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KATZENWESEN – Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Roman von Torsten Weigand

KATZENWESEN

Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Roman

von

Torsten Weigand

Prolog

Ein eisiger Hauch, der durch seinen Geist stob wie ein Wintersturm, riss Martin Haller aus dem Tiefschlaf. Um Atem ringend, fuhr er auf.

Das Gefühl der Kälte schwand nur zögernd; Härchen, die sich aufgerichtet hatten, legten sich widerstrebend.

„Was ist passiert … Mausi?“

Er tastete nach dem Körper der Katze, wie er es ungezählte Male zuvor getan hatte, doch ihr Platz an seiner Seite war verwaist, seit beinahe drei Monaten. Mit einem Mal war sie wieder da, die Leere in seinem Herzen.

Mausi ist tot! Es war nur ein Traum …

Er tastete nach den Krücken, die am Nachttisch lehnten, und stellte sie sich zurecht. Tausend Nadeln stachen in sein linkes Bein, als er es aus dem Bett schob, von den Zehen bis zur Hüfte, dennoch stand er mit einer einzigen, hölzernen Bewegung auf. Er blinzelte die Tränen des Schmerzes aus den Augen, und aus den Schlieren schälte sich das vom Vollmond erleuchtete Rechteck der Balkontür. Drei qualvolle Schritte brachten Martin zu ihr. Er öffnete sie und trat auf den Balkon. Der Eindruck allumfassender Kälte kehrte zurück, doch diesmal kam sie nicht aus seinem Inneren, sondern aus der Nacht, in die er eingetaucht war wie in einen eisigen, kristallklaren See.

Die Stille, die den alten Mann umgab, war absolut. Die vielfältigen Geräusche der ländlichen Nacht, vertraute Begleiter seit anderthalb Jahrzehnten, schienen aufgesogen zu werden von etwas Unfassbarem; so, wie ein Schwarzes Loch alle Materie aufsaugt, die ihm zu nahe kommt. Manchmal, wenn der Wind ungünstig stand, konnte Martin das Brausen der schweren Lastwagen von der Autobahn hören, die einige Kilometer entfernt verlief, doch nicht in dieser Nacht. Es schien, als dürfe nichts den Schleier der Stille zerreißen.

Einer heiligen Stille.

Hoch über ihm blitzte etwas auf und Martin wandte den Kopf. Für einen Moment glaubte er, ein neuer Stern sei geboren worden, doch dann bewegte sich das Licht. Eine Sternschnuppe! Aber August und Dezember waren die Monate der Sternschnuppen, nicht der März. Sein Blick folgte dem Meteor auf seiner lautlosen Bahn von Nordwest über Nord nach Nordost, bis er am Horizont verschwand, scheinbar hinter einem Strauch wilder Rosen.

Martins Hand krampfte sich um die Balkonbrüstung, als sein Blick auf den Rosen zu ruhen kam, und das Gefühl, etwas Wichtiges sei geschehen, kehrte zurück. Der Strauch markierte nicht nur eine der Ecken des Grundstücks; unmittelbar davor ragte ein hölzerner Pfahl aus der Erde, an dem eine zerfranste gelbe Kordel wehte, wie Katzen sie gern als Spielzeug benutzen.

Der Pfahl markierte Mausis Grab. Und die Sternschnuppe war dahinter verschwunden, als wollte sie Martins Aufmerksamkeit darauflenken. Zufall? Die Antwort gab er sich selbst: Was sollte es sonst sein, du alter Narr?

Er war bereits im Begriff, in die Wärme des Schlafzimmers zurückzukehren, als er mitten in der Bewegung verharrte. Es war nicht nur die vollkommene Stille der Nacht – da war noch etwas anderes. Er wandte sich um und musterte die schweren Äste der Tannen, die kahlen Zweige der Haselnuss- und Weißdornsträucher, die frostglitzernden Grashalme.

Nichts regte sich. Eine unbegreifliche Macht schien nicht nur die Schallwellen, sondern auch jeglichen Lufthauch, ja die Zeit selbst angehalten zu haben. Sogar das Funkeln des lang gestreckten Teppichs der Milchstraße wirkte wie eingefroren. Nur die Kordel an Mausis Grab flatterte.

* * *

Kurz zuvor, in derselben Nacht: Als sie fühlte, dass ihre Zeit gekommen war, schleppte sich die alte Mara über die Hühnerleiter auf den Boden oberhalb des Pferdestalls. Es war, nach langer Pause, Maras letzte Geburt, als hätte ein alter Maler sich noch einmal aufgerafft, ein Kunstwerk zu schaffen. Kein gewaltiges, das die Welt in Erstaunen versetzt, sondern ein bescheidenes, aber dennoch voller Tiefe, Farbe und Liebe. Ein intimes Gemälde als Apotheose und Vermächtnis eines Künstlerlebens.

Das erste in jener Nacht geborene Kätzchen, dem ein Menschenkind später den Namen Lucy geben würde, war das verkleinerte Abbild seiner Mutter: Rücken und Oberseite des Kopfes schwarz-grau getigert; Gesicht, Bauch und Beine weiß.

Mara versorgte Lucy mit der gleichen Sorgfalt wie all die vielen Jungen, die sie im Lauf ihres Lebens zur Welt gebracht hatte. Sie riss behutsam die Embryonalhülle auf und leckte der Kleinen Mund und Nase frei, um ihr das Atmen zu ermöglichen. Dann biss sie die Nabelschnur durch und fraß sie auf, ebenso wie die Nachgeburt. Die erste Nahrung nach einem Tag des Fastens verlieh ihr neue Kräfte.

Noch während sie Lucys Fell sauberleckte, kündigte sich mit dem Ungestüm, das sein ganzes kurzes Leben kennzeichnen sollte, das nächste Junge an: ein rötliches Katerchen, das man bald Sonny nennen würde.

Ausgezehrt von der doppelten Anstrengung gönnte sich Mara eine Pause, in der Lucy und Sonny die Geborgenheit der Mutterbrust fanden und sich an ihr festsaugten.

Nach einiger Zeit setzten die Wehen abermals ein und es dauerte nicht lange, bis das dritte Kätzchen des Wurfes erschien, seiner Mutter und seiner Schwester stark ähnelnd, jedoch mit weniger weißem Fell.

Der schwarz-graue Bereich erstreckte sich von der Schwanzspitze bis zur oberen Gesichtshälfte, nur unterbrochen durch ein vorwitziges weißes Haarbüschel an der linken Flanke. Beine, Bauch und der größte Teil des Gesichts leuchteten schneeweiß; lediglich an die linke Seite der rosigen Nasenspitze hatte sich ein Flecken dunkler Haut verirrt, der dem Kätzchen zeit seines Lebens als unverwechselbares Kennzeichen dienen würde.

Dieses weibliche Kätzchen blieb zunächst namenlos, doch bald schon würde es wissen, wie sein Name lautete, ohne sich an den Ursprung dieses Wissens zu erinnern.

Sein Name war Mausi.

Sonny dagegen würde bestimmt ein guter Jäger werden. Er war ein  aufmerksamer Schüler, der eifrig alles ausprobierte, was Mara ihm vormachte. Sein Problem war lediglich, dass er zu überschwänglich war, nicht warten konnte auf den richtigen Augenblick. Doch das würde sich mit zunehmendem Alter legen, wusste Mara. Sie war zu alt, um sich an ihre eigene Kindheit zu erinnern, doch sie hatte viele Katzenjunge aufwachsen sehen – und mehr noch im Kindesalter sterben.

Ein lautes Fauchen ihres Sohnes ließ Mara herumfahren.

Mausi hatte den Ball wieder erbeutet und versucht, sich damit aus dem Staub zu machen, war jedoch von Sonny, der sich ihr wie ein Torwart in den Weg warf, zu Fall gebracht worden. Dann, inmitten der leidenschaftlichsten Keilerei, fauchte Sonny und machte einen Satz zur Seite. Mausi, deren Sinne auf nichts anderes als das Spielzeug gerichtet waren, stürzte sich darauf. Mit beiden Vorderpfoten umkrallte sie den Ball, wild entschlossen, ihn diesmal nicht mehr preiszugeben.

Plötzlich erstarrte Mausi und Dunkelheit schob sich über sie. Das Ding aus dem Wald – hatte es sie wiedergefunden?

Dann erst vernahm sie, was sie im Eifer des Gefechts mit ihrem Bruder überhört hatte: das Tuckern eines dieser blitzenden Riesendinger, die darauf abgerichtet waren, die Menschen von einem Ort zum anderen zu bringen; ähnlich wie Pferde, aber größer und viel gefährlicher.

Mit aufgerissenen Augen und zu keiner Regung fähig, beobachtete Mausi, wie die runden, schwarzen Füße des Dings links und rechts an ihr vorbeiglitten. Es befand sich nun genau über ihr; sie hörte sein wütendes Schnauben und roch seinen stinkenden Atem. Gleich würde es sein Maul aufreißen und sie verschlingen, mit einem einzigen Biss; so, wie ihre Mutter ein junges, zartes Mäuslein zu verschlingen pflegte.

In der festen Überzeugung, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, schloss sie ihre Augen und übergangslos tauchten Bilder in ihr auf, glitten empor aus den dunklen Tiefen des Unbewussten. Bilder vergessener Träume, die Ruhe, Geborgenheit und Liebe ausstrahlten. Bilder, in denen stets ein Mensch vorkam, ihr Mensch, welchen sie in alljenen Menschen, denen sie bislang begegnet war, vergeblich gesucht hatte.

Dann wurde es wieder hell um sie, das Tuckern entfernte sich. Mausi blinzelte und riss im nächsten Moment die Augen weit auf. Das große Ding war weg; sie hörte es noch in der Ferne schnauben. Es hatte sie nicht gefressen! Aber warum nicht? Mochte es vielleicht keine Katzen? Oder hatte es einen vollen Magen? Ungläubig und immer noch zitternd, sah sie sich um. Schon stand Sonny neben ihr, Mara kam angelaufen und sogar Lucy eilte herbei. Alle drei leckten ihr das Fell. Langsam, sehr langsam, beruhigte Mausi sich wieder. Sie richtete sich auf und machte zwei, drei wacklige Schritte. Sie konnte kaum glauben, dass sie diesen Angriff nicht nur lebend, sondern anscheinend sogar unverletzt überstanden hatte.

Um das zweite Auto, das in trügerischer Ruhe auf dem Hof stand und wahrscheinlich gerade einen Hinterhalt ausbrütete, machte die Katzenfamilie einen weiten Bogen, bevor sie sich in ihr Heim, den Busch hinter dem alten Haus, zurückzog.

Nur der Wind spielte noch mit dem Papierbällchen. (…)

(wird fortgesetzt!)

Copyright © 2014 by Torsten Weigand

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

WER WISSEN WILL, WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT:

KATZENWESEN (Roman) (Kartoniert)
Roman
von Weigand, Torsten

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Verlag:  MariPosa Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  179
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  221 x 146 mm
Gewicht:  285 g
ISBN-10:  3927708836
ISBN-13:  9783927708839

Beschreibung
Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.

Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, bei dem sie einst so glücklich war. Auf ihrem Weg durch die große Welt muss sie sich vielen Gefahren stellen und schließlich über sich selbst hinauswachsen, um ihr Ziel zu erreichen.

Parallel zur Haupthandlung lernt der Leser Martin Haller kennen, dem Mausis Suche gilt und der sich auch so sehr nach ihr sehnt. Im Dialog mit seiner Nichte kommt er zu ganz neuen Erkenntnissen, sowohl über Katzen als auch über sich selbst.

In diesem Roman dreht sich natürlich alles um Katzen und Menschen, aber es geht auch um Liebe, die stärker ist als der Tod, um Schuld und Sühne und Vergebung und nicht zuletzt um die Seele der Tiere.

Ein ganz besonderes Lesevergnügen, nicht nur für Katzenfans.

Autor
Torsten Weigand, geboren 1958 in Bayern, war mehr als zwanzig Jahre lang als freiberuflicher EDV-Berater tätig, bevor er 2003 mit dem Schreiben begann. In elf Jahren entstanden etwa vierzig Romane sowie ein Dutzend Kurzgeschichten, die er unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte.

Pressetext
„Glaubst Du, dass Katzen eine Seele haben?“, fragte der alte Mann seine Nichte.
„Ja“, sagte sie mit fester Stimme. „Ja, das glaube ich.“

Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.
Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, von dem sie so oft geträumt hat und bei dem sie einst so glücklich war.
Auf ihrem Weg muss sie sich vielen Gefahren stellen, aber sie findet auch immer wieder Helfer, sowohl Menschen als auch Katzen. Sie begegnet Timber, dem schwarzen Kater, der Vater und Lehrmeister für sie wird. Dem verwahrlosten Kater Oje erfüllt sie seinen größten Wunsch: Er kann bei einer Menschenfamilie einziehen. Erst später wird klar, dass sie ihm in ihrem vorherigen Leben übel mitgespielt hat und somit ein altes Unrecht wieder gutmacht.
Als Mausi im Spätherbst einige vergiftete Mäuse frisst und beinahe stirbt, rettet sie Oliver, ein zehnjähriger Junge. Sie verbringt den Winter bei Oliver und seiner Familie und vergisst über dem sorgenfreien Leben beinahe ihre Suche. Erst im Frühjahr, als „ihr“ Mensch in Lebensgefahr gerät und die beiden sich im Traum treffen, nimmt sie ihre Wanderung wieder auf, nun entschlossen, sich nicht mehr von ihrem Ziel ablenken zu lassen.
Am Schluss kommt die schwerste Prüfung ihres Lebens. Um sie zu bestehen, muss Mausi eine tief verwurzelte Angst besiegen und über sich selbst hinauswachsen.

Über das Buch:
Es gibt Bücher, die geschrieben werden müssen, weil im Herzen ihres Autors eine Geschichte nistet, die unbedingt erzählt werden will. Dies ist so ein Buch. Denn Mausi, seine kleine Heldin, hat tatsächlich gelebt, wenn ihr Leben in Wirklichkeit auch nicht ganz so aufregend verlaufen ist. Der Autor hat mehr als zehn unvergessliche Jahre mit ihr verbracht. Auch die meisten anderen tierischen Hauptfiguren des Romans haben Vorbilder im wirklichen Leben, allen voran Lucy und Sonny, Mausis Geschwister. Und nicht zu vergessen: Kaspar Hauser, alias Oje, und Timber, der wunderschöne schwarze Kater mit den weißen Pfoten und der Blesse. Wie so oft bildet dieser Roman eine Verschmelzung von Dichtung und Wahrheit zu einem größeren Ganzen.

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2 Comments

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  1. Was sagt denn unsere Kätzchen-Fraktion? 🙂

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