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KALYPTO – DIE HERREN DER WÄLDER – Leseprobe (Teil 3) des gleichnamigen Romans. Aus: KALYPTO – Band 1 von Tom Jacuba

KALYPTO – DIE HERREN DER WÄLDER

Leseprobe (Teil 3) des gleichnamigen Romans.
Aus: KALYPTO – Band 1
von
Tom Jacuba

(Zum vorherigen Teil)

2.

Irgendwann, irgendwo

Ein Gesicht beugte sich über sie, knochig, haarlos, schneeweiß: der Wächter des Schlafes. Nicht jener, der vor langer Zeit den Glasdeckel über ihre Mondsteinkuhle geschoben hatte – der war jung, braun gebrannt und schwarzhaarig gewesen –, dieser hier war älter. Unzählige haarfeine Linien durchzogen sein Gesicht, verdichteten sich um Mund und Augen zu netzartigen Maserungen, stiegen von den haarlosen Brauenbogen und der Nasenwurzel wie Fontänen hinauf in die Venengeflechte seines kahlen Schädels. Vielleicht ein Enkel derer, die vor Urzeiten das Einschlafen und das Erste Morgenlicht hüteten, vielleicht ihr Urenkel. Und dennoch – hatte sie nicht im Traum die Stimme des Wächters des Schlafes erkannt?

„Endlich ist es soweit.“ Er lächelte. „Willkommen, Catolis. Willkommen an der Schwelle zum Zweiten Reich von Kalypto.“

Sie ahnte mehr, was er meinte, als dass sie es wirklich verstand. Vieles von dem, was er in den ersten Tagen sagte, erschien ihr rätselhaft. Doch in den folgenden Monden änderte sich das nach und nach, denn während er sie fütterte – erst mit flüssiger, später mit fester Speise –, pflegte er zu erzählen: die ganze Geschichte des Ersten Kalyptischen Reiches. Wie der Orden der Kalyptiker entstand, wie er das Erste Morgenlicht bändigte, wie er Macht gewann, wie er sich die Welt untertan machte, wie er ein vollkommenes Reich schuf. Und wie das Ende kam; ja, auch das erzählte der Wächter des Schlafes. Wie die Welt erst verbrannte, dann ersoff, dann gefror.

Der Wächter des Schlafes erzählte, während er sie wusch, er erzählte, während er sie ankleidete, er erzählte, während er ihr aus dem Mondsteinsarkophag half und sie bei den ersten Schritten stützte.

Den ersten Schritten seit Tausenden von Sonnenwenden.

Er führte sie vor einen ovalen Kristallspiegel, der bis an die Granitdecke reichte. Darin sah sie neben ihm eine gleichgroße aber deutlich dürrere Frau stehen, jung, mit dunkelroten Haaren und kantigem, faltenlosem Gesicht, aus dem helle, kupferfarbene Augen leuchteten.

„Ja“, murmelte sie, „das ist Catolis.“ Die Frau im Spiegel bewegte die Lippen und lehnte sich gegen den fahlen Greis im blauen Mantel. „Ja, das bin ich.“

Später las der Wächter des Schlafes oft aus der Chronik von Kalypto vor, und als die süße Schwere des langen Schlafes auch die letzten Fasern ihrer Nerven verlassen hatte, begann sie Fragen zu stellen. Geduldig beantwortete er sie alle.

In immer deutlicheren Bildern sah sie nun vor sich, was während des Endes geschehen war. Sah, wie die Meister der Zeit diejenigen auswählten, die überleben sollten, um später das Zweite Reich zu gründen; sah siebentausend auserwählte Magier – die meisten blutjung – in die unterirdische Stadt hinabsteigen; sah auch, wie Sarkophage aus Mondstein geöffnet wurden; sah sogar, wie das Erste Morgenlicht zu pulsieren begann.

So kehrte nach und nach die Erinnerung zurück, und bald waren ihr sämtliche Namen und Gesichter derer wieder gegenwärtig, die mit ihr in die letzte Bastion von Kalypto hinuntergegangen und wie sie in Mondsteinsarkophage gestiegen waren, um im Ersten Morgenlicht einer möglichen Zukunft entgegen zu schlafen.

Mit der Erinnerung kamen neue Fragen.

„Warum bist du allein?“, fragte sie irgendwann im dritten Mond nach ihrem Erwachen; sie stemmte gerade Bleihämmer, um ihre Muskeln zu stärken. „Zwei Wächter des Schlafes sollten doch das Erste Morgenlicht und den Schlaf der Kalyptiker hüten.“

„Meine Gefährtin starb vor zwölf Sonnenwenden“, antwortete der Wächter, „und auch meine Lebenskraft geht zur Neige. In wenigen Monden wollte ich meine Nachfolger wecken, doch dann sah ich, dass die Zeit reif ist, vier Magier in die Welt hinaufzuschicken.“ Er lächelte, und seine Augen wurden feucht. „Ich bin so glücklich, den Beginn des Zweiten Reiches von Kalypto noch erleben zu dürfen.“

„Woher weißt du, dass die Zeit reif ist?“ Die Lust am Zweifel hatte seit jeher zu Catolis’ Wesen gehört.

Der Wächter des Schlafes führte sie aus der Granitkammer in die von blauem Licht durchflutete Mittelhalle. Das Licht strahlte aus einzelnen Sarkophagen in der Rundwand, doch vor allem aus der gläsernen Säule, um die herum eine Wendeltreppe hinauf in die höheren Ebenen von Kalypto führte.

Es war das ERSTE MORGENLICHT, das in der Glassäule pulsierte, über unzählige große und kleinste Lichtschächte in die Mondsteinsarkophage hineinstrahlte und die Schläfer von Kalypto seit dem Augenblick lebendig hielt, seit sie vor Tausenden Sonnenwenden eingeschlafen waren. Nur die Wächter des Schlafes alterten hier unten. Oder diejenigen Schläfer, zu denen das Erste Morgenlicht nicht mehr hindurchdrang.

Vorbei an der Lichtsäule stiegen sie zwei Ebenen höher. In einem mit Harz ausgegossenen Kuppelraum führte der Wächter des Schlafes Catolis an einen runden Felstisch. Dutzende Gegenstände, teilweise zerbrochen und verrostet, lagen darauf.

„Eine Auswahl dessen, was die Eismöwen uns in den letzten vierhundert Sonnenwenden gebracht haben“, erklärte der Wächter.

Catolis ließ ihren Blick über die Fundstücke wandern: rostige Pfeilspitzen, eine Sandale, ein Stirnreif aus Horn, der Stiel eines Glases, eine Brosche, Messerklingen, eine Haarbürste, Silbermünzen, kunstvoll bemalte Keramikscherben und vieles mehr.

„Horden scheinen sich wieder zu Stämmen und Völkern zusammengefunden zu haben“, sagte der Wächter des Schlafes. „Die Menschen schmieden wieder Metall, treiben Handel, gießen Glas, fertigen Kleider, Schuhe, sogar Schmuck.“

Catolis griff nach einem kleinen Taschenspiegel und entdeckte eingravierte Lettern auf seiner Rückseite. Ein Name? Sie hob ein kleines, rostiges Werkzeug hoch, eine Säge mit winzigen Zähnen auf dem schmalen Blatt. Eine Metallsäge wahrscheinlich. Sie klaubte runde Eisenstücke aus einem Haufen kleiner, angerosteter Gegenstände und drehte sie zwischen den Fingern: Zahnräder. Manche kleiner als der Nagel ihres kleinen Zehs, andere von der Größe ihres Handtellers.

„Ja, du hast recht.“ Sie legte die Zahnräder zurück auf den Felstisch. „Magier sollten nach oben gehen und in die vier Himmelsrichtungen wandern. Die Zeit ist reif für das Zweite Reich von Kalypto.“ Sie sah dem Wächter des Schlafes ins uralte Gesicht. „Warum aber weckst du mich und nicht einen Meister der Zeit? Nur ihm steht es zu, die Magier auszuwählen, die mit ihm zu den wilden Völkern wandern sollen.“

Der Wächter des Schlafes nickte stumm und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Wieder tauchten sie in das flirrende Licht der blau strahlenden Säule ein, wieder stiegen sie zwei Ebenen weiter nach oben. Dort winkte er sie an die Rundwand, und sofort fiel es Catolis auf: Weniger Sarkophage als in den unteren Ebenen erfüllte das Erste Morgenlicht hier mit seinem Leuchten. Der Wächter des Schlafes blieb vor der Rundwand stehen und streckte Arme und Finger zu einem dieser lichtlosen Mondsteinsarkophage aus. Das blaue Behältnis schwebte erst aus der Wand und dann langsam zu ihnen herab; schließlich setzte es auf dem Granitboden auf.

„Sieh hinein.“

Catolis beugte sich über den Glasdeckel. Staub lag im Sarkophag; in einer Form, dass sie noch die Umrisse von Gliedern, Rumpf und Kopf des Magiers erahnen konnte, der hier alterslos geruht hatte – bis er jäh zu Staub zerfallen war.

„Der Großmeister der Zeit“, sagte der Wächter des Schlafes mit hohler Stimme. „Der letzte von sieben Meistern der Zeit, die mit uns herabgestiegen sind.“

Unter den Kalyptikern hatte es auf jeder Stufe der Meisterschaft einen höchsten Magier gegeben, einen Großmeister. Der Großmeister der Zeit stand über allen anderen. Seit jeher galt er als der Magierfürst von Kalypto.

„Wie konnte das nur geschehen?“ Tief erschrocken blickte Catolis zu den anderen Wandnischen, in denen lichtlose Sarkophage standen. „Und er ist nicht der einzige, sagst du?“ Sie verstand noch immer nicht.

„Weit über tausend Magier sind aus dem Ersten Morgenlicht gefallen und gestorben.“ Der Wächter des Schlafes seufzte tief. „Vulkanausbrüche in der Nähe, zwei Erdbeben in den letzten dreitausend Sonnenwenden …“ Er zuckte mit den Schultern. „… vielleicht auch der Druck der Gesteinsmassen oder erodierende Wasseradern – irgendwann sind die Lichtschächte zwischen ihren Ruhetruhen und der Säule mit dem Ersten Morgenlicht zusammengebrochen – was auch immer der Grund dafür gewesen sein mag.“

„Das heißt, es gibt keine Meister der Zeit mehr …?“ Catolis wandte sich ab, begann zwischen den Treppenabsätzen vor der blau leuchtenden Säule hin und her zu laufen und versuchte zu begreifen, was sie gesehen und gehört hatte. Der Wächter des Schlafes ließ ihr Zeit. „Das bedeutet …“ Irgendwann blieb sie stehen, fuhr herum und sah ihm ins fahle Gesicht. „Warum weckst du ausgerechnet mich? Ich verstehe das nicht …“

„Du verstehst sehr gut, Catolis.“ Der bleiche, haarlose Greis lächelte. „Wir Wächter des Schlafes müssen in Kalypto bleiben, um den Schlaf der anderen zu hüten und das Erste Morgenlicht, das sie am Leben erhält. Meine Gefährtin und ich haben das Testament der Mütter und Väter von Kalypto geöffnet, um nachzulesen, wen sie als Großmeister der Zeit für den Fall vorgesehen haben, dass kein Meister der Zeit den Epochenschlaf überleben sollte.“ Er verstummte, blickte sie erwartungsvoll an.

„Und?“ Catolis schluckte. Das Herz schlug ihr plötzlich in der Kehle.

„Dich, Catolis, haben sie vorgesehen. Du bist jetzt die Großmeisterin der Zeit.“

„Ich …?“ Catolis presste die Hände auf die Brust und schüttelte den Kopf, als traute sie ihren Sinnen nicht. „Aber, wieso …?“

„Ja, du bist auserwählt, Catolis.“ Strenger Ernst lag jetzt auf den Zügen des Wächters des Schlafes. „Du bist die Erste Magierfürstin des Zweiten Reiches von Kalypto. Du wirst hinaufsteigen. Und zuvor wirst du drei Kalyptiker auswählen, die mit dir gehen.“  (…)

Copyright © 2015 by Tom Jacuba. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Lübbe-Verlags.

Bildrechte: Magie – Verwandlungs-, Hexerei- & Zaubergeschichten” (Magie neuer Hrsg und heller.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

ZUM BUCH:

 

KALYPTO – Die Herren der Wälder (Kartoniert)
Roman. Band 1
von Jacuba, Tom

Verlag:  Lübbe
Medium:  Buch
Seiten:  556
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  April 2015
Maße:  134 x 216 mm
Gewicht:  673 g
ISBN-10:  3404207912
ISBN-13:  9783404207916

Beschreibung
Der junge und impulsive Lasnic, Angehöriger des Waldvolks, kann es nicht glauben: Ausgerechnet er wurde von der Ratsversammlung zum Waldfürsten berufen! Kurzentschlossen packt er seine Sachen und flüchtet vor der Verantwortung, ohne zu ahnen, dass er in ein viel größeres Abenteuer hineinstolpert. Denn im Verborgenen naht eine Gefahr, die alle freien Völker bedroht: Die Magier des vor Jahrtausenden untergegangenen Reichs Kalypto sind wieder erwacht – und sie schicken vier Späher aus, um das Volk zu finden, das sich am besten zur Versklavung eignet …

Autor

Tom Jacuba ist das Pseudonym eines deutschen Autors. Jacuba war bis Mitte der 90er Jahre Diakon und Sozialpädagoge und schrieb vorwiegend Satiren, Kurzgeschichten und Kinderbücher. Seither ist er freier Autor und verfasst Fantasyromane, historische Romane, Spannungs- und Science-Fiction-Geschichten. Er erhielt 2001 den Deutschen Phantastik-Preis als Autor des Jahres.

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Interview: Sarah Fußhoeller im Gespräch mit dem Fantasy-Autoren Tom Jacuba

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Updated: 7. Juni 2016 — 16:05

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