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Literatur-Blog

DIE NEBEL VON MERAGON – von Stephan Lössl

Erstellt von Galaxykarl am Sonntag 12. September 2010

Auszug aus dem unveröffentlichten Roman

“Synnivan – Das Buch der Flammen”

von

Stephan Lössl


Nach seinem Gespräch mit Rangfarn lief Wyras die Stallgasse entlang. An einer geräumigen Box mit der Aufschrift ›Tronax‹’ hielt er schließlich an und begrüßte den braunen Hengst mit der wallenden, schwarzen Mähne, der sein Lieblingspferd war. Wyras hatte Tronax vor zwei Sommern selbst zugeritten und mochte das Pferd sehr. Obwohl ihm das Tier anfangs häufig Schwierigkeiten bereitet hatte, hatten sich Reiter und Pferd doch nach einiger Zeit irgendwie arrangiert. Weniger reine Schnelligkeit war es, was Tronax auszeichnete, sondern seine Ausdauer und Zähigkeit und ganz besonders die ungewöhnliche Nervenstärke, die er an den Tag legte. Auf Tronax würde man sich immer verlassen können, er verlor nie die Nerven.

Ein Pfleger hatte das Pferd bereits gesattelt, doch nicht nur Wyras und Tronax stand heute ein langer Übungsritt bevor, sondern allen Reitern und Pferden, die zur berittenen Armee von Hammasidras gehörten. Tuark forderte ein starkes und ausdauerndes Heer. Schließlich sollten die Reiter und ihre Pferde in wenigen Tagen aufbrechen, um auf Umwegen in das Elfenreich und dann bis nach Syrlion zu gelangen, wo sie natürlich immer noch genügend Reserven für die bevorstehende Schlacht haben mussten. Aus diesem Grund zogen die Reiter seit vielen Tagen immer wieder durch die Stadttore von Hammasidras hinaus in die östlichen Ebenen der Ringmark, um sich auf den Kampf vorzubereiten, in dem sie die Ausdauer der Pferde ebenso trainierten, wie das rasche Formieren unterschiedlicher Kampfabteilungen.

Als Wyras, der junge Anführer der berittenen Armee, auf Tronax hinausgaloppierte, sah er dort bereits mehr als tausend Reiter, die, aufgeteilt in vier Abteilungen, auf ihn warteten. Hatten sie während der letzten Tage immer wieder in den südlich der Stadt gelegenen Dun-Hügeln verschiedene Manöver durchexerziert, so sollte sie heute ihr Weg nah Osten führen. Im Schritttempo ritten sie los, um dann in einen gemächlichen Trab zu fallen. Nach einiger Zeit gab Wyras das Kommando zu einem disziplinierten Galopp und kurz darauf jagten die vier Abteilungen nebeneinander über die Ebene. Als Wyras schließlich die Reiter wieder in ein ruhiges Schritttempo zurückfallen ließ, hatten sie Hammasidras bereits seit langem hinter sich gelassen. Vor sich konnten sie sogar schon eine Wand aus Nebel sehen.

»Die Fälle von Larosh«, erklärte Hammit. Hammit führte eine der Reiterabteilungen an und seine blauen Augen blickten nun skeptisch in die Nebelwand.

Wyras nickte nachdenklich. »Seit ewigen Zeiten stürzen die Wasserfälle dort in die Tiefe und die Gischt vermischt sich mit dem Nebel, der wie ein Leichentuch über dem versunkenen Waldreich von Meragon liegt.«

»Wir sollten nach Norden abwenden, um in einem Bogen zurück nach Hammasidras zu reiten. Die Pferde werden bereits nervös!«

Wyras wandte seinen Blick von der riesigen Wand aus Nebel ab und bemerkte, dass Hammit Recht hatte. Die meisten Pferde tänzelten unruhig. Manche stiegen sogar und ihre Reiter hatten Mühe, sie zu besänftigen. Er klopfte Tronax den Hals, da das Pferd wie immer gelassen blieb, und gab dann schließlich das Kommando zum Abwenden.

So drehten sie nach Norden ab, nur um sich bald schon mit plötzlichem Entsetzen einer höchst sonderbaren Erscheinung gegenüber zu sehen. Erneut parierte Wyras sein Pferd durch, hob die Hand und ließ damit das große Reiterheer anhalten. Was er dort vor sich sah, raubte ihm den Atem, und ein Blick auf einige der Soldaten verriet ihm, dass auch seinen Männern wohl gerade aufgrund des Wetterschauspiels, dessen sie ansichtig wurden, dass Blut in den Adern gefror. Im Nordosten, direkt über den Schattenbergen, lagen schwarze Wolken. Dunkel wie die Nacht tanzten sie, tobenden Riesen gleich, direkt über den Bergen. Begleitet von lautem Krachen zuckten immer wieder gezackte Blitze herab und schienen direkt im Wald von Ungold einzuschlagen. Allerdings war es nicht das Wüten des Unwetters, was die Männer entsetzte, sondern das Loch in den schwarzen Wolken. Dort stand die Sichel eines blutroten Mondes direkt über den dunklen Bergen. Zwar war es später Nachmittag und der Mond bereits aufgegangen, doch noch nie zuvor hatte ihn Wyras in einer derart grausigen Szenerie gesehen. Wie eine sichelförmige Fleischwunde, gebrannt in das Firmament von einem glühenden Brandeisen, klaffte der Mond am Himmel, unwirklich, grauenvoll, unheilschwanger.

Wie gebannt beobachtete die Reiterarmee von Hammasidras die Sturmfront, die nun weiter nach Süden, direkt auf das alte Waldreich von Meragon zog. Der Sturm wütete gnadenlos und peitschte die schwarzen Wolken, die gigantischen Festungen glichen, immer weiter auf die Wand aus Nebel zu, die, ausgehend von den Fällen von Larosh, sich über das ganze Waldreich ausbreitete. Das Loch in den Wolken allerdings blieb und die feurige Sichel des Mondes verharrte unablässig am Himmel, sichtbar für jeden der aufschaute.

Zu Wyras Erstaunen schien es jedoch, als ob der Sturm an der Nebelwand hängen blieb und nicht weiter ziehen konnte, gerade so, als würde sich etwas im Nebel bewegen und sich gegen die schwarze Front, die aus Norden kam, auflehnen.

Die Männer konnten das Rollen des Donners hören, das wütend über den Himmel jagte, als wolle das Unwetter seinem Zorn Ausdruck verleihen, dass es nicht nach Süden weiterzuziehen vermochte. Die wirbelnden Nebel von Meragon schienen eine unüberwindliche Mauer zu bilden.

»Welch teuflische Magie ist da bloß am Werk«, flüsterte Hammit, der Mühe hatte, sein Pferd zu beherrschen.

Wyras schüttelte nur den Kopf und beobachtete die Schlacht, die dort am Himmel stattfand. Nach wenigen Augenblicken aber drehte die Sturmfront plötzlich ab und hielt direkt auf die Reiter von Hammasidras zu, die nun das nackte Entsetzen packte. Sturmböen heulten auf, fegten wie zornige Geister über das Grasland.

»Wir müssen weg!«, schrie einer der Reiter.

»Flieht!«, brüllte ein Soldat.

»Reitet so schnell ihr könnt!«

Die Männer riefen wild durcheinander, Wyras erkannte, dass Panik nach ihnen griff, als sie der wütende Sturm erfasste und die schwarzen Wolken auf sie zusteuerten.

»Wartet, es ist bereits zu spät«, schrie er gegen den anschwellenden Wind, »auf der Ebene sind wir dem Sturm schutzlos ausgeliefert.«

Wyras, der auf einem immer noch gelassenen Tronax saß, versuchte die Soldaten zu beruhigen. »Hammit, wir müssen in dem Wald dort drüben Schutz suchen, gib den anderen Bescheid!«

Hammit jedoch schüttelte den Kopf. »Wir können nicht in den Wald, die Blitze werden in die Bäume einschlagen. Außerdem liegt ein Teil des Waldes bereits außerhalb der Ringmark und der andere Teil grenzt an das alte Waldreich und das ist verflucht. Ihr seht doch, was sich dort hinten abspielt. Nicht mal dieser rasende Sturm kann den Nebel durchdringen.« Hammit hatte mittlerweile einen roten Kopf bekommen. Er musste gegen das Brüllen des Sturmes anschreien, was ihm sichtlich schwer fiel.

»Hammit, ich führe die Reiter«, betonte Wyras. »Ich war bereits in diesem kleinen Wald, dort gibt es viele versteckte Senken, wo wir uns in Sicherheit bringen können. Los jetzt, die schwarze Flut hat schon die Grenze der Ringmark erreicht und nur in der Nebelwand finden wir Sicherheit.« Wyras deutete auf den fernen Nebel. »Du siehst doch selbst, dass nicht einmal diese wütende Naturgewalt in Meragon einzudringen vermag.«

Wyras blickte Hammit eindringlich an. Dieser sah unsicher nach Osten, wo sich der Sturm an der nördlichen Grenze von Meragon entlang bewegte und Blitze bereits auf die Grenze der Ringmark herabprasselten. Sichtliches Unbehagen war in Hammits Gesicht zu sehen, aber er gehorchte und brüllte den Männern Befehle zu, ihre vier Abteilungen zu halten und so rasch wie möglich nach Osten, auf den Wald zu zureiten, um in Senken oder wo auch immer Schutz zu suchen. Die Männer rasten umgehend los, ihre Pferde konnten sie ohnehin kaum mehr halten.

Wyras versuchte sich an die Spitze zu setzen, um den Abteilungen Führung zu geben, um einen einigermaßen geordneten Ritt zu erreichen, doch viele der Soldaten stürmten panisch in die andere Richtung, zurück nach Hammasidras und damit auf das offene, ungeschützte Grasland hinaus. Der Großteil der Reiter allerdings erreichte schon bald den Rand des Waldes. Die ersten Regentropfen peitschten ihnen mittlerweile direkt von vorne ins Gesicht.

»Haltet auf den südlichen Teil des Waldes zu«, schrie Wyras gegen den Wind. Er wollte die Armee möglichst nahe an die Grenzen von Meragon bringen, dort, wo der dichte Nebel war. Der Sturm tobte nun immer lauter und in den Regen mischten sich kleine Eisbrocken, die ihnen schmerzhaft und mit hoher Geschwindigkeit wie Geschosse ins Gesicht prasselten. Blitze zuckten mittlerweile überall vom Himmel.

Endlich erreichten sie den Waldrand und ritten direkt unter die Bäume. Die vier Abteilungen hatten sich allerdings während des scharfen Rittes aufgelöst und viele der Männer hielten auf den nördlichen Teil des Waldes zu. Sie wollten sich lieber direkt dem Sturm aussetzen, als den Schrecken des alten Waldreiches.
Wyras führte die Männer, die ihm gefolgt waren, nun im Schritt weiter. Riesige Bäume, deren lange Stämme in den Himmel wuchsen, umgaben sie und bildeten hoch droben einen schützenden grünen Blätterbaldachin, über dem es heftig krachte und wütete. Wyras ließ die Männer wieder antraben und bald schon fiel das Gelände leicht ab. Nach kurzer Zeit konnten sie zwischen den Bäumen auch schon die wallenden Nebel sehen.

Mit Hammits Unterstützung redete Wyras seinen Männern gut zu und schließlich folgten sie, wenn auch mit sichtlichem Unbehangen, in den Nebel. Sie ritten weiter bergab und bald fanden sie eine große, weitläufige Senke, in der sie zwischen knorrigen, hoch aufragenden Bäumen Halt machten. Wyras blickte sich um, sah in die ängstlichen Gesichter seiner Männer, die mit einer Hand die Zügel ihres Pferdes gefasst und die andere am Griff ihres Schwertes gelegt hatten. Der Nebel war überall und verbreitete eine eigentümliche Stille, dämpfte das Zwitschern der Vögel, jedoch nicht, als wolle er es ersticken, sondern viel mehr, als wolle er behüten, so zumindest kam es Wyras vor, auch wenn er annahm, dass er dies als einziger so empfand. Das wallende Weiß umschmiegte die Bäume, lag wie ein Hauch auf den Gräsern am Waldboden, macht Spinnweben sichtbar und verbarg dennoch die wahren Tiefen der Wälder von Meragon unter seinem endlosen Mantel.

Keiner der Männer sprach ein Wort, jeder sah sich nur ängstlich um und schwieg, als wage es niemand diese Ruhe zu stören. Wyras bemerkte auch, dass das Wüten des Sturmes kaum noch zu hören war. Lediglich der ein oder andere Donnerknall drang gedämpft durch die Nebeldecke. Kein einziger Blitz war mehr zu sehen und die Bäume schwankten nur ganz leicht im Wind. Es war still, so als ob die Stille ein Wesen wäre, das außer der friedvollen Ruhe des Waldes keinen Lärm duldete.

»Wyras, wir sollten nicht hier sein. Wir sind direkt im Nebel, der Meragon seit Ewigkeiten bedeckt. Wir befinden uns unter dem Leichentuch, welches sich seit undenklichen Zeiten über diesen Wäldern ausbreitet.« So leise sie auch gesprochen waren, lösten Hammits Worte doch Unruhe bei den umstehenden Männern aus. Wyras hob die Hand und brachte sie zum Schweigen.

»Fürchtet euch nicht, wir sind immer noch in der Ringmark, auch wenn die Grenze direkt vor uns liegt. Wir warten ab.«

Die Männer schienen nicht wirklich beruhigt zu sein, verharrten jedoch geduldig. Auf die Pferde hatte der Nebel seltsamerweise eine besänftigende Wirkung, denn viele begannen sogar, das saftige Gras zu fressen, welches die Senke bedeckte.

Wyras starrte angestrengt in die Nebelwand, die sich zur Grenze hin zu verdichten schien. Plötzlich schrak er zurück und dieses mal zuckte selbst Tronax zusammen. Irgendetwas hatte sich dort bewegt. Oder war es nur eine Täuschung? Nein, etwas war vor ihm im Nebel. Es sah aus, als ob manche Nebelschwaden sich sogar entgegengesetzt zu anderen bewegten, so als gäbe es unterschiedliche Strömungen, die durcheinander gewirbelt wurden. Auch die Soldaten schienen ebenfalls zu bemerken, dass dort etwas geschah. Gebannt starrten sie nach vorne in das wabernde Weiß. Mit einem Mal begann es im Nebel zu krachen und zu rumoren. Es klang, als würde etwas die Erde aufreißen oder Holz spalten. Unruhe machte sich bei den Männern breit und die Pferde wieherten nervös. Wyras, dem nun auch ein wenig unbehaglich zumute wurde, bedeutete seinen Leuten sich langsam, ganz langsam, zurückzuziehen. Es krachte und rumpelte im Gehölz und der Nebel wirbelte immer wieder hin und her, doch nach wie vor war nichts zu erkennen. Aber dann war so etwas wie Schritte zu hören. Etwas Gewaltiges stapfte auf sie zu und sein Atem röchelte irgendwo vor ihnen im Nebel. Es kam ihnen wie eine Ewigkeit vor, als Hammit und die Soldaten die Umrisse einer riesigen Gestalt erkennen konnten, die sich aus dem Nebel herausschälte. Als die Kreatur gänzlich sichtbar geworden war, stockte den Männern der Atem und sie zogen ihre Schwerter. Etwas Derartiges hatten sie noch nie gesehen.

Auch Hammit, der neben Wyras stand, zog langsam seine Klinge. Einige Schritte von ihm entfernt, blieb das Geschöpf schließlich stehen. Hammit ließ seinen Blick unsicher über eine Gestalt schweifen, die wie ein riesiger, beinahe zwanzig Fuß großer Erdklumpen aussah. Nur, dass dieser Erdklumpen Arme und Beine hatte, an dessen Händen sich anstatt Finger und Zehen unzählige knorrige Wurzeln befanden. Der Kopf glich einem Felsen, der anstelle von Augen zwei Felsspalten hatte, hinter denen sich so etwas wie dunkle Höhlen befanden. Nebel wallte immer noch um das fremdartige Wesen und hüllte es ein, so als wolle er die Kreatur nicht gänzlich freigeben. Die beiden Felsspalten im Gesicht des schrecklichen Geschöpfes, die Hammit als zornige Augen empfand, blickten direkt auf ihn herab. Er konnte hören, wie die anderen Männer ihre Klingen zogen und dabei zurückwichen. Die Soldaten bewegten sich langsam und vermieden dabei hastige Bewegungen. Alle, bis auf Wyras, der plötzlich stehen blieb und wie gebannt auf die merkwürdige Kreatur blickte.

»Wyras, zurück, schnell«, zischte Hammit, doch Wyras drehte ihm nur den Kopf zu und flüsterte.

»Was soll das? Senkt die Schwerter, es tut euch nichts!«

Wie die anderen auch, hörte Wyras die Schritte im Nebel. Irgendetwas näherte sich ihm und seinen Männern, die sich gerade zurückzogen. Langsam kristallisierte sich die Gestalt aus dem schweren Dunst heraus, wenngleich sie der Nebel auch nicht vollends freigab. Wyras riss erstaunt die Auge auf. Noch nie zuvor hatte er so etwas gesehen und er spürte, wie sich sein Herzschlag plötzlich beschleunigte, obwohl die Zeit um ihn herum mit einem Mal zu erstarren schien. Vor ihm stand ein riesiges weißes Einhorn, welches aus sanften dunklen Augen, die dennoch eine ungeahnte innere Stärke ausdrückten, auf ihn herabblickte. Ein gewaltiges, glitzerndes Horn wuchs aus der Stirn des Tieres, mit einer tödlichen Spitze am Ende.

»Wyras, zurück, schnell«, konnte er Hammit rufen hören. Wyras drehte sich kurz zu ihm um, schüttelte kaum merklich den Kopf und meinte:

»Was soll das? Senkt die Schwerter, es tut euch nichts!«
Dann bestaunte er wieder die außerweltliche Schönheit des Wesens, welches vor ihm stand.

»Es gibt nicht viele, die unser wahres Gesicht sehen. Besonders nicht bei den Menschen, die vergessen haben, die Wunder der alten Welt zu erblicken.«

Die Stimme, die eindeutig zu einer Frau gehören musste, kam irgendwo aus dem Nebel rechts von Wyras. Sie klang angenehm und melodisch, genauso weich und sanft wie der Nebel selbst umschmeichelte sie seine Sinne. Kurz darauf wurde die Gestalt, zu der sie gehörte, auch schon sichtbar. Unter einem hellen Umhang, den Kopf mit einer Kapuze verhüllt, bewegte sie sich mit fließenden Bewegungen auf Wyras zu. Als sie ihn erreicht hatte, legte sie die Hand, es handelte sich eindeutig um eine zarte Frauenhand, auf den Hals des Einhorns. Ebenso dunkle und braune Augen, wie die des anmutigen Tieres, sahen Wyras aus den Schatten der Kapuze heraus an. Nach einigen Augenblicken gelang es Wyras endlich, sich aus seiner Erstarrung zu lösen.

»Wer seid Ihr?«, fragte er erstaunt.

Hammit wollte gerade auf seinen Kommandanten zugehen, um ihm von dem riesigen Erdklumpen wegzuziehen, doch eine krächzende Stimme lenkte ihn ab.

»Es gibt nicht viele, die unser wahres Gesicht sehen. Besonders nicht bei den Menschen, die vergessen haben, die Wunder der alten Welt zu erblicken.«
Eine alte Frau löste sich aus dem Nebel, ging auf die grauenvolle riesige Kreatur, die einem Erdklumpen ähnelte, zu und legte dieser schließlich die Hand auf die Seite.
Hammit hielt inne, da Wyras begann, sich mit dem alten Weib zu unterhalten.

»Ich bin, was Ihr seht und ich bin nicht, was die meisten von euch sehen. Somit bin ich immer etwas anderes und niemals das Gleiche. Ich bin der Wandel und als solcher ändere ich mich nie. Aber den Tod kann ich für jeden von euch bedeuten.«

Wyras verstand die rätselhaften Worte nicht. Doch als die seltsame Frau den Tod erwähnte, senkte das Einhorn drohend die Spitze seines tödlichen Horns, wie um ihre Worte zu unterstreichen.

»Alanis kamryat, Wahyranon.« Die Frau, deren Gesicht Wyras immer noch nicht erkennen konnte, flüsterte in einer fremdartigen Sprache zu dem schönen Tier, welches sich sofort entspannte und wieder stolz den Kopf hob. Dann wandte sie sich Wyras zu, während das Einhorn zur Seite trat und das Geschehen aufmerksam beobachtete.

»Warum kommt Ihr mit so vielen bewaffneten Männern hierher?«, fragte die geheimnisvolle Frau.

»Wir suchen nur Schutz vor dem Sturm. Dann ziehen wir wieder zurück nach Hammasidras«, erklärte Wyras.

Die Frau blickte ihn aus dem Dunkel ihrer Kapuze heraus an.
»Schutz sei Euch gewährt. Aber bedenkt, der Tod ist Euch gewiss, solltet Ihr die Grenzen missachten, die Euch gesetzt sind.«

Wie gebannt blickte Wyras auf das Wesen vor sich, nickte dann aber. »Sobald der Sturm vorüber ist, werden wir weiterziehen.«

»Gut, denn bedenkt, auch der Nebel wandelt sich ständig und als Verbindung zu anderen Welten ist nie gewiss, zu welch fremden Reichen er gerade ein Tor öffnet. Daher wachen wir!«

Die Stimme dieser Frau klang so eigenartig, war von einer tiefen Sehnsucht erfüllt, dass Wyras beinahe bei jedem ihrer Worte einen süßen Schmerz in seinem Inneren spürte. Als sie sprach, erhob sich plötzlich ein leichter Wind, der ihre Kapuze etwas zur Seite bewegte und für einen kurzen Moment glaubte Wyras, einen flüchtigen Blick auf ein ebenmäßiges und zeitloses Gesicht erhaschen zu können und erneut fühlte er ein Ziehen in seiner Brust.

»Wir? Du meinst du und das Einhorn?«, fragte Wyras.
Ein leises, aber angenehmes Lachen erklang unter der Kapuze.

»Nicht nur wir beide. Viele wachen im Nebel. Der Nebel ist unruhig dieser Tage, Dunkles treibt sich herum in Wendalon.«
Bei diesen Worten strich wieder ein milder Luftzug durch den Nebel, so als spiele der Wind mit dem zarten weißen Hauch, der sich sanft um die hohen Bäume schmiegte. Das Einhorn blähte die Nüstern und schnaubte und noch einmal konnte Wyras einen kurzen Blick auf große Augen erhaschen.

»Der Sturm ist vorüber, Ihr und Eure Männer könnt jetzt gehen. Geht, aber blickt nicht zurück und dann trefft eure Wahl.« Damit drehte sich die Frau um und verschwand im Nebel. Das Einhorn jedoch verweilte noch einen Augenblick.

Wyras allerdings zuckte kurz zusammen und runzelte die Stirn.
»Was meinst du damit, welche Wahl?«

»Wahyranon!« Nur der Ruf kam aus dem Nebel und das anmutige Tier drehte sich um. Es folgte der Frau ohne ein Geräusch zu verursachen und verschwand im Nebel.

»Welche Wahl?«, rief er erneut, dieses mal etwas lauter.
Wyras bekam keine Antwort, nur der Wind bewegte den Nebel und für die Dauer eines Herzschlages hatte er den Eindruck ein Wispern im Wind zu vernehmen, Worte, einen Namen, den er jedoch nicht verstand.

»Wyras, kommt jetzt, bevor das grauenhafte Ding zurückkehrt und uns alle tötet!«, rief Hammit aufgebracht.

»Grauenhaftes Ding?«, fragte Wyras verständnislos. »Ich möchte nicht wissen, was Ihr dann als schön bezeichnet, Hammit.«

Nachdenklich ging Wyras an Hammit vorbei und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. »So viel Schönheit habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen«, sagte er abwesend, denn in Gedanken war er noch immer bei den letzten Worten der Frau. Dass Hammit ihn nur irritiert musterte und dann mit einem verständnislosen Kopfschütteln die Zügel seines Pferdes packte, bekam er gar nicht mit.

Auch Wyras schwang sich auf Tronax’ Rücken und führte die Männer aus dem Wald. Er hatte zunächst Schwierigkeiten sich zu orientieren, allerdings hinterließ eine Reiterarmee in einem Wald deutliche Spuren und so fanden er schließlich den Weg hinaus. Von den anderen Männern, die weiter nördlich in den Schutz der Bäume geritten waren, fehlte allerdings jede Spur und Wyras ließ daher mehrfach ins Horn blasen. Es dauerte eine ganze Zeit lang, bis schließlich die ersten Reiter aus dem Wald kamen. Nach weiterem geduldigen Warten jedoch musste er sich eingestehen, dass niemand mehr kommen würde. Von den über tausend Reitern fehlten immer noch beinahe einhundert. Der Abend war nicht mehr fern und so führte Wyras die Männer zurück nach Hammasidras. Unterwegs sahen sie immer wieder kleine Gehöfte, die vom Sturm schwer beschädigt oder gänzlich niedergebrannt worden waren. Auch einige der Reiter und Pferde trafen sie, die zurück nach Westen geritten waren, anstatt ihrem Anführer zu folgen. Sie waren alle tot.

Es war bereits stockfinster, als Wyras die Reiter schließlich anhalten ließ. Die Männer und Pferde wirkten sehr müde und nach Hammasidras würden sie es heute ohnehin nicht mehr schaffen. So übernachteten sie unter einem Himmel, der aussah, als wäre noch nie ein Sturm über ihn hinweggezogen, auch die Sichel des Mondes war dieses mal von silbernen Farbe.

Am nächsten Morgen kehrten sie schließlich nach Hammasidras zurück, wo sie ein ungeduldiger Rangfarn erwartete.
Über seine Begegnung mit der geheimnisvollen Frau und dem Einhorn erzählte Wyras niemandem etwas. Während des Rittes bemerkte er jedoch immer wieder, wie sich die Männer über diesen schrecklichen Erdklumpen und die alte Hexe unterhielten. So verstand er nun auch Hammits merkwürdige Reaktion und, mehr noch, er verstand die Worte der Frau.
›Ich bin, was ihr seht und ich bin nicht, was die meisten von euch sehen‹, hatte sie gesagt. Offensichtlich hatten seine Männer etwas anders gesehen. Wyras beließ es dabei, musste aber während der folgenden Tage immer wieder an diese eigenartige Begegnung denken, ganz besonders jedoch an die Wahl, die zu treffen ihm bevorstand.

Ende

Auszug aus dem unveröffentlichten Roman “Synnivan – Das Buch der Flammen” von Stephan Lössl.

Copyright (c) 2010 by Stephan Lössl

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Waffentod-74-minus-160-98.png(Waffentod41.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.


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Julian Letsche, Jahrgang 1961, ist Unternehmer und Zimmermann. Der Reutlinger Autor und Handwerkerdichter kennt das Leben auf der Walz aus eigener Erfahrung, woraus sein Interesse an der Geschichte der Handwerkerzünfte resultierte. Mit seiner Irish-Folk-Band »Lads go buskin« lässt er alte Zunftlieder wiederaufleben. »Auf der Walz« ist sein erster historischer Roman.

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4 Kommentare zu “DIE NEBEL VON MERAGON – von Stephan Lössl”

  1. Detlef Hedderich sagt:

    Hallo Leute, hier wurde nun der Beitrag aktualisiert – bitte mailt mal, wie er Euch gefällt!

  2. Detlef Hedderich sagt:

    Hallo Stephan, diesen Auszug hast du ja vor fast einem Jahr reingestellt gehabt, ich denke, du könntest das ruhig noch mal als Wettbewerbsbeitrag reinstellen. Was meinst du? Wenn du einverstanen bist, gib kurz ein OK. Dann setze ich das Häkchen, da du den Beitrag damals ja nicht selbst reingestellt hattest kannst du auch das Häkchen nicht setzen, ich kann aber.

    Was meinst du?

  3. Galaxykarl sagt:

    Was nun?

    “Die Nebel von Meragon” oder “Synnivan – Das Buch der Flammen”? Oder hast du den Titel geändert?

    mgg
    galaxykarl ;-)

  4. sfbasar.de » Blog Archiv » SFBASAR.DE-ANTHOLOGIE (mit Themenschwerpunkt): “Waffentod – Im Meer der Zeiten” sagt:

    [...] DIE NEBEL VON MERAGON – Leseprobe von Stephan Lössl [...]

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