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JAKOB & LENA – Eine utopisch phantastische Geschichte von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 2/2015)

Jakob & Lena

Eine utopisch phantastische Geschichte
von
Miriam Kleve
(sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 2/2015)

Ein Knacken war zu hören. Nicht laut, aber eindeutig ein Knacken. Ganz deutlich. Lenas Kopf ruckte hoch und sie drehte ihr Gesicht zur Zimmertüre. Das Knacken war aus der Küche gekommen. Aber außer ihr war diese Wochen niemand in der Wohnung. Eigentlich sollte es absolut still sein. Lena liebte diese Stille, diese Einsamkeit, wenn ihre Eltern auf Geschäftsreise waren. Dann konnte sie vollkommen abschalten, einfach sie selbst sein. Lesen, Faulenzen und mal die Seele baumeln lassen. Vor allem jetzt, kurz vor ihrem sechszehnten Geburtstag, kurz bevor sie ihren zukünftigen Lebensweg festlegen musste, ihre Karriere.

Leise Musik war zu hören. Sie kam aus dem Wohnzimmer. Jemand hatte das Mediacenter der Wohnung eingeschaltet und suchte sich gerade durch die Kanäle. Lenas Eltern waren es eindeutig nicht, denn die mochten keinen Klassikpop. Aber genau diese Art von Musik war jetzt zu hören. Vielleicht einer der Angestellten, dachte sich Lena. Sie legte ihren LB zur Seite und stand auf. Der dicke weiche Teppich schmiegte sich angenehm um ihre Füße. Neugierig ging sie ins Wohnzimmer.

An der Anrichte, die eine Art natürliche Grenze zwischen Wohnzimmer und Küchenbereich bildete, stand jemand Fremdes. Hochgewachsen und schlacksig, beinahe mager, in dunklen Klamotten und mit einer braunen Wuschelfrisur. Vom Gesicht war nicht viel zu erkennen. Der untere Teil lag verborgen hinterm einem mehrfarbigen Wollschal, die Augen wurden von einer merkwürdigen Sonnenbrille mit kleinen Gläsern verdeckt. Das Modell glich einer Schwimmbrille. Besonders auffällig waren die Riemen, die sich über die Kleidung des Fremden zogen. Sie ähnelten einem Klettergeschirr, wie es Lena aus dem Freizeitbereich des Turms kannte. Allerdings besaß dieses Geschirr mehr Haken und mechanische Teile, als das Gerät aus dem Kletterpark. Und die Füße des Fremden steckten in schweren, klobigen Stiefeln, die hässliche dreckige Fußabdrücke auf dem weißen Teppich des Wohnzimmers hinterlassen hatten.

Als Lena den Fremden entdeckte, blieb sie abrupt stehen. Der Fremde war gerade dabei sich ein Sandwich zu schmieren. Aus hellem Toast, Erdnussbutter und Himbeermarmelade. Das schockte Lena eigentlich mehr, als den Fremden überhaupt dabei überrascht zu haben. Immerhin war das ihr Lieblingssandwich. Und dieser dreckige Fremde war gerade dabei, sich so ein leckeres Sandwich zu schmieren. Es ihr regelrecht wegzunehmen. Perplex sah Lena den Fremden an und er sah zurück. Beide verharrten in der Bewegung.

Was macht man in so einer Situation, überlegte Lena. Als Kind war sie von ihren Eltern zu einem Sicherheitstraining geschickt worden, in dem genau solche Dinge durchgenommen und geübt wurden. Lena besaß normalerweise ein hervorragendes Gedächtnis, aber irgendwie war plötzlich alles wie weggewischt. Einfach so. Und je mehr Lena darüber nachdachte, um so mehr ärgerte sie sich über sich selbst. Sie wusste ganz genau, dass sie wusste was zu machen war. Aber es fiel ihr einfach nicht ein. Lena hasste solche Augenblicke. Dem Fremden schien es genau so zu gehen. Jedenfalls rührte er sich keinen Millimeter und hielt den Blick einfach nur auf Lena gerichtet. Und die beschloss, irgendetwas zu machen. Alles schien Lena besser, als nur dumm im Zimmer zu stehen und zu starren.

„Hi, ich bin Lena“, kam es ihr langsam über die Lippen. Sie versuchte zu Lächeln und hob grüßend die linke Hand auf Augenhöhe.

Der Fremde blieb noch einige Sekunden regungslos, dann griff er mit beiden Händen zur Brille und schob die Gläser zur Stirn hoch. Darunter kamen jugendliche Augen zum Vorschein. Groß, braun, weich. Er zog den Schal ein Stück runter und nun war das ganze Gesicht zu erkennen. Ein Junge, etwa im Alter von Lena, vielleicht nur ein oder zwei Jahre älter. Er lächelte unsicher zurück. „Hi, ich bin Jakob.“

Beide standen sich gegenüber, sprachen kein Wort. Das Schweigen war peinlich, beinahe unerträglich. Lena musterte Jakob. Eigentlich sah er ganz süß aus. Abgesehen natürlich vom Dreck und vom Filz. Und davon abgesehen, dass er eigentlich ein Einbrecher war. Das Schweigen hielt noch ein wenig an, dann versuchte Lena die Situation etwas  aufzulockern. Sie lehnte sich locker an den Türrahmen, als sei diese merkwürdige Begegnung die normalste Sache der Welt, und begann ein Gespräch: „Und? was machst du hier so?“

Kaum waren ihr die Worte über die Lippen gekommen, da lief sie rot an. Was für eine bescheuerte Frage, dachte sie und ihr Herz begann zu rasen. Ist ja wohl offensichtlich, bei uns einbrechen. Ich dumme Nuss. Verdammt, jetzt sieht er auch noch, dass ich rot anlaufe. Und letzterer Gedanken sorgte dafür, dass sich ihre Ohren tiefrot färbten, was sie mit einem schiefen Lächeln zu kaschieren versuchte. Ausgerechnet diese Woche hatte sie sich entschieden, ihre lange blonde Mähne drastisch kürzen zu lassen. Weg mit der Frisur aus Kindertagen und dem ollen Pferdeschwanz, willkommen Erwachsenenleben und kurzer Bob. Bei dem die Ohren natürlich gut zu sehen waren.

Jakob setzte ein schiefes Grinsen auf. Er gewann gerade die Oberhand, das war Lena klar. „Ich mache mir ein Erdnussbutter-Himbeer-Sandwich“, sagte er mit einem leicht spöttischem Ton. Und der machte Lena richtig wütend. Vielleicht sollte sie wegrennen, der Wohnung befehlen die Turmsicherheit zu verständigen oder sich eine der Pfannen greifen und Jakob damit ordentlich eine verpassen. Aber nein, sie wollte es dem Kerl zeigen. Ihm zeigen, dass sie kein kleines Mädchen mehr war, das einfach mal so eben rot anlief und keinen tollen Spruch griffbereit hatte. Allerdings, auf die Schnelle fiel ihr auch nichts Passendes ein. Und immerhin war er ein Einbrecher. Lena schielte vorsichtig zur Wand, dorthin, wo sich das Display für die Wohnungssteuerung befand.

„Denk nicht einmal daran“, stieß Jakob leise hervor. Er hatte Lenas Blick bemerkt und sah ebenfalls zum Display. „Ich finde dich echt nett und würde dir ungern weh tun.“

Lena lief erneut rot an. Dieser Jakob fand sie echt nett. Verdammt, was ist nur los mit mir, schalt sie sich selbst. Er ist ein Verbrecher und meine Pflicht ist es ihn schnappen zu lassen und mich dann in Sicherheit zu bringen. Oder war es genau andersherum? Die ganze Situation überforderte sie irgendwie. Egal, schoss es Lena durch den Kopf, ich muss was unternehmen. Bevor Jakob reagieren konnte machte sie einen Satz zur Wand, wischte mit einer ganz speziellen Geste über das Display und wartete auf die Bestätigung. Allerdings blieb das Display dunkel.

Jakob zuckte entschuldigend mit der Schulter. Die Kleine gefiel ihm und er bedauerte es, dass sie sich unter diesen Umständen kennenlernten. Jedoch, unter anderen Umständen hätte es diese Begegnung nie gegeben. „Ich habe das Sicherheitssystem ausgeschaltet. Das ist immerhin mein Job.“ Das Bedauern in seiner Stimme klang aufrecht.

Verflixt, dachte Lena und rief nach der Wohnung: „Kassandra! Eindringling! Kassandra?“ Die gewohnte, freundliche und unverbindliche Computerstimme der Wohnung schwieg. „Was hast du mit Kassandra angestellt?“ fauchte Lena. Sie war eindeutig mehr wütend als verängstigt. Irgendwie machte ihr Jakob keine Angst. Im Gegenteil. Unterbewusst ging Lena einfach davon aus, dass er ihr kein Haar krümmen würde. „Und was jetzt?“ blaffte sie Jakob an.

Der dachte einen Augenblick darüber nach. „Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass die Wohnung ein paar Tage leersteht. Bisher hat das immer geklappt.“

„Aha, ich bin also nicht dein erster Einbruch“, konterte Lena. „Ein Serientäter also. Pech gehabt. Meine Eltern sind alleine unterwegs. Ich hatte keine Lust auf Reisen. Die sind langweilig. Und bald steht mein Karrierewahl an. Da habe ich ganz andere Sorgen, als in China die gleiche Aussicht zu genießen wie daheim.“ Lena dachte kurz über ihre Worte nach. Im nachhinein war es sicherlich eine dumme Idee einem Einbrecher zu verraten, dass man alleine in der Wohnung sei und alle anderen ausgeflogen. „Aber mir leistet mein Onkel Gesellschaft. Der arbeitet hier als Sicherheitsmanager und ist kurz weg, um eine Pizza zu besorgen. Er muss jeden Augenblick wieder da sein.“ Lena war stolz auf sich, so schnell eine Lüge erfunden zu haben.

Jakob schüttelte den Kopf. „Quatsch, du bluffst.“ Erneut wurde Lena rot und er grinste. „Du bist eine schlechte Lügnerin. Außerdem habe ich gar keine Ahnung, was du da alles gesagt hast. Das Leben von euch Hohen ist mir auch egal.“

Hohen? Der Begriff war Lena unbekannt. Jakob kam eindeutig aus einer ganz anderen Welt. Das merkte sie seiner Art zu reden an. Immerhin, er war Einbrecher. Klar, er gehörte eindeutig zu den Ameisen. Das erklärte einiges. Lena sah Jakob abfällig an. „Dachte ich es mir doch. Zu faul um zu arbeiten, zu dumm für eine Karriere und dann wird einfach irgendwo eingebrochen.“

„Hey!“ rief Jakob wütend aus und machte einen Schritt auf Lena zu. Die bekam es jetzt doch ganz kurz mit der Angst zu tun. Jakob blieb allerdings auf Abstand und machte sich nur mit Worten Luft. Körperliche Gewalt, dass war nichts was ihm lag. „Wenn hier jemand faul ist, dann seid ihr das, ganz oben in euren Türmen. Glaubst du etwa, es ist einfach in die sechszigste Etage zu kommen, dort in eine Wohnung einzusteigen und deren Sicherheitssystem schlafen zu legen? Das ist harte Arbeit und verdammt gefährlich.“

Genau, dachte Lena. Wie ist der Kerl überhaupt hier reingekommen? Sie verfolgte mit ihrem Blick die Spuren auf dem Teppich, die Jakobs dreckigen Stiefel hinterlassen hatten. Sie führten bis ans Panoramafenster und endeten dort. Er konnte doch unmöglich durchs Fenster gegangen sein, oder? Sie sah ihn verblüfft an. „Wie machst du das?“

„Was?“

„Na, das Einbrechen. Die oberen Etagen gelten als absolut sicher. Es ist noch nie jemand irgendwo eingebrochen. Wir sind viel zu hoch und zu gut abgesichert.“

Jakob winkte ab und grinste überlegen, aber irgendwie auf eine symapthische Art. „Ha, natürlich erzählt euch keiner von Einbrüchen. Damit ihr glaubt, ihr seit absolut sicher. Pah, ich bin bereits in jedem Turm in Frankfurt mal eingestiegen.“ Jakob war sichtlich stolz auf sein Leben als Einbrecher. „Andere auch schon. Ist halt gefährlich. Man kann Abstürzen, die Sicherheit erwischt einen, manchmal wird man von einer Wachdrohne überrascht oder die Wohnung wacht zu früh auf und schlägt Alarm. Oder stellt noch ganz andere Dinge mit einem an. Es gibt da mehrere Methoden.“

Lena war plötzlich neugierig. Das was Jakob da erzählte, dieser Blick auf eine andere, verruchte, kriminelle Welt, das faszinierte sie irgendwie. Sie wollte mehr wissen. Das war schon immer ihr Problem. Diese verdammt große Neugierde. „Hey, wie wär es wenn ich uns was zu trinken mache und du erklärst mir, wie du das genau angestellt hast?“

„Ich soll dir meine Methode verraten?“ Jakob legte den Kopf schief. Das Mädchen war irgendwie anders. Nicht nur weil sie zu den Hohen gehörte, sondern irgend etwas an ihr war einfach merkwürdig. Er konnte nicht sagen was, aber es zog ihn magisch an. Vielleicht waren es ihre Augen, die dieses intensive blaue Strahlen hatten. Das war Jakob zuerst an Lena aufgefallen. Und er mochte blau, das war seine Lieblingsfarbe. Die Farbe des weiten Meeres, die Farbe des klaren Himmels, die Farbe der Freiheit. Und ganz ehrlich, meinte es zu sich selbst, was soll sie schon mit dem Wissen anfangen? Ich werde einfach keine Details verraten. „Okay“, sagte er.

Lena lächelte, holte zwei große Becher aus dem Küchenschrank und sah ihn an. „Einen Smoothie?“

„Äh, klar“, sagte Jakob. Er wusste überhaupt nicht, was Lena meinte. Fasziniert sah er zu, wie sie aus dem Kühlschrank frisches Obst und Gemüse nahm, in einen Mixer warf und daraus zwei irritierend grüne Getränke zauberte. Es war beinahe wie Magie. Eiswürfel, Trinkhalme, fertig. „Nimmst du die Becher mit zur Sitzecke?“ Lena zeigte auf das große bequeme Sofa mit den gigantischen, flauschigen Kissen. „Ich mache noch was zu Essen. Erdnuss-Himbeer-Sandwich, oder?“

Jakob griff nach den Bechern und nickte nur. „Klar.“ Dann drehte er sich um und marschierte auf die Sitzecke zu.

„Moment!“ stoppte ihn Lenas Stimme. Sie zog einen Mundwinkel etwas hoch. „Zieh bitte die Stiefel aus. Sonst ruinierst den Teppich noch mehr.“

Diesmal war es an Jakob rot zu werden. Lena fand merkwürdig, dass ihn diese einfache Bitte offensichtlich die Scham ins Gesicht trieb. Erst zögerte Jakob, dann kam er doch der Bitte nach. Und Lena verstand, warum Jakob so reagierte. Seine Socken waren zwar sauber, aber eindeutig alt, mehrfach gestopft und der linke Socken besaß zudem ein Loch, aus dem vorwitzig der große Zeh lugte. Lena beschloss einfach darüber hinwegzusehen. Immerhin waren es nur dumme Socken.

Lena schmierte ein paar Sandwiches, schnitt sie in Quadrate und gesellte sich dann zu Jakob. Der schob sich sofort hungrig eines der Quadrate in den Mund, kaute und bekam große Augen. „Lecker, oder?“ fragte Lena und lachte. „Ich mag es, wenn noch ein paar Bananenscheiben aufliegen. Ich hoffe das schmeckt dir.“

Jakob nickte, dann schob er sich das nächste Sandwichquadrat in den Mund. Lena wartete bis er gegessen hatte. Scheinbar machte einbrechen extrem hungrig. Jakob spülte das weiche Brot mit dem Smoothie runter. Als er das Glas abstellte, trug er unter der Nase einen grünen Schaumbart. Lena kicherte zuerst, dann lachte sie. Es dauerte etwas bis Jakob begriff was los war, dann wischte er sich mit dem Handrücken den Smoothieschaum aus dem Gesicht und stimmte in Lenas Lachen ein. Es war eine merkwürdige, aber angenehm entspannte Situation.

„Okay“, meinte Lena dann und wurde etwas ernster. „Dann erzähl mir mal, was deine Methode ist. Wie hast du es angestellt bei uns einzusteigen. So sagt man doch unter euch Einbrechern, oder?“

„Ja, klar“, stimmte Jakob zu und lehnte sich zurück. Satt und zufrieden verschränkte er entspannt die Arme hinter dem Kopf. „Jeder Einbrecher hat so seine ganz eigene Methode. So nennen wir das. Manche klettern an den Fassaden hoch, andere fliegen mit Gleitern an die Wohnungen heran. Ich bevorzuge eine Kombination.“

„Das verstehe ich nicht. Halb fliegen und halb klettern? Wie soll das gehen?“

Jetzt schlich sich stolz in Jakobs Stimme, ohne allerdings arrogant zu wirken. „Ha, genau deswegen bin ich so erfolgreich. Ich benutze nämlich eine Manöverausrüstung. Das ist ein ziemlich geniales Gerät, das für den letzten großen Krieg entwickelt wurde. Allerdings ibt es nur ein paar Prototypen. Die Manöverausrüstung ging nie in Serie.“

Lena runzelte die Stirn. „Großer Krieg? Du meinst den großen Aufstand?“

„Äh, natürlich. was du sagst“, antwortete Jakob gedehnt auf Lenas Fragen. Armes Mädchen, dachte er sich. Lebt wohlbehütet und abgeschirmt hier oben und hat keine Ahnung von der Welt. Ob sich die Hohen alle gegenseitig oder ob sie nur ihre Kinder anlügen? „Auf jeden Fall ist das der Grund, warum ich das Geschirr trage. Damit kann ich mich in die Manöverausrüstung regelrecht einklinken. Mit meinem Prototyp kann ich feine Seile verschießen, an deren Spitze sich Kugeln befinden. Das Konzept ähnelt dem Faden einer Spinne. Ich kann mich mit Hilfe der Ausrüstung an den Fäden entlangbewegen, aber auch an ihnen schwingen.“

Lena war mehr als überrascht. „Du verschießt klebrige Fäden? Die müssten dann doch alle draußen entlangwehen. Also ich weiß nicht, das hinterlässt doch eindeutige Spuren. Da ist es doch kein Problem dich zu schnappen.“

„Ha!“ stieß Jakob hervor. „Da kommt der nächste Punkt. Die Kugeln an den Spitzen haben sich wiederum ein paar Tricks bei den Geckos abgeschaut. Die haften nämlich auf beinahe jeder Oberfläche. Mit einem Impuls kann ich sie allerdings lösen und die Manöverausrüstung zieht das Seil, also den Faden, wieder ein. Insgesamt gibt es vier dieser Fäden, je zwei auf jeder Seite meines Körpers. Falls mal einer auf dem Weg zurück ist und bereits der nächste abgeschossen werden muss. Das ganze funktioniert über Gleichgewichtsverteilung.“

„Schon mal einen Untergrund getroffen, an dem die Kugeln nicht hängengeblieben sind?“ Lena stellte sich vor, wie Jakob durch die Lüfte schwang und plötzlich unvermittelt in die Tiefe stürzte. Es war keine angenehme Vorstellung für sie.

Jakob schüttelte allerdings den Kopf, war wiederum sehr beruhigend war. Er tippte sich mit der rechten Hand an seine Brille. „Nö. denn dieses kleine Schmuckstück fertigt in Echtzeut eine Materialanalyse meiner Umgebung an. Außerdem lässt es mich um Dunkeln hervorragend sehen und ich kann damit sogar digital Zoomen.“

„Wahnsinn. Das ist ziemlich viel technische und deswegen auch sicherlich teure Ausrüstung für so einen armen Einbrecher wie dich. So schlecht kann es euch Ameisen also nicht gehen“, sagte Lena und bemerkte dabei gar nicht, wie das Wort „Ameise“ Jakob kurz zusammenzucken ließ. Sein Blick verfinsterte sich etwas.

„Na ja, ich habe Glück gehabt. Mein Partner hat die Manöverausrüstung besorgt. Ansonsten würde es mir so gehen, wie all den anderen ‚Ameisen‘ auch. Harte Arbeit, wenig Lohn und meistens hungern. Obwohl, hungern müssen wir trotz der harten Arbeit. Gerade wegen dem wenigen Lohn.“

Lena hatte bereits eine Entgegnung auf den Lippen, dass das Parlament für alle sorge, auch für die Ameisen. Aber wer nichts leisten wolle, der fiele halt durchs soziale Netz und sei selber schuld. Aber sie schluckte die Bemerkung runter. Jakob sah die Sache aus irgendeinem Grund anders. Und Lena hatte keine Lust darauf, sich mit ihm zu streiten. Sie wollte lieber mehr hören von Jakobs Welt da Draußen und wie er diese Welt sah. Also ließ sie ihn reden.

„Es ist echt hart, glaub mir“, erzählte Jakob weiter. „Meine Eltern waren Wanderarbeiter und zogen durchs ganze Land, um ein paar Euro zu verdienen. Und irgendwann kamen sie halt nicht mehr wieder.“ Jakob stockte kurz. „Aber ich war noch ganz klein und kann mich kaum an sie erinnern. Deswegen ist das nicht mehr wichtig.“

Lena fand diese Aussage traurig. Sie konnte sich gar nicht vorstellen wie es sein musste, ohne Eltern aufzuwachsen. Nur mühsam unterdrückte sie bei dem Gedanken daran ein paar Tränen. „Und wer hat sich dann um dich gekümmert? Warst du im Waisenhaus?“

„Nö“, sagte Jakob. „Mein Partner hat sich um mich gekümmert. Er stand meinem Vater ziemlich nahe und sah es als seine Aufgabe an, mir ein Zuhause zu geben. Er war mal Techniker in einem der großen Labore für Militärtechnik. Daher kommt meine Manöverausrüstung.“

„Wo ist das Ding denn jetzt eigentlich?“ fragte Lena.

Jakob lächelte. Es kam selten vor, dass ihn jemand fragte und er Antwort gab. Er kam sich richtig schlau vor. Nicht so dumm, wie die Hohen ihn eigentlich sahen. „Hängt Draußen am Fenster. Die Manöverausrüstung ist zu wuchtig, um damit durchs Fenster zu kommen. Ich habe sie mit der Geckotechnik an der Fassade geparkt.“

Lena lachte. „Das ist echt clever. Und wie bist du durchs Fenster gekommen?“

„Ich habe ein Loch reingeschnitten und anschließend das Glas wieder zusammengefügt. Auch so eine Spielerei aus dem Labor meines Partners.“

„Darf ich deine Manöverausrüstung mal sehen?“ Lena war aufgeregt. Jakob faszinierte sie einfach. Er, sein Leben und diese Technik, mit der Menschen frei und ungezwungen durch die Luft schwingen konnten.

„Äh, klar. Aber erst wenn ich hier den Abflug mache. Will ja nicht erwischt werden durch unnötiges herumspielen an der Fassade.“

Lena war über die Antwort enttäuscht, konnte das Argument aber verstehen. oder versuchte es zumindest. Immerhin war Jakob der Einbrecher und würde wohl wissen, wie die Arbeit erledigt wurde. Also wechselte Lena das Thema und es ergab sich ein Gespräch, das die halbe Nacht lang ging. Beide erzählten aus ihrem jeweiligen Leben, der andere verstand jeweils nur die Hälfte und ging davon aus, dass eigentlich alles ganz anders war. Aber dennoch, Jakob und Lena vestanden sich, lachten miteinander und für den Augenblick gab es keine echten Grenzen zwischen den Hohen und den Ameisen. Kurz bevor die Sonne aufging, vibrierte es in Jakobs Hosentasche. Der Junge legte enttäuscht die Stirn in Falten.

„Ich muss los“, sagte Jakob. „Wenn erst einmal die Sonne aufgeht, bin ich leichter zu finden. Wenn ich jetzt nicht abhaue, dann sitze ich fest.“

„Wäre das so schlimm?“ fragte Lena und lächelte ihn an. Jakob war kurz versucht nachzugeben und zu bleiben, aber dann siegte die Vernunft.

„Mein Partner macht sich bestimmt schon Sorgen. Und ich will kein Risiko eingehen. Außerdem würde das sicherlich unangenehme Fragen geben und dich mit reinziehen. Nö, das will ich nicht. Ich gehe lieber.“

Lena nickte. Dann sprang sie erschrocken auf. „Verdammt. Wir haben die ganze Zeit mit Reden verbracht, du hast ja gar nichts eingesteckt.“

Jakob sah Lena verständnislos an. „Wie meinst du das?“

„Einbrecher stehlen Sachen. Wenn du ohne Beute auftauchst, wird dein Partner dir unangenehme Fragen stellen. Und das will wiederum ich nicht. Warte hier, ich suche schnell ein paar Sachen zusammen. Ich weiß doch wo Mama ihren Schmuck liegen hat und Papa seine Manchettenknöpfe. Das ist doch in Ordnung für dich, oder?“

Jakob nickte verblüfft. Kurz flammte Misstrauen ihn ihm auf, aber der wurde augenblicklich im Keim erstickt. Sollte Lena ihn jetzt ans Messer liefern, dann war es ihm egal. Schon war sie aufgesprungen und flitzte durch die Wohnung. Sie schnappte sich einen ihrer Rucksäcke, stopfte ein paar Sachen aus der Küche hinein, verschwand im Arbeitszimmer ihrer Mutter und im elterlichen Schlafzimmer. Derweil stieg Jakob wieder in seine Stiefel und prüfte die Gurte.

Als Lena zurück kam, drückte sie ihm einen vollen Rucksack in die Hand. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen. „Toast, Erdnussbutter, Himbeermarmelade und Bananen. Damit du mir nicht verhungerst.“

Jakob lächelte zurück. „Danke.“ Er hakte den Rucksack am Geschirr ein und marschierte dann zum Fenster. Aus der Tasche zog er einen Stift, der Ähnlichkeit mit einem Kugelschreiber besaß. Er setzte ihn an, zog einen fast perfekten Kreis und hielt den Stift anschließend gegen das Glas, um den Auschnitt nach Innen zu ziehen. Ein Gestank nach Chemie und Fäulnis fegte mit dem Wind herein. Lena kannte diesen Geruch nicht und war entsetzt. Solche unangenehme Sachen wurde eigentlich von der Klimaanlage herausgefiltert.

Jakob griff nach Draußen und zog eine klobige Vorrichtung heran. Gekonnt schwang er sich nun durch das Loch und hakte sich in die Manöverausrüstung ein. Leise surrend erwachte diese zum Leben. „Danke, Lena“, rief Jakob gegen den Wind an. „Wenn du oben auf den Knopf drückst, dann löst sich der Stift vom Glas und es gibt eine Reaktion, die gleiche Materie miteinander verschmelzen lässt. Damit kannst du das Fenster wieder schließen, bis es jemand repariert. Ansonsten hast du den ganzen Dreck in deiner Bude.“

„Danke, Jakob“, rief Lena und lächelte ihn an. Plötzlich ließ er sich einfach in die Tiefe fallen und sie schrie vor Schreck laut auf. Aber bereits im gleichen Augenblick schwang Jakob wie an unsichtbaren Fäden wieder empor, überschlug sich zum Abschied gekonnt und raste dann wieder frei und ungebunden dem Abgrund entgegen. Es war atemberaubend.

Lena seufzte, sah sich das runde Stück Fensterglas an und machte sich an die Arbeit: Fenster provisorisch schließen, Stift verstecken, Sicherheitsdienst rufen und dann ein paar Tränen kullern lassen, um die Sache schnell zu erledigen. Und vor allem dafür Sorgen, dass niemand Jakob auf die Schliche kam. Einfach nur dumm stellen.

* * *

Eine halbe Stunde später stapfte Jakob wieder durch sein Viertel. Hier kannte er sich aus, hier war er auf sicherem Boden. Lena. Dieses Mädchen ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie war ganz anders, als er sich eine Hohe vorgestellt hatte. Unbeschreiblich anders. Er griff nach dem Rucksack, die sie ihm mitgegeben hatte. Wie Bananen wohl aussahen? Er hatte keine Ahnung, aber sie schmeckten fantastisch. Jakob kramte im Rucksack herum. So viel Zeug. Und vor allem wertvoll. Und da plötzlich erstarrte er. Jakob griff in den Rucksack und zog langsam ein Paar schwarze Herrensocken aus dicker Wolle hervor. Er lächelte.

ENDE

Copyright (c) 2015 by Miriam Kleve, all rights reserved

Eingangsgrafik von Wolfgang Sigl Copyright (c) 2015 mit freundlicher Genehmigung des Künstlers ( http://l.facebook.com/l/yAQGZXMO2AQGuVvR2lwEqh6Z9Ze-RvTuj7ZqpiRakx74t8w/www.whiskey-sierra.com/Images___Stuff/Images/NEU__16_9_/MIXED/16_9/16_9_107.html)

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Buchtipp der Redaktion:


Unland (Kartoniert)
von Wagner, Antje

Verlag:  Beltz GmbH, Julius
Medium:  Buch
Seiten:  381
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  März 2015
Maße:  126 x 188 mm
Gewicht:  370 g
ISBN-10:  3407745117
ISBN-13:  9783407745118
Verlagsbestell-Nr.:  74511

Beschreibung
Lasst die Schatten frei!

Franka zieht in das Haus „Eulenruh“, ein Wohnprojekt für Jugendliche. Doch irgendetwas stimmt nicht in dem kleinen Elbdorf. Wieso schweigen die Bewohner so beharrlich, wenn man sie auf die Ruinenlandschaft „Unland“ am Waldrand, anspricht? Immer wenn Franka in der Nähe von „Unland“ ist, fühlt sie sich beobachtet. Als ein Junge aus „Eulenruh“ verdächtigt wird, einen Diebstahl begangen zu haben, will Franka seine Unschuld beweisen. Dabei macht sie eine ungeheuerliche Entdeckung …
Ein herausragender Roman voller Finessen, dunkel, leuchtend und absolut soghaft.

Autorin
Antje Wagner, geboren 1974 in Lutherstadt Wittenberg, studierte Deutsche und Amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften in Potsdam und Manchester. Sie schreibt Romane und Erzählungen und übersetzt auch aus dem Englischen. 2009 erhielt sie den Mannheimer Feuergriffel für Kinder- und Jugendliteratur.

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Updated: 1. Juni 2015 — 01:28

5 Comments

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  1. Martina Müller

    Sehr schöne Geschichte, Miriam, hat mir sehr gut gefallen! 🙂 Aber sag mal, ist vielleicht dein Rechtschreibprogramm im Eimer? 😉

  2. Martina Müller

    Buchtipp ok?

  3. Martina Müller

    Liebe Miriam, ich habe mal ein passendes Cover für deine Story von unserem neuen Grafiker Wolfgang Sigl raussuchen lassen. Der Copyrighteintrag folgt noch, damit es für ihn auch einen gewissen Werbeeffekt hat. Sag mal wie dir die Grafik gefällt. Wenn du selbst noch eine Grafik für deine Story anbringen möchtest, stell Sie doch bitt direkt unter die Überschrift, bevor der Text anfängt.

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