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ISOLA LUCRETIA – Leseprobe aus dem gleichnamigen Science-Fiction-Kurzroman von Michael Pick

Isola Lucretia

Leseprobe zu:

Isola Lucretia

Science Fiction-Kurzroman

von

Michael Pick

Das Laternenlicht auf der Via del Pellegrino war in dichten Nebel gehüllt. Sirius Savic schlug den Kragen seines Mantels hoch und hämmerte ein zweites Mal gegen das schwarzlackierte Gitterportal am St.-Anna Tor. Endlich steckte ein Schweizer Leibgardist sein rundes, übermüdetes Gesicht durch eine der Zinnen.

„Sirius Savic, MSP.“

Der Ermittler schlug die linke Seite seines Mantels zurück, in dessen Innenrevers seine silberne Dienstmarke in Form des Weltglobus` befestigt war.

Der Wachposten musterte ihn unbeeindruckt. Die aufkommende Dämmerung liftete die Schatten der Nacht über der Straße.

„Besser, Sie verschwinden schleunigst.“

Das Esperanto des Gardisten war stark akzentuiert; Sirius tippte auf eine deutsche Muttersprache.

„Ein ausgezeichneter Rat.“

Der Ermittler tastete die Taschen seines Mantels ab, als suche er etwas.

„Bedauerlicherweise hat ein gewisser …“, Sirius schien gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte und zerrte ein nachlässig gefaltetes Papier hervor. Er blätterte es umständlich auseinander, wanderte mit den Augen darüber, bis er den gesuchten Passus gefunden hatte.

„… Kanzler Valgregor … ist Ihnen der Name ein Begriff?“

Der Wachposten verengte die Augenlider zu Schlitzen. Misstrauen war die vorderste Eigenschaft eines Ermittlers. Bezeichnend, dachte Sirius, und fand es unbequem, sich fragen zu müssen, wo sein eigenes Misstrauen war.

„Hier“, er wedelte mit dem Papier in der Hand, „besser, Sie lesen es selbst.“

Ohne den Blick von Sirius zu wenden, nahm der Gardist den Brief. Sirius grub derweil die Hände in die Manteltaschen. An den Rändern der Via del Pellegrino liefen hellgrüne Pipelines wie eine Reihe dicker Raupen. Der Vatikan besaß eine eigene Dampfversorgung. Sie gehörte zu einem System von Versorgungseinrichtungen, denen die Vatikanstadt ihre Selbstständigkeit verdankte.

Der Schweizer Leibgardist verschwand, wahrscheinlich, um seinen Vorgesetzten zu informieren. Im Abstand von zehn Metern befanden sich Druckventile an den Pipelines; zu jedem Haus zweigte ein Versorgungsrohr ab.

„Sie können passieren, Savic.“

Der Gardist war zurück. Drei weitere Soldaten der Vatikanarmee besetzten die inneren Zinnen und den Einlass. Sirius vernahm das Klicken von Ventilen, das Rauschen von Dampf, als er die Leitungen füllte, die Kraft, die er sammelte, um endlich herausgelassen zu werden. Am oberen Ende des Tores regulierten drei Drehventile die Geschwindigkeit, mit der der gusseiserne Einlass im St.-Anna-Portal geöffnet wurde.

Doch noch durfte Sirius die Vatikanstadt nicht betreten. Vier Gardisten schlüpften durch die halb offene Pforte und sicherten die Umgebung. Ein Unteroffizier folgte ihnen, spuckte geflissentlich vor Sirius auf den Gehsteig und musterte den Ermittler von oben bis unten.

„Nehmen Sie die Arme hoch.“

Die kleinen, runden Augen des Unteroffiziers flackerten vor Unruhe, während er andererseits bemüht war, sachliche Routine auszustrahlen. Sirius fragte sich, ob er an seiner Stelle genauso reagieren würde. Langsam, mit der linken Hand, zog Sirius seine Dienstwaffe, eine Kirilenko 13, ließ das Magazin aufschnappen und hielt den leeren Lauf in das Laternenlicht. Zwischen zwei Fingern empfing der Unteroffizier die Waffe und verstaute sie zusammen mit dem Magazin in einem durchsichtigen Beutel, wie sie Sirius zur Beweissicherung kannte.

Kurze Zeit später betrat der Ermittler zum ersten Mal in seinem Leben die Vatikanstadt.

Vom St.-Anna-Tor nehmen zwei Hauptstraßen ihren Ursprung. Der Via del Pellegrino obliegt es, den südlichen Teil der Vatikanstadt zu erschließen, während die Via di Belvedere durch den Norden und Westen der Enklave führt.

Der Unteroffizier und vier Leibgardisten geleiteten Sirius. Genauso gut hätte er ihr Gefangener sein können. Auch an den Ufern der Via di Belvedere liefen grüne Dampfpipelines.

Unmittelbar hinter dem Rohrsystem stießen gewaltige Steinquader aus dem Boden, die die Fundamente noch großartigerer Gebäude bildeten. Wie das Bett eines Flusses, der sich im Laufe der Evolution einen Weg durch die Granitblöcke gefressen hatte, schlängelte sich die Straße an Kirchen, der Banco di Vaticano, einigen kasernenartigen Unterkünften und anderen Gebäuden vorbei und lief zielstrebig auf einen Palazzo zu, zu dessen Eingang breite Marmortreppen führten.

„Palazzo del Cancelliere“, schnorrte der Unteroffizier.

Die rechte Flanke seines Schnurrbartes zitterte, während die aufgehende Sonne Sirius` Rücken wärmte.

„Worauf warten wir noch?“, rief er dem Schnurrbärtigen zu.

Jede Zeit hat ihr Ende.

Der Palazzo del Cancelliere lag am Cortile di Belvedere und glich zu dieser Stunde einem erwachenden Bienenstock. Tausend Geräusche lagen in der Luft, obgleich nicht eines von ihnen eindeutig zu definieren war. Sie glichen einem aufgeregten Flüstern, das jederzeit zu einem reißenden Strom anschwellen konnte.

Die hohen Decken im Erdgeschoss, Sirius schätzte den Abstand zum Boden auf drei Meter, entfalteten aus ihrer Fläche heraus eine Wuchtigkeit, die folgerichtig nicht durch Wandschmuck zu bändigen versucht wurde. Einzig an den Verbindungen zu den Decken fing Stuckwerk die Schlichtheit auf.

Die vier Leibgardisten blieben in der Eingangshalle zurück; der Unteroffizier begleitete Sirius durch ein Dutzend Räume, die in der Art eines Labyrinthes angeordnet waren. Einige von ihnen dienten als Schreibstuben, einige als Aufenthalte.

Sie gelangten in ein schlauchähnliches Zimmer, dessen Wände lindgrün schimmerten. Der Schnurrbart des Unteroffiziers knatterte hier so heftig wie ein Geigerzähler beim Anblick eines Brennstabes. Der Unteroffizier verlangsamte seine Schritte, als wäre er sich seines Weges nicht mehr sicher. Der Raum führte zu einer schwedischgelben Tür, die mit hellgrünen Intarsien verziert war.

Auf der Hälfte des Weges jedoch bog der Unteroffizier ab und lief gegen die Wand. So schien es Sirius im ersten Augenblick. Dann erkannte er die Schlitze, die eine Tür in die Wand zeichneten. Der Palazzo begann, Sirius zu gefallen.

Als Sirius den Raum hinter der Geheimtür betrat, salutierte sein Begleiter einer Person, die im Licht der aufgehenden Sonne hinter einem großen Schreibtisch saß. Der Leibgardist machte eine akkurate Kehrtwende und ließ Sirius zurück.

Der Mann am Schreibtisch lehnte sich nach hinten. Die Sonne blendete Sirius.

„Ermittler Savic …“

Der andere war sehr jung; unverbrauchte Stimme, im Übrigen akzentfreies Esperanto.

„Was für ein Zufall“, murmelte Sirius.

„Wie?“

„Ich hätte niemals angenommen, dass Sie den gleichen Namen wie ich tragen und zudem ebenfalls Ermittler sind.“

Auch wenn Sirius das Gesicht des Mannes nicht genau erkennen konnte, vermochte er sich dessen blöde Miene vorstellen. Es brauchte einige Augenblicke, bis der andere verstand.

„Ein Scherz.“

„Mein Name ist nicht Savic.“

„Nicht?“

Der Mann erhob sich und kam auf Sirius zu.

„Martinius, ich bin der Sekretär von Kanzler Valgregor.“

Der Sekretär machte eine Bewegung, als wollte er Sirius die Hand geben, zog sie aber hastig wieder zurück. Ein Aussätziger hatte ausgezeichnete Chancen auf eine bessere Behandlung.

„Ich bin froh, dass Sie nicht Savic heißen. Es hätte dauernd Verwechslungen gegeben.“

Martinius schwieg, wahrscheinlich erwog er die Möglichkeit, dass Sirius ihn auf den Arm nahm.

„Ich bringe Sie gleich zu Kanzler Valgregor. Wir warten noch auf jemanden.“

Der Sekretär kam einen Schritt näher. Über die glatt rasierten Wangen lief ein öliger Schimmer. Die hellblauen Augen passten weder zu den schwarzen Haaren noch der dunklen Kutte. Das Lächeln auf den blassen, dünnen Lippen wirkte fade.

Es polterte gegen die Tür. Bevor der Sekretär die Erlaubnis geben konnte, stürmte eine Frau in den Raum.

„Können Sie mir erklären, was das Ganze zu bedeuten hat?“

Sie trug eine weiße Haube, ansonsten bestand die Kleidung aus einer ebensolchen Kutte, wie sie Martinius übergezogen hatte.

„Wie, bei allen Heiligen, kann man nur auf die Idee kommen, diesen verfl…, diesen Ungläubigen die Erlaubnis zu geben, bei uns herum zu schnüffeln.“

„Das hätte ich auch gerne gewusst“, pflichtete Sirius bei und erntete einen giftigen Seitenblick.

Der Sekretär strich sich mit der Hand über sein Haar, verbindlich lächelnd.

„Ich bin sicher, der Kanzler wird Ihnen alle Fragen beantworten.“

Das Mädchen grummelte wie ein Bär. Martinius öffnete eine zweiflügelige Tür, die in einen saalähnlichen Raum führte. An der Ostseite des Zimmers flutete das Sonnenlicht durch große Fenster und traf auf der anderen Seite auf deckenhohe Bücherregale. Sirius hatte noch nie in seinem Leben eine solche Anzahl von Büchern gesehen.

Der Raum breitete sich über zehn Meter aus, doch seine Länge übertraf die Breite um das Fünffache. Aus dem Horizont des Zimmers schälte sich ein nussbrauner Schreibtisch heraus, hinter dem ein kahlköpfiger Mann in violetter Robe saß. Der Mann schrieb mit der Hand; flüssig, ohne Pause, ohne aufzusehen.

Martinius hüstelte in seine Faust. Das Mädchen warf dem Sekretär einen verächtlichen Blick zu, schüttelte den Kopf und setzte sich auf einen der Stühle, die vor dem Schreibtisch standen. Es war jener, der am weitesten von Sirius entfernt stand.

Der Mann in der violetten Robe mochte siebzig Jahre alt sein. Mit seinen schmalen Fingern musste er ausgezeichnet Klavierspielen, dachte Sirius. Das Mädchen stampfte mit dem Fuß. Der Sekretär blickte abwechselnd zum Schreiber und zur Nonne.

„Kanzler Valgregor …“

In dem Ton des Mädchens schwang unverhohlene Ungeduld.

„Ich verlange eine Erklärung!“

Zur Bekräftigung knallte sie die Faust auf den Tisch. Unbeeindruckt fuhr der Mann hinter dem Schreibtisch mit dem Geschreibe fort.

„Auch gut“, rief das Mädchen und stand auf. Sie hatte die mandelförmigen Augen zu schmalen Schlitzen verengt und presste die Lippen zu einem dünnen Strich. Dann drehte sie sich um und streifte Sirius mit einem verächtlichen Blick.

Es dauerte eine Weile, bis das Mädchen die ganze Länge des Raumes durchschritten hatte. Als die Tür zuschlug, zuckte der Sekretär zusammen.

In diesem Augenblick sah der Mann am Schreibtisch auf, drehte die Kappe auf den Füllfederhalter und lehnte sich zurück.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Ermittler Savic. Ich habe Gutes über Sie gehört.“

Lob, fand Sirius, war ein süßer Stachel mit giftigem Inhalt.

„Mein Name ist Valgregor. Meine Aufgabe in der Vatikanstadt ist vergleichbar mit der eines Managers; oder anders ausgedrückt: Ich bin das Mädchen für alles.“

Der Mann lächelte, ohne Sirius aus den Augen zu lassen.

„Eine Berufung, um die man beneidet wird, die aber nicht beneidenswert ist.“

Valgregor hörte auf zu lächeln.

„Sie werden alle Unterstützung erhalten, die erforderlich ist, um den Fall zu lösen. Mein Sekretär“, der violett ummantelte Arm zeigte auf Martinius, „steht Ihnen zur Verfügung. Außerdem habe ich Ihnen unsere beste Ermittlerin zugeteilt. Sie haben sie gerade kennengelernt.“

„Danke“, sagte Sirius nach kurzer Bedenkzeit, „danke, aber nein, danke.“

(…)

© Michael Pick, 2012

Bildrechte: “Vintage (Steampunk5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wie die Geschichte weiter geht erfährt man hier:

Michael Haitel (Hrsg.)
ELECTI. STORY CENTER 2011.3
AndroSF 22
ISBN 9783942533355
März 2012, 224 Seiten, Taschenbuch, EUR 13,90 (DE)

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Europa, irgendein Jahrhundert, irgendein Jahr. Der Vatikan ist die letzte kulturelle Hochburg Europas, das letzte Bollwerk von Demokratie, Menschenrechten und funktionierendem Gemeinwesen, umgeben von Dekadenz, Verfall, Verbrechen und Sünde. Irgendwo auf der Welt mag es noch Enklaven geben, die dem entsprechen, was der Vatikan in Europa repräsentiert – aber von ihnen erfährt man nur auf Umwegen, nur in Form vager Informationen und Nachrichten, fast ausnahmslos in Form von Gerüchten.
Und dann geschieht ein Verbrechen …

Friedhelm Rudolph: Electi
Michael Pick: Isola Lucretia
Bernd Illichmann: Die mathematische Formel der Liebe
Isabella Benz: Die Augen der Priester
Arno Endler: Hinter der Barriere
M. E. Rehor: Die elektrische Madonna

Steampunk-Geschichten aus anderen Zeiten …

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Updated: 23. Januar 2013 — 07:05

5 Comments

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  1. Hallo Michael, du hast vergessen deinen Autorennamen unter Schlagwörtern an zu klicken, ich habe das nachgetragen. Noch einige Ergänzugen vorgenommen, schau mal ob alles zu deiner Zufriedenheit. Werde den Günther fragen, ob er die Leseprobe unter Krimis aufnehmen will. Oder ich bereite es mal für eine geplante Steampunk-Anthologie vor.

  2. Hallo Detlef!

    Alles wunderbar so, wie du es ergänzt und berichtigt hast.

    Besten Dank dafür!

  3. Ich finde das, was ich hier lesen konnte auserordentlich interessant und sehr gut geschrieben, macht neugierig darauf, wie es weitergeht. Leider weiß man ja nicht, welche Tat hier aufgeklärt werden soll. Ist diese Leseprobe eigentlich der Anfang der Geschichte oder setzt diese Leseprobe absichtlich etwas später ein?

    Können wir bei dem Verlag eigentlich auf Verlosungsexemplare rechnen, was meinst du Michael?

    Gibt es schon richtige Rezis dazu, wenn ja link mal hier rein in den Kommentar, ok? 😀

  4. Hallo Detlef!

    Schön, dass dir der Auszug gefällt. Es ist der Anfang der Geschichte.

    Wegen der Verlosungsexemplare frage ich bei p machinery nach.

    Eine kurze Besprechung zu Electi gibt es hier:

    http://www.scifinet.org/scifinetboard/topic/14483-story-center-20113-electi/

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