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FUSSBALL FOREVER – Eine utopisch phantastische Fußballgeschichte von Miriam Kleve

Fußball forever

Eine utopisch phantastische Fußballgeschichte
von
Miriam Kleve

Curtis lief auf der Stelle und atmete dabei stoßweise. Er bereitete sich auf das Spiel vor und brachte seinen Körper auf Touren. Die Borrussia gegen die Bayern. Ein Klassiker. Und wie immer war das Stadion ausverkauft. Mehr als zweihunderttausend Fans waren vor Ort und jubelten ihrer Lieblingsmannschaft zu. Und viele von ihnen waren nur wegen ihm hier, Curtis, dem Neuzugang aus Somalia.

Das stimmte zwar nicht ganz, aber für die Medien waren alle Schwarzen gleich und Curtis‘ Manager der Überzeugung, dass man mit einem Fußballer aus Somalia mehr Eindruck schinden konnte, als mit einem Afrodeutschen aus Warschau. Die Biographie wurde entsprechend angepasst und aus Lutz Krabowsky wurde Curtis Hassan Isak aus Somalia, ehemaliger Kindersoldat, gerade einmal volljährig und schlechtes Deutsch sprechend. Ein Spieler, der aus dem Nichts kam und sich innerhalb kurzer Zeit nach oben schoss, in die Herzen der Fans.

Curtis bestätigte dem Stadioncomputer seine Identität mit einem Fingerabdruck und einem Retinascan, dann wurde auch schon der implantierte Chip synchron geschaltet und der Rechner las die Biowerte aus. Alles im grünen Bereich, beinahe Optimum. Einige Werte lagen noch an der Untergrenze und der Computer stellte den passenden Chemo-Mix zusammen. Die Mischung wurde nun wiederum drahtlos an die Chemopumpe in Curtis Oberschenkel übertragen und das Gerät gab die ermittelten nützlichen Chemikalien und Hormone frei. Augenblicklich fühlte sich Curtis besser. Scheinbar hatte das System den Anflug einer leichten Depression bemerkt und ein paar Stimmungsaufheller beigegeben. Alles lief blendend.

Es summte an der Türe und Curtis‘ Manager Bastian Neumeier wuchtete seinen schweren Körper herein. Offensichtlich wurde es mal wieder Zeit für einen Aufenthalt im Speck-Weg-OP, wie Neumeier seinen jährlichen Besuch in einer Brandenburger Spezialklinik nannte. Der fette Manager grinste seinen Schützling an. „Und? Bereit für deinen großen Auftritt?“

Curtis nickte beschwingt. „Klar. Ich werde denen heute ein oder zwei Tore servieren, die sich gewaschen haben.“

„Da bin ich mir sicher, mein Junge.“ Neumeier nickte und sein Mehrfachkinn wabbelte dabei ordentlich. „Geh über die linke Flanke. Baladino steht seit gestern auf meiner Gehaltsliste. Der lässt dich vorbei. Und kein Zuspiel auf Olmek oder Radinsky in der eigenen Hälfte. Mir hat ein Vögelchen vom Fußballbund gezwitschert, dass die auf der Lohnliste der Bayern stehen. Diese Schweine!“

„Okay, Basti. Das kann ich mir merken.“ Curtis gab einen Sprachbefehl und ein Teil der Wand wurde zum Bildschirm, der Aufnahmen aus dem Stadion zeigte. „Sonst noch Änderungen oder bleibt alles wie besprochen?“

„Nein, nein. In ein paar Minuten verlassen alle Spieler ihre Umkleiden und treffen sich im großen Gang. Von dort aus geht es gemeinsam raus. Händeabklatschen mit den Fans hat der Trainer untersagt. Beim letzten Spiel hatte wohl jemand bei Wiesenfeller eine ungeschützte Stelle erwischt und mit einer Droge dessen Chemopumpe durcheinandergebracht. Das führte wiederum zu einem Leistungseinbruch. Schlimmeres konnte wohl nur verhindert werden, weil die beiden Fürther Stürmer für das Spiel vom Fanclub gekauft waren. Aber es heißt ja so schön, die Fans sind der zwölfte Mann auf dem Feld.“ Neumeier lachte laut und sah dabei zum Monitor. „Ah, die Vorbereitungen laufen.“

Auf den gewaltigen Bildschirmen war in unnatürlich hoher Auflösung zu sehen, wie die Fans eingelassen wurden. Stadionwächter schleusten die Massen auf die jeweiligen Ränge und teilten anschließend Bengalische Feuer, Flaschen und Klopapier aus. Die Zuschauer an ihren heimischen Trideogeräten wollten etwas geboten bekommen.

Der Stadionsprecher heizte die Menge an und ging dann dazu über, die Mannschaftsaufstellung bekanntzugeben. Seine Stimme wurde dabei über die Technik auf die optimale Lautstärke und Betonung eingestimmt: „… Leonardo Pagatelli, Curtis Hassan Isak, Melanie Olmek …“ Aktuell liefen im öffentlich rechtlichen Verbund Diskussionen, ob der Sprecher zukünftig nicht vollständig durch den Computer ersetzt werden sollte. Aber Hardliner in der Führungsetage des Fußballbundes stemmten sich dagegen, waren für einen traditionellen, urtümlichen Sport.

Die Kameradrohnen wurden ausgeschleust und bezogen wie ein zorniger Schwarm Hornissen ihre Position über dem Feld. Sobald die Mannschaften in Sichtbereich kamen, würden sie sich an ihre zugewiesenen Spieler heften und im rasanten Flug Aufnahmen anfertigen, intern bearbeiten und anschließend ins Netz hochladen, um sie von dort aus über den ganzen Globus zu verteilen. Die Deutsche Bundesliga war am beliebtesten auf der Welt und der Bedarf an guten Bildern entsprechend hoch.

Curtis seufzte. Er dachte an seinen Großvater und dessen Fußballgeschichten. Der alte Krabowsky hatte als Kind noch Legenden wie Uli Hoeneß und Jürgen Klopp im Fernsehen gesehen, hatte immer darauf gepocht, dass Fußball damals noch rein und unverfälscht war. Und nicht so ein Kommerz, wie in den modernen Zeiten. Das hatte er noch auf dem Sterbebett heruntergebetet, während Curtis die Familienidentifikationsnummer ins System eingab und kurz darauf Opas Chemopumpe den tödlichen Cocktail mixte und in die Blutbahn freigab. Wenige Sekunden später war der alte Krabowsky Geschichte, so wie seine Fußballerzählungen.

Das Seufzen war auch an Neumeiers Ohr gedrungen und der Manager horchte auf. „Ist mit deiner Pumpe was nicht in Ordnung? Brauchst du noch einige Stimmungsaufheller?“

Curtis schüttelte den Kopf. „Ich habe nur an meinen Opa gedacht. Der alte Mann hat mir viel bedeutet und ich …“ Curtis hielt inne und lächelte. Opa? Das lag weit zurück und kümmerte kaum noch jemanden.

„Besser?“ fragte Neumeier, der im System eine Freigabe veranlasst hatte. „Ich will da draußen auf dem Feld keinen schwermütigen Spieler herumlaufen haben.“

„Klar, Basti.“ Curtis nickte geistesabwesend. „Sonst noch Anweisungen fürs Spiel? Der Countdown wurde eingeleitet und ich muss los.“

„Nein, alles bestens“, erklärte der fette Neumeier mit einem falschen Lächeln. „Geh los und zeig es ihnen!“

Curtis grinste breit und nickte eifrig, bevor er aus der Kabine stürmte. Hinter ihm rief Neumeier die aktuellen Verkaufszahlen auf und startete eine Gewinnoptimierungsanalyse. Noch ein, maximal zwei Spiele, dann wäre Curtis wohl beliebt genug, um einen tödlichen Unfall zu haben. Der Abverkauf von Erinnerungsstücken und die Vermarktung der Marke Curtis Hassan Isak würde mehr Gewinn einbringen, als ein lebender Spieler. Davon gab es genug, die mit ein paar Euro-Dollars an die Spitze gebracht werden konnten. Aber vorher war es vielleicht ganz gut, Curtis eine Frau zu vermitteln. Denn ein weinendes Supermodel in schickem schwarzem Outfit, so etwas steigerte den Gewinn erheblich.

ENDE

Copyright (c) 2014 by Miriam Kleve, all rights reserved

Buchtipp:

Edward Packard 
1000 Gefahren im Strafraum

Illustriert von van Giffen, Ruud. Übersetzt von Hirschfelder, Hans Ulrich 
Ravensburger Buchverlag 
ISBN: 978-3-473-52397-9 
Einband: Paperback 
Seiten/Umfang: 128 S., schw.-w. Ill. – 18,0 x 12,3 cm 
Erscheinungsdatum: 2. Aufl. 01.01.2014 
Aus der Reihe: RTB – 1000 Gefahren


Du willst ein berühmter Fußballspieler werden, doch der Weg dorthin ist hart. Es gibt Konkurrenten, Neider und Rückschläge. Wenn du die richtigen Entscheidungen triffst, wird dein Traum wahr werden. Wenn nicht, ist deine Karriere vorbei.

Updated: 11. März 2014 — 04:21

11 Comments

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  1. Erinnert an Rollerball. Am besten gefällt mir, dass die Hooligans ihre Munition vom Verein bekommen. Sehr zynisch, sehr Menschen verachtend. Aber gut geschrieben; gefällt mir.

    Und viele Grüße an all die gedopten Sportler. Freut euch auf solche Zeiten (denkt euch an dieser Stelle ein dreckiges Lachen von mir).

    mgg
    Werner 😉

    P.S. Das ist genau der Grund, warum ich Leistungssport weder besuche noch im TV anschaue. Was ist eine Leistung wert, wenn sie auf Lügen beruht? Gar nix! Noch einen schönen Gruß an die Sponsoren: schmeißt die Betrüger raus und verlangt euer Geld zurück!

  2. Hallo Werner, schon wieder gegen die eigenen Regeln verstoßen? 😉 😉 😉

  3. Beim Lesen sind mir folgende Fehler aufgefallen:

    „Ein Spieler der aus dem Nichts kam und sich innerhalb kurzer Zeit nach oben schoss, in die Herzen der Fans.“ Hier fehlt ein Komma hinter Spieler.

    „Es summte an der Türe und Curtis’ Manager Bastian Neumeier wuchtete seinen schweren Körper herein. Offensichtlich wurde es mal wieder Zeit für eine Aufenthalt …“ Hier sollte es wohl: „einen Aufenthalt …“ heißen.

    Entweder ist das schlechtes Deutsch vom Protagonisten oder ein Fehler: „Curtis nickte beschwingt. “Klar. Ich werden denen heute ein oder zwei Tore servieren, die sich gewaschen haben.”“ Es sollte wohl: „Ich werde denen …“ heißen.

    Also Werner, mir gefallen folgende beiden Stellen am besten:

    „Das hatte er noch auf dem Sterbebett heruntergebetet, während Curtis die Familienidentifikationsnummer ins System eingab und kurz darauf Opas Chemopumpe den tödlichen Cocktail mixte und in die Blutbahn freigab.“

    „Noch ein, maximal zwei Spiele, dann wäre Curtis wohl beliebt genug, um einen tödlichen Unfall zu haben. Der Abverkauf von Erinnerungsstücken und die Vermarktung der Marke Curtis Hassan Isak würde mehr Gewinn einbringen, als ein lebender Spieler. Davon gab es genug, die mit ein paar Euro-Dollars an die Spitze gebracht werden konnten.“

    Wirklich klasse, Miriam, das ist Sozialkrik auf höchstem Niveau!
    Spitze!

  4. Huhu! 🙂

    Danke für das Lob. Habe die Fehler sofort korrigiert. 🙂 🙂

    Alles Liebe!

  5. Hallo Konstantin, du übernimmst ja jetzt die Rolle der Korinthe; dann muss ich das nicht mehr machen.

    Was dir am besten gefällt, kannst du doch Miriam sagen, nicht mir. Die freut sich.

    Offensichtlich ist besagter Sportler einer mit Migrationshintergrund.

    Kleiner Gruß an die Fußball-Hirnis: Schießt ein solcher Sportler Tore für den Verein, ist er willkommen. Wenn nicht, schleichen sich alte Vorurteile in Sekundenschnelle in die Sprechchöre. Und das ist Realität und keine Fiktion. Armselige Hooligens. Der Mensch in der Masse hat nur noch 3 Gehirnzellen. Eine für Saufen, eine für Grölen, eine für Schlägern. Der Sport gerät dabei völlig in den Hintergrund.

    mgg
    Werner 😉

    P.S. „Sozialkrik“ ? Ey! Guggsdu Tibbfähler, odder was?

  6. Werner, Ich und Korinthe – weit gefehlt! 🙁

    http://synonyme.woxikon.de/synonyme/weit%20gefehlt.php

    Fußballer mit Migrationshintergrund, haben das nicht BADESALZ schon vor 20 Jahren thematisiert? 🙂

    http://www.badesalz.de/

    Sozialkrik – ich dachte das wäre die Abkürzung für Sozialkritik! 😉

  7. Zu dem Thema gibt es auch eine passende Meldung auf SPON und ich muss ganz ehrlich sagen, da wird mir ganz anders bei, wenn ich das lese. Und es sollte sich auch jeder Fan fragen, ob es nicht besser ist mal ein Turnier zu boykottieren, um die Funktionäre auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/gastarbeiter-in-katar-erneut-dutzende-tote-auf-wm-baustellen-a-945500.html

    🙁

  8. Das ist echt eine Sauerei! Für mich ist das gestorben! Ich schaue nichts mehr an.

  9. Hallo Miriam, wirst du deine Story eigentlich für den Wettbewerb nominieren?

  10. Huhu! 🙂

    Ich bin da noch schwer am überlegen. In der Schublade steckt noch eine andere Story, aber ich glaube „Fußball forever“ ist derzeitig mein Liebling. 🙂 🙂

    Alles Liebe!

  11. Also ich würd´s machen! 🙂

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