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HANNI – Eine Short Story von Rüdiger Heins

 

 

HANNI

Eine Short Story

von

Rüdiger Heins

 

 

In Kreuznach angekommen war sein Hunger so groß, dass er im ersten Wirtshaus, das er sah, einkehrte. Der Wirt, skeptisch angesichts der heruntergekommenen Erscheinung des Gastes, fragte, ob er denn auch zahlen könne.

Freilich kann ich zahlen, wenn ich wollte, könnte ich die ganze Wirtschaft aufkaufen. Du willst mir wohl nicht glauben?“

Detrois zog ein paar Scheine aus der Hosentasche, knallte sie verärgert auf den Tisch und sagte, ohne den Wirt eines Blickes zu würdigen:

Genügt das für die Bestellung? Dann bring mir das Beste, das deine Küche zu bieten hat. Aber bring mir kein Grünzeugs!“

Der Wirt warf kurz einen Blick auf das Geld, wischte dann mit einem schmierigen Lappen über den Tisch und ging in die Küche. Seiner Frau gab er die Anweisung, dass ein Gast Schweinshaxe mit Kartoffeln bestellt habe.

Der will aber kein Gemüse.“

Nachdem Detrois mit Genuss eine Zigarette geraucht hatte, fühlte er sich etwas besser. Sein Zittern, das von der Kälte und der Nässe herrührte, ließ nach. Die Kleider waren immer noch feucht, aber das störte ihn nicht weiter. Von den Stiefeln fielen dicke Schlammklumpen ab, die sich auf den Holzdielen unter seinen Füßen verteilten. Der Wirt, der ihm ein Bier brachte, blickte ärgerlich unter den Tisch und gab Detrois zu verstehen, dass er sich draußen seine Füße hätte abtreten können.

Du kannst es ja auf die Rechnung setzen!“

Das kannst du aber glauben, dass ich das auf die Rechnung setzen werde!“

Mit einem verächtlichen Blick ging der Wirt in der Küche.

Erst jetzt bemerkte Detrois die Frau am Nebentisch. Ihre äußere Erscheinung wirkte ungepflegt. Sie machte einen schlampigen Eindruck. Vielleicht ist das eines dieser Weiber, fantasierte er, die für ein paar Mark herumzukriegen sind. Detrois betrachtete die junge Frau eine lange, eine viel zu lange Weile, blinzelte ihr verstohlen zu, wenn sich ihre Blicke trafen. Er war aber nicht dazu in der Lage, sie anzusprechen. Sie schien nicht viel älter zu sein als er. Neben ihr saß ein derber Bursche mittleren Alters mit einigen Tätowierungen auf den Armen. Ununterbrochen rauchte der Zigaretten, glotzte blöd in die Luft und bestellte beim Wirt ein Bier nach dem anderen. Die junge Frau, die ihn aufforderte, ihr ein weiteres Bier auszugeben, wimmelte er ab:

Wasch dich erst mal, du dummes Flittchen, du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dir noch einmal ein Bier bezahle.“

Du wärst noch einmal froh, wenn du mir ein Bier ausgeben könntest. Ich pfeife auf deinen Großmut, du wirst schon sehen, was du von deinem Geiz hast!“

Verschwinde, du dumme Hure, hau ab, sonst kriegst du, was du verdienst!“

Mit diesen Worten sprang der Begleiter der jungen Dame wütend auf, warf ein paar Geldstücke auf den Tisch und verließ die Gaststube. Laut krachend fiel die Gasthaustür hinter ihm ins Schloss.

Die junge Frau warf Detrois einen fragenden Blick zu. Dieser verstand sofort und gab dem Wirt die Order, der Dame am Nebentisch ein Getränk ihrer Wahl zu bringen.

Bring ihr auch ein gutes Essen!“

Sehr schnell verstand sie diese Einladung als Aufforderung. Mitten im Satz stand sie auf und ging zu Detrois, um dort direkt neben ihm Platz zu nehmen.

Hast du jetzt endlich einen Dummen gefunden, den du ausnutzen kannst?“, rief ihr einer der Gäste hinterher.

Halt deine Klappe …“

Detrois genoss die Nähe der fremden jungen Frau. Er spürte ihren warmen Körper an seinem. Mit einem Knie berührte sie ihn. Detrois wirkte verlegen und wusste zunächst nicht, was er sagen sollte. Trotzdem konnte er es nicht lassen, die Frau von oben bis unten anzuschauen. In seinen Gedanken stellte er sie sich nackt vor. Weil er in seinem Leben bisher nur wenige nackte Frauen gesehen, geschweige denn angefasst hatte, versuchte er seine Unsicherheit zu kaschieren.

Lässig blies er den Qualm seiner Zigarette aus den Mundwinkeln, berührte unter dem Tisch mit seinem Schenkel den ihren und versuchte so, seine Schüchternheit zu verbergen. Er durchbrach das Schweigen mit einem:

Wie heißt du denn?“

Hanni, du kannst mich Hanni nennen.“

Ich heiße Toni, alle nennen mich so. Du kannst ruhig Toni zu mir sagen.“

Hanni rückte jetzt noch dichter an ihn heran. Er roch ihr Parfüm. Vorsichtig berührte er mit einer Hand ihren Po, spürte ihre festen Backen in seiner Hand liegen. Sie erregte ihn. Das machte ihn sprachlos.

Gewiss träumte er hin und wieder davon, sich mit einer Frau zu vereinigen. Doch es blieb immer nur bei seinen nächtlichen Träumen, die mit Feuchtigkeit zwischen den Beinen endeten. Im Alltag hatte es für ihn nur wenige Gelegenheiten gegeben, die er hätte wahrnehmen können.

Die Geschichten, wie man mit einer Frau im Bett umzugehen hatte, kannte er nur aus den Erzählungen der Männer aus seinem Dorf. Toni hörte ihnen gut zu, weil er sich nicht dumm anstellen wollte, wenn es so weit sein würde. Er wusste, dass man in die Scheide einer Frau eindringen konnte. Ihm war auch klar, dass der Busen einer Frau sich dazu eignete, ihn zu küssen, zu lecken, an ihm zu saugen, ihn zu schmecken.

Der Wirt, der ihnen Schweinshaxen, saure Bohnen und Kartoffelbrei brachte, nahm keine Notiz von der körperlichen Annäherung der beiden; wünschte noch einen „guten Appetit“ und machte sich dann wieder am Tresen zu schaffen.

Mhhm, das schmeckt ja wunderbar!“

Detrois konnte sich nicht beherrschen. Gierig verschlang er den Kartoffelbrei und biss genussvoll in die saftige Haxe. Hanni, die mit einem so vorzüglichen Essen nicht gerechnet hatte, konnte sich ebenfalls nicht zurückhalten. Zum ersten Mal seit Wochen durfte sie sich so richtig den Bauch vollschlagen. Eilig verschlangen die beiden ihr Essen, als ob jemand da wäre, der ihnen alles wegessen wollte.

Sie bemerkten nicht, dass sich zu dieser vorgerückten Stunde (die Kirchturmuhr hatte schon lange elf geschlagen) niemand mehr in der Gaststube befand.

Der Wirt zeigte seine Ungeduld, indem er in der Küche laut mit den Tellern klapperte. Wenig später wischte er mit einem Lappen über die groben Eichenholztische, in denen sich die Spuren der Zeit eingegraben hatten. Kleine Herzchen mit Pfeilen und Initialen waren da in die Eichenbretter geritzt. Er wischte alles auf den Boden, die Essensreste und die Zigarettenkippen auch.

Doch Hanni und Toni schienen von all dem nichts zu bemerken. Zu sehr waren sie mit ihren zärtlichen Spielen beschäftigt.

Sie amüsierten sich hörbar und stellten ihre Zudringlichkeiten immer offener zur Schau. Unvermittelt fragte Anton:

Kannst du mir einmal deinen Busen zeigen?“

Für einen kurzen Augenblick zögerte sie. Es war ein gespieltes Zögern, denn sie kokettierte ein wenig mit ihrer Zurückhaltung, um Toni an der Leine zu halten. Sie lächelte. Blickte ihm dabei tief in die Augen. Dann führte sie langsam die Hände zu ihrer Bluse.

Verlegen lächelte er zurück, während sie einen Knopf nach dem anderen öffnete. Sie wirkte auf ihn nicht nur verführerisch, sie war es. Ihre Brüste fielen prall aus der Bluse. Genauso schnell, wie sie ihren Busen entblößt hatte, ließ sie ihn auch wieder in der Bluse verschwinden.

Gegen Mitternacht, der Wirt war gerade dabei, die Lampen zu löschen, konnte Anton keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Hanni hatte die Situation noch im Griff. Mit verführerischem Unterton fragte sie ihn:

Wo schläfst du denn heute Nacht, Liebster?“

Ich weiß noch nicht genau, bin ja fremd in dieser Stadt, miete mir vielleicht ein Zimmer.“

Er warf einen erwartungsvollen Blick zum Wirt und fragte ihn nach einem Zimmer.

Ja, ich habe noch ein Zimmer für euch frei, aber zuerst zahlst du mir die Rechnung, sonst haust du mir in der Nacht noch mit dieser feinen Dame hier ab!“

Reg dich nicht so auf, du kriegst schon dein Geld!“

Detrois legte einen Geldschein auf den Tisch und sagte:

Hier, der Rest ist für dich!“

Die Gästezimmer befanden sich im oberen Stockwerk des Hauses. Eine Petroleumlampe in der Hand haltend führte sie der Wirt die Treppen hinauf. Bei jeder Stufe, die sie höher stiegen, knarrte das Treppenholz unter ihren Füßen. Hanni, die über ihren Rocksaum stolperte, verlor das Gleichgewicht. Detrois, der hinter ihr ging, konnte sie gerade noch auffangen, verlor dabei aber auch die Kontrolle. Im letzten Augenblick gelang es ihm, sich am rettenden Treppengeländer, mit Hanni im Arm, festzuhalten. Für einen kurzen Moment berührte er mit seinen groben Händen ihren zarten Busen, er tastete ihn ab. Er erregte sich an ihren runden Formen, die sich da unter dem Stoff so prall und üppig in seinen Fingern anfühlten. Sie kicherte. Riss sich dann mit einer hastigen Bewegung aus seiner Umarmung, raffte mit beiden Händen ihren Rock und folgte weiter dem Schein der Lampe.

Der Wirt brachte sie in ein Zweibettzimmer. Der Fußboden, der mit schweren Eichendielen ausgelegt war, roch noch nach frischem Bohnerwachs.

Hanni, deren obere Blusenknöpfe offen standen, ließ sich mit den Kleidern auf eines der Betten fallen. Breitbeinig lag sie da, während sich ihre langen blonden Haare auf dem Kissen verteilten.

Detrois schien wieder nüchtern zu sein. Er stand am Fenster und träumte vor sich hin. Ruckartig öffnete er einen Flügel des Fensters, lauschte dem entfernten Rauschen der Nahe, während Hanni die Schuhe von ihren Füßen in den Raum schleuderte.

Der Fluss lag ruhig in seinem Bett. Ab und zu hörte Detrois ein sanftes Gluckern, das sich harmonisch in die Melodie der Landschaft einfügte. Der Mond, der in einem zarten Buttergelb über dem Flussbett stand, warf mit seinem Schein eine lange Lichtsäule, die bis in die Mitte des Flusses hineinreichte. Zart spielten die Wellen mit diesem Funkeln, verwandelten sein Spiegelbild in bizarre Formen. Bäume, die am Ufer standen, bildeten mit ihren Ästen fantastische Strukturen. Sie erinnerten ihn an die Riesen aus alten Märchen, die ihn durch die verwunschenen Träume seiner Kindheit begleiteten …

Copyright © Text 2017 by Rüdiger Heins

Bildrechte: “Sub-Cover Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) & Eingangsgrafik „Hanni“ © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

 

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WEITERE WERKE DES AUTORS FINDEN SICH IN UNSERER BUCHEMPFEHLUNG:

manchmal das – Kurzgeschichten und Gedichte (Kartoniert)
Kurzgeschichten und Gedichte
von Heins, Rüdiger

Verlag: Wiesenburg Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  123
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Mai 2016
Sonstiges:  Englisch Broschur
Maße:  213 x 139 mm
Gewicht:  190 g
ISBN-10:  3956323947
ISBN-13:  9783956323942


Beschreibung
Meine ersten, ernst zu nehmenden Klangerlebnisse waren Geräusche der Natur: das Rauschen eines Bachlaufes oder das Rascheln der Blätter, durch die der Wind strich, das entfernte Krähen eines Hahnes, das Trommeln der Regentropfen, ja manchmal auch das zarte Summen der Nebel, die im Herbst über den Feldern standen. Der Klang der alten Rathausglocke, wenn sie die Stunden schlug, war jedes Mal ein besonderes Ereignis. Sie schlug einmal für die Viertelstunde, zweimal für die halbe Stunde und so weiter. Besondere Freude machten mir die vollen Stunden um zwölf Uhr am Mittag, und falls ich noch wach war, um Mitternacht. Da schlug die Glocke besonders lange, für mich waren es kleine Konzerte, die meinen Kinderalltag in klingende Kulissen verwandelten. Wenn ich heute diese Glocke höre, klingt ihr Ton schräg. Aber es ist ein schöner, ein schräger Ton, den ich mir sehr gut in einem Konzert von John Cage vorstellen könnte.

Ausschnitt aus dem Interview mit Rüdiger Heins auf sfbasar.de

sfbasar: Lieber Rüdiger, das Erste, was mir auf deiner Website aufgefallen ist, sind die vielen Verlage, bei denen du publiziert hast und ja immer noch tust. Woran liegt das? Ist das deiner Vielseitigkeit geschuldet oder den starren Verlagsprogrammen?

RH: Das liegt daran, dass die meisten Verlage ein Programm haben, dass bestimmte Themenkomplexe bedient. Deswegen suche ich mir jeweils den Verlag, der zu meinem Manuskript passt.

sfbasar: Wenn man also wie du ein sehr breites Spektrum an Arbeiten abliefert, wie gestaltet sich hier die Verlagssuche? Du mußt ja mehr oder minder bei einem neuen Verlag dich selbst immer wieder neu präsentieren, ja, verkaufen und kannst nicht auf Erfolge bei eben diesem Verlag verweisen. Oder steht dir hier eine Agentur zur Seite? Hinweise auf eine solche Unterstützung habe ich nicht finden können.

RH: Einen Verlag zu finden, ist für mich einfach. Aufgrund der Publikationen über meine schriftstellerische Arbeit, bin ich in der Szene kein Unbekannter. Bisher ist es mir noch nicht gelungen bei einem Publikumsverlag zu publizieren. Das liegt aber auch an meiner Ungeduld, denn große Verlage haben eine lange Vorlaufzeit von zwei bis drei Jahren bis zur Veröffentlichung haben.

sfbasar: Du hast auch Theaterstücke geschrieben, z.B. »Visionen der Liebe – Hildegard von Bingen», »Gilgamesch und Enkidu» oder »Allahs heilige Töchter» Ist das für dich eine völlig andere Art zu Schreiben oder gibt es hier Parallelen zu deiner literarischen Arbeit?

RH: Stücke schreiben ist für mich literarisches Schreiben. Beim Stückeschreiben muss ich mich auf das wesentliche im Text konzentrieren. Außerdem habe ich immer die Vorstellung, wie der Text in der Inszenierung wirkt. Das szenische Schreiben überträgt sich auch in die Dramaturgie meiner Prosatexte. Das ist eine gute Ergänzung, damit bekommen die Texte eine spürbare Spannung.

sfbasar: Du besitzt eine wundervoll klare Stimme, so gut wie akzentfrei. Aber auch eine beinahe schon zarte Stimme für einen Mann. Ich habe mir einige Mitschnitte von Lyriklesungen angehört; da paßt sie einfach perfekt. Wie gestaltest du aber deine Prosa-Lesungen? Ist es dir möglich, deinen verschiedenen Protagonisten eine eigene Stimme zu verleihen, ggf. auch einen aggressiven, harten, bedrohlichen Ton anzunehmen oder ist so eine sprachliche Färbung für dich weniger von Bedeutung?

RH: Bei meinen Lesungen habe ich eine kräftigere Stimme. Ich versuch meine Texte wirkunsvoll dem Publikum zu präsentieren. Meine Sprechtechnik bei Lesungen gleicht der Inszenierung eines Hörspiels, bei dem auch das Publikum als Sprechchor mit eingebaut wird.

sfbasar: Apropos Lesungen: Werden die von dem einen oder anderen deiner Verlage organisiert oder liegt das weitgehend in deiner Hand? Welche Marketingmaßnahmen triffst du, um ausreichend Gäste für deine Lesungen anzusprechen? Die Werbung über deine Internetseiten ist sicher wichtig, spricht doch aber nicht immer die regionalen Besucher von Lesungen an; und gerade auf die kommt es ja an. Pflegst du hier zwei Werbe-Strategien? Bundesweit und regional?

RH: Die Bewerbung meiner Lesungen mache ich grundsätzlich selbst, dann weiß ich auch, dass sie gut besucht sind. Werbung von Veranstalten nutze ich ebenfalls, aber das Engagement von Bibliotheken ist sehr gering. Die Werbung in den sozialen- und kulturellen Netzwerken des Internets hat Zukunft. Dort werden Terminankündigungen im Schnellballsystem verbreitet. Das ist regional und überregional die optimalste Strategie, um auf Autorenlesungen aufmerksam zu machen.

sfbasar: Wenn man sich deine Arbeiten anschaut, ist man schlichtweg verblüfft über die Themenauswahl, die dich beschäftigt. Du schreibst einerseits Lyrik, dann wieder Prosa, dazwischen einige Bücher, die sich mit dem Schicksal von an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen (Berber, Penner, Obdachlose, verlorene Kinder, usw.) befassen. Soziales Engagement sticht hier erfreulich heraus. Aber glaubst du, daß man mit der Aufarbeitung von Mißständen in Büchern hier tatsächlich etwas bewirken kann? Wäre hier Straßenarbeit nicht zielführender? Oder siehst du es als deine Aufgabe und Hoffnung an, als Schriftsteller bei all den Normalbürgern einen Sinneswandel wenigstens zu versuchen?

RH: Du hast recht, Straßensozialarbeit und die Nähe zu den Betroffenen wäre besser. Das habe ich auch schon gemacht. Die Nähe zu den Betroffenen hat mich ausgebrannt. Deswegen ist die Form des Publizierens eine Möglichkeit für mich, weiter auf diese Menschen aufmerksam zu machen, damit sich ihre Lebenssituation verbessert. Das Thema an dem ich jetzt arbeite, ist so brisant, dass es mich Kopf- und Kragen kosten könnte. Da geht es um organisierte Menschenrechtsverletzungen. Aus Angst vor Konsequenzen hat darüber noch niemand berichtet. Ich mache das jetzt.

sfbasar: Zu all deinen o.g. Arbeiten bist du auch noch Herausgeber des Online- und Radiomagazins eXperimenta. Du erreichst damit seit 2003 (oder schon früher?) Tausende AbonnentInnen und LeserInnen; aktuell über 18.000!, eine beeindruckende Zahl. Vor allem, wenn man bedenkt, daß der Bezug von eXperimenta kostenlos ist. Kann man so ein Magazin wirklich ausschließlich durch Spenden finanzieren?

RH: Nein, durch Spenden finanziert sich die eXperimenta nicht. Ich stecke einen Teil meiner Honorare in das Magazin. Das mache ich aber gerne, weil das Vernetzen von Lesern, Literaten und Bildenden Künstlern mehr wert ist als Geld.

sfbasar: Eine der jüngeren Ausgabe von eXperimenta hatte das Schwerpunktthema »ZeitRaum» und die Sonderausgabe »Brasilien» befaßte sich – nicht nur – mit dem Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, eben Brasilien. Welche Themen und Features erwarten deine AbonnentInnen in den nächsten Ausgaben?

RH: Grundsätzlich sind wir für alle Themen offen. Gerne können sich auch Literaten, Künstler und Fotografen mit ihren Arbeiten bei uns bewerben (redaktion@eXperimenta.de). Themen der kommenden Ausgaben sind: Farben, zum Beispiel blau, grün und braun. Im Januar beginnen wir mit der »Weißen Ausgabe.» Texte und Bilder beschäftigen sich mit diesen Farbspektren. Bei Anfrage an die Redaktion werden die Themenplanungen für 2014 per eMail zugesandt.

sfbasar: Als wäre das nicht schon genug, unterrichtest du seit 1991 Creative Writing. Wer kommt denn zu deinen Seminaren? Gibt es hier eine bestimmte Klientel oder bietest du Workshops an, die unterschiedliche Genre und Literaturformen behandeln?

RH: Mir kann es gar nicht genug sein. Das höre ich immer wieder: »Du machst so viel.» Mir fällt das gar nicht auf. Ich arbeite gerne. Besonders gerne halte ich die Seminare am INKAS Institut und in der Abtei Himmerod. Meine Seminarangebote richten sich an alle Bevölkerungsgruppen. Ich habe keine Zilegruppe. Oder Doch: Menschen, die den Traum haben, einmal ein Buch zu schreiben.

sfbasar: Du hast Pädagogik und Kulturwissenschaften studiert. War für dich eine Laufbahn als Lehrer in entsprechenden humanistischen Gymnasien oder evtl. sogar an einer Hochschule keine Wahl? Sicher wärst du ein sehr guter Lehrer gewesen; die Rückmeldungen deiner Seminarteilnehmer sind hier eindeutig.

RH: Ich habe den Anspruch ein guter Lehrer zu sein, da wo ich bin. Einer der so ist wie ich hat keine freie Wahl. Er hat nur die Möglichkeit, sich selbst zu organisieren, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das Establishment will mich nicht, weil ich für »abnorm» gehalten werde. Damit habe sie auch recht, denn ich stelle Normen in Frage.

sfbasar: Zu guter Letzt natürlich die Frage nach Projekten, an denen du aktuell arbeitest. Was können wir uns von dir in nächster Zeit und in 2014 erwarten?

RH: Einen Bildband mit der Fotografin Sabine Kress. Bei diesem Projekt habe ich die Himmeroder Mönche interviewt. Ein einzigartiges Projekt wie ich finde. Wir sind ein gutes Team. Fotografie und Text ergänzen sich. Außerdem schreibe ich an einem Roman mit dem Arbeitstitel »Ein Jahr im Jordanland». Hinzu kommt noch das »Geheimprojekt» mit den Menschenrechtsverletzungen.

sfbasar: Lieber Rüdiger, wir danken dir für deine Zeit und deine interessanten Antworten. Wir wünschen dir für alle deine laufenden und kommenden Projekte viel Glück und Erfolg!

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Updated: 3. April 2017 — 15:12

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