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FERNBLEIBEN VON DER SCHULE – Leseprobe aus dem Roman „XO“ von Francis Nenik. Mit einem Vorwort des Verlegers

FERNBLEIBEN VON DER SCHULE

Leseprobe aus dem Roman „XO“ von Francis Nenik.

Mit einem Vorwort des Verlegers

Vorwort des Verlegers:

Der Roman „XO“ besteht aus lauter losen Blättern. Seine 125 Kapitel sind in jeweils unterschiedlichen literarischen Stilen geschrieben und können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Um den Leserinnen und Lesern den Einstieg ins Buch zu erleichtern, habe ich vier thematisch verwandte Kapitel ausgewählt, die im Buch zwar nicht in dieser Reihenfolge auftauchen, in einer solchen aber gelesen werden könnten.

Zu guter Letzt sei angemerkt, dass die Rechtschreibfehler im ersten Kapitel bewusst gesetzt sind, da dieses literarische Mittel – ebenso wie der Erzählstil – eine (versteckte) Danksagung des Autors an einen anderen Schriftsteller und dessen Werk darstellen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht,

Eyk Henze

Leiter der ed[ition]. cetera

xoxoxo

Albert ist der Lehrer. Albert ist ein einfacher Kerl. Albert wonnt sogar in der Schule. Albert mag genau zwei Dinge nicht. Das eine hab ich jetzt vergessen, aber das andere eine Ding dass Albert nicht mag ist, wenn die Kinder immer nicht zur Schule kommen. Deshalb schreibt Albert der Lehrer, der in der Schule wonnt und ein einfacher Kerl ist, den Müttern seiner Schüler einen Brief.

»Betreffs Fernbleiben von der Schule

Verehrte …………………….,

Sie wissen, ich bin kein übereifriger Diener des Gesetzes, ja nicht einmal einer, der all die Verordnungen, Statuten und Regelungen kennt, die seinen Beruf betreffen. Nicht weniger meide ich die von meinesgleichen abgehaltenen Versammlungen und Konferenzen, wann immer sich ein noch so geringer Grund finden lässt, und weder der Geheime Schul- und Kirchenrat noch der Herr Superintendent haben je von mir Notiz genommen. Auch bin ich mit Sicherheit kein Mann, der nach Petitionen schreit, ganze Sammlungen pädagogischer Briefe verfasst oder sich in jenen romanhaften Ausschweifungen über das Lehrerleben ergeht, die sich seit einigen Jahren allgemeiner Beliebtheit erfreuen, so wie mir überhaupt die allzu gelehrigen Worte fremd sind, welche im Namen der Humanität den Geist und die Kultur beschwören und die Bildung zur eigentlichen, ja einzigen Aufgabe des Menschen erklären. Es scheinen mir zu große Worte für unsere kleine Welt.

Meine Aufgabe – und nicht weniger mein Wunsch – aber ist es, meinen Schülern einige Kenntnis von den Grundlagen der Religion und der Sitte zu geben, dazu das notwendige Rüstzeug, um anständig lesen, schreiben, rechnen und singen zu können und schließlich noch das Gemeinfasslichste von der Naturkunde, der Erdbeschreibung und der Geschichte.

Wie aber, wenn die Kinder nicht zur Schule kommen?

Gewiss gibt es Ausnahmen, selbst wenn diese nur noch auf der Tradition und kaum mehr auf dem Gesetze gründen: Die Zeit der Aussaat und der Ernte wie auch anderweitig unabdingbare Hilfsdienste im Haus und in der Familie, die Anstellung eines privaten Hauslehrers (obgleich ich einen solchen hier noch nie zu Gesicht bekommen habe), selbst die beiläufige Vermietung der Kinder ist mir bekannt und wird im Grunde von mir auch geduldet, so es sich – auf welcher Seite auch immer – um einen wahrhaften Notfall handelt und der Lektionsplan bis zur nächsten Gelegenheit nachgeholt wird, denn ich möchte kein Kind unvorbereitet wissen, wenn der Tag des Nachweises gekommen ist.

Gleichwohl, nichts von alldem gilt es zu übertreiben oder gar auszunutzen, so wie es ja überhaupt immer nur das rechte Maß ist, das einer Sache – auch einer guten! – ihren Wert gibt. Zudem ist die Zeit der Ernte auf allen Feldern nun vorbei und die der neuen Aussaat oder auch nur die der dringendsten Vorbereitungen noch lang nicht gekommen. Dass dennoch Schüler fortbleiben, ja sich manch einer in letzter Zeit noch weniger und unregelmäßiger in der Schule zeigt, als er es zuvor schon getan hat, stimmt mich nachdenklich und traurig.

Nun, ich schreibe Ihnen diesen Brief nicht, weil mir das Wegbleiben der Schüler die Nahrungsquelle versiegen lässt. Die Zeit der Reiheschule, so scheint mir, ist endgültig und auf alle Zeiten vorbei, mag ich dies nun bedauern oder nicht. Überdies beziehe ich als Lehrer ein festes und für meine Belange nicht minder ausreichendes Einkommen, so dass ich weder auf das Schulgeld noch auf sonst eine Abgabe angewiesen bin, auch wenn ich, wie bekannt sein dürfte, für die ein oder andere Naturalie durchaus empfänglich bin. Ich weiß, dass unter den Schülern wie im gesamten Ort das Gerücht umgeht, ich würde mich von dem ernähren, was in der Schule übrig bleibt oder liegen gelassen wird, ja selbst die unter die Bänke gefallenen Brotteile wären mir ein lukullisches Mahl. Gewiss, ich schätze das Brot als eine Gnadengabe Gottes, doch sollten Sie nicht allzu viel auf derartiges Gerede geben, auch wenn ich ihm aufgrund meiner Natur nicht weiter nachzugehen pflege. Ein solches Gerücht entsteht wohl einfach dadurch, dass ein Junggeselle schnell der Gefahr des Verhungerns geziehen wird, wodurch sogleich alle auch nur erdenklichen Nahrungsquellen für ihn ersonnen werden.

Aber wie dem auch sei, Sie mögen Ihre Kinder jedenfalls auch weiterhin zu mir in den Unterricht schicken. Es wird ihnen in dieser Schule auf das Tunlichste an nichts fehlen.«

Natürlich hätte Albert den Brief nicht schreiben müssen. Und so schon gar nicht. Aber einfacher Kerl der er ist hat er sich gedacht, das so ein Brief offizieller wirkt, zumal er ihn in großer Zahl abgeschrieben und alle Namen eingetragen hat. Außerdem kann er sich dann immer auf den Brief berufen und muss die Dinge nicht tausendmal sagen, denn das ist das zweite was Albert nicht mag.

Genau so dachte Albert. Und genau so machte er es auch.

xoxoxo

Aus Alberts Aufzeichnungen.

»[…] Albert, es gereicht Ihnen zur Ehre, dass die Welt untergehen könnte, und Sie würden an Ihre Schüler denken. Und wären Ihre Schüler nicht da oder kämen vorbei, um es Ihnen zu sagen, Sie würden überhaupt nicht bemerken, dass die Welt untergeht. Sie nähmen nichts gewahr. Aber sie geht nicht unter, Albert, ganz gewiss geht sie nicht unter. Aber ebenso gewiss führt die Welt auch kein solches Stillleben wie Sie es tun. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Albert, ich schätze Sie sehr wohl, Ihre Arbeit, Ihre Art … aber es ist das eine, wenn ein Mensch seinen ganzen Tag, ja vielleicht sogar sein ganzes Leben in einer Schule verbringt, und ein anderes, wenn er gezwungen wird, diese zu verlassen und außerhalb ihrer schützenden Wände in die Lehre zu gehen, vielleicht sogar noch früher, als ihm selbst oder auch nur seiner Mutter lieb ist. Aber manch einer muss sich seine Chance erst erdienen. Ich weiß, dass das traurig ist. Und es stimmt mich ebenso nachdenklich wie Sie. Ja, manchmal denke ich sogar, es wäre das Schlechteste nicht, die Welt würde untergehen. Aber vielleicht ist es ja gerade das, Albert, dass die Welt nicht untergeht, dass sie nie untergehen wird, was immer wir oder andere auch tun. Sie bleibt, ein immer schrecklicherer Ort – und so bleiben auch wir. Und das, das ist unser Untergang. Inmitten einer ewigen Welt gehen wir auf ewig unter.

Verzeihen Sie, wenn ich so schreibe. Ich weiß, dass ich kein Recht dazu habe und dass es auch nichts ändert. Nur sehen Sie, Albert, ich stehe im Grunde auf Ihrer Seite.«

»Markus Johannes arbeitet! Das reicht jawohl!«

»Ihr als kleiner Hinweis getarnter Wunsch nach ›Naturalien‹ hat mich offen gestanden anfangs ein wenig verwirrt, zumal er so selbstverständlich geäußert wurde. Aber ich habe es mir bei Ihnen ja gleich gedacht, Albert. Nun denn, mein liebster Briefeschreiber, ich habe verstanden und nehme an.

PS: Was das angelegentliche Fernbleiben meiner Söhne betrifft, so will ich sehen, was ich machen kann.«

xoxoxo

Meine liebste Sophie,

wenn du diesen Brief in deinen Händen hältst, wird es schon nicht mehr so schlimm sein.

Albert war nicht da. Er ist einfach nicht gekommen. Nicht, dass ich damit gerechnet habe, dass er auftaucht, aber dennoch war da etwas, das gefehlt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es ein Glück oder ein Unglück nennen soll, aber mir scheint, dass das Wissen um eine Sache uns nicht vor unseren Erwartungen rettet. Das hat es bei mir noch nie getan. Manchmal, wenn ich Arthur und Max ins Bett gebracht und die beiden ihren Träumen überlassen habe, sitze ich hier und folge ihnen mit offenen Augen. Ich spüre dann die Zeit nicht mehr. Kein Einst, kein Morgen, nur ein in bis alle Ewigkeit verlängerter Moment, ein unendliches Jetzt. Jetzt, jetzt! Es gibt dann keine Erwartungen mehr, weil es auch keine Geschichte mehr gibt, kein Wissen um das, was war.

Sind diese Wachträume Gnade oder Verdammnis? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht ist das am Ende auch alles gar nicht so wichtig, vielleicht sind diese Worte einfach zu groß für unsere kleine Welt.

Nur fällt es mir nicht leicht, von ihnen zu lassen. Ich weiß, dass du über all das den Kopf schütteln wirst. Ich sehe es ganz genau vor mir. Dein Kopf, wie er über diesen Zeilen hängt, an denen die Augen kleben, die auch mit geschüttelt werden, ohne sich dabei lösen zu können von dem, was sie sehen. Eine seltsame Vorstellung … Aber weißt du, irgendwie tröstet sie mich. Sie erlaubt mir weiterzumachen. Ich weiß, dass du mir dieses eine Mal noch verzeihst. Du hast es so oft schon getan. Und wahrscheinlich würdest du es auch noch viel öfter tun. Du würdest es vorziehen, dir den Kopf vom Hals zu schütteln, als auch nur einmal Schluss zu sagen. Und du weißt, wie froh ich darüber bin, auch wenn ich es eigentlich befürchten sollte.

Albert jedenfalls scheint seine geliebte Schule um nichts in der Welt verlassen zu wollen. Er wird eines Tages darin sterben, und die Kinder werden ihn am nächsten Morgen finden und sich in ihre Bänke setzen, als wäre nichts geschehen. Und wenn sie ihn dann hinaustragen, werde ich dastehen und zusehen und mir nicht vorstellen können, dass er gegangen ist.

Meine liebste Sophie, selbst jetzt, in dieser viel zu späten Stunde, in der ich dir diese Zeilen schreibe und sich so viele, zu viele Gedanken meines Kopfes bemächtigen, während ein jeder längst schläft und wir alle, so wach wir auch sein mögen, unmerklich in einen neuen Tag geführt werden, selbst jetzt will es mir nicht gelingen, mir vorzustellen, dass dieser Ort ohne Albert überhaupt nur existiert oder es eines Tages auch nur tun könnte.

Ich weiß, du schüttelst schon wieder den Kopf. Bestimmt denkst du, dass mir das auch gar nicht gelingen sollte. Und du hast Recht, ich will es mir auch gar nicht vorstellen. Und doch gibt es da etwas, das mich dazu bringt, es dennoch zu tun, etwas, mit dem ich mir meine Erwartungen raube, die die Enttäuschung doch immer nur vorwegnehmen.

Sophie, ich weiß, dass all das viel zu große Worte sind für das wenige, was da ist, und gewiss treffen sie es umso schlechter, je größer sie sind und je schöner sie klingen. Aber ich kann es nun einmal nicht anders sagen: Es ist Alberts Abwesenheit, die ihn so oft hier sein lässt. Und wenn er dann doch einmal auftaucht, wenn er vor mir steht, so nah, dass ich ihn berühren könnte, dann kehrt sich alles mit einem Male um, und er ist nichts als Albert, der Lehrer, abwesend in seiner ganzen Anwesenheit. Und dabei will ich ihn doch nur sehen, will sehen, wie er in seiner Unscheinbarkeit zu verschwinden versucht. Und ich würde ihn lassen, verstehst du, Sophie, ich würde ihn vor mir verschwinden lassen, weil er dann endlich ganz bei mir wäre.

Lilly

xoxoxo

Herzliebste Lilly,

verzeih, dass ich dir erst jetzt antworte, aber die Arbeit war gar zuviel, und ich schreibe nicht gern, wenn mich etwas drängt. Die Zeit ist freilich noch immer knapp, doch kann ich nicht länger warten, auch wenn ich fürchte, dass mir die eilig zu Papier gebrachten Worte nicht gefallen werden. Ich sehe es ja jetzt schon! Bitte versteh mich nicht falsch, ich bewundere den spontanen, unverstellten Ausdruck, doch will sich mir ein solcher beim Schreiben nie recht einstellen, und gelingt es mir dann doch einmal, meine Empfindungen sogleich in Worte zu kleiden, so wirken die Zeilen erkünstelt, und das Lesen wird mir zur Qual. Und dennoch, Lilly, mag uns unser Wissen auch nicht vor unseren Erwartungen schützen, so halten uns unsere Befürchtungen doch um nichts weniger davon ab, das zu tun, worauf sie sich gründen. Ob dies ein Glück ist, wage ich nicht zu entscheiden. Gewiss aber ist es kein Unglück, denn wo das eine die Enttäuschung immer schon in sich trägt, ist das andere von Anfang an vor ihr gefeit.

Siehst du, jetzt gerate ich selbst schon in die großen Worte, dabei habe ich noch gar nichts gesagt. Aber ich weiß ja auch gar nicht, wo ich beginnen und wie ich es sagen soll.

Seit drei Tagen erweise ich mich nun schon als Sklavin meiner eigenen Küche. Es fing damit an, dass mein Herr Gemahl einen Fisch gefangen hat. Zumindest hat er einen solchen mit nach Hause gebracht. Ein Spiegelkarpfen, an die zwanzig Pfund schwer. Er hat ihn mir auf den Küchentisch gelegt und gesagt, ich solle ihn gleich zubereiten. Ich habe es getan und – ach, du siehst es ja selbst, mein einfaches Drauflosschreiben raubt dem Alltäglichen seine Dramatik.

Schüttelst du jetzt den Kopf?

Glaubst du, dass unser ganzes Dasein aus solch scheinbaren Banalitäten besteht? Dann bliebe noch immer die Frage, was besser wäre: die gemeinen Dramen mit Worten zu überhöhen, um ihre wahre Größe aufzuzeigen oder sie so darzustellen, wie sie uns entgegentreten? Eine Aneinanderreihung von Plattitüden und Nebensächlichkeiten, einfach und banal. Scheinbar … Aber gut, ich habe den Karpfen zubereitet, und als ich fertig war, ist Justus zurückgekommen, hat ihn in eine große Pfanne gepackt und ist mit ihm seiner Wege gegangen. Er ist einfach verschwunden, Lilly, genau wie dein Albert, nur auf eine ganze andere Art und Weise. Auch war er nach ein paar Stunden wieder zurück. Einfach so, als wäre nichts gewesen. Und alles, was er sagte, war: »Der Fisch hat geschmeckt.« Dann ist er in die Kammer gegangen, hat sich ins Bett gelegt und ist eingeschlafen. So laut, dass ich’s nicht hätte überhören können. Dabei stand ich noch immer in der Küche, und das einzige, woran ich denken konnte, waren seine Worte. »Der Fisch hat geschmeckt.« Nicht gut, nicht sehr gut und auch nicht vorzüglich, nein, der Fisch hat einfach nur geschmeckt. Geschmeckt! Der Fisch! Ein Karpfen war das, ein Spiegelkarpfen! Fast hätte ich geglaubt, er habe sein Heil in Petrus endlich gefunden. Aber ich konnte mir schon denken, wo er war. Nur wusste ich nicht, dass er mir am nächsten Tag wieder einen bringt. Diesmal war es kein Karpfen, diesmal war es ein Lachs! Dabei hatte er noch nie einen Lachs gefangen, stattdessen immer behauptet, der Fisch sei hierzulande ausgestorben. Und dann kommt er in aller Herrgottsfrühe mit einem Lachs nach Hause! Und wieder so ein Riesenvieh. Legt ihn mir auf den Küchentisch und sagt, ich soll ihn gleich zubereiten. Ich kam mir vor wie in einem dieser Märchen, wo sich alles im Kreise dreht und wiederholt, zumal ich es wieder getan habe. Nur dass es diesmal viel länger gedauert hat, weil ich nicht wusste, wie man einen Lachs am besten zubereitet. Zum Glück habe ich in einem Buch ein Rezept gefunden, aber kaum war ich fertig, war der Fisch auch schon wieder verschwunden. Du kannst dir denken, wie die Geschichte weitergeht. Der verehrte Herr kommt nach ein paar Stunden zurück, sagt, dass der Fisch geschmeckt hat, geht in die Kammer, schläft ein und bringt mir am nächsten Tag wieder einen. Diesmal einen Hecht. Dabei hatte er erst vor ein paar Wochen einen gefangen. Immerhin wusste ich diesmal, wie ich ihn zuzubereiten habe. Ging deshalb auch ein wenig schneller. Verschwunden ist der Fisch trotzdem, aber mir wurde gesagt, dass er geschmeckt hat. Das war vor einer Stunde, und jetzt sitze ich hier in der Küche und warte auf den neuen Tag. Auf den neuen Tag und auf den neuen Fisch. Und obwohl ich weiß, dass er mir wieder einen bringen wird, habe ich alle Spuren beseitigt und meine Seiten über den Tisch hier ausgebreitet.

Lilly, ich habe deinen Brief gerade noch einmal gelesen, und weißt du, obwohl alles ganz anders ist, geht es mir genau wie dir. Ich sitze hier und spüre die Zeit nicht mehr. Ich weiß, ich habe gesagt, sie ist knapp, aber jetzt spüre ich sie nicht mehr. Ich lasse mich mit offenen Augen durch die Nacht treiben. Aber ich darf nicht nachdenken, nur nicht nachdenken, denn dann wird mir bewusst, dass ein neuer Tag kommen und mich mit seinen Erwartungen bedrängen wird, die ich jetzt schon wieder vor mir sehe, auch wenn ich nicht sagen kann, ob es nicht doch eher Befürchtungen sind. Aber was macht das schon. Wir treffen mit unseren Worten ja doch nie unsere Welt.

Soll ich dir also erzählen, was geschehen ist?

Aber wie soll ich es denn beschreiben?!

Je länger ich darüber nachdenke, desto unmöglicher erscheint mir das alles. Die Zeit lässt uns mich eben doch nicht los. Oh Lilly, wie gern würde ich dir in deinen Wachträumen folgen. Aber ich kann es nicht.

Sind wir denn so verschieden?

Bitte, du darfst diesen Worten keine große Bedeutung beimessen. Es sind flüchtige Gefährten, und wir wissen doch beide, wie ähnlich sich unsere Wesen sind. Und es hat ja auch sein Gutes, denn hätte ich die Zeit und die Kraft, meine Worte noch einmal durchzulesen, ihr Schicksal wäre besiegelt. Ich würde nicht zögern, diesen Brief zu zerreißen und ihn in den Eimer zu den stinkenden Resten des Hechtes zu werfen. Papier ist gut, um ausgescharrte Innereien zu überdecken.

Ich werde also weitermachen, genau wie du gesagt hast, jetzt, jetzt, jetzt.

Die Fische sind allesamt ins Wirtshaus gewandert. Aber glaub nicht, dass sie dort auch angekommen sind.

Nein, ich muss anders beginnen, verzeih mir.

Seit Tagen empfängt Pfarrer Fuggert die verschiedensten Leute. Manche kommen ganz früh, noch im Schutz des Nebels, und gehen erst wieder, wenn es die Dunkelheit erlaubt. Aber das sind beileibe nicht alle. Ich habe sie schließlich zu jeder Stunde hoch zum ›Schwaden‹ laufen sehen. Aber sie kehren dort nicht ein, sondern gehen direkt rauf in das Zimmer, das Fuggert nun schon seit Wochen bewohnt. Er empfängt sie dort und lässt sie erzählen. Und wenn sie stocken, wartet der Fisch auf sie. Vielleicht fragst du dich, was das alles zu bedeuten hat, aber den Reim musst du dir schon selber machen. Und das wirst du, das wirst du ganz gewiss. Und glaub mir, du wirst richtig liegen, vollkommen richtig. Wie könnte ich daran zweifeln?!

Ist das eine Befürchtung oder eine Erwartung?

Ich weiß es nicht. Aber was sollte das auch ändern?!

Lilly, die Zeilen beginnen vor meinen Augen zu verschwimmen. Ich muss mich beeilen. Ich sehe doch, dass ich noch immer nichts zu greifen bekommen habe. Aber gestern, gestern ist Albert gekommen. Es war schon fast dunkel, aber ich weiß, dass er es war. Selbst wenn ich ihn nie zuvor gesehen hätte – ich hätte ihn erkannt. Du hast ihn mir so oft schon beschrieben. Eines Tages aber wird er bei dir sein. Hörst du, Lilly, eines Tages wird er ganz und gar bei dir sein.

Glaubst du mir das, Lilly? Glaubst du mir das?

Lilly, du darfst nicht glauben, dass das hier alles ein Spiel ist. Es sieht nur wie eines aus.

Ich bin müde. Wenn Arthur morgen kommt, werde ich ihm den Brief mitgeben. Wenn nicht, zerreiße ich ihn und streue die Schnipsel über die Eingeweide eines riesigen Fischs.

S.

© Francis Nenik, 2012

© Bilder: punkzebra

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Besinnliche Momente und Reflexionen” (BESINNLICHE MOMENTE-SUBCOVER-100-minus-60-0) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Für alle, die gern mehr lesen möchten – neben der gedruckten Version, bietet die ed[ition]. cetera den kompletten Roman zum freien Lesen und Herunterladen auf ihrer Verlagswebseite an.

Wer aber erst einmal wissen möchte, worum es in „XO“ (sonst noch) geht, klickt am besten hier.

XO. Roman

Verlag : ed[ition]. cetera
ISBN : 978-3-00-037594-1
Einband : ungebunden, lose Blätter in Kartonage, mit Banderole

Preisinfo : 33,90 Eur[D] (inklusive Versand) / 33,90 Eur[A] + 9,50 Euro Porto und Versand

Seiten/Umfang : 853 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform : B: Buch
Erscheinungsdatum : 1. Aufl. 02.201

Der Roman ist erhältlich auf der Verlagswebseite oder bei Tubuk.

Updated: 20. März 2013 — 19:52

13 Comments

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  1. Liebe Community, bitte begrüßt unseren neuen Autoren und schreibt hier mal was zu seiner Leseprobe. Er wird bestimmt auch dazu Stellung nehmen und antworten. Er oder jemand vom Verlag.

  2. Ein recht interessanter Beitrag. Stilistisch finde ich ihn ausgesprochen gut! 🙂 Allerdings weiß ich nicht, ob ich das Puzzle-Spiel der Suche nach Handlung oder Geschehnissen, Sichtweisen oder Beziehungen über 125 Kapitel durchhielte.

  3. Bei Filmen, die so aufgebaut sind, verliehre ich oft nach 10 Minuten die Geduld und spule dann vor oder schalte um, wenn das im Fernsehen läuft.

  4. Christa Kuczinski

    Tatsächlich? Ich würde mir den Film bis zum Ende ansehen. Mir geht es oft so, dass ich fasziniert bin von den Ideen, der Umsetzung eines Autors, einer Verfilmung geht ja eine gedruckte Version vorraus.

  5. Ist nicht mein Ding.

  6. Vielen Dank für die Kommentare zu unserer Leseprobe. Natürlich ist „XO“ kein Buch, das man einfach mal so „wegliest“, aber wir freuen uns über jeden, der sich auf dieses literarische Puzzle einlässt. Es wirkt am Anfang gewiss ein bisschen gewöhnungsbedürftig und ist aufgrund der vielen Seiten auch nicht eben leicht zu „bezwingen“, aber im Grunde ist „XO“ ein ganz normaler Roman – er funktioniert nur ein bisschen anders.
    Übrigens haben wir auch eine Version erstellt, die die Möglichkeit des Durcheinanderlesens auf dem Papier digial reproduziert. Sie findet sich – zusammen mit weiteren Storys unserer Autoren – hier:
    http://www.the-quandary-novelists.com/xo/das-buch-kapitelweise-durcheinanderlesen/

    Soweit erstmal von uns.
    Beste Grüße aus dem sonnigen Leipzig,
    das Team der ed[ition]. cetera

  7. Eine Sammlung mit 427(!) losen Blättern für 125 Kapitel? Huiii. Wäre es nicht angemessen, die einzelnen Kapitel wenigstens zusammenzufassen, z.B. zu heften? Huiii, wenn da der Wind durchfegt, hat sich’s mit dem literarischen Puzzle. Dann wird gezündelt ;-).

    vg
    Micha
    aus dem ebenfalls sonnigen Stuttgart 😉

  8. Lustige Idee, Micha! 😀

  9. Wenn der Wind durchs Papier fegt, kann es tatsächlich zu literarischen Verwerfungen kommen, aber „XO“ ist auch nicht unbedingt „Strandlektüre“ 😉
    Aber im Ernst: Das Zusammenhaften der einzelnen Kapitel hätte nochmal einiges an Geld gekostet, und die Produktion von „XO“ war auch so schon sehr aufwendig (die vielen speziellen Typografien, das Anfertigen einer eigens angepassten Stanzform für den Karton, das teure Munken-Papier usw.) Aber es gibt Bücher, bei denen die einzelnen Kapitel zusammengeheftet sind, das Großeganze aber lose und austauschbar ist. Zum Beispiel ist es so bei B. S. Johnsons „The Unfortunates“ (dt.: „Die Unglücksraben“) oder bei „Santa Esperanza“ des georgischen Autors Aka Morchiladze.
    Leider sind diese Werke hierzulande weitgehend unbekannt, aber wir hoffen, der ein oder andere Leser lässt sich inspirieren, Neues zu entdecken.

  10. Macht diese werk nicht mehr mit beim Award?

  11. Hallo Kai,
    ich glaube, wir waren schon beim Award dabei, aber es wird bald neue Bücher aus dem Hause ed. cetera geben, und die werden dann wieder mit von der Partie sein. Bis dahin wünsche ich viel Spaß mit „XO“ von Francis Nenik und „Formenverfuger“ von Arthur Missa, beide komplett online auf unserer Webseite http://www.ed-cetera.de

    Beste Grüße,
    Eyk von ed. cetera

  12. Hallo Eyk, solange man keinen Award damit gewonnen hat, kann man die Leseprobe immer wieder nominieren. Alternativ könntet ihr doch eine zweite Leseprobe – also eine Fortsetzung der ersten – reinstellen. Was meint ihr, Eyk?

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