quatsch. Ich müsse es unbedingt lesen, meinte er, es hätte ihm schon oft geholfen, schwierige Situationen zu meistern. So sah er auch aus! Blümchenhemd, Hochwasserhosen, Schuhe wie Goofy …

Aber weiter! Wir unterhielten uns eine Weile, dann schlug ich einen Kneipenbummel durch Schwabing vor. In der Annahme, er würde sich vorher waschen und umziehen wollen, da er nach der langen Bahnfahrt ziemlich durchgeschwitzt war, richtete ich ihm das Bad, aber er war so schnell wieder draußen, ich wette, er ließ lediglich das Wasser wieder ab. Umgezogen hatte er sich auch nicht, und, ganz nebenbei, er roch fürchterlich nach Mottenkugeln.

Ich schleppte ihn ins D’Accord, da war es ihm zu fad, dann zu Kay’s, wo es ihm unheimlich gefiel, vielleicht weil … hihi, Du weißt schon. Zufälligerweise waren Jutta und Bea dort, wir haben uns ganz gut amüsiert, während er stumm über seinem Tomatensaft (Antialkoholiker!) brütete und entweder ins Glas oder in meinen Ausschnitt starrte. Ziemlich früh waren wir wieder zu Hause, angeblich, weil ihn die Fahrt ermüdet hatte, sein armer Rücken und ach (Hypochonder!) -, aber in Wirklichkeit wollte er Tennis sehen, Dummbumm Bäcker gegen irgendwen – zum Sterben langweilig!

Das war jedoch noch nicht das Ende des Abends. Nach dem Duschen stellte ich fest, dass ich vergessen hatte, neue Zahnpasta zu kaufen, und die alte Tube hatte ich schon vor drei Tagen so platt gemacht, dass nun beim besten Willen nichts mehr herauswollte. Ich fragte Arnold, ob er welche hätte. Natürlich, im Kulturbeutel. Wofür er den eigentlich braucht, ist mir schleierhaft, denn um Wasser und Seife machte er echt einen großen Bogen. Ich fand schließlich die Zahnpasta und, Maddie, rate mal, was noch? Nein, keinen alten Stinksocken, schlimmer, eine Großpackung Präservative! Ich hab‘ mich ausgeschüttelt vor Lachen, was der sich wohl erhofft hatte … Mir tut es jetzt noch leid, dass ich nicht auf die Idee kam, einen aufzublasen und zu rufen: „Guck mal, was ich für einen tollen Luftballon gefunden habe!“ Ob er dann mit roten Ohren im Boden versunken wäre?

Soweit, so gut. Du kennst ja mein Appartement, nur ein großes Zimmer. Zum Schlafen habe ich mein Bett, Arnold bekam die Luftmatratze. Als er das Bad verließ (was hat er da nur gemacht?), stellte ich mich schlafend. Er nörgelte halblaut an der Matratze herum, dann höre er irgendwann auf zu rumoren. Mitten in der Nacht wurde ich allerdings wieder wach, er hatte die kleine Lampe angeschaltet. Und jetzt kommt’s! Also, links war die Lampe, dann kam Arnold, mein Bett und an der Wand sein Schatten. Ich traute meinen Augen kaum, da saß doch der Kerl tatsächlich im Bett, bohrte in der Nase und fraß das Zeug auch noch auf. Bäh, was habe ich mich geekelt!

Danach machte er das Licht wieder aus, es raschelte ein wenig, und ich dachte, er würde schlafen. Irrtum! Plötzlich legte sich eine kalte, feuchte Hand auf meine Schulter, und ich spürte seinen Atem an meinem Ohr. Viel hat nicht gefehlt, und ich wäre senkrecht wie eine Rakete hochgeschossen, um ihm eine zu knallen – Du weißt, schwächlich bin ich nicht, er wäre locker zehn Meter weit geflogen. Aber wer weiß, wie er darauf reagiert hätte, darum blieb ich erst einmal ruhig und überlegte, wie ich ihm den Spaß gründlich verderben könnte. Seine Bohrfinger (igitt!) grabschten nach meinem Busen, woraufhin ich mich auf den Bauch drehte und so tat, als würde ich halb aufwachen. „Arnold“, murmelte ich, „wie bist du aufregend! Komm, ich brauche dich, ich habe so lange darauf verzichten müssen, aber jetzt ist der Tripper schon so gut wie ausgeheilt … Ich kann nicht länger warten.“ Prompt begann er zu schrumpfen – in jeglicher Hinsicht. „Öh“, sagte er, „ich … öh … wollte eigentlich nur wissen, wo … öh … Klopapier ist, die Rolle ist leer.“

Du kannst Dir sicher denken, wie happy ich war, als er am nächsten Tag seine Tasche schulterte und abzog. Da ich ihm die Hand geben musste, habe ich sie anschließend drei Mal mit viel Seife gewaschen, bäh, bäh, bäh. Dann sagte er auch noch, er würde sich freuen, mich bald wieder besuchen zu dürfen, er verstünde es nicht, dass ein so nettes Mädchen wie ich keinen Freund hat (verzichte, brrr!). Dann wünschte er meinem Leiden noch gute Besserung, und endlich war er weg.

Ich sag‘ Dir eins, Marcus bringe ich bei nächster Gelegenheit um! Dieser Arnold war zu viel, von so einem bekommt man ja Albträume. Arnold … huh!

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Jetzt muss ich aber zur U-Bahn flitzen. Bea rief eben an, wir gehen ins Cinema und schauen uns die Rocky Horror Picture Show an (zum achten Mal übrigens).

Lass bald wieder von Dir hören, und grüße Ernst und die Kinder von mir.

Tschüss
Isabella

-ENDE-

Copyright © Kranzberg, 1989/2015 by Irene Salzmann / Bild „Arnold“ © Copyright 2015  by Courtage/Detlef Hedderich, mit freundlicher Genehmigung

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Der Mann ist das Problem (Kartoniert)
von Pauly, Gisa

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Verlag:  Pendo Verlag GmbH
Medium:  Buch
Seiten:  331
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  September 2015
Sonstiges:  Mit Klappenbroschur
Maße:  220 x 139 mm
Gewicht:  424 g
ISBN-10:  3866123809
ISBN-13:  9783866123809

Beschreibung
Helene hat genug! Als ihr Mann sich zu ihrem Geburtstag seinen eigenen Wunsch erfüllt und ihr ein Wohnmobil schenkt, das sie nie wollte, ist das Maß gestrichen voll. Sie setzt sich in das wuchtige Gefährt und düst los, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Kohle. Letzteres ändert sich jedoch, als sie im Einbauschrank ein kleines Vermögen findet. Wie ist Siegfried an so viel Geld gekommen? Aber pah, was soll’s! Eine bessere Grundlage für einen Neustart kann es schließlich kaum geben! In einem toskanischen Städtchen beginnt für Helene ein aufregendes neues Leben. Als Siegfried plötzlich vor ihrer Tür steht, ist allerdings erstmal Schluss mit Dolce Vita. Doch will er wirklich sie zurück oder nur sein Geld?Autor
Gisa Pauly, geb. 1947 in Gronau, stieg nach zwanzig Jahren aus dem Lehrerberuf aus und veröffentlichte 1994 das Buch ‚Mir langt’s eine Lehrerin steigt aus‘. Seitdem lebt sie als freie Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin (unter anderem für die Telenovela ‚Sturm der Liebe‘ in der ARD) in Münster und auf Sylt. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Hafiz-Lyrikpreis Düsseldorf und der Goldenen Kamera des SWR für das Drehbuch ‚D‚j…vu‘.

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3 Comments

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  1. Die Autorin versicherte mir, dass sowas ähnliches einer Freundin von ihr passiert sei. Wer von euch kann noch von sich sagen, sowas erlebt zu haben. Vielleicht aus der umgekehrten Sicht?

  2. Kicher, ja wenn man keinen Freund hat versuchen einen alle zu verkuppeln. Da kommt meistens nichts bei raus. 🙂
    Tolle Geschchte mitten aus dem Leben gegriffen.

  3. Am Sonntag war der Künstler Courtage bei mir zu Besuch und hat auf meine bitte hin ganz spontan das Eingangsbild geschaffen. Meint Ihr das passt? 😉

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