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Literatur-Blog

FLIESSEN – eine Kurzgeschichte von Sascha Ladra

Erstellt von Detlef Hedderich am Dienstag 1. November 2011

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FLIESSEN

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eine Kurzgeschichte
von
Sascha Ladra
2008

Manchmal kann ich nicht schlafen. Dann stehe ich am Fenster und betrachte die Welt, die, in der Nacht aller Farben beraubt, so ruhig und friedlich ist. Nichts bewegt sich, alles ist eingefroren in der Zeit. Ein Stillstand, der für einen kurze Moment eine Illusion erschafft. Frei von allen Zwängen und Erwartungen. Niemand der auf mich wartet, der etwas fragen will oder Bedingungen stellt, denn die Welt schläft.

Wenn dann die Farben zurück in die Welt fließen, aus dem Grau wieder Rot, Blau, und Grün wird, zieht es mich von den Füßen. Der Wecker klingt als zerreißt eine dünne Papierwand zwischen zwei Welten und ich verliere den Boden, stürze in den Fluß, der vor meinem Fenster vorbei fließt. Der wichtigste Punkt des Tages ist nicht zu ertrinken. In der Nacht noch ein kleines, befestigtes Flüsschen, reißt der Strom mich am Tage mit, versucht mich in Stromschnellen zu ersäufen. Doch ich strample mit den Füße, schlage mit den Armen und kämpfe darum zu atmen. Ich sehe, wie ich an der Welt vorbei getragen werden, zu schnell, als dass ich reagieren könnte. Es sind nicht meine Entscheidungen. Der Fluß beschließt, wo ich hin getragen werde. Meine Entscheidung ist einzig nicht zu ertrinken, nicht aufzugeben in den Fluten. Die Kraft reicht nicht, um gegen die Strömung zu kämpfen und an ein Ufer zu schwimmen.
Manchmal höre ich Stimmen, die mir zurufen nicht aufzugeben, doch niemand traut sich in die Strudel, die mich umgeben. Niemand der mich rettet, aus Angst mitgerissen zu werden. Oder aus Gleichgültigkeit.

Die Muskeln beginnen zu schmerzen und es ist kalt. Die Sonne reicht nicht in das dunkle Wasser, verbrennt mir jedoch die Stirn und das Gesicht. Niemals habe ich versucht zu schreien, um Hilfe zu schreien, meine Kraft ist zu kostbar. Ich muss damit sparsam umgehen. Bald werden mir die Arme lahm und die Beine. Das Wasser ist zu unruhig, um auf dem Rücken zu treiben und ich will nicht, dass man mich so sieht, wie ich aufgegeben habe und mich treiben lasse. Manchmal winke ich und tue so, als ob ich es genieße, den Anschein wahren. Ich mache es der Welt leicht zu vergessen, dass ich drohe unter zu gehen. Ich treibe nun schon so lange in dem Fluß, dass man es leid ist, mir dabei zu zuschauen. Ich bin es selbst leid. Wenn das Wasser nicht zu wild ist, schaffe ich es bei einer Gabelung meinen eigenen Weg zu wählen, fast… immer nur fast, denn der Fluss ist stärker. Wie sollte ich auch dagegen an kommen. Ich bin allein, das Wasser besteht aus vielen einzelnen Tropfen, die zusammen halten.

Meine Füße haben den Boden berührt, eine Sandbank. Ich atme auf. Jetzt kann ich mich ausruhen, Kraft schöpfen, Mut fassen. Ich glaube, ich werde es schaffen.

Dann reißt mich eine Welle mit. Ich hatte nicht genügend Zeit. Ich hatte nicht genügend Kraft, ihr zu widerstehen.

Das Wasser wird trüber und immer wieder schlägt mir Treibholz gegen das Gesicht, den Bauch, die Beine. Ich habe aufgehört zu strampeln. Die Kraft reicht einfach nicht mehr dazu aus. Wichtig ist nur noch, das Gesicht über Wasser zu halten und sich nicht zu verschlucken.

Bald bin ich am Meer.
Ich kann es schon riechen. Und der Fluss ist breiter geworden. Ich kann kaum noch die Ufer erkennen in der Dämmerung. Sie sind viel zu weit weg. Nun dringen auch keine Stimmen mehr zu mir. Nur noch ich und das Geräusch des Wasser.
Dieses ewige Plätschern macht mich müde.
Es zermürbt mich.

Das Meer ist riesig und die Wellen sind erschreckend hoch. Nun ist mir egal, was man denkt. Ich lege mich auf den Rücken, lasse mich treiben.

Spiele Toter Mann.

Ein Geräusch, wie das Zerreissen einer Papierwand zwischen zwei Welten.

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Copyright © 2008 by Sascha Ladra

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Besinnliche Momente und Reflexionen” (BESINNLICHE MOMENTE-SUBCOVER-100-minus-60-0.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “TräumeundVisionen” (20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “TräumeundVisionen20110122082624-7f63d0a3-100-minus-8-24.jpg” (Originaltitel: 20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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17 Kommentare zu “FLIESSEN – eine Kurzgeschichte von Sascha Ladra”

  1. Sascha Ladra sagt:

    ok weil Detlef so lieb gefragt hat, hab ich noch was richtig altes und seltsames rausgekramt ;)
    Viel Spaß
    Buchtipp kommt später, muss jetzt weg

  2. Detlef Hedderich sagt:

    Von mir aus können wir hier mal eine Ausnahme machen, aber eigentlich sollte der Nominierungsmonat auch gelten. Ob beim Voten deine Story jedoch wirklich mit dabei ist, kann ich nicht sagen, das weiß nur Günther. Mal sehen was passiert. Bitte haltet Euch aber ab jetzt an die Nominierungsmonate sonst ufert das noch aus.

    was ich noch bräuchte wäre ein Buchtipp, wenn möglich bitte selbst einstellen, ich überarbeite es dann wenn nötig, ok?

  3. Sascha Ladra sagt:

    oh ich dachte deine Frage war eine dazu gedacht, dass ich doch noch was einstelle. Aber wenns nicht klappt, ist das auch nicht schlimm.

  4. Detlef Hedderich sagt:

    Hatte gehofft, du machst es noch vor 24 Uhr, warst aber schon zu Bett denke ich. Ich kann dir nicht sagen, wie das mit der Technik ist, was Günni macht, denn er aktiviert das Voting, wir warten einfach ab, was passiert. Denke halt nur in Zukunft daran, frühzeitg reinzustellen, muß ja nicht neues sein, nimm einfach was von deiner Seite.

  5. Detlef Hedderich sagt:

    Mit diesem Satz scheint was nicht zu stimmen: “Dann reißt mich eine Welle mich mit.”

    Die Geschichte klingt fast wie die Gedanken eines Selbstmörders oder von jemanden, der sich seiner Depressionen ergibt. Andererseite ist das Ganze auch wieder im Fluß (im warsten Sinne der Wort!) und man ist neugiereig, wohin der Weg führt, aber klar er kann ja nur ins Meer führen wenn er im Fluß ist (im warsten Sinne der Worte!). Am Ende ist es dann doch wieder einErwachen, oder habe ich das falsch interpretiert?

  6. Sascha Ladra sagt:

    Stimmt, danke. Manchmal “korrigiert” man auch was zum Schlechteren.

    Ich würd deine Interpretation gern unkommentiert lassen, besonders das Ende braucht das Fragezeichen, meines Erachtens. Manchmal ist zu viel Wissen nicht gut.

  7. Detlef Hedderich sagt:

    Wie in der Liebe? ;)

  8. Detlef Hedderich sagt:

    Buchtipp der Redaktion eingefügt! Bitte mal Euer Feedback dazu! Danke!

  9. Günther Lietz sagt:

    Nominierung für 4/2011 leider nicht möglich. Einfach beim nächsten mal nominieren. :)

  10. Corinna Klebe sagt:

    Das heißt auf diese Story kann man keine Stimme abgeben?

  11. Günther Lietz sagt:

    Genau. Nicht in der Liste enthalten. Aber sicher beim nächsten mal. :)

  12. Detlef Hedderich sagt:

    Da Sascha Ladra ein Pseudo ist darf dieses dann auch kein Voring vornehmen. Auch dass geht dann erst beim nächsten WEttbewerb, wenn diese Story hier pünktlich reingestellt wurde. Danke nochmal an Günther dass er das Voring freigeschaltet hat!

  13. Sascha Ladra sagt:

    ok :) weiß ich Bescheid, aber dann gehts beim nächsten Mal schneller, ist ja schon alles da *lächel*

  14. Detlef Hedderich sagt:

    Voting meinte ich natürlich, wo meine Finger immer hintippen, wenn ich blind schreibe, furchtbar! ;)

  15. Felis Breitendorf sagt:

    Ist das eine Vision, Sascha? :)

  16. sfbasar.de » Blog Archiv » SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Träume und Visionen”” sagt:

    [...] NEU = FLIESSEN – eine Kurzgeschichte von Sascha Ladra [...]

  17. sfbasar.de » Blog Archiv » SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Besinnliche Momente und Reflexionen” sagt:

    [...] FLIESSEN – eine Kurzgeschichte von Sascha Ladra [...]

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