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HUTÄTÄ – Leseprobe (Teil 1) aus dem gleichnamigen Buch von Thomas Vaucher

HUTÄTÄ

Leseprobe (Teil 1)

aus dem gleichnamigen Buch

von Thomas Vaucher


Wüuda Jieger, Hutätä,

i wüu dier dini Antwort gää.

Dùnku, mächtig, regierschù d Nacht,

tuusig Hünn si dini Strittmacht.

Wüuda Jieger, Hutätä,

König vo de Nacht.

1.

«Jakob!»

Keine Antwort.

Maria hetzte weiter. Äste peitschten ihr ins Gesicht, und Dornenspitzen bohrten sich durch ihren dünnen Rock in ihre Beine, doch sie spürte es nicht einmal. Längst waren ihre Kleider zerrissen und ihre Haut darunter zerschunden, aber das kümmerte sie nicht. Sie musste ihn finden!

Weiter hastete sie, weiter durch den dunklen Wald, nur spärlich erleuchtet durch eine Handlaterne, die sie mit sich führte, und durch den runden Mond, der unheilschwanger am Himmel hing und sie hämisch anzugrinsen schien, wann immer sie den Kopf hob, um sich an seinem Standort zu orientieren.

Ein Geräusch erklang zu ihrer Linken, und Maria blieb abrupt stehen. Ein Fuchs hob den Kopf und huschte davon, als er sie sah.

«Jakob», schrie Maria wieder, und wieder bekam sie keine Antwort. Und das Schlimme daran war, sie wusste schon im Voraus, dass sie keine Antwort kriegen würde. Innerlich hatte sie die Hoffnung längst aufgegeben. Es war schiere Verzweiflung, die sie weiter trieb, immer weiter. Doch längst wusste sie nicht mehr, wo sie war, wo sie hinwollte, oder woher sie gekommen war. Und auch das war ihr egal. Nichts spielte mehr eine Rolle.

«ER hat ihn geholt», hörte sie die Stimme ihres Knechtes immer wieder in ihrem Kopf, «ER hat ihn geholt!»

2.

Zwei Tage zuvor

Der Himmel war wolkenverhangen. Düster und bedrohlich schwebten die Kolosse über dem alten Bauernhof, als wollten sie sich demnächst auf ihn stürzen, um ihn unter ihrer schieren Masse zu begraben. Am Horizont blitzte es dann und wann kurz auf und rumpelnder Donner war aus der Ferne zu vernehmen.

Maria strich sich das wilde Haar hinter die Ohren und trieb das Zugpferd zu grösserer Eile an. Sie hatte keine Lust, das wenige Hab und Gut, das sie mit sich führte, bei Regen ins Haus tragen zu müssen. Der magere Gaul zog einen einfachen Wagen hinter sich her, auf dem sie ihre Habseligkeiten mit sich führte: eine Truhe mit Kleidern, einen alten Schaukelstuhl, der ihrer Grossmutter gehört hatte, eine Kiste mit Geschirr, darunter das Silberbesteck ihrer Mutter, eine weitere Kiste mit verschiedenem Gerümpel wie den kleinen Holzfiguren, mit denen ihr Sohn Jakob so gerne spielte, und das kleine Bett Jakobs, das sie mit sich führte, weil dieser in keinem anderen Bett schlafen wollte. Alle anderen Sachen hatte sie zurückgelassen, da das Bauernhaus, das sie gekauft hatte, möbliert war. Hinter dem Wagen trotteten ihnen ihre drei Kühe nach, durch einen Strick miteinander und mit dem Wagen verbunden.

Sie sah sich nach Jakob um. Der Junge sass zuhinterst auf dem Wagen, hatte den braunen Wuschelkopf an die Lehne des Schaukelstuhls gelehnt und schlief. Maria fühlte kalten Zorn in sich aufsteigen. Sie hatte ihm bei Beginn der Reise verboten, auf den Wagen zu klettern, und dennoch hatte er bereits am frühen Nachmittag versucht, sich unbemerkt auf den Wagen zu schleichen. Sie hatte es sofort bemerkt und ihn heruntergejagt, doch nun sass er schon wieder dort oben, und noch dazu schlief er!

Maria ging nach hinten, packte Jakob grob am Arm und schüttelte ihn.

«Was habe ich dir gesagt, Köbu?», schrie sie ihn an. Bevor der Junge etwas antworten konnte, fuhr sie fort: «Der Wagen ist auch ohne uns schon schwer genug für Igor! Was meinst du, warum ich nebenher gehe und nicht auf dem Kutschbock sitze?»

Igor war ihr Pferd und mit den drei Kühen gleichzeitig ihr wertvollster Besitz, weshalb sie es nicht duldete, dass man ihn ohne Not übermässig belastete. Sie hatte ihn Jakob zuliebe Igor genannt. Jakobs Vater hatte ihm einst eine Geschichte von einem Vampir aus dem Osten erzählt, der Igor geheissen hatte, und als sie dann das Pferd gekauft hatten, hatte Jakob seine Mutter angefleht, es Igor zu taufen.

Den Entscheid, das Pferd tatsächlich so zu nennen, bereute sie schon seit Langem.

«Ausserdem sollst du am Tag nicht schlafen», fuhr sie ihn weiter an, «dafür ist die Nacht da. Und wehe, du willst heute Abend wieder nicht ins Bett!»

Jakob entrang sich ihrem Griff und rutschte murrend vom Wagen herunter.

«Wann sind wir denn endlich da?», maulte er.

«Gleich», gab sie zur Antwort und deutete nach vorne, «dort vorne kannst du unser neues Zuhause schon sehen.»

Sie waren dem Bauernhof nun schon deutlich näher gekommen. Das Anwesen lag in der Schweni, in der Nähe von St. Antoni und bestand aus drei Gebäuden. Neben dem Haupthaus hatte es eine geräumige Scheune und einen kleinen Schopf. Zwischen den beiden Nebengebäuden stand ein alter Brunnen, aus dem frisches Quellwasser sprudelte. Hinter dem Hof begann ein dichter Wald, der sich, so weit das Auge reichte, auf beiden Seiten hinzog. Andere Häuser waren nicht zu sehen. Es war eine einsame Gegend, doch das gefiel Maria. In Jaun, wo sie zuvor mit ihrem Mann mitten im Dorfkern gewohnt hatten, war es ihr zu geschäftig und zu dörflich gewesen. Sie mochte es, abseits der Zivilisation zu leben, mitten in der Natur.

Nach einer weiteren halben Stunde Marsch, die sie schweigend zurücklegten, kamen sie endlich beim Hof an. Mittlerweile fielen die ersten Tropfen vom Himmel herab. Erschöpft hielt Maria inne und gebot Igor, anzuhalten. Etwas irritiert musterte sie das alte Anwesen. Nirgendwo brannte Licht, obwohl die Sonne längst untergegangen und es mittlerweile recht dunkel war. Der Verkäufer hatte ihr doch versprochen, dass der Knecht des alten Bauernhauses da bleiben und für sie arbeiten würde. Doch weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

«Hallo?» Maria wartete einen Moment, ehe sie den Ruf etwas lauter wiederholte.

Keine Antwort.

«Mama, seht mal dort!» Jakob deutete zur rechten Seite der Scheune hin, wo soeben ein grossgewachsener Mann um die Ecke kam. Er hatte eine dunkle, wettergegerbte Haut, kohlenrabenschwarzes Haar und war stämmig wie eine alte Eiche. Unter dem linken Arm trug er eine Holzbank, die Maria nicht einmal mit beiden Händen hätte hochheben können, und unter dem rechten Arm ein grosses Gepsi. Als er sie erblickte, hielt er einen Moment inne, ehe er seinen Schritt beschleunigte und auf sie zuhielt.

«Endlich seid ihr da», sagte der Mann und stellte seine schweren Lasten ohne Mühe auf den Boden. «Ich fürchtete schon, ihr würdet es nicht mehr vor dem Unwetter schaffen.»

Als hätte er es mit seinen Worten heraufbeschworen, begann es nun richtig zu regnen. Maria fluchte, worauf der grosse Mann sie beinahe entsetzt ansah.

«Wie es scheint, haben wir uns zu früh gefreut», meinte sie, «hilf uns bitte rasch, die Sachen ins Haus zu tragen.»

So schnell es ging, trugen sie Marias Habseligkeiten ins Haus und führten die Tiere in den Stall. Obwohl sie kaum mehr als zehn Minuten dafür brauchten, waren sie am Ende völlig durchnässt.

Der Knecht packte ihre grosse Kleiderkiste mit beiden Händen und ging mit ihr voran, die Treppe hoch zu ihren Schlafräumen. Dort stellte er sie leichthin ab, ehe er sich zurückzog.

Maria half Jakob aus den nassen Kleidern, öffnete die Kiste und suchte ihm ein trockenes Hemd und trockene Hosen heraus.

«Wer ist der grosse Mann, der uns beim Abladen geholfen hat, Mama?», wollte Jakob wissen, während er fröstelnd dastand, die Hände um den nackten Oberkörper geschlungen.

«Das ist unser neuer Knecht.»

«Ist er ein Riese?»

Maria musste lachen.

«Aber nein, Jakob. Er ist einfach nur … etwas grösser als andere Leute.»

«Und stärker!»

«Und stärker», bestätigte Maria.

Während sich Jakob ankleidete, zog sich auch Maria um, und dann stiegen sie die Treppe wieder hinab und betraten das Wohnzimmer. Der Knecht war in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen. Ein prasselndes Feuer brannte im Kamin, und eine wohlige Wärme begann sich in dem Zimmer auszubreiten. Auf dem Pùfett brannte eine einsam flackernde Kerze, und auf dem Tisch standen eine Laterne, drei Teller und ein Holzbrett, worauf einige Scheiben Brot und ein kleiner Käselaib lagen, den der Knecht eben in drei Stücke teilte.

«Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt», begann Maria, trat auf den Knecht zu und hielt ihm die Hand hin. «Ich bin Maria Cotting, und das ist mein Sohn Jakob.»

Der Knecht ergriff die Hand und schüttelte sie. Maria war es, als wäre ihre Hand in einen Schraubstock geraten. Sie konnte ein leicht schmerzhaftes Zucken im Gesicht nicht unterdrücken, und der Knecht liess ihre Hand hastig wieder los.

«Ich bin der Schwarze Saler, es freut mich, eure Bekanntschaft zu machen.»

«Das ist aber ein komischer Name», meinte Jakob.

«Sei ruhig, Jakob!», herrschte Maria ihn an, doch der Schwarze Saler winkte lächelnd ab.

«Lasst ihn ruhig, er hat ja Recht. Eigentlich heisse ich Alfons Neuhaus, aber alle nennen mich den Schwarzen Saler, also könnt auch ihr mich so namsen.»

«Heisst du so, weil du so eine schwarze Haut hast? Kommst du etwa aus Afrika?», wollte Jakob weiter wissen.

«Jakob!», fuhr Maria ihn an, «seine Haut ist nicht schwarz. Sie ist nur etwas dunkler als unsere. Entschuldige, aber er hat noch nie einen richtigen Schwarzen gesehen.»

«Das macht doch nichts. Der Name kommt tatsächlich davon, weil die Sonne meine Haut so stark gebräunt hat, aber ich komme nicht aus Afrika, Kleiner, keine Angst.»

«Schade!», meinte Jakob, nahm sich ein Stück Brot und wollte herzhaft hineinbeissen, doch Maria schlug ihm auf die Finger, so dass das Brot seinen Händen entfiel.

«Das Tischgebet, Jakob!», herrschte sie ihn an.

Jakob tat, wie ihm geheissen. Er faltete artig die Hände und sprach:

«Jedes Tierlein hat sein Essen,

jedes Blümlein trinkt von dir,

hast auch unser nicht vergessen,

lieber Gott, hab Dank dafür.»(***1)

«Amen», kam es aus allen drei Kehlen.

«Darf ich jetzt, Mama?»

Maria nickte und nahm sich selbst einen Kanten Brot und ein Stück Käse. Eine Weile lang war es still, während die drei assen, und nur das Ticken der Kuckucksuhr an der Wand war zu hören. Schliesslich brach Maria das Schweigen: «Ich hörte, der frühere Pächter des Hofes sei gestorben? Woran denn?»

Über das dunkle Gesicht des Schwarzen Salers legte sich ein noch dunklerer Schatten. Erst schien es, als wolle er nicht antworten, doch schliesslich rang er sich doch noch zu einer Antwort durch.

«Er war … alt», sagte er. Es schien beinahe, als hätte er etwas anderes sagen wollen, doch Maria war feinfühlig genug, zu merken, dass das Thema dem Knecht nicht behagte, und so beliess sie es dabei, und beide versanken wieder in Schweigen.

Schliesslich waren das Brot und der Käse aufgegessen, und der Schwarze Saler erhob sich.

«Habt ihr alles, was ihr braucht, oder fehlt es euch noch an etwas? Decken habe ich euch schon hingelegt.»

«Nein, wir haben fürs Erste alles, danke», antwortete Maria und stand ebenfalls auf.

Der Schwarze Saler trug die Teller und das Holzbrett in die Küche und rumorte dort eine Weile herum. Dann trat er mit dem grossen Gepsi wieder in die Wohnstube. Das Gefäss war nun bis unter den Rand gefüllt mit Schlagrahm.

«Ich wünsche euch eine gute Nacht», brummte er und machte Anstalten, das Haus zu verlassen.

«Was willst du denn mit der vielen Nydla?», wollte Maria wissen.

Der Schwarze Saler drehte sich langsam um und machte den Mund auf. Dann schloss er ihn wieder und sah etwas hilflos von Maria zum Gepsi und wieder zurück.

«Ich … das ist …», begann er unbeholfen. Er schien sich plötzlich sichtlich unwohl zu fühlen. «Hat man Euch das denn nicht gesagt, als man Euch den Hof gezeigt hat?»

«Was gesagt?»

«Dass … die Nydla für die Zwerge ist. Das wird hier seit Generationen so gehandhabt. Schon der vorherige Pächter hat den Zwergen jeden Abend ein Gepsi voll Nydla hinausgestellt, und wie er mir erzählte, auch der Pächter vor ihm.»

Maria wusste im ersten Moment nicht recht, ob der Knecht sie auf den Arm nahm.

«Für die Zwerge? Das ist doch wohl nicht dein Ernst, oder?»

«Lasst es mich erklären! Die Zwerge helfen uns dafür, und es ist ein geringer Lohn für ihre Hilfe, glaubt es mir. Sie helfen uns im Geheimen, das Vieh zu hüten. Schon manche Ziege, die von ihrer Weide verschwunden ist, haben sie zurückgebracht, manches Heu, das unmöglich vor dem nächsten Gewitter eingebracht werden konnte, stand plötzlich säuberlich aufgereiht im Tennboden und …»

«Und natürlich hast du sie schon gesehen?», warf Maria spöttisch ein.

«Nein, ich …», dem Schwarzen Saler schien es immer unwohler in seiner Haut zu werden, «gesehen hat sie noch niemand. Sie wissen sich zu verbergen, sich ungesehen unter uns zu bewegen, doch stets ist am nächsten Morgen das Gepsi leer und …»

«Natürlich ist es leer, du Holzkopf! Füchse, Marder und Dachse werden ihre helle Freude daran haben! Wie kann man nur so einfältig sein! Ich wusste ja, dass ich hier in eine etwas hinterwäldlerische Ecke ziehe, doch dass es so schlimm ist, hätte ich wahrlich nicht gedacht! Stell das Gepsi wieder in die Küche. Diese Nydla können wir besser gebrauchen als die Tiere.»

«Aber …»

«Kein Aber! In die Küche damit!»

Der Schwarze Saler sah sie noch einen Moment lang trotzig an. Schliesslich senkte er den Blick und schlurfte mit dem Gepsi in die Küche zurück, wo er es mit einem lauten Knall auf den Boden stellte. Sie konnte ihn in der Küche murmeln hören: «Das ist nicht gut, Ihr werdet schon sehen, das wird nicht gut!»

Als er wieder in das Wohnzimmer trat, wollte Maria gerade die Kerze auf dem Pùfett ausblasen, doch der Schwarze Saler war mit zwei grossen Schritten bei ihr und stellte sich zwischen sie und die Kerze.

«Was soll das?», empörte sich Maria.

«Das ist das Armseelenlicht, ein Licht in der Dunkelheit für die armen Seelen. Es muss die ganze Nacht hindurch brennen, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Keine Angst, ich kümmere mich darum», fügte er noch hinzu, als er bemerkte, dass Marias Blick sich verfinsterte.

«Wo bin ich eigentlich hier gelandet?», begann Maria zu toben. Sie konnte es nicht glauben. Da stand dieser grosse, starke Mann und glaubte an all diese Ammenmärchen! «Zwerge und arme Seelen! So ein Unsinn! Diese Kerze können wir uns gewiss sparen, und mit dem gesparten Geld können wir Klügeres anstellen.»

«Aber …»

«Ich fasse es nicht, dass ein junger Mann wie du an solchen Unsinn glaubt! Ab heute weht hier ein anderer Wind! Keine Zwerge und keine armen Seelen, die unsere Arbeit verrichten! Wer eine Arbeit getan haben will, der muss es selbst tun, pflegte mein Vater stets zu sagen, und so will ich es auch halten!»

Maria schob den Schwarzen Saler zur Seite und blies die Kerze aus. Dunkler Rauch erhob sich langsam zur Decke hin. Doch ehe er sich in der Luft auflöste, schien er sich plötzlich zu verdichten. Formen schienen sich zu bilden und wieder aufzulösen: Verzerrte, wütende Fratzen, die Maria anklagend anblickten. Maria blinzelte überrascht, und der Rauch löste sich in Luft auf.

Der Schwarze Saler sog wütend die Luft ein, starrte Maria noch einen Moment lang an und verschwand dann, ohne ein weiteres Wort von sich zu geben, nach draussen.

«Ist der Riese nun wütend auf uns?», fragte Jakob, der den Streit bisher still und mit grossen Augen mitverfolgt hatte.

«Nein, mein Kleiner, keine Angst.» Aber die Gesichter im Rauch sind es vielleicht, wisperte eine Stimme in ihrem Inneren leise. Maria schüttelte ärgerlich den Kopf. Bildete sie sich nun schon Dinge ein, weil ein dummer Knecht versuchte, sie von seinem Aberglauben zu überzeugen? Lächerlich!

«So, und nun musst du ins Bett», sagte sie bemüht ruhig.

«Ich will aber nicht schon jetzt ins Bett!»

«Fang jetzt nicht wieder damit an, Köbu! Wir hatten eine Abmachung! Ich nehme dein Bett mit, und dafür weigerst du dich nicht mehr jeden Abend, ins Bett zu gehen! Wir haben abgemacht, dass wir hier neu beginnen!»

«Ich will aber nicht!» Jakob starrte Maria trotzig an. «Ich will die vielen Zimmer anschauen und mein Spielzeug auspacken und …»

«Mir ist es gleichgültig, was du willst!», schrie ihn Maria an. Jetzt auch das noch! Nach dem störrischen Knecht nun auch noch das ewig gleiche Theater mit ihrem Sohn! «Morgen ist auch noch ein Tag. Du wirst jetzt sofort ins Bett gehen!»

«Nein!» Jakob stand auf und rannte davon, direkt auf die Haustüre zu.

«Wag es ja nicht …», begann Maria, doch da hatte Jakob die Türe schon aufgemacht und war in der dunklen Nacht draussen verschwunden. Maria setzte ihm nach und fing ihn schon nach wenigen Schritten ein.

«Mach das nie mehr, Köbu, hörst du?» Maria schüttelte ihren Sohn und versetzte ihm eine Ohrfeige, so dass er zu weinen begann. «Es ist gefährlich, nachts alleine da rauszugehen! Wenn du dich verirrst, erfrierst du mir hier draussen!»

«Das ist mir egal», schluchzte der Kleine. Maria trug ihren Sohn ins Haus und warf hinter sich die Türe ins Schloss.

Einen Steinwurf vom alten Hof entfernt stand eine hochgewachsene, dunkle Gestalt im Schatten der ersten Bäume am Waldrand und beobachtete das Geschehen. Noch lange waren das Geschrei der Mutter und das Geschluchze des Kleinen zu hören. Als es nach einer gefühlten Unendlichkeit endlich ruhig wurde, und die letzten Lichter im Haus erloschen, drehte sich die Gestalt um und verschwand mit grossen Schritten im Wald.

(…)

(Zum nächsten Teil)

(1***Traditionelles Tischgebet)

Glossar (in alphabetischer Reihenfolge):
Aba – Ach was, nicht doch, Ausruf der Ablehnung, der Gleichgültigkeit
Anken – Butter
Brüeli – Schreihals, Schreier
Chapeau – Aus dem Französischen („Hut“), Ausdruck für „vor jemandem den Hut ziehen“, jemandem seine Ehrerbietung zeigen
Chlapf – Ohrfeige
Fäärlimoora – Fluchwort, Bedeutung: Mutterschwein
Fläri – Ohrfeige
Fueder – Fuder, Wagenladung
Gepsi – Aufrahmgefäss zur Rahmbildung der Milch
Gnaagen – Nagen, mit den Zähnen Fleisch von einem Knochen reissen
Hiimetli – Heimwesen, Bauerngut
Hümublaui – Schwyneschwarta ù d Chue chauberet ùf ùm
Häppereblätz – Umgangssprachliche Fluchtirade
Kilter – Kiltgänger, abendlicher Besucher, Freier
Määs – Grosses Gefäss (besonders für Getreide und Früchte) mit ca. 15-20 Liter Volumen
Misere – Vom Französischen „misère“ für „Schlamassel“, „Elend“
Namsen – Nennen, benennen
Nydla – Schlagrahm, Schlagsahne
Partu – Aus dem Französischen „partout“ („überall“) für „absolut, um jeden Preis, unbedingt“
Pùfett – Aus dem Französischen („buffet“), Möbel für verschiedene Dinge wie zum Beispiel Geschirr oder Bücher
Santihanstag – Geburtstag und Ehrentag des Heiligen Johannes (der Täufer), der 24. Juni
Schopf – Holzschuppen
Tennboden – Oberbühne der Scheune
Unkommod – Unbequem, ungemütlich
Verlocht – Umgangssprachlich für „vergraben“
Welscher – Ein Französischsprachiger, jemand aus der französischsprachigen Schweiz

Copyright © 2012 by Thomas Vaucher

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

WER WISSEN MÖCHTE, WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT, ERFÄHRT DIES IN FOLGENDEM BUCH:

Thomas Vaucher
Hutätä

Senseland Verlag, N. N., Schweiz, 12/2012
HC mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Dark Fantasy
ISBN 978-3-03718-720-3
Titelgestaltung und Illustrationen im Innenteil von Ingo Römling
Karte von Thierry Fontana

www.thomasvaucher.ch
www.hutaetae-musical.ch
www.monozelle.de

Leider über keine der üblichen Verkaufsplattformen erhältlich. Bitte direkt beim Verlag oder Autor bestellen.  (Anm. d. Redaktion)

Titel (auf Wunsch signiert) erhältlich beim Autor

„Wüuda Jieger, Hutätä,
i wüu dier dini Antwort gää.
Dùnku, mächtig, regierschù d Nacht,
tuusig Hünn si dini Strittmacht.
Wüuda Jieger, Hutätä,
König vo de Nacht.“

Maria Cottings Sohn verschwindet nachts – für sie steht fest, dass nur der Nachtjäger Hutätä ihn entführt haben kann. Zuvor war Maria mit ihrem Sohn Jakob an ihrem neuen Hof angekommen. Dort wartet schon ihr Knecht, der Schwarze Saler (Alfons Neuhaus), auf sie, den sie sofort damit konfrontiert, dass fortan ein anderer Wind herrschen wird, als sie merkt, dass er an so manches Ammenmärchen glaubt. Marias Mann ist vor zwei Jahren gestorben, seither will Jakob nicht mehr schlafen, und es gibt jeden Abend einen Kampf zwischen seiner Mutter und ihm. Maria ist durch das entbehrungsreiche Leben hart gegen sich und andere geworden.

Von dem Schwarzen Saler hört sie zum ersten Mal von dem Hutätä, dem Nachtjäger,  dem Scharzen Mann, der kleine unartige Kinder raubt. Damit Jakob folgsamer wird, will Maria ihm die Geschichte des Hutätä erzählen, und sollte das keinen Eindruck auf ihren Sohn machen, will sie mit ihrem Knecht, der sich als Hutätä verkleiden soll, Jakobs Entführung fingieren, um ihn gehorsamer zu machen – doch Letzteres geht alles gehörig schief, denn Jakob wird tatsächlich von dem Hutätä entführt, und seine Mutter fühlt sich fortan schuldig. Zusammen mit dem Knecht macht sie sich sofort auf die Suche nach ihrem Sohn. Dabei begegnen sie dem Geist des Ritters Velga und kehrt unverrichteter Dinge auf dem Hof zurück. Dort taucht ein leibhaftiger Zwerg auf. Maria dämmert immer mehr, dass an den von ihr so belächelten ‚Ammenmärchen‘ mehr dran ist, als sie bisher geglaubt hat. Auf der weiteren Suche nach ihrem Sohn erlebt sie noch etliche Überraschungen – doch die größte Überraschung ereilt sie zum Schluss dieser ungewöhnlichen Novelle, die auf überlieferten Sagen aus dem freiburgischen Senseland basiert.

Mehr sei über die Handlung nicht verraten, außer dass es im Anschluss daran noch eine Danksagung, ein Glossar, eine Zitate-Übersicht und eine Liste der Sagen, die vollständig in der Handlung vorkommen, und eine Liste, aus welchen Sagen einzelne Elemente/Figuren vorkommen, gibt. Das hübsche  Hardcover ist insgesamt sehr schön aufgemacht – u. a. mit Innenillustrationen, die sehr gut zum Duktus der Erzählung passen. Und es stört auch nicht, da es sich ja um Sagen aus der Schweiz handelt, die einfließen, und dass das Lektorat den für die Schweizer bekannten übergebührlichen Gebrauch des „ss“ nicht angeglichen hat.

Der Autor Thomas Vaucher ist gleichzeitig auch Musiker (Keyboarder) der Metal-Band Emerald. Mit dem „Hutätä“-Projekt beweist er wieder einmal, wie eng Literatur und Musik verbunden sind, denn er ist natürlich auch in das „Hutätä“-Musical involviert. Mehr darüber auf: www.hutaetae.ch

Eine unterhaltsame Novelle, in die Sagen aus dem Senseland eingeflossen sind!

Copyright © 2013 by Alisha Bionda (AB)

Titel (auf Wunsch signiert) erhältlich beim Autor

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4 Comments

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  1. So, 8 Stunden Arbeit für alle vier Teile, hoffentlich hat es sich gelohnt. Was meint Ihr? Bedenkt bitte, dass der Autor Schweizer ist und dort in der Schweiz etwas andere Rechschreibregeln gelten! 😉

  2. Der Autor bedient sich einer reizvollen Sage aus dem Schweizer Senseland, die er zu einer spannenden, nachvollziehbaren Novelle verarbeitet hat. Die Sprache ist passend gewählt und wortgewaltig. Erfreulicherweise erklärt ein Glossar verschiedene Begriffe aus dem ‘Schwyzerdütsch’, falls man diese nicht kennt oder ihren Sinn dem Satz nicht entnehmen kann. Es sind nur so viele, dass sie die Atmosphäre der Erzählung transportieren, ohne den Lesefluss zu hemmen. Der Auszug und die positive Rezension von Alisha Bionda machen Lust auf mehr – auf das Buch und weitere Erzählungen von Thomas Vaucher!

  3. Vielen Dank Irene für die netten Worte, freut mich, dass dir der Auszug gefallen hat.
    Beste Grüsse
    Thomas

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