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Literatur-Blog

KATZENWESEN – Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Roman von Torsten Weigand

Sommer 2016

KATZENWESEN

Leseprobe (Teil 3) aus dem gleichnamigen Roman

von

Torsten Weigand

(Zurück zu Teil 2)

Anderthalb weitgehend ereignislose Monate verstrichen. Lucy, Sonny und Mausi waren deutlich gewachsen und allmählich hörte die Welt auf, ein einziger riesiger Spielplatz zu sein.

Mausi hatte ihre Exkursionen nicht mehr aufgenommen; zu tief saß immer noch der Schreck über die Begegnung mit jenem Fremden, das sie quer durch den Wald gehetzt hatte – was auch immer es gewesen war. Aber das, was sie mangels besseren Verständnisses den Ruf nannte, war nicht verstummt. Manchmal, in besonders dunklen und einsamen Nächten, fand sie sich, einer Schlafwandlerin gleich, auf dem Weg in Richtung Frühlingssonnenaufgang wieder. Doch immer jagte sie in weiten Sätzen zurück in den Schutz des Nestes, sobald sie sich ihrer Umgebung bewusst wurde.

In Bezug auf die Jagd hatte sie nur geringe Fortschritte erzielt, schlug sich jedoch einigermaßen erfolgreich durch, indem sie mal bei Mäusejäger Sonny den Mitesser spielte und mal bei Lucy, die sich weitgehend von den Menschen ernähren ließ, weil das weniger Mühe machte und besser schmeckte. Nach wie vor zeigte Mausi sich sehr interessiert, wenn ein neuer Besucher auf dem Hof eintraf, aber stets verkroch sie sich nach kurzer Kennenlernzeremonie enttäuscht, beinahe verzweifelt, in eines ihrer bevorzugten Verstecke: ein vergessener Pappkarton unter der Bank vor dem alten Haus; eine vorgefundene und eigenkrallig weiter ausgebaggerte Höhlung zwischen den Wurzeln des Nussbaums hinter den Garagen; meist aber die dunkelste Ecke des Bodens über dem Pferdestall, wo sie sich am ungestörtesten einsam fühlen konnte und an der Stätte ihrer Geburt gleichsam eine Rückkehr in die Geborgenheit des Mutterleibs vollzog.

Eines Morgens im Spätsommer schließlich, als Mara sie dabei ertappte, sich an einer von Sonny erlegten, dann jedoch achtlos liegen gelassenen Maus gütlich zu tun, platzte ihr der Kragen. Sie packte Mausi am Nacken und schleifte sie unter Aufbietung aller Kräfte zu Sonny, der sich gerade einem Verdauungsschläfchen im Schatten des Nussbaums hingab.

„Du bringst deiner Schwester sofort das Jagen bei!“, fauchte sie den Verdutzten an. „Heute noch will ich ihre erste Maus sehen – oder wenigstens ein Mäuslein!“

Sonny gähnte und kratzte sich mit der Hinterpfote am linken Ohr.

„Na gut“, sagte er schließlich und warf Mausi, die Maras Ausbruch als zusammengesunkenes Häuflein Elend verfolgt hatte, einen ungnädigen Blick zu. „Am besten, wir gehen auf die Pferdekoppel neben der Zufahrt, da war ich schon ein Weilchen nicht mehr. Vielleicht haben mich die Nager ja vergessen …“

Diese Koppel wurde derzeit nicht benutzt, sodass die beiden ungestört waren. Das Gras, nur gelegentlich unterbrochen durch Pferdekraut, reichte den Katzenkindern bis zur Schulter. Mausi, die sich fest vorgenommen hatte, die Erwartungen ihrer Mutter endlich zu erfüllen, schnüffelte ausgiebig und fand auch bald eine Spur, der zu folgen sich ihrer Meinung nach gelohnt hätte, doch Sonny hielt sie zurück. Er setzte sich auf die Hinterpfoten und warf sich in die Brust, sich seiner Wichtigkeit mehr denn je bewusst.

„Bevor wir zur Praxis schreiten“, dozierte er, auf seine Schwester herabblickend, die sich hingelegt hatte und andächtig an seinen Lippen hing, „ist, wie ich dich kenne, ein bisschen Theorie vonnöten. Beginnen wir ganz einfach: Was ist die erste Frage, die sich eine Katze stellt, wenn sie etwas hört, spürt oder sieht, das sich bewegt?“

Mausi ringelte ihren Schwanz ein und streckte ihn wieder aus. „Das ist einfach. Die erste Frage ist: Kann ich damit spielen?“

„Schmonzes!“ Sonny hieb mit der rechten Pfote nach seiner Schwester, die dem Schlag durch eine blitzschnelle Drehung auswich.

„Sonny!“ Entrüstet richtete sie sich auf. „Woher hast du solche Wörter?“

„Ähem.“ Sonny schaute sich nach allen Seiten um, doch von Mara war weit und breit nichts zu sehen oder wittern. „Versprichst du mir, es Mama nicht zu sagen?“

„Klar, Ehrenwort!“

Trotzdem senkte Sonny seine Stimme zu einem Flüstern.

„Von Zorro!“

Nun schaute auch Mausi sich erschrocken um. „Aber Mama hat doch ausdrücklich verboten …“

„Frauen haben überhaupt keine Ahnung! Zorro ist ein Kater von Welt. Was der alles gesehen hat und wo er überall gewesen ist! Von dem kann man viel lernen.“ Sonny streckte sich. „Aber wir sind hier, damit du etwas lernst! Also, wo war ich …“

„Immer noch bei der ersten Frage.“ Mausi gähnte und machte es sich wieder bequem. „Wenn die Theorie noch lange dauert, wird es heute nichts mehr mit der ersten Maus.“

„Richtig, die erste Frage.“ Sonny verfiel wieder in seinen dozierenden Tonfall. „Die erste Frage, die eine Katze sich stellen muss, wenn sie etwas bemerkt, das sich bewegt, lautet natürlich: Kann es mir was tun?“

„Das verstehe ich. Und wenn ich zu dem Schluss komme, dass die Antwort ‚ja‘ lautet …“

„… oder auch nur ‚vielleicht‘ …“

„… dann laufe ich schnell weg und verstecke mich!“

Ihr Bruder blinzelte zustimmend. „Und nun zur zweiten Frage, die sich unweigerlich stellt, falls die erste Frage mit ‚nein‘ beantwortet wurde.“

„Die zweite Frage lautet“, fiel Mausi siegessicher ein: „Kann ich damit spielen?“

„Schmon… Unfug! Die zweite Frage lautet …“ Sonnys rotes Gesicht zog sich in die Breite und seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, unter denen es bedrohlich hervorglitzerte. „Kann ich ihm was tun?

Und wenn ja … Peng!“ Im Zeitraum eines Lidschlags hatte er an beiden Vorderpfoten die Krallen ausgefahren und hieb damit nun vor Mausi in der Luft herum, die sich mit einem erschrockenen Japser zur Seite warf.

„Ratz! Fatz! Katz! Aus mit Maus! Oder Piepmatz! Oder sonst was!“

Im nächsten Moment saß er wieder seelenruhig da, zog sich mit den Zähnen die Krallen ab und sah seine Schwester verschmitzt aus den Augenwinkeln „Alles klar?“

„Alles klar so weit. Und die nächste Frage?“ Mausi hatte die Hoffnung auf ein baldiges Ende des theoretischen Unterrichts aufgegeben.

„Frage Nummer drei“, sagte Sonny, „lautet natürlich: Kann ich damit spielen?“

Er warf sich auf seine Schwester, die ihn jedoch zu gut kannte, um vollends überrascht zu werden. So erwischten seine Pfoten nur noch ihren grau-weiß gestreiften Schwanz. Sie wirbelte herum, stürzte sich auf ihn, und im nächsten Augenblick kullerten die beiden ineinander verkeilt über die Wiese, bis sie unversehens vor Mara, die gleichsam aus dem hohen Gras gewachsen war, zum Stillstand kamen.

Sonny richtete sich hastig auf und Mausi machte sich hinter seinem Rücken so klein wie möglich.

„Hallo Mama! Wir, äh, wir haben gerade Verfolgung geübt“, sagte er und leckte sich verlegen über das rote Brustfell.

Maras Augen blitzten ihn an, ihr Schwanz peitschte. „Wenn ich nicht bald eine tote Maus sehe, werde ich Verfolgung üben!“, antwortete sie.

„Und es werden keine Nagetiere sein, die ich zur Strecke bringe!“

Unter den wachsamen Augen ihrer Mutter setzten die beiden den theoretischen Unterricht fort.

„Zunächst die Grundzüge: Lauschposition, Lauerstellung, Angriffshaltung.“

Mausi ahmte Sonnys Positionen eifrig nach.

„Und nicht vergessen: Die Schnurrhaare nach vorn gerichtet, drei Pfoten auf dem Boden, angespannt und zum Absprung bereit, eine Vorderpfote in der Luft! Die Oberseite des Körpers bildet eine gerade Linie von den Ohren bis zur Schwanzspitze.“

Mausi tat ihr Bestes, doch weder Sonny noch Mara waren mit dem Ergebnis ihrer Bemühungen zufrieden.

„So geht das nicht“, sagte Sonny schließlich. „Du hockst ja da wie ein Kaninchen mit Verstopfung!“

Im nächsten Moment wälzten sich die beiden im Gras.

„Fiesling!“

„Grützkopp!“

„Scheusal!“

„Dämel!“

Ein rot-weiß-schwarz-graues Fellknäuel kugelte quer über die Weide, bis das rasch näher kommende Geräusch eines Autos das Spiel unterbrach. Die beiden ließen voneinander ab und starrten den Wagen an, der in sicherem Abstand vorüberfuhr. Dennoch konnte Mausi nicht verhindern, dass ihre Haare sich vor Angst sträubten.

„Das ist doch nur ein Auto“, sagte Sonny. „Noch dazu weit weg. Ich habe keine Angst vor Autos! Ich bin viel zu schnell, als dass mich eines erwischen könnte!“

Mara lief herbei. „Seltsam, um diese Zeit kommt doch nie Besuch.

Was mögen die wollen?“

Der Unterricht war vergessen. Mara trabte neben der Straße in Richtung der Gebäude und nach kurzem Zögern schloss Sonny sich an.

Mausi folgte deutlich langsamer und mit wackligen Knien. Autos waren ihr immer noch nicht geheuer.

Als sie das gelbe Haus erreichte, fand Mausi ihre Mutter und ihren Bruder hinter einer Ecke versteckt.

„Was ist los?“

„Pst!“, fuhr Mara sie an und Sonny flüsterte:

„Sie nehmen Lucy mit!“

Mausi stand stocksteif, während sie den Schock zu verarbeiten versuchte.

Schließlich tapste sie eine halbe Katzenlänge vorwärts, bis sie um die Ecke spähen konnte.

Richtig: Mitten auf dem Hof stand der alte Bauer und schob gerade einen Schein in die Hosentasche. Um ihn herum befanden sich drei Menschen, die regelmäßige Besucher auf dem Ponyhof waren: eine Frau, der zwei Pferde gehörten, und ihre beiden Töchter, oftmalige Spielgefährten von Lucy. Die Frau hielt einen Plastikbehälter in der Hand, der auf der Vorderseite mit Gitterstäben versehen war. Und darin eingesperrt und jämmerlich maunzend kauerte niemand anderes als Mausis Schwester!

Lucy zwängte ihre Pfoten durch die Stäbe in dem verzweifelten, aber vergeblichen Versuch, aus ihrem Gefängnis zu entkommen.

„Sie wird es gut haben bei uns“, sagte die Frau zu dem Bauern, der gleichgültig nickte. „Die ideale Spielgefährtin für die Kinder.“

Copyright © 2014 by Torsten Weigand Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

WER WISSEN WILL, WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT:

KATZENWESEN (Roman) (Kartoniert)
Roman
von Weigand, Torsten

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Verlag:  MariPosa Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  179
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  221 x 146 mm
Gewicht:  285 g
ISBN-10:  3927708836
ISBN-13:  9783927708839

Sommer 2016.

Katzenwesen neues Cover

Sommer 2016

Beschreibung
Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.

Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, bei dem sie einst so glücklich war. Auf ihrem Weg durch die große Welt muss sie sich vielen Gefahren stellen und schließlich über sich selbst hinauswachsen, um ihr Ziel zu erreichen.

Parallel zur Haupthandlung lernt der Leser Martin Haller kennen, dem Mausis Suche gilt und der sich auch so sehr nach ihr sehnt. Im Dialog mit seiner Nichte kommt er zu ganz neuen Erkenntnissen, sowohl über Katzen als auch über sich selbst.

In diesem Roman dreht sich natürlich alles um Katzen und Menschen, aber es geht auch um Liebe, die stärker ist als der Tod, um Schuld und Sühne und Vergebung und nicht zuletzt um die Seele der Tiere.

Ein ganz besonderes Lesevergnügen, nicht nur für Katzenfans.

Autor
Torsten Weigand, geboren 1958 in Bayern, war mehr als zwanzig Jahre lang als freiberuflicher EDV-Berater tätig, bevor er 2003 mit dem Schreiben begann. In elf Jahren entstanden etwa vierzig Romane sowie ein Dutzend Kurzgeschichten, die er unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte.

Pressetext
„Glaubst Du, dass Katzen eine Seele haben?“, fragte der alte Mann seine Nichte.
„Ja“, sagte sie mit fester Stimme. „Ja, das glaube ich.“

Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.
Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, von dem sie so oft geträumt hat und bei dem sie einst so glücklich war.
Auf ihrem Weg muss sie sich vielen Gefahren stellen, aber sie findet auch immer wieder Helfer, sowohl Menschen als auch Katzen. Sie begegnet Timber, dem schwarzen Kater, der Vater und Lehrmeister für sie wird. Dem verwahrlosten Kater Oje erfüllt sie seinen größten Wunsch: Er kann bei einer Menschenfamilie einziehen. Erst später wird klar, dass sie ihm in ihrem vorherigen Leben übel mitgespielt hat und somit ein altes Unrecht wieder gutmacht.
Als Mausi im Spätherbst einige vergiftete Mäuse frisst und beinahe stirbt, rettet sie Oliver, ein zehnjähriger Junge. Sie verbringt den Winter bei Oliver und seiner Familie und vergisst über dem sorgenfreien Leben beinahe ihre Suche. Erst im Frühjahr, als „ihr“ Mensch in Lebensgefahr gerät und die beiden sich im Traum treffen, nimmt sie ihre Wanderung wieder auf, nun entschlossen, sich nicht mehr von ihrem Ziel ablenken zu lassen.
Am Schluss kommt die schwerste Prüfung ihres Lebens. Um sie zu bestehen, muss Mausi eine tief verwurzelte Angst besiegen und über sich selbst hinauswachsen.

Über das Buch:
Es gibt Bücher, die geschrieben werden müssen, weil im Herzen ihres Autors eine Geschichte nistet, die unbedingt erzählt werden will. Dies ist so ein Buch. Denn Mausi, seine kleine Heldin, hat tatsächlich gelebt, wenn ihr Leben in Wirklichkeit auch nicht ganz so aufregend verlaufen ist. Der Autor hat mehr als zehn unvergessliche Jahre mit ihr verbracht. Auch die meisten anderen tierischen Hauptfiguren des Romans haben Vorbilder im wirklichen Leben, allen voran Lucy und Sonny, Mausis Geschwister. Und nicht zu vergessen: Kaspar Hauser, alias Oje, und Timber, der wunderschöne schwarze Kater mit den weißen Pfoten und der Blesse. Wie so oft bildet dieser Roman eine Verschmelzung von Dichtung und Wahrheit zu einem größeren Ganzen.

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