sfbasar.de

Literatur-Blog

HEXENFEUER – Kurzgeschichte von Petra Weddehage

HEXENFEUER

Kurzgeschichte

von

Petra Weddehage

 

„Ich sah des Nachts, wie der schwarze Reiter an die Tür der Hexe klopfte. Sein Roß war schwarz wie des Teufels Seele. Aus den Nüstern des Dämonentieres kamen Feuer und Rauch. Gar seltsame Geräusche erklangen später in ihrem Hause. Vor Anbruch des neuen Tages war er wieder verschwunden“, sagte die alte Vettel. Bei ihrem Gerede hatten die Zuhörer schaudernd den Atem angehalten.

Einige Blicke, vor allem die der Männer, fielen lüstern oder hasserfüllt auf die Angeklagte. Stolz stand sie vor ihnen. Ihr einst hüftlanges, lackschwarzes Haar war bis zum Nacken gekürzt. So kamen ihre zarten Gesichtszüge, die elfenhaft schön wirkten, sogar noch besser zur Geltung, was den Unmut einiger junger Dorfmädchen erregte. Ihr wohlgerundeter Körper, jetzt von Flecken und Wunden verunziert, schimmerte durch ihr weißes Büßergewand. Die Männer schauten gierig auf ihren Leib, und manch einer malte sich aus, was er mit der Hure des Teufels anstellen würde, wenn er ihr Wächter gewesen wäre. Das feingemeißelte Gesicht mit dem Porzellanteint wirkte starr und maskenhaft. Nur die Augen der Gefangenen ließen ahnen, wie viel Schmerz und Demütigungen sie hatte erdulden müssen. Doch trotzig richtete sie sich auf, und ihre strahlend blauen Augen verströmten den Stolz darauf, die Wahrheit gesagt zu haben und sich nicht auf ein Geständnis einzulassen, das ihrer ganzen Lebensphilosophie widersprach.

„Wie lange geht dieses unzüchtige Verhalten schon vor sich?“, fragte der Richter die Alte, deren zahnloser Mund sich zu einem grausamen Lächeln verzog. „Schon einige Monde beobachte ich ihr Treiben. Seither starb ein Neugeborenes. Es war allerdings besser für das Kleine, es sah furchtbar entstellt aus. Die Kühe geben nur noch wenig Milch, und das Korn verfault auf den Feldern. Gestern Nacht sah ich sie auf einem Besen durch die Lüfte reiten, und sie sang ein Lied, um ihren Liebsten zu sich zu locken.“

Sie verstummte und war sich gewiss, dass aller Augen auf ihr ruhten. Da sprach der Richter: „Jana, Tochter der Elsea, hiermit bist du schuldig der Hexerei und Buhlerei mit Höllengeschöpfen. Dein unzüchtiges Treiben mit dem Teufel wird ein Ende haben. Ich verurteile Dich zum Feuertod. Hast Du noch etwas zu sagen?“

„Ich bin unschuldig. Das Kind kam zu früh auf die Welt, daher war seine Gestalt seltsam anzusehen. Die Kühe geben weniger Milch, da sie nichts zu trinken und fressen haben. Das Korn verdorrt, weil es erst zu heiß war und uns dann der Regen die Ernte verdarb. Ich bin keine Hexe, wenn ich zaubern könnte, wäre ich doch nicht hier“, kam es noch einmal zornig aus dem Mund der jungen Frau. Doch sie wusste, dass nichts diesem schrecklichen Treiben Einhalt gebieten konnte.

„Oh, Liebster, wo bist Du nur?“, fragte sich die junge Frau verzweifelt. Es schien kein Entrinnen zu geben.

Noch am selben Abend wurde das Urteil vollstreckt. Die alte Vettel näherte sich heimlich der Gestalt, die an den Pfahl gebunden war und stieß ihr ein Messer in den Rücken. Dabei sagte sie leise: „Verzeih mir, er ist mächtiger als ich.“ Die Gestalt zuckte noch ein wenig und blieb dann still. Niemand bemerkte die Tat der alten Frau, und als das Feuer verlosch, war auch der Mord nicht mehr nachweisbar.

Niemand sah, wie des Nachts ein dunkel gekleideter Fremder zu der verleumderisch redenden Frau ging. Sie fiel auf die Knie und sagte „Mein K…, mein Herr, ich tat was Ihr mir befahlt, doch sie musste nicht lange leiden, mein Messer fand sein Ziel.“ Der Mann gab ihr keine Antwort, aber ein Beutel Gold wechselte seinen Besitzer, und noch in derselben Nacht verschwand die alte Frau spurlos. Keiner sollte je etwas von diesem unheiligen Handel erfahren.

Zwei Tage später ritt der Sohn des Königs durch das Dorf. Er sah, dass Janas Hütte von fremden Leuten bewohnt wurde und fragte den neuen Besitzer nach ihr. „Die Hexe ist tot, Herr“, bekam er zu hören.

Die Blicke des Prinzen gingen erschüttert zum Scheiterhaufen, dort aber befand sich nichts mehr, dass ihm über das Schicksal seiner Geliebten Aufschluss geben konnte. Die Asche hatte man schon entfernt und in ungeweihtem Boden vergraben. Eine Träne rollte Misko über die Wange, und er begab sich schweren Schrittes zu dem einzigen Menschen, der ihm die Wahrheit sagen konnte. Der Richter erzählte dem Prinzen, dass Jana aufgrund der Anschuldigungen der alten Esra verurteilt worden war. Er gab ihm die abgeschnittenen Haare Janas, nun, da er wusste, dass diese die Braut Miskos war. „Heute wollte ich sie holen“, sagte der Prinz, bevor er ging. Der Richter sah ihm erschüttert nach.

***

Als Misko vor die Hütte des Richters trat, erwartete ihn dort ein junger Bursche, der gerade erst seine Barthaare bekommen zu haben schien. Flüsternd fragt er ihn: „Seid Ihr Misko?“ Als der Prinz bejahte, zog ihn der Jüngling erstaunlich kräftig in den Schutz einer Hütte. „Verzweifelt nicht und lasst Euch bitte nichts anmerken, wenn ich Euch jetzt etwas Wichtiges sage“, hub der junge Mann zu sprechen an. Erstaunt hörte Misko, was ihm sein Gegenüber erzählte, und ein hoffnungsvolles Leuchten begann, seine Augen zum Erstrahlen zu bringen. Der Prinz gab dem Jüngling ein Pferd und ritt mit ihm und seinen wenigen Getreuen davon.

Im Wald hielten sie an einer Hütte, die gut versteckt lag, so gut, dass nicht einmal die Dorfbewohner von ihrer Lage wussten. Misko und sein Führer traten hinein, und dort sah er seine Geliebte unverletzt am Feuer sitzen. Glücklich schlossen sie einander in die Arme. „Wie bist du entkommen?“, fragte der Prinz seine Braut voller Freude und Neugier. „Dank meines Bruders“, hörte er da die Stimme des Jünglings, die sich auf einmal unmerklich verändert hatte. Erstaunt erkannte er, dass ein Mädchen vor ihm stand und kein junger Mann. „Ich bin Brigitte und selber eine Kräuterkundige. Immer wenn ich höre, dass jemand zum Tode verurteilt wird, weil man ihn der Hexerei beschuldigt, versuche ich zu helfen. Diesmal war es leicht; ich betäubte Janas Wärter mit Wein, so dass er ihr kein Leid antun konnte. Die blauen Flecken und Knuffe brachten Jana und ich ihr bei, da es ja echt aussehen musste. Mein Bruder ist Leichenbestatter und wohnt in einem anderen Dorf. Dort war eine junge Frau mit dunklem Haar vor kurzem an einer schlimmen Krankheit gestorben, und er sollte sie weit weg beerdigen, da alle Dorfbewohner Angst davor hatten, sich anzustecken. Also nahm das arme Mädchen den Platz deiner Verlobten ein. Niemand hat gemerkt was geschah.“

Der Prinz war außer sich vor Freude und versprach Brigitte, die sich oft verkleiden musste, bei ihrem Vorhaben zu helfen, andere vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, wie es seine Braut fast erfahren hätte. Zuerst allerdings wollte er wissen, wer hinter dem furchtbaren Mordversuch steckte. Die alte Frau war schnell gefunden, da musste er nur der Spur des Geldes folgen. Entsetzt erkannte er sein altes Kindermädchen Esra wieder. Sie erzählte ihm unter Tränen die ganze Wahrheit. „Euer Vater selbst befahl mir, so zu handeln. Er drohte mir, meine Kinder und Enkel zu töten, wenn ich nicht gehorche“, wimmerte sie. Misko und Jana verziehen der alten Frau und gingen daran, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Immer öfter hörte man im Land nun die Geschichte von Helfern, die junge Leute, Kinder oder alte Menschen vor dem Feuertod erretteten und ihre Unschuld bewiesen.

***

König Janos wartete vergeblich viele Jahre auf die Rückkehr seines einzigen Sohnes. Erst nach dessen Tod kam Misko zurück und übernahm die Regentschaft. Zusammen mit seiner wunderschönen Frau, die ihm mehrere Söhne und Töchter gebar, regierte er klug und gerecht. Nie vergaßen sie aber das Leid, das Jana erfahren hatte, und so erließ der neue König ein Gesetz, wonach es unter Strafe gestellt wurde, andere Menschen der Hexerei zu bezichtigen. Mit dieser neuen Gesetzesvorlage machte er sich nicht nur Freunde…, aber das ist eine andere Geschichte.

Copyright (C) 2013 by Petra Weddehage.

Bildrechte: Coverillustration “Märchen” (nixe01.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildrechte: “Sagen” (Zeichnung-Sagen.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Lucado, Max
Die Kinder des großen Königs & Die Melodie des Königs

Legenden und Weisheitsgeschichten

Verlag :      Brunnen
ISBN :      978-3-7655-4182-7
Einband :      kartoniert
Preisinfo :      7,99 Eur[D] / 8,30 Eur[A] / 11,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 15.12.2012
Seiten/Umfang :      128 S. – 18,6 x 12,0 cm
Produktform :      B: Geklebt
Erscheinungsdatum :      1., TB-Auflage 01.2013
Gewicht :      138 g

„Wenn du etwas wirklich Wichtiges sagen willst, erzähle eine Geschichte.“
Max Lucado tut das meisterhaft. In einprägsamen Bildern erzählt der Bestsellerautor Geschichten vom Anfang der Welt, von Gott und Mensch, von Sünde und Erlösung. Dabei malt er die Botschaft von der Liebe Gottes zu seiner Welt in bunten Farben. Seine Weisheitsgeschichten beantworten eindrucksvoll die wichtigste Frage, die es gibt: Wie wird man ein glücklicher Mensch?

Lucado steht als Pastor im Gemeinde- und Rundfunkdienst und arbeitet als Schriftsteller. Er hat 3 Töchter und lebt mit seiner Frau in San Antonio/Texas.

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

5 Comments

Add a Comment
  1. Ab und an warte ich darauf das jemand schreit: Verbrennt die Hexe!!!
    Meist wenn ich es wage anderer Meinung zu sein als mein Gegenüber. Grins

  2. Weshalb Frauen ja auch ihren kleinen schon sehr früh den Spruch: „Backe, backe Kuchen“ beibringen, oder? 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme