sfbasar.de

Literatur-Blog

KATZENWESEN – Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman von Torsten Weigand

KATZENWESEN

Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman

von

Torsten Weigand

(Zurück zu Teil 1)

Die Brise, die an diesem Morgen von den Bergen herunterglitt, war angenehm kühl. Doch sie war nicht stark genug, um die gelbe Kordel zum Schwingen zu bringen. Schlaff hingen ihre zerfransten Enden an dem Stock, der das Grab markierte. Und es herrschte auch keine unirdische Stille wie in jener Frühlingsnacht. Im Gegenteil: Die Luft war erfüllt von den gewohnt vielfältigen Geräuschen eines beginnenden Tages auf dem Land. Und in das übermütige Zwitschern junger Vögel, in das insistierende Tackern eines Spechts auf Nahrungssuche mischte sich das rasch näher kommende Brausen eines Autos auf dem schmalen Weg, der das alte Bauernhaus mit der Zivilisation verband.

Auf seine Krücken gestützt, starrte Martin Haller auf das Grab. Er konnte nicht vergessen, was er in jener Nacht gefühlt hatte. Nein, korrigierte er sich, es war kein Gefühl gewesen, das ihn in jenem unauslöschlichen Moment überkommen hatte, sondern ein unbegreifliches Wissen: dass etwas geschehen war, was ihn betraf.

Ihn und Mausi.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er war der Gegenwart so weit entrückt, dass er nicht einmal zusammenzuckte, obwohl das Gras das Geräusch der Schritte verschluckt hatte.

„Mausi ist tot. Vergangenheit. Du solltest nach vorn blicken.“

Es dauerte eine Weile, bis sich die Gefühlsstürme, die die Worte seiner Nichte in ihm ausgelöst hatten, so weit legten, dass er antworten konnte.

„Ich habe von ihr geträumt heute Nacht.“ Er richtete seinen Oberkörper auf und atmete tief durch. „In letzter Zeit träume ich oft von ihr.

Es ist, als ob sie … mir etwas sagen wollte.“

Der Druck der Hand auf seiner Schulter verstärkte sich. Er wandte den Kopf und sah Irene an. Sie nahm zwei offensichtlich schwere Einkaufstaschen auf, die sie im Gras abgestellt hatte.

„Ich habe dir Zeitungen mitgebracht“, sagte sie. „Und ein Brathuhn.

Wie lange ist deine Mikrowelle schon arbeitslos?“

Martin lächelte schwach und wies auf das Haus. Irene wandte sich um und wie stets tanzten dabei ihre schwarzen Haare um ihren Kopf, als seien sie schwerelos. Doch bereits nach wenigen Schritten blieb sie wieder stehen. Ein Blick aus wahrhaft jadegrünen Augen traf den seinen, als sie mit dem Kopf zu einem toten Baum deutete, der sich links neben dem Bauernhaus erhob: Verkohlt und aller Äste beraubt, gabelte sich sein Stamm in etwa vier Metern Höhe und wies in der Form eines großen „V“ gen Himmel, wie ein toter Krieger, dessen Finger sich im Sterben zum Zeichen des Sieges verkrampft hatten.

„Wie ist das passiert?“, fragte sie.

Manchmal war sie leicht zu durchschauen, dachte Martin. Dennoch ging er bereitwillig auf ihren Versuch ein, seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Ihm war bewusst, dass er auf seine Nichte den Eindruck eines verknöcherten, wenn nicht gar verbitterten alten Mannes machen musste, und das tat ihm leid. Er schätzte sie sehr; von der Hilfe und auch dem Halt, den sie ihm gab, ganz zu schweigen. Doch er musste sich erst daran gewöhnen, dass es auf dieser Welt wieder einen Menschen gab, der mehr für ihn empfand als Gleichgültigkeit oder bestenfalls geschäftliche Beflissenheit.

„Der Baum?“ Er blinzelte gegen die Morgensonne. „Der Blitz muss ihn lange vor meiner Zeit getroffen haben. Ich nehme an, er hat einst das Haus gerettet.“

Gemeinsam gingen sie hinein.

„Du isst zu wenig.“ Irene, die soeben die Mikrowelle gesäubert hatte, wischte sich die Hände an einer Stoffserviette ab und griff nach dem immer noch halb vollen Teller. Ihr Onkel schloss seine Hand, die nur aus Knochen, Sehnen und fleckiger Haut zu bestehen schien, um die ihre.

Es war ein fester Griff, der Zuversicht vermitteln sollte. Eine Zuversicht, die, wie Irene ahnte, nur gespielt war.

„Es tut mir leid“, sagte er mit seiner rauen Stimme. „Du gibst dir so viel Mühe, damit ich wenigstens einmal in der Woche etwas Warmes zu essen habe, und ich lasse die Hälfte stehen. Vielleicht nächsten Sonntag …“

Sie musterte ihn. Bis vor ein paar Monaten, als die Nachricht von seinem Unfall sie erreichte – ein kurzer Anruf der Polizei: „Sie sind die einzige Verwandte“, „Nein, Lebensgefahr besteht keine“ –, war er ihr ein Fremder gewesen, nicht mehr als ein Name in einem Familienbuch, ohne Gestalt, ohne Gesicht, ohne Bedeutung. Sie musste ihn als Kind einige Male gesehen haben, natürlich, als ihr Vater – sein Bruder – noch gelebt hatte. Aber diese Erinnerung war verschwunden, weggespült durch die Stürme des Lebens. Sie hatte ihn neu kennenlernen müssen und dieser Prozess, erkannte sie in diesem Moment, war noch lange nicht abgeschlossen und würde es vielleicht niemals sein.

Ihr Blick traf die am Tisch lehnenden Krücken, dann wieder das von schlohweißem Haar umrahmte Gesicht ihres Onkels.

„Du hast nie über den Unfall gesprochen. Alles, was ich weiß, habe ich von den Ärzten.“

Er zuckte mit den Schultern. „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Es war Mitte Januar, kurz nachdem … kurz nach Mausis Tod. Ich habe einen Spaziergang gemacht, da vorne die Straße entlang, ein Auto kam auf dem gefrorenen Schnee ins Schleudern und hat mich von hinten erwischt.“ Jetzt erst erwiderte er Irenes Blick aus matten, braunen Augen.

„Nehme ich jedenfalls an. Aufgewacht bin ich im Krankenhaus, in einem Meer aus Schmerzen. Das linke Bein war mehrfach gebrochen, ein Oberschenkelhalsbruch am rechten Bein, und eine lange Woche wusste ich nicht, ob ich den Rest meines Lebens im Rollstuhl verbringen muss.“

Irene nickte. Ihr Onkel war schlank und deutlich größer als sie, doch er saß in so eingesunkener Haltung auf seinem Stuhl, dass sich ihre Köpfe auf gleicher Höhe befanden. Sie ahnte, dass sein Rücken sich unter einem Druck krümmte, der auf seiner Seele lastete. An seinem Gesicht konnte man noch die Spuren einstiger Bronzetönung erkennen; Kennzeichen eines arbeitsreichen Lebens, das lange Zeit unter einer tropischen Sonne stattgefunden hatte. Nun jedoch sah dieses Gesicht hohl aus, aschfarben und gezeichnet von jener Art tiefer Müdigkeit, die nicht durch Schlaf vertrieben werden kann.

„Du solltest nicht so viel nachdenken – am wenigsten über mich.“

Er drückte ihre Hand, dann ließ er sie los und Irene stand auf. Sie stellte den Teller neben das Spülbecken und wuchtete eine der mitgebrachten Einkaufstaschen auf den Tisch der geräumigen Wohnküche.

„Ich mache mir Sorgen“, sagte sie. „Die Ärzte meinen, du solltest dich mehr bewegen.“

„Den Ärzten tut nichts weh.“

Irene setzte zu der Bemerkung an, das Problem sei wohl nicht so sehr in den Schmerzen in seinem Bein, sondern in denjenigen in seinem Herzen zu suchen, doch sie überlegte es sich rechtzeitig anders. Sie breitete den Inhalt der Einkaufstasche vor ihm aus.

„Die Zeitungen der letzten Woche, die du bestellt hast.“ Sie suchte die Freitagsausgabe heraus und legte sie obenauf. „Das sollte dich interessieren: Ein Artikel über Luchse im Nationalpark. Sie haben einen großen Aktionsradius.“ Sie stützte sich mit beiden Händen auf die Lehne eines freien Stuhls. „Wir haben schon mal über das Thema geredet. Ich finde immer noch, du solltest nicht allein hierbleiben. Wenn du wenigstens einen Hund …“

Lächelnd schüttelte ihr Onkel den Kopf. „Katzen tun mir nichts, weder kleine noch große. In den beinahe sechzig Jahren meines Lebens habe ich eines gelernt, meine Liebe: Die Menschen sind es, vor denen man sich hüten muss, nicht die Tiere!“

Irene hatte nicht wirklich erwartet, ihn überreden zu können.

„Wenn du nicht aufpasst“, antwortete sie bestimmt, aber ohne Ärger, „wird noch ein bärbeißiger alter Menschenverächter aus dir!“

Sie wandte sich der Spüle zu. Dabei fiel ihr Blick auf den grünen Kachelofen, der den Raum beherrschte, und das auf der Ofenbank stehende Körbchen. Nur ein nacktes Weidenkörbchen ohne Decke. Ihr kam ein Gedanke – ein sehr guter Gedanke, wie sie in diesem Augenblick fand.

„Wenn schon keinen Hund, warum nimmst du dir nicht wieder eine Katze? Hier draußen kommen bestimmt oft welche vorbei, die auf der Suche nach einem neuen Zuhause sind. Ich könnte dich auch ins Tierheim fahren, die sind froh um jede Katze, die sie vermitteln. Und dir würde es guttun, wieder jemanden zu haben, der dich braucht – und den du brauchst.“

Er wandte seinen Kopf dem Körbchen zu und Irene bemerkte, dass er noch weiter in sich zusammensank.

„Keine ist wie Mausi …“

(wird fortgesetzt!)

Copyright © 2014 by Torsten Weigand

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

WER WISSEN WILL, WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT:

KATZENWESEN (Roman) (Kartoniert)
Roman
von Weigand, Torsten

.
Verlag:  MariPosa Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  179
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  221 x 146 mm
Gewicht:  285 g
ISBN-10:  3927708836
ISBN-13:  9783927708839

Beschreibung
Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.

Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, bei dem sie einst so glücklich war. Auf ihrem Weg durch die große Welt muss sie sich vielen Gefahren stellen und schließlich über sich selbst hinauswachsen, um ihr Ziel zu erreichen.

Parallel zur Haupthandlung lernt der Leser Martin Haller kennen, dem Mausis Suche gilt und der sich auch so sehr nach ihr sehnt. Im Dialog mit seiner Nichte kommt er zu ganz neuen Erkenntnissen, sowohl über Katzen als auch über sich selbst.

In diesem Roman dreht sich natürlich alles um Katzen und Menschen, aber es geht auch um Liebe, die stärker ist als der Tod, um Schuld und Sühne und Vergebung und nicht zuletzt um die Seele der Tiere.

Ein ganz besonderes Lesevergnügen, nicht nur für Katzenfans.

Autor
Torsten Weigand, geboren 1958 in Bayern, war mehr als zwanzig Jahre lang als freiberuflicher EDV-Berater tätig, bevor er 2003 mit dem Schreiben begann. In elf Jahren entstanden etwa vierzig Romane sowie ein Dutzend Kurzgeschichten, die er unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte.

Pressetext
„Glaubst Du, dass Katzen eine Seele haben?“, fragte der alte Mann seine Nichte.
„Ja“, sagte sie mit fester Stimme. „Ja, das glaube ich.“

Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.
Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, von dem sie so oft geträumt hat und bei dem sie einst so glücklich war.
Auf ihrem Weg muss sie sich vielen Gefahren stellen, aber sie findet auch immer wieder Helfer, sowohl Menschen als auch Katzen. Sie begegnet Timber, dem schwarzen Kater, der Vater und Lehrmeister für sie wird. Dem verwahrlosten Kater Oje erfüllt sie seinen größten Wunsch: Er kann bei einer Menschenfamilie einziehen. Erst später wird klar, dass sie ihm in ihrem vorherigen Leben übel mitgespielt hat und somit ein altes Unrecht wieder gutmacht.
Als Mausi im Spätherbst einige vergiftete Mäuse frisst und beinahe stirbt, rettet sie Oliver, ein zehnjähriger Junge. Sie verbringt den Winter bei Oliver und seiner Familie und vergisst über dem sorgenfreien Leben beinahe ihre Suche. Erst im Frühjahr, als „ihr“ Mensch in Lebensgefahr gerät und die beiden sich im Traum treffen, nimmt sie ihre Wanderung wieder auf, nun entschlossen, sich nicht mehr von ihrem Ziel ablenken zu lassen.
Am Schluss kommt die schwerste Prüfung ihres Lebens. Um sie zu bestehen, muss Mausi eine tief verwurzelte Angst besiegen und über sich selbst hinauswachsen.

Über das Buch:
Es gibt Bücher, die geschrieben werden müssen, weil im Herzen ihres Autors eine Geschichte nistet, die unbedingt erzählt werden will. Dies ist so ein Buch. Denn Mausi, seine kleine Heldin, hat tatsächlich gelebt, wenn ihr Leben in Wirklichkeit auch nicht ganz so aufregend verlaufen ist. Der Autor hat mehr als zehn unvergessliche Jahre mit ihr verbracht. Auch die meisten anderen tierischen Hauptfiguren des Romans haben Vorbilder im wirklichen Leben, allen voran Lucy und Sonny, Mausis Geschwister. Und nicht zu vergessen: Kaspar Hauser, alias Oje, und Timber, der wunderschöne schwarze Kater mit den weißen Pfoten und der Blesse. Wie so oft bildet dieser Roman eine Verschmelzung von Dichtung und Wahrheit zu einem größeren Ganzen.

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch 24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Titel erhältlich bei eBook.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Leseproben, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme