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LESERATTEN – Phantastische Kurzgeschichte von Günther K. Lietz (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 4/2012)

Leseratten

Phantastische Kurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

1. Platz im RATTUS LIBRI Kreativwettbewerb (2012)
1. Platz im sfbasar.de-Storywettbewerb (4/2012)

Hubertus flitzte über das rostige Rohr, das knapp unter der Decke befestigt war. Seine Krallen kratzten über das feuchte Metall, und mit den Schnurrhaaren fand er sicher seinen Weg. Hubertus‘ Mantel flatterte während dem Laufen, an der Seite baumelte eine stockige Stofftasche. Mit seinen kräftigen Hinterbeinen stieß sich Hubertus von dem Rohr ab und landete an der Wand. Geschickt drückte er sich durch einen Spalt, und schon stand er in der großen Kammer.

Seine Brüder waren bereits eingetroffen und hatten sich um eine brennende Tonne versammelt. Die ewige Flamme der Bruderschaft erleuchtete mit ihrem warmen Licht die Kammer. Zwei Brüder erklommen die Rampen seitlich der Tonne und warfen Abfälle hinein. Das ewige Feuer stürzte sich gierig auf die dargebrachten Opfer. Und dann erschien der große Alte, der Meister, Abt Xavier – Xavier Seitenschnüffler.

Das Fell der alten Ratte war grau und schütter, die Augen halbblind, der Mantel der Bruderschaft fleckig weiß. Xavier erklomm die Bühne über der Tonne. Wärme und Licht ließen ihn mystisch erscheinen. Alle Ratten der Bruderschaft schwiegen und lauschten den Worten des großen Alten.

„Brüder!“ Aus den hinteren Reihen war ein vorwurfsvolles Räuspern zu hören. „Und Schwestern! Unsere Spione haben erfahren, dass die Sippe aus dem siebten Stock ein Buch der Ahnen in ihrem Besitz hat. Sie fanden es tief in den Mauern und versuchten, es vor unseren Augen zu verbergen. Doch nichts bleibt vor den Augen unserer Sippe verborgen, denn wir sind die Sippe aus dem zwölften Stock, die Bruderschaft der Bücher!“

Ein zustimmendes Murmeln drang zur Bühne hinauf. Abt Xavier wartete noch einen Augenblick, bis wieder Ruhe einkehrte, dann fuhr er fort. „Deswegen habe ich beschlossen, dass drei unserer Brüder aufbrechen, um bei den Siebten einzudringen und das Buch für die Zwölften zu stehlen. Denn wir sind die Bruderschaft der Bücher!“

Zustimmende Rufe wurden laut. Erneut wartete Xavier, bis sich die anderen Ratten beruhigt hatten. „Für diese wichtige Mission habe ich drei Brüder ausgesucht, die sich noch einen Namen machen müssen.“ Erneut war aus den hinteren Reihen ein Räuspern zu hören, diesmal jedoch mehr wütend als vorwurfsvoll.

Beschwichtigend hob Abt Xavier seine linke Vorderpfote. „Ja, ja, ich weiß. Ruhe jetzt. Die Namen der Brüder, und der Schwester, lauten Sepp, Wally und Hubertus.“ Ein lautes Jubeln wurde laut, und die Sippe schob vereint die drei namentlich genannten Ratten vor, bis diese vor der Tonne standen. Vor Aufregung sträubten sich ihnen die Felle.

Xaviers strenger Blick war nach unten gerichtet. „Ihr drei seid auserwählt, um uns das Buch der Siebten zu holen, das Buch, das uns vorenthalten werden soll. Wie ihr das anstellt, das ist eure Sache. Doch wir wollen keinen Krieg mit der siebten Sippe riskieren. Deswegen wird die Bruderschaft jegliche Kenntnis dieser Mission abstreiten.“

Sepp, Wally und Hubertus nickten. Sie waren sich der Wichtigkeit ihrer Aufgabe bewusst. Und Stolz erfüllte ihre Brust. Die Bruderschaft des Buchs pinkelte sich gegenseitig an, dann machten sich die drei Auserwählten auf den Weg.

Zuerst rannten sie zu den äußeren Mauern mit den großen Löchern. Einige der Löcher waren von den Ahnen mit durchsichtigen Mauern versiegelt, andere lagen offen und ließen die Luft hinein. In solchen Gebieten mussten die Ratten besonders vorsichtig sein, denn Raubvögel nutzten manchmal die Gelegenheit und suchten sich hier ihre Opfer. Zudem wurden die offenen Zugänge in den Mauern auch von anderen Räubern genutzt.

Sepp, Wally und Hubertus hatten sich eine der Öffnungen als Ziel auserkoren. Sie nahmen es lieber mit einem Raubtier auf, als von den Siebten entdeckt zu werden. Es war dunkel außerhalb der Mauern, und es wehte ein starker Wind. Fremdartige Gerüche eroberten die Mauern von Außen. Hubertus machte den Anfang. Mit einem weiten Sprung erreichte er eines der Rohre und krallte sich daran fest. Wally war ein Stück kleiner, machte diesen Umstand aber mit Eifer und Können wieder wett. Sie sprang zwar zu kurz, drehte sich aber im freien Fall ein Stück zur Wand und machte einen weiteren Satz, um damit ebenfalls das Rohr zu erreichen. Einige Sekunden später hatte Hubertus zu ihr aufgeschlossen. Sepp, ein wahrer Gigant von einer Ratte, machte eher einen Hopser und hing dann ebenfalls am Rohr.

Den Wind im Fell rannten die drei Ratten am Rohr hinab, bis zum siebten Stock. Sie wurden vorsichtiger, denn sicherlich kannten die Siebten diesen Zugang. Hubertus hielt Ausschau und gab seinen Kameraden dann ein Zeichen. Nur wenige Sprünge unter ihnen lag ein Wächter auf der Lauer. Die Ratte hatte ein verfilztes Fell und ein vernarbtes Gesicht. Tief kauerte sie in der Dunkelheit, doch für die scharfen Augen von Hubertus war kein Versteck gut genug.

Sepp nickte, er würde die Angelegenheit übernehmen. Vorsichtig schob er sich nach unten und ließ sich dann einfach fallen. Die Schwerkraft zog ihn hinab. Geschickt steuerte Sepp den Sturz und traf mit den Krallen zuerst den Wächter. Der Aufprall der schweren Ratte presste dem Siebten die Luft aus den Lungen, dann gab es nur noch einen kurzen Schmerz im Nacken und absolute Dunkelheit. „Schnell und sicher.“ Wally war ganz angetan von Sepps Angriff auf den Wächter. „Wenn wir zurück sind und unsere Namen haben, sollten wir einen Wurf zeugen.“

Sepp stolperte beinahe, dann rannte er mit stolz geschwellter Brust weiter. Sein Wurf würde sicherlich aus vielen schönen und starken Ratten bestehen. Schön wie Wally und stark wie …

Hubertus blickte voller Bedauern auf Sepps Leiche. Der Schnappbügel hatte die Ratte mitten im Laufen erwischt und genau das Genick getroffen. Jede andere Stelle wäre für die dicke Ratte wohl ungefährlich gewesen, aber der Genicktreffer war tödlich. Wally schnupperte traurig an Sepps Fell und bepinkelte ihn dann. „Das werden die Siebten büßen.“

Hubertus nickte. „Das werden sie, Schwester.“ Er übernahm nun die Führung und verlangsamte den Schritt. Die Siebten waren klug und hatten Fallen aufgebaut. Es galt nun, größere Wachsamkeit walten zu lassen.

Nach einer halben Stunde erreichten Hubertus und Wally die große Kammer der Siebten. Sie hielten sich im Dunkeln verborgen und beobachteten die fremde Sippe. Sicherlich würden sie das neu entdeckte Buch an einem gut bewachten Ort verstecken. Nun hieß es herauszufinden wo genau, bevor die Siebten den Tod ihres Wächters bemerkten.

Es dauerte nur kurz, dann flitzten Hubertus und Wally los. Hubertus hatte sich für eines der Rohre auf der rechten Seite entschieden, das tief in die Eingeweide der Mauern führte. Dort lagen zwei Wachen der Siebenten auf der Lauer. Sie auszuschalten musste schnell gehen. Leider war Sepp tot, aber Hubertus vertraute auf die Fähigkeiten von Wally.

Lautlos schlichen sie sich von oben an die Wachen heran. Sie warteten einen günstigen Augenblick ab, in dem niemand in ihre Richtung sah. Dann, auf ein Zeichen von Wally hin, sprangen die beiden Ratten der Bruderschaft des Buches hinab.

Wally landete zwischen den Wächtern und kratzte ihnen mit den Krallen über die Augen. Blut spritzte hervor und machte alle Kämpfer rasend. „Geh, such das Buch, ich halte sie auf!“ Wally drückte einen der Wächter mit ihrem Körper gegen die Wand und bearbeitete den zweiten mit den Hinterpfoten. Würde Hubertus ihr helfen, dann könnten sie die Wächter sicherlich überwältigen und fliehen. Doch die Aufgabe, die ihnen Xavier gegeben hatte, war wichtiger. Hubertus nickte seiner kleinen Schwester dankend zu, dann rannte er los. Hinter ihm wurden Rufe laut, und er beschleunigte das Tempo.

Das Rohr führte in einen kleinen Raum. In der Mitte hatten die Ratten einen rostigen Farbeimer platziert, und darauf lag das Buch. Hubertus sah sofort, dass es für ihn alleine zu groß war. Ohne Sepp oder Wally gab es keine Möglichkeit, das Buch zu stehlen. Außerdem schälten sich weitere Wächter aus dem Dunkeln. Sie grinsten höhnisch und bleckten ihre Zähne.

„Wen haben wir denn da? Ein Mitglied der Zwölften. Was für eine Diebesbande. Aber diesmal habt ihr Pech, diesmal seid ihr gescheitert. Es wird keine Beute geben.“

Hubertus wusste, nun würde sein Leben enden. Doch eines würde er noch machen, bevor er sein Leben aushauchte. Mit einem wilden Schrei stieß er sich vom Boden ab und landete mit allen Vieren voran auf dem Buch. Bevor sein Leben endete, würde er noch den Titel erfahren. Dieses Wissen würde ihm niemand mehr nehmen können. Und so las er den Titel, der da lautete: „Rattus Libri – Gesammelte Ausgaben“.

Ende

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz, all rights reserved

Buchtipp der Redaktion:

Hammelmann, Lydia
Linse Ratz und ihre Freunde

Von Puppen und Ratten – Eine Fabelmär für Jung und Alt

Verlag :      HÖLLverlag
ISBN :      978-3-928564-62-5
Einband :      Paperback
Preisinfo :      10,00 Eur[D] / 10,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 07.08.2012
Seiten/Umfang :      ca. 220 S. – 19,0 x 13,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 01.09.2012

Dachböden sind dem Himmel näher als der Erde. Es sind geheimnisvolle Orte. In alten Truhen ruhen vergessene Dinge, alte Zeitungen, Puppen und Teddybären. Hier fühlt sich die Stadtratte Linse Ratz sehr wohl. Doch soll das Haus mit dem heimatlichen Dachboden schon bald einem Hotel weichen. Auch ihrer Base, der Bachratte Schwabsy, droht Unheil. Sie lebt in einem Talgrund unweit der Stadt, dort soll eine Straße gebaut werden. Damit ist auch dieser Lebensraum in Gefahr. Auf dem Weg in die Stadt lernt Schwabsy die Kanalratte Otolf kennen und gemeinsam erreichen sie die Stadt. Der Bürgermeister der Stadt will dem Minister und den Bürgern die Planungen bekanntgeben. Doch es regt sich Widerstand in der Bevölkerung.

Auch die drei Ratten schmieden einen Plan, um das Vorhaben der Zerstörung des Auengebiets zu verhindern. Wie wird die Entscheidung zum Wohle und Wehe des Auengebiets ausfallen? Könnte es vielleicht einen Kompromiss geben?

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5 Comments

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  1. Köstlich! Richtig Gut! 😀

  2. Ich bin begeistert, Günther!

  3. Wäre das nichts für deine Anthologie, Yvonne?

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