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Literatur-Blog

FERNGESTEUERT – Eine Science-Fiction-Geschichte von Miriam Kleve

Ferngesteuert

von

Miriam Kleve

“Luna Control an Luna Shuttle Hitoma, Anpassung der Schwerkraft erfolgt bei Drei, Zwei, Eins …” Die sanfte Frauenstimme erfüllte das großräumige Transitshuttle. Breite Monitore, Sichtschlitzen gleich, zeigten den computergefilterten Landeanflug auf Luna City. Auf den geschönten Bildern fehlten die zerstörten Kuppeln des Aufstands von 2072, die stracken Banner von Luna Riot oder die Leichen derer, die auf der Mondoberfläch einfach sich selbst überlassen wurden.

Die Schotten der Hitoma öffneten sich lautlos. Die aufbereitete Luft des Shuttles mischte sich mit der aromatisierten Luft von Nubium City. Süße Chemie trifft bittere Pisse, schoss es Arendt Mac Aiven durch den Kopf. Er nahm seinen Handkoffer aus dem Gepäckfach und reihte sich in die Schlange der Passagiere ein, die das Shuttle verließen. Am Eingang standen die beiden Flugbegleiterinnen. Die blauen Haare waren korrekt auf Schulterlänge geschnitten, Augenfarbe und Make-up perfekt darauf abgestimmt und die adretten, silberblauen Uniformen betonten die schlank operierten Körper, die derzeitig in Mode waren. Die beiden Frauen glichen Zwillingen, waren aber nur ein chirurgisches Produkt.

Der Transithafen von Nubium City war weiträumig angelegt. Hohe Decken, stählerne Träger die diese abstützten, eine Vielzahl von Rolltreppen, die noch weiter in den schwarzen Basaltstein hineinführten, und ein buntes Reigen an Passagieren, Personal und Dienstleistern. Aiven hielt auf eine der Rolltreppen zu, die ins Konzernviertel der Stadt führten.

Arendt Mac Aiven war Europäer mit schottischen Wurzeln. Das schlug sich in einem breiten und muskulösen Körperbau nieder, zu dem auch die rotblonde, starke Körperbehaarung gehörte, das eckige Kinn, die grünen Augen, die breite Nase und die schmalen Lippen. Derzeit trug Aiven das Haar kurzgeschoren. Sobald es ihm auch nur über die Ohren hinausragte kräuselte es sich, was Aiven hasste. Du siehst aus wie ein Lausejunge, hatte seine Ex-Frau Judith immer gesagt und dann seine lockigen Brusthaare gekrault. Im Bett war ihm das egal, aber im Job musste er knallhart wirken, durfte sich keine Schwächen erlauben. Aiven war Freelancer. Er wurde als Aufräumkommando angeheuert, sobald es etwas zu bereinigen gab. Und das gab es eigentlich immer.

Zwei Männer in dunkler Arbeiterkleidung schoben sich von der Seite her ebenfalls auf die Rolltreppe zu. Beide waren frisch gewaschen, ihre Montur sauber und gebügelt. Die Männer machten einen ordentlichen Eindruck. Regolithhauer, die das Eisen und Magnesium im Wolkenmeer abbauten. Einfache, hart arbeitende Kumpel, die unter schlechten Arbeitsbedingungen ihr Leben für ihren Konzern riskierten. In diesem Falle, den in Nubium City ansässigen Global Player.

Aiven runzelte die Stirn. Global Player hatte ihn auf den Mond bestellt, um eine Sache zu bereinigen. Regolithhauer waren ein seltener Anblick im Transithafen, vor allem nach den Unruhen von vor zwei Jahren. Noch konnte das ein Zufall sein, aber Aiven glaubte nicht an Zufälle. Er bevorzugte es sogar, an gar nichts zu glauben.

Als der Freelancer auf die Rolltreppe stieg und langsam in den Abgrund glitt, hörte er in seinem Rücken einen protestierenden Aufschrei. Er drehte den Kopf ein wenig zur Seite und die Regolithhauer gerieten in sein Blickfeld. Die beiden Männer hatten einen Asiaten nach hinten geschoben, um genau hinter Aiven zu geraten. Dessen Nackenhaare stellten sich nun auf und er drehte sich zu ihnen um. Der Arbeiter vor ihm war ein kräftiger Kerl, der die Schultern hochgezogen und das Kinn auf die Brust gepresst hatte. Er stierte Aiven an und es war deutlich zu erkennen, dass dieser Mann zuschlagen und nicht reden wollte.

Trotzdem versuchte Aiven mit Worten für etwas Entspannung der Situation zu sorgen. Er wollte keine Unbeteiligten hineinziehen. Und vor allem wollte er Zeit schinden, um eine bessere taktische Position zu erreichen. “Meine Herren, wir sollten versuchen die Sache friedlich -” Weiter kam Aiven nicht, denn der Arbeiter vor ihm schlug explosionsartig zu. Seine beiden Fäuste schnellten nach vorne und trafen gleichzeitig Aivens Brust.

Die Wucht des Schlags traf zuerst die dünne Schutzweste aus Steelwave. Diese leitete die Energie des Treffers weiter und ließ sie dabei langsam versiegen. Das bedeutete im Endeffekt, dass es zwar viel weniger Schmerzen und Verletzungen gab, dafür aber in einem größeren Bereich. Aiven nahm das gerne in Kauf, denn ohne Steelwave wäre ihm das Brustbein geborsten und ins Herz gedrückt worden. So fühlte es sich eher an, als hätte ein Riese kurz Aivens Brustkorb heftig zusammengepresst und dabei die Rippen knacksen lassen.

Auch wenn der Schlag zu schnell für eine Abwehrreaktion war und seine Tödlichkeit vom Steelwave abgefangen wurde, so gab er Aiven genug Energie mit, damit sich der Freelancer abstoßen und rücklings über die Menge hinweg nach unten stürzen konnte. Der Reaktionsbooster tat seine Wirkung. Chemikalien wurden in Aivens Blutkreislauf gepumpt und die Realität bekam surreale Züge. Der Freelancer fühlte sich wie in einem weichgezeichneten Traum. Einem Traum, in dem jegliche Bewegung einer Zeitlupe glich. Jede Bewegung, außer seiner.

Aiven hob seinen Handkoffer in Richtung der Arbeiter und dachte den Transformationsbefehl. Das kleine Hartschalengehäuse klappte auf und veränderte beinahe augenblicklich seine Form, gab einen großkalibrigen Lauf frei. Auch der Griff des Koffers veränderte sich. Innerhalb zweier Gedanken hielt der Freelancer eine schwere Pistole der Marke Vergelter in der Hand, die auf feurigen Bahnen zwei Kugeln ausspuckte. Aiven glaubte für den Bruchteil eines Augenblicks die Kugeln sogar fliegen zu sehen, doch tatsächlich waren sie selbst für ihn zu schnell. Ebenso für die beiden Regolithhauer, deren Köpfe wie reife Melonen zerplatzten.

Während es weiter oben Knochensplitter, Blut und Hirnmasse auf die schreienden Passagiere regnete, breitete Aiven die Arme aus und stellte sich auf eine harte Landung ein. Das könnte schmerzhaft werden, dachte er sich und atmete tief aus, während er die Augen schloss. Aber es ist ein verdammt geiler Trip …

* * *

Global Players Vizedirektor Tobias Vane stand in seinem blitzsauberen Anzug, mit auf dem Rücken verschränkten Armen, vor dem großen Panoramafenster seines Büros. Er sah nach unten, auf die Mondoberfläche herab. Dort herrschte geschäftiges Treiben, denn die Angestellten von Global Player brachen die Regolithkruste auf, um den stets hungrigen Konzern mit Rohstoffen zu füttern.

“Sie sind noch nicht einmal eine Stunde auf dem Mond und haben schon die ungeteilte Aufmerksamkeit der Medien, unserer Arbeiter und des staatlichen Sicherheitsdienstes.” In der Stimme Vanes schwang weder ein Vorwurf, noch Anerkennung mit. Es war eine simple Feststellung. “Man hat mir gesagt, dass Sie zu den besten Leuten in ihrem Gewerbe gehören. Muss ich mir Sorgen machen?”

Vane drehte sich um und blickte Aiven fragend an. Die Augen des Vize besaßen einen goldenen Schimmer, der in einem perfekten Kontrast zu dessen Silberhaut stand. Langsam glitt ein Vorhang aus Seide vor das Panoramafenster und verdeckte den Anblick des Mondes. Die Büros von Global Player lagen weit unter der Mondoberfläche. Jeglicher Ausblick war nur eine Projektion der Kameras.

Mit einem Kopfschütteln beugte sich Aiven vor und legte einen Datenkristall auf den kleinen Glastisch, der vor ihm stand. Dann lehnte sich der Freelancer in seinem Sessel zurück. “Nein. Alles verläuft nach Plan. Ich selbst habe die Information über meine Ankunft in Umlauf gebracht. Es sollte eine Reaktion provozieren. Und das ist mir gelungen.”

“Ein riskanter Plan.” Vane legte den Kopf etwas seitlich. Er blickte Aiven neugierig an, wie jemand, der einen gefährlichen Virus unter dem Mikroskop betrachtete: Vorsichtig und voller Respekt. “Wie sieht Ihre weitere Vorgehensweise aus?”

“Soll ich Sie wirklich einweihen, Herr Vizedirektor?” Aiven lächelte gerissen. “Deswegen haben Sie mich doch angeheuert, um solche Dinge weder erledigen, noch wissen zu müssen. Je weniger Details Ihnen bekannt sind, um so weniger müssen Sie später leugnen.”

Vane verharrte einige Sekunden in perfekter Bewegungslosigkeit. Dann begann er wieder zu atmen und mit den Augen zu blinzeln. Irgendetwas hatte kurzfristig seine ganzen Rechenleistung beansprucht und dafür gesorgt, dass der Androide das Anpassungsprotokoll vernachlässigte. Aiven vermutete, dass sich die Maschine mit dem echten Tobias Vane abgestimmt hatte, der irgendwo in Nubium City in einem sicheren Verstecke hockte und es sich gut gehen ließ.

“Was haben Sie da mitgebracht?” Der Avatarandroide zeigte mit seinen filigranen Finger auf den Tisch.

“Ein Geschenk.” Aiven kratzte sich am Kinn und spürte die rauen Bartstoppel, die über seine Finger kratzten. Der Freelancer überlegte kurz, ob sich Androiden künstliche Bartstoppeln wachsen ließen, um so noch mehr Nähe zu einem Menschen zu demonstrieren. “Ich habe im Vorfeld bereits einige Daten besorgt und Ihrem Bestand zugefügt. Global Player mag zwar seine Augen und Ohren überall haben, aber es gibt dennoch Netzwerke und Informationen, auf die nur Eingeweihte Zugriff haben. Sie verstehen hoffentlich, was ich meine.”

Der Vane-Androide nickte. “Natürlich. Der Dank von Global Player ist Ihnen gewiss. Natürlich werden wir den Datenträger prüfen und die Daten verifizieren lassen.”

Aiven verzog das Gesicht zu einer beleidigten Grimasse. “Ich riskiere mein Leben für den Job und Sie begegnen mir mit so viel Misstrauen?”

“Ja.” Erneut eine tonlose Feststellung. “Wie lange werden Sie benötigen, um das Problem aus der Welt zu schaffen?”

Der Freelancer dachte darüber nach. “Bisher läuft alles nach Plan. Ich sollte in drei Tagen alles erledigt haben und kann dann den Mond wieder verlassen.”

“Ausgezeichnet. Sollten Sie im übrigen Unterstützung brauchen -”

Aiven winkte ab und vollendete selbst den Satz: “Dann brauche ich nicht mit Hilfe zu rechnen. Ich weiß. Da ist ein Job für Solos.” Er stand auf und nickte Vane zum Abschied förmlich zu. “Passen Sie auf sich auf, Vizedirektor.”

* * *

Die Halle lag tief unter der Mondkruste, inmitten des schwarzen Basalts. Obwohl das Schwerkraftfeld von Nubium City seine Wirkung auch noch in dieser Tiefe tat, war bereits ein Abnehmen seiner Stärke deutlich spürbar. Gleiches galt für die Luftzufuhr, die in den Mondtiefen abnahm und bei der gewaltige Schotten und Schleusenanlagen dafür sorgten, dass es zu keinem unkontrollierten Ablass kam.

Von der Hallendecke hingen an Seilen Lumpenpakete herab, deren Form und Größe unweigerlich zu dem Wissen führten, dass sich darin Leichen befanden. Es waren die Körper der Feinde der Lunaren Bruderschaft, die von dieser grausam hingerichtet und als Mahnmal ausgestellt wurden. Dabei machte die Lunare Bruderschaft keinen Unterschied zwischen Männern, Frauen und Kindern. Der qualvolle Tod war die Strafe für all diejenigen, die Luna schändeten und der Mondin ihre Anmut und Ehre raubten.

Was für eine debile Scheiße, dachte sich Aiven. Die Halle wirkte verlassen und die Körper baumelten langsam an der Decke in der geringen Schwerkraft umher. Von irgendwo wurde Luft zugeführt und ihr Strom brachte die Körper in Bewegung. Wie bescheuert muss man sein, um so einen Mist zu glauben? Verdammt bescheuert!

Der Freelancer hing ebenfalls in Lumpen gehüllt von der Decke. Er fand, dass er damit einen hervorragenden Beobachtungsposten besetzte. Niemand würde auf die Idee kommen, dass einer der Toten nur auf eine Gelegenheit wartete, um im richtigen Augenblick einzugreifen. Und Aiven war klar, dass er einen guten Augenblick abwarten musste. So tief unten konnte es zu Verbindungsabbrüchen kommen und die Technik versagen.

Ein Dutzend Gestalten in dunklen Roben betrat die Halle der Toten und schritt gemäßigt voran. Im Zentrum verharrten sie. Schweigen. Minutenlanges Schweigen. Dann ergriff einer der Gestalten das Wort. Es war eine angenehme Frauenstimme. Melodisch, sanft. Und trotzdem befehlsgewohnt.

“Wir haben zwei unserer Brüder verloren. Und der Freelancer weilt noch immer unter den Lebenden.” Die Frauenstimme erfüllte die Halle. “Er wird uns vernichten, denn das ist sein Auftrag. Was gedenkt ihr zu unternehmen, Brüder?”

Kurzes Schweigen, dann antwortete eine Männerstimme, die rau und knirschend klang. “Ihn zu töten. An diesem Vorhaben hat sich nichts geändert, Bruder. Aber der Freelancer ist verschwunden. Wir haben in der ganzen Stadt unsere Kontakte bemüht, aber es gibt keine Spur von ihm. Der Freelancer verbirgt sich vor all den Augen und Ohren, die uns zur Verfügung stehen.”

Nach einer Zeit des Schweigens, übernahm die Frauenstimme erneut das Wort. “Er ist gut oder wir sind schlecht, Brüder. Darüber zu befinden, wird unsere Entscheidung beeinflussen. Entweder wir verstecken uns wie Ungeziefer und warten bis der Freelancer aufgibt. Oder wir intensivieren unsere Bemühungen, um sein Leben zu beenden.”

Wenn sich diese Idioten andauernd anschweigen, kann das noch ewig dauern. Aiven unterdrückte den Impuls zu seufzen. Wie konnten die nur solange die Geschäfte von Global Player stören. Unfassbar! Der Freelancer spürte, wie er kurz den Kontakt verlor. Für einige Sekunden wurde es um ihn herum dunkel, dann konnte er wieder sehen.

“Wir intensivieren unsere Bemühungen.” Die Männerstimme klang entschlossen. “Zu lange sind wir im Regolith gekrochen und haben uns im Dunklen versteckt. Jetzt endlich sind wir stark genug. Diese Stärke müssen wir nutzen, um zu einem Machtfaktor zu werden, der nicht ignoriert werden kann.”

Schweigen. Und in dieses Schweigen hinein, löste sich eine metallene Kugel von Aiven, die einem silbernen Tropfen gleich, in die Tiefe fiel. Mitten hinein in den Pulk an Brüdern, vorbei an ihren Gestalten, von denen einige die Kugel bemerkten und ihr mit dem Blick folgten. Ding! Sie prallte auf dem Boden aus schwarzem Basalt auf und gab die Hölle frei, in Form von Feuer, Schmerz und Tod. Die Explosion raubte Fleisch, Blut, Knochen, Luft und Leben. Und während die abbrechenden Schreie die Halle aus schwarzem Basalt erfüllten, aktivierte Aiven die Haltevorrichtung und schwebte an einem dünnen Stahlfaden herab, einem Todesengel gleich, der in seinen Händen die Vergeltung hielt.

Nur wenige Brüder hatten die Explosion überlebt. Darunter die Gestalt mit der Frauenstimme, die ihre Kapuze nach hinten warf und mit offenem Mund Aiven anstarrte. Der Mann glich den Männern von der Rolltreppe bis ins kleinste Detail. Auch er war das Machwerk eines Klontanks, die Hinterlassenschaft eines wahnsinnigen Wissenschaftlers. Und doch war der Mann auch anders, denn seine Haut war blass und weiß. Und die Augen funkelten rot vor Trauer und Wut.

Die beiden Vergelterpistolen in Aivens Hand ruckten kurz bei jedem einzelnen Schuss. Zielsicher schaltete der Freelancer die restlichen Brüder aus, verschonte den Albino aber bis zum Schluss. Als Aiven den Boden der Halle berührte und sich die Leine automatisch ausklinkte, dampften die Läufe seiner Waffen. Der Mann mit der schönen Frauenstimme kniete schluchzend auf dem Boden und seine Hände fuhren durch das Blut der Getöteten, das einen klebrigen See im Zentrum der Halle bildete. Hoch droben, an der Decke, taumelten die Leichen an ihren Stricken, wie seltsame Sterne an einem makaberen Firmament.

Aiven ging auf den Albino zu und seine Stiefel hinterließen im Blut der getöteten eine einsame Spur. Er blieb vor dem Albino stehen und hob seine linke Hand. Der schwere Laufe der Vergelter zielte auf die Stirn des wehrlos Knieenden. Der Freelancer hatte beinahe so etwas wie Mitleid, als er in die traurigen roten Augen des Albinos sah und abdrückte.

* * *

“Sie haben erstklassige Arbeit geleistet.” Tobias Vane stand vor einem der Büromonitore und sah zu, wie Staatsdiener die Toten in schwarze Säcke verpackten. Die Kameradrohne des Nachrichtensenders schwenkte auf die an der Decke baumelten Leichen. Kaltes Licht offenbarte jede Kleinigkeit. Das Bild veränderte sich und eine Nachrichtensprecherin mit goldener Haut erklärte, es handle sich um Terroristen aus dem Netzwerk der Bruderschaft. Ihr Anführer, Edin Nibis, sei unter den Toten. Durch diesen schweren Schlag sei davon auszugehen, dass sich die Bruderschaft in Bälde auflöse.

Vane sah zufrieden zu Aiven hinüber, der vor dem Glastisch saß und einen weiteren Datenkristall darauf legte. “Keine Spur ihrer Beteiligung. Global Player hat Ihnen zu danken.” Der Stimme des Vizedirektors mangelte es, wie stets, an Emotionen.

Der Freelancer lächelte. “Ich bin dafür bekannt, meine Kunden zufrieden zu stellen, Vizedirektor. Und erneut habe ich ein kleines Geschenk für Sie. Nach dem Ausschalten des Albinos konnte ich einen Datensatz sicherstellen. Mit den darin enthaltenen Informationen sollten Sie in der Lage sein, die restlichen Mitglieder der Bruderschaft aufstöbern und eliminieren zu können. Außerdem sind Informationen enthalten, mit denen Global Player ein paar Sicherheitslücken stopfen kann. Die Daten sind allerdings sehr … vertraulich.”

Vane hielt für einige Sekunden inne, dann nickte er dankend. “Ich freue mich über diese fruchtbare Zusammenarbeit und werde mich persönlich um den Datensatz kümmern. Das wird verhindern, dass einer der Verräter gewarnt wird. Sie verstehen hoffentlich, dass diese Operation absoluter Geheimhaltung unterliegt.”

“Natürlich”, bestätigte Aiven. Der Freelancer war keineswegs überrascht, als zwei Drohnen aus der Decke hinter Vane glitten und das Feuer auf ihn eröffneten. Glücklicherweise spürte er nicht, wie die Kugeln seinen perfekt regungslosen Körper in Stücke rissen.

Vizedirektor Tobias Vane wischte sich ein paar Blutflecken von seiner silbernen Haut. Dann steckte er den Datenkristall ein, bevor er den Sicherheitsdienst rief.

* * *

Vane stemmte seinen schwitzenden und fetten Körper mühsam aus dem Sessel und kam dabei sofort ins Schnaufen. Auf seinen kurzen Beinen wankte er hinüber zum Computertisch. Die Daten wurden gerade aus seinem Büro übertragen. “Meine Fresse, sieht das Scheiße aus”, stieß er seufzend hervor und ließ sich auf einen Bürostuhl fallen. “Mädels, macht euch bereit mir den Schwanz zu lutschen. Der Boss wird nämlich ganz geil von diesem Infozeug.”

Aus den Schatten lösten sich zwei Frauen, von betörender Schönheit, nackt, wie Global Player sie als Lustspielzeug schuf. Sie flankierten ihren Besitzer und warteten nur auf einen Befehl, um niederzuknien und ihm gefällig zu sein.

“Da wird sich der Boss mal anschauen, was für verficktes Zeug da reingekommen ist.” Vane grinste breit und Speichel troff ihm aus dem Mundwinkel. Ohne seinen Avatarandroide und dessen filternder Sprachsoftware, war der Vizedirektor nur ein ganz ordinärer Bastard.

Vane schaltete die Daten auf seinen Schirm und runzelte die Stirn. Er hatte Namen erwartet, Adressen und Lebensläufe. Stattdessen gab es nur eine Videodatei. Vane aktivierte sie fluchend. Auf dem Schirm tauchte ein lächelnder Arendt Mac Aiven auf.

“Vizedirektor Vane, ich hoffe Sie überrascht zu haben. Sicherlich haben Sie beide Datenkristalle überprüfen lassen und nichts Verdächtiges gefunden. Aber in dem Augenblick, in dem Sie die Daten des letzten Kristalls auf Ihren Rechner übertrugen, haben Sie auch die zweite Komponente eines faszinierenden Videos übertragen, die sich nun mit der ersten Komponente verbindet und Ihr System infiziert. Und während Sie meinen Worten lauschen, ist es bereits schon zu spät, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen.”

“Du dummes Arschloch!” stieß Vane wütend hervor und schluchzte. Er wusste, er war am Ende. Hinter ihm lösten sich mehrere Drohnen aus der Decke, die einen Augenblick zuvor neue Befehle erhielten. Der Mann, den sie zu schützen programmiert waren, stand nun auf ihrer Abschussliste.

“Wissen Sie, Vane”, fuhr Aiven fort, “Ihren Auftrag anzunehmen war nur Teil des eigentlichen Auftrags. Und zwar Sie zu lokalisieren und auszuschalten, um Rache zu nehmen. Sie haben zu vielen Leuten auf die Füße getreten. Und nun wird es Zeit, es Ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen.”

Als die ersten Kugeln in Vanes fetten Körper einschlugen, schrie der Vizedirektor auf. Für wenige Augenblicke spürte er unsägliche Schmerzen, dann war es aber auch schon vorbei.

* * *

“Luna Control an Luna Shuttle Hitoma, wir wünschen einen guten Flug.” Das Transitshuttle verließ Nubium City und schwenkte auf einen Kurs Richtung Erde ein. Tief im Bauch des Shuttles, in einer winzigen Kabine, vollgestopft mit modernster Technik, kratzt sich Arendt Mac Aiven an seinem stoppeligen Kinn. Zu keinem Zeitpunkt hatte der Freelancer die Hitoma verlassen. Im Gegensatz zu seinem Bioavatarandroide .

Copyright © 2014 by Miriam Kleve, all rights reserved

Buchtipp:

Dirk Röse (Autor): Mondpräsidentin: Teezeitgeschichten, Band 3 (Science Fiction) [Taschenbuch]

Taschenbuch: 60 Seiten
Verlag: Textlustverlag (Erstauflage: 5. November 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3943295478
ISBN-13: 978-3943295474
Größe und/oder Gewicht: 0,4 x 12,5 x 20 cm

Sie brachte den Sex auf den Mond – so beschreibt Carl Leibnitz in seiner Rede die Präsidentin Isi Damm. Aber lässt sich eine Frau wie sie wirklich auf diese Aussage reduzieren? Sicher, die Männer lieben und verehren Isi, doch für den Erhalt der Unabhängigkeit des jungen Mondstaates geht sie einen riskanten Weg. Nicht nur sie selbst, sondern auch der wichtigste Mann an ihrer Seite, könnte daran zerbrechen.

Der Autor Dirk Röse wurde 1966 in Witten (an der Ruhr) geboren und verlebte seine Kindheit in verschiedenen Orten Deutschlands. Er studierte in Freiburg Religionspädagogik. Heute lebt er in Haren (an der Ems) und leitet die Unternehmenskommunikation eines mittelständischen Unternehmens. Dirk Röse schreibt Kurzgeschichten und Romane unterschiedlichster Genres. Mehrere seiner Geschichten wurden bereits veröffentlicht, in Anthologien oder als eigenständiges Werk, unter anderem auch zu Themen von Popmusik und Kirche.

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Updated: 4. Juni 2014 — 23:28

2 Comments

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  1. Tolle Geschichte. Hat mir sehr gut gefallen. Wird es dafür eine Fortsetzung geben?

    Was sagt Ihr anderen, wie hat Euch diese Geschichte gefallen?

  2. Habe mal einen Buchtipp eingetragen von einem Autoren der zufällig auch dort geboren wurde wie ich, nur 10 jahre später; und sein Haus auch dort hat, wo unsere Familie es hat. Der Titel ist zwar von 2012 aber hier sollten wir mal eine Ausnahme machen, um den Autor mit seinem Titel ein wenig zu unterstützen. Vielleich werde ich mal Kontakt aufnehmen und ihn versuchen, für unsere Seite als Autor zu gewinnen. Und ganz bestimmt werde ich sein Buch käuflich erwerben, um ihn zu unterstützen und weil ich einfach neugiereig darauf bin, er nicht viel kostet und es ihn bei Booklooker gibt. Was sagt die Autorin und was sagen die anderen Leser dazu?

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