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EINSAMKEIT IST EIN ANDERER HUNGER – Shortstory von Irene Salzmann

EINSAMKEIT IST EIN ANDERER HUNGER

Shortstory

von

Irene Salzmann

Obwohl es schon vor einer geraumen Weile aufgehört hatte zu regnen, troff die Luft vor Feuchtigkeit und kroch unter meinen dunkelblauen Regenmantel. Mit dem Rücken lehnte ich mich an die raue Hauswand und versuchte, mir einzubilden, dass sie mich ein wenig wärmte, aber es wollte nicht klappen.

Vielleicht war auch der nagende Hunger daran schuld. Ich schielte sehnsüchtig hinüber auf die bunten Leuchtreklamen des russischen Lokals. Aber nein, ein Boeuf Stroganoff würde mich nicht sättigen können, jedenfalls nicht so, wie ich es brauchte – Einsamkeit ist ein anderer Hunger.

Außerdem war er da drin, er, der Mann, den ich liebte und hasste, liebte und hasste, liebte und hasste … Beides gleichzeitig, beides gleich ausgeprägt, richtig irrational!

Mein Herz klopfte noch heftiger, als ich an Jens dachte. Alles schrie in mir: „Nimm mich in deine Arme, und halte mich fest, bevor es zu spät ist!“ Doch ich wusste, er hörte es nicht, kam auch nicht, und wenn, dann nur, um mich erneut zurückzustoßen.

Wie schon so oft fragte ich mich verzweifelt, was ich ihm getan hatte, dass er mich plötzlich nicht mehr liebte, dabei war es noch gar nicht lange her, dass er mich gebeten hatte, seine Frau zu werden, und ich mich fühlte wie die Prinzessin, die ihren Prinzen bekommen hat. Im Märchen lieben sie sich ein Leben lang; darüber, dass er sie verlässt, steht nichts geschrieben.

Jens hatte mich verlassen, ohne einen Grund zu nennen. Rief ich ihn an, ging er nicht ans Telefon oder ließ sich verleugnen, meine Briefe kamen ungeöffnet zurück, und als ich ihn einmal nach der Arbeit abpasste, wurde er bleich und schrie: „Geh weg! Du … du bist abartig!“

Ich verstand und verstehe es immer noch nicht, denn es gab nichts, was ich getan hatte, was ihn hätte verletzen können – außer ihn zu lieben und zu wünschen, dass er mich genauso liebte.

Fest ballte ich meine Fäuste zusammen, um die Tränen zurückzuhalten. Ich wollte nicht unnötig auffallen, zumal mir ein Passant schon einen fragenden Blick zuwarf. Er kam auf mich zu, wohl, um zu fragen, ob ich Hilfe brauchte, doch dann zog er den Kopf zwischen den Schultern ein und ging schnell weiter.

Es fing wieder an zu regnen, aber dann wurde mein Warten belohnt. Die Tür des Lokals öffnete sich, und Jens, groß, athletisch, blond, spannte den Regenschirm auf.

Hinter ihm erschien ein attraktives Mädchen, klein und zierlich, mit dunklem Wuschelkopf, deren Anblick mir einen gemeinen Stich versetzte. Seine Neue? Nein, sie beachtete ihn gar nicht und stieg in einen klapprigen Fiesta.

Jens überquerte die Straße und war nur noch wenige Schritte von mir entfernt. Mein Herz schien zerspringen zu wollen, denn ich liebte ihn noch immer …

Entschlossen trat ich aus dem Schatten der Mauer und verstellte ihm den Weg.

„Jens.“

Meine Stimme klang zärtlich, doch er schrak zurück und hob abwehrend die Hand, als wäre ich ein Ungeheuer, vor dem er sich fürchtete.

„Nicht, Anja“, versuchte er, mich zurückzuhalten, mich schon wieder abzuweisen, und das machte mich wütend. „Nicht, hast du vergessen, was beinahe passiert wäre? Willst du mich umbringen mit deiner unnatürlichen Begierde?“

Langsam kam ich mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu und bemerkte, dass ich so groß war wie er, vielleicht sogar größer. Das war mir noch nie aufgefallen. Hatte ihn etwa die Angst kleiner werden lassen?

Er stand nur starr da und duldete meine Nähe mit eisiger Kälte und schlecht verborgener Furcht. Während ich ihn voller Liebe küsste, blieb er abweisend, so dass mein Hass neue Nahrung erhielt. Oh, ich hasste ihn, liebte ihn, hasste ihn, mein Hunger wuchs, drohte, mich selbst aufzufressen, Hass, Liebe, Hunger …

Der Hunger der Einsamkeit ließ mich in seinen Hals beißen, ganz fest und wütend. Gierig saugte ich sein Blut, saugte alles heraus, was ich an ihm liebte und hasste, bis er schlaff in meinen Armen hing.

Endlich fror ich nicht mehr und fühlte mich auch im Ganzen besser. Bald würde ich Jens vergessen haben, der blass in einer Pfütze lag und mich nicht mehr zurückstoßen konnte.

Ein Stück weiter winkte ich einem Taxi und setzte mich in den Fond. Es war angenehm warm, fast schon zu warm, sodass ich den Mantel öffnete.

„Mieses Wetter, was?“

Der Fahrer drehte sich flüchtig um, blinzelte und riskierte gleich noch einen zweiten Blick. Ich lächelte ihn an und knüllte das Papiertaschentuch, mit dem ich mir die Lippen abgewischt hatte, rasch in die Tasche.

-ENDE-

Copyright © Kranzberg, 1989/2015 by Irene Salzmann für Text / Bild: Königsfurt Urania

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Gefährtin des Blutes (Roman) (Kartoniert)
von Feehan, Christine

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Verlag:  Lübbe
Medium:  Buch
Seiten:  541
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  September 2015
Sonstiges:  .17237
Originaltitel:  Dark Blood (Carpathian 26)
Maße:  207 x 135 mm
Gewicht:  456 g
ISBN-10:  340417237X
ISBN-13:  9783404172375


Beschreibung
Der Elite-Krieger Zev wird im Kampf tödlich verletzt. Doch als ihn bereits die Schwärze der ewigen Nacht umfängt, ruft ihn eine Stimme zurück ins Leben, sinnlich, verführerisch und auf seltsame Weise vertraut. Sie gehört Branislava, einer Karpatianerin aus dem mächtigen Drachensucherclan. Um ihn zu retten, knüpft sie ein untrennbares Band zwischen ihnen. Ein Band, das sie in dunkler Leidenschaft aneinanderfesselt –

Autorin
Christine Feehan wurde in Kalifornien geboren, wo sie heute noch mit ihrem Mann und ihren elf Kindern lebt. Sie begann bereits als Kind zu schreiben und hat seit 1999 mehr als dreißig Romane veröffentlicht, die in den USA mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurden und regelmäßig auf den Bestsellerlisten landen.

Anita Krätzer arbeitet freiberuflich in den Bereichen integrierter Umweltschutz, Märkte, Führung und Kommunikation, ferner als Wirtschaftsjournalistin, Lektorin und Übersetzerin.

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2 Comments

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  1. WOW mit so einem Ende habe ich echt nicht gerechnet. Super aber ganz schön fies. 🙂

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