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HAINLEINS EXPERIMENTE – Eine utopisch phantastische Kurzgeschichte von Günther K. Lietz (sfb-Preisträger Platz 1 im Storywettbewerb 1/2013 – Geteilter Preis)

Hainleins Experiment

Eine utopisch phantastische Kurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Patrow saß vor den Rechnern der Universität und beobachtete genau, was auf den großen Röhrenmonitoren geschah. Professor Hainleins Experiment lief nun seit mehr als dreißig Tagen, doch erst seit wenigen Stunden lagen tatsächlich messbare Ergebnisse vor. Irgend etwas war anders. Die Computersimulation registrierte eine höhere Aktivität in einer der Galaxien. Um was es sich genau handelte, wusste Patrow nicht zu sagen. Eigentlich war es auch nur eine Nuance, die Patrow bemerkte. Eine winzige Veränderung in den Datenströmen. Eigentlich unbedeutend, aber dennoch signifikant. Im schlimmsten Falle war es ein Fehler im Programm und das Experiment musste abgebrochen werden.

Hainlein und seine Kollegen erhofften sich anhand dieser komplexen Simulation Aufschluss über das Universum. Wie war es entstanden, was machte es aus, wie wirkten die kosmischen Kräfte auf lange Sicht miteinander, könnte es auch auf anderen Planeten intelligentes Leben geben? Die modernen Computer waren in der Lage die nötige Rechenleistung aufzubringen. Viele Jahre waren in der Erstellung der Simulation investiert worden und nun endlich sollte sie Früchte tragen. Für einen Normalbürger waren diese wissenschaftlichen Erkenntnisse allerdings bedeutungslos. In Zeiten von gewaltigen Finanzkrisen sahen sie nur Verschwendungssucht. Aber trotz knapper Finanzdecke hatte Hainlein das Projekt ins Laufen gebracht.

„Neue Ergebnisse?“ fragte Professor Hainlein jovial.

Patrow zuckte zusammen. Sein Chef war leise wie eine Maus und machte sich einen Spaß daraus, an die Angestellten heranzuschleichen. „Nein. Keine ungewöhnlichen Aktivitäten. Nur ein kleiner Fehler in einer der Balkengalaxien. Ich habe es aber aus den Daten herausgerechnet, Herr Professor.“

Hainlein runzelte die Stirn. Seine Stimme war leicht ungehalten: „Herausgerechnet? Ohne mich zu konsultieren? Rufen Sie die Galaxie auf und zeigen Sie mir mal, was Sie da einfach herausgerechnet haben.“

Mit zittrigen Fingern tippte Patrow auf der Tastatur herum. Was bildete sich dieser Mann nur ein, ihn so anzufahren?

Auf dem Monitor zoomte das Programm auf eine Galaxie zu. Daten ploppten kurz auf, verschwanden wieder, wurden durch neue ersetzt. „Stop!“ rief Hainlein aus und tippte auf den Monitor. „Wann haben Sie die ungefragte Modifikation meiner Simulation vorgenommen?“

„Vor einer halben Stunde.“ Patrow war nervös. Falls er doch einen Fehler gemacht haben sollte, würde ihn das seinen Job kosten. Ausgerechnet in diesen Zeiten.

„Spielen Sie das Backup auf, Patrow“, befahl Hainlein und beobachtete, wie Patrows Finger auf die Tastatur des Computers hackten. Dann nickte er zufrieden. „So ist es richtig. Simulation wieder laufen lassen und in die Galaxie rein. Das will ich mir genauer ansehen.“

Patrow nickte. Er hoffte, dass kein Irrtum seinerseits vorlag und Hainlein die Anweisung gab, den Fehler doch wieder herauszurechnen. Stattdessen bekam der Professor große Augen.

„Sehen Sie das, Patrow?“ Er drückte seinen dicken Zeigefinger auf den Monitor. Ein Fettfleck blieb auf dem Glas zurück. „Das ist kein Fehler. Das ist ein Ergebnis.“

„Aha“, sagte Patrow mit trockenem Mund. In Gedanken sah er schon die Kündigung auf seinem Schreibtisch liegen. Aber vielleicht war Hainleins Laune auch gut genug, um die Sache einfach unter den Tisch fallen zu lassen.

„Sie wissen, was das bedeutet?“ fragte Hainlein begeistert.

„Nein“, kam es Patrow tonlos über die Lippen. Er starrte auf den Bildschirm. Irgendwo in seinen Gedanken wusste er vielleicht, was es bedeutet. Aber seine Gedanken waren gerade mit allem anderen, als diesem Experiment beschäftigt.

Hainlein grinste. „Erst einmal, dass Sie gefeuert sind. Niemand spielt an meinem Experiment herum. Herausrechnen? Sie sind ein Idiot, Patrow. Beinahe hätten Sie mich den Ruhm gekostet, den dieses Ergebnis mitbringt. Ich werde Artikel in Fachzeitschriften veröffentlichen. Sie sind dann nicht einmal mehr eine Fußnote.“

Patrow schluckte schwer. Er hatte es geahnt. In einem ersten Anflug von Widerwillen keimte Zorn in ihm auf, aber dann knickte er wieder ein und der Zorn verebbte. Sich aufzulehnen war einfach gegen Patrows Natur. Da sein Schicksal besiegelt war, konnte er jetzt in Ruhe die Daten und Grafiken betrachten.

Mit einigen Tastendrucken speicherte Hainlein das Projekt zwischen. „Sehen Sie mal, in meiner Simulation hat sich tatsächlich Leben entwickelt. Dort auf diesem kleinen blauen Planeten. Eigentlich ein unbedeutendes Sonnensystem. Interessant, oder?“

„Äh, ja“, stimmte Patrow bei und schaltete auf einem weiteren Monitor in den Beobachtungsmodus. Langsam zoomte er heran. Merkwürdige kleine Kreaturen wimmelten Bakterien gleich auf dem Planeten herum. Er drückte auf den schnellen Vorlauf und beobachtete, wie der Planet ordentlich gebeutelt wurde. Aber die kleinen Kreaturen erwiesen sich als ziemlich widerstandsfähig. Das war aber wie auf jedem anderen simulierten Planeten auch.

Patrow sprang zu dem Zeitindex, den sich jetzt auch Hainlein ansah und verstand, was der Professor so interessant fand. Einige dieser Kreaturen hatten sich weiterentwickelt und zeigten Anzeichen von Intelligenz. Sie benutzten Werkzeug, hüllten sich in Kleidung und bauten Unterkünfte. Lustige kleine Viecher, dachte Patrow bei sich.

„Sehen Sie Patrow, wie schnell die Entwicklung voranschreitet? Das könnte die Antwort auf viele Fragen sein, die wir haben. Vielleicht hat unsere Evolution ebenfalls so stattgefunden“, erklärte Hainlein.

„Vielleicht. Aber funktioniert unsere Simulation wirklich perfekt? Das Verhalten könnte aufgrund der Programmierung entsprechend stattfinden.“ Patrow war schon immer ein Zweifler. Hainlein war der Evolutionsbiologe im Team, Patrow der Evolutionsprogrammierer.

Hainlein schüttelte den Kopf. „Wir haben alles richtig gemacht. Was wir hier simulieren, ist echtes künstliches Leben. Sehen Sie nur, Patrow. Hier entwickelt sich eine wahrhaftige Intelligenz. Zwar primitiv, aber dennoch echt. Diese Objekte haben gar keine Ahnung von ihrer Künstlichkeit. Sie leben, so wie wir. Sie sind sich ihrer zwar bewusst, aber sie sind sich nicht unserer bewusst. Das macht meine Simulation ja gerade so perfekt.“

Patrow nickte stumm. Seine Simulation, dachte er. Dabei habe ich die ganze Arbeit erledigt, sogar Überstunden geschoben und die ein oder andere Sache von Hand erledigt, anstatt alles dem Programm zu überlassen. Das war zwar auch gegen die Anweisungen Hainleins, aber Patrow in der Zwischenzeit vollkommen egal.

„Was ist denn das?“ fragte Hainlein tonlos und sprang im Zeitindex auf die aktuelle Entwicklungsstufe und verlangsamte das Programm soweit, dass er bequem die Evolution auf dem Planeten beobachten konnte. „Aha, hier haben es. Diese Nuance. Diese eine Kreaturenart ist in den Weltraum vorgestoßen und hat begonnen, innerhalb des Sonnensystems Veränderungen vorzunehmen. Allgemein ein kriegerisches Völkchen, die Kleinen. Wahrscheinlich brauchen sie Ressourcen, um sich weiterhin gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.“

Hainlein lächelte versonnen. In Gedanken verfasste er bereits seinen Artikel. Kleine Objekte schossen nun zwischen den Planeten umher. Der Professor sah plötzlich verdutzt aus. „Was ist denn das?“ Er rückte mit den Augen näher an den Bildschirm des Monitors heran. „Sie führen keine Kriege mehr. Anscheinend …“, er stockte kurz. „Anscheinend arbeiten jetzt alle an einem großen Projekt. Die Kleinen verlassen ihr Sonnensystem. Zum Glück wächst das Universum in unserer Simulation mit, sobald es nötig ist. Egal wie weit die Kleinen kommen, unser Universum dehnt sich mit ihrem Voranschreiten aus.“

Patrow nickte. Immerhin hatte er mit seiner Programmierung dafür gesorgt. Neugierig sah er zu, wie die Kreaturen in großen Röhren durch den Weltraum flogen und auf unterschiedlichen Planeten landeten. Und dann – explodierten hunderte der Planeten gleißend. Patrow und Hainlein sahen verdattert aus.

„Was ist das denn?“ fragte der Professor, ohne von Patrow eine Antwort zu erwarten. „Das macht doch keinen Sinn.“ Der Professor kratzte sich am Ohr. „Warum nur? Da steckt doch was dahinter. Da, weitere Explosionen. Die sprengen ganze Planeten. Wozu? Das ist doch selbstzerstörerisch. Sie machen sich irgendwann selber kaputt. Außer …“ Heinlein aktivierte ein weiteres Programm. „Die Anordnung ist doch kein Zufall. Das ist …“ Er sah verblüfft aus. „Das ist Mathematik, die universelle Sprache allen intelligenten Lebens.“

„Aber wie sollen die eine Ahnung von unserer Mathematik haben?“ fragte Patrow. „Das sind doch nur Ergebnisse eines Programms. Pixel. Algorithmen.“

Hainlein schüttelte den Kopf. „Unsere Mathematik ist Grundlage ihres Lebens. Immerhin haben wir das Programm auf Grundlage unserer Mathematik erstellt und auch die Physik in ihrer Welt definiert. Also sollten wir in der Lage sein, die richtigen Ergebnisse zu erhalten.“

Aufgeregt sah sich Hainlein die Berechnungen an. „Sie versuchen mit uns Kontakt aufzunehmen“, murmelte er.

„Was?“ Patrow sah den Professor entgeistert an. „Die Viecher? Die sind doch gar nicht echt.“

Hainlein schüttelte den Kopf. „Nicht ganz richtig, Patrow. Nicht ganz richtig. Natürlich, sie sind künstlich. Aber künstliche Intelligenzen. Faszinierend.“ Er sah sich das Ergebnis genauer an. „Sie haben die Planeten gesprengt, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Kleinen sind sich ihrer Künstlichkeit doch bewusst. Sie wissen, dass sie Teil eines Programms sind. Patrow, die Kleinen wissen, dass jemand vor einem Computer sitzt und sie beobachtet. Faszinierend. Das ist ein Meilenstein im Bereich künstlicher Intelligenzen.“

Patrow sah zu Hainleins Monitor hinüber, um sich ebenfalls das Ergebnis anzuschauen, während der Professor auf Pause drückte und abspeicherte. „Schaltet uns nicht ab!“ stand auf dem Bildschirm. Patrow grinste. Was für ein Unsinn, dachte er.

„Wir machen Morgen weiter“, sagte Hainlein. „Ich muss noch einige Anrufe machen. Diese Entdeckung ist einfach großartig.“ Dann schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ach, Sie sind ja gefeuert. Werfen Sie den Schlüssel in den Briefkasten, wenn Sie gehen, Patrow.“ Hainlein eilte aus dem Labor hinaus. „Leben Sie wohl, Patrow. Leben Sie wohl“, rief er noch.

Patrow sah dem Professor verdattert hinterher, dann blickt er auf den Bildschirm. Was soll mir schon passieren, dachte er bei sich. Ich bin ja eh arbeitslos. Unterdrückter Zorn flammte in ihm auf. Er hackte auf einige Tasten und bestätigte dann den Löschbefehl. Dann fang noch mal ohne mich an, du Arsch! Patrow grinste breit, nahm sich seine Jacke und ging ebenfalls. Den Schlüssel warf er beim hinausgehen in den Mülleimer, während hinter ihm ein ganzes Universum im Nichts verschwand.

ENDE

Copyright © 2013 by Günther K. Lietz, all rights reserved

Bildrechte: “Virtuelle Welten” (http://sfbasar.filmbesprechungen.de/wp-content/uploads/virtuelle-welten-cover.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Künstliche Intelligenzen” © 2013 by Karlheinz R. Friedhoff. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite:  http://www.charlys-phantastik-cafe.de/

10 Comments

Add a Comment
  1. Sehr schön, Günther! Ich würde diese Story gerne in unsere Anthologien „KÜNSTLICHE INTELLIGENZEN und „VIRTUELLE WELTEN“ reinnehmen. Du bist einverstanden? 🙂

  2. Ach, suchst du noch eine Leseprobe raus, damit wir was verlosen können, wenn möglich?

  3. Wußte garnicht, dass außer mir auch noch jemand alte Röhrenmonitore benutzt!? 😀

  4. Auch hier fehlt noch immer ein akuteller Buchtipp! Wann kann ich damit rechnen?

  5. Lieber Günther, bitte schau dir nochmal diese Story an, es finden sich einige Umbruchfehler! Ausserdem fehlt auch noch ein Buchtipp.

  6. Wann bekomme ich hier endlich einen Buchtipp, lieber Autor?? Laß mich doch nicht mimmer so oft nachfragen!!

  7. Hier fehlt noch immer der Buchtipp!

    Wann machst du das Günther?

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