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EINE REISE ALTER HELDEN – Leseprobe (Teil 1) aus dem Science-Fiction-Roman „D9E – Die neunte Expansion – Eine Reise alter Helden“ von Dirk van den Boom (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Herbst 2013″ – geteilter Preis!)

EINE REISE ALTER HELDEN

Leseprobe (Teil 1) aus dem Science-Fiction-Roman „D9E – Die neunte Expansion – Eine Reise alter Helden“

von

Dirk van den Boom

Carlisle klagte wieder über Druckstellen.

Lieutenant-Commander Thrax beugte sich nach vorne und inspizierte den Sitz, in dem der Navigator seit Jahren saß. Die blutigen Krusten des letzten Geschwürs waren recht gut abgeheilt, das fleckige Narbengewebe war das Beste, was man unter diesen Umständen erwarten konnte. Carlisle stand ununterbrochen unter Schmerzmitteln, sodass er die meisten seiner Blessuren gar nicht mehr bewusst wahrnahm, vor allem dann nicht, wenn sein Bewusstsein sich auf dem drogeninduzierten Trip befand, der ihm half, die Interceptor sicher durch das Gewirr der Wurmlochbahnen zu steuern.

Wenn er über Schmerzen klagte, leise, fast schüchtern, dann litt er Schmerzen, deretwegen normale Menschen wahnsinnig werden würden.

Thrax lächelte bei dem Gedanken. Normal. Das konnte heutzutage alles bedeuten. Er streckte seinen rechten Arm aus und ballte die Hand zur Faust. Aus den Knöcheln streckte sich das kaum sichtbare Filament des Analysators hervor und drang ohne erkennbaren Widerstand in das weißliche Fleisch von Carlisles unförmigem Körper ein. Thrax ließ die Meddaten in seinen Kortex laden und verglich sie mit denen der Automatik. Zwei Sensoren der uralten Suite waren offenbar ausgefallen, ohne dass die KI Alarm geschlagen hätte. Die Interceptor war seit 170 Jahren im Dienst und insbesondere die damals gebauten Medsuiten gehörten zu einer Technologie, die heute kaum noch ein Wartungsingenieur verstand. Thrax kommandierte den Abfangkreuzer seit vier Jahren und hatte Tage damit zugebracht, sich mit dem Schiff und speziell dessen Macken vertraut zu machen. Er wusste meist, was nicht funktionierte. Warum nicht und wie er es wieder reparieren konnte, konnte er im Regelfalle nicht sagen.

Thrax rekonfigurierte die Suite. Die »Druckstellen« – schwärende Wunden, die sich mit dem uralten Septplastik des Navigatorsessels verbunden hatten und zu verwesen begannen – wurden sofort von den Nanobots angegriffen. Thrax verfolgte mit seinem inneren Auge, wie die Wundränder sich schlossen, sich das Gewebe vom Plastik löste, wie desinfiziert und geheilt wurde und, das war das Wichtigste, wie schmerzstillende Gels die Wunden abdeckten.

Carlisle stieß ein sanftes Seufzen aus.

»Das ist besser«, sagte er mit seiner kindlichen, piepsigen Stimme, die so gar nicht zu dem voluminösen Körper passte, der fast regungslos in dem gigantischen Sessel saß und diesen, wie es das Schicksal der meisten Navigatoren war, zu Lebzeiten nicht mehr verlassen würde. Thrax kam gut mit Carlisle zurecht, der Mann war nicht halb so verrückt wie andere seines Standes, aber er würde verbrennen wie sie alle. Noch zwei oder drei Jahre Fronteinsatz, dann war sein Gehirn durch und der geniale Beherrscher des Raumzeit-Gefüges nur noch ein dementer Idiot, der gnadenvolle Aufnahme in einem der Euthanasiezentren der Raumflotte finden würde.

Thrax wollte nicht daran denken. Das gleiche Schicksal erwartete ihn dereinst, wenn sein Körper die Medikamente nicht mehr vertrug, die die Abstoßungsreaktionen seiner Implantate unter Kontrolle hielten. Nicht in zwei oder drei Jahren, aber auch nicht erst in zwanzig oder dreißig. Zehn, meinten die Mediker. Das fand Thrax schon sehr optimistisch.

Er ging nicht davon aus, dass die Hondh ihn so lange am Leben lassen würden.

Thrax zog das Medfilament zurück, es glitt sanft in seine Hand und der Knöchel verschloss sich. Dann setzte er sich wieder auf seinen Sessel, spürte das Knacken des brüchigen Plastikbezugs, das pulsierende Signal des Log-ins in seinem Kopf. Doch er wollte sich nicht mit der KI verbinden, er wollte einfach nur sehen, hören, riechen. Er hasste die Verbindung, die Verlockung des Log-ins. Sie erinnerte ihn an das, was da im Sessel vor ihm hockte und nun wieder selig lächelte, den starren Blick ins Leere gerichtet.

Thrax setzte sich zurecht.

»Alles in Ordnung mit Carlisle?«

Neben ihm tauchte die schlanke Gestalt von Lieutenant Theresa Skepz auf. Seine Stellvertreterin schaute ihn auffordernd an. Richtig. Der Wachwechsel. Thrax’ Zeit für Ruhe und Besinnung.

Thrax hasste Ruhe und Besinnung. Wenn er sich besann, dann immer nur auf das Leben, das er führte, ein Sklave des nunmehr 120 Jahre währenden Krieges gegen die Hondh, die niemals jemand zu Gesicht bekommen hatte und die das Gesicht der Menschheit so sehr veränderten. Thrax gefiel nicht, was er da sah. Vor allem nicht, wenn er in einen Spiegel blickte.

»Es geht ihm gut.«

Skepz nickte und schob sich in den Sitz neben ihm. Sie wusste, dass Thrax meist keine Lust hatte, die exakten Schichten einzuhalten, und lieber noch einige Minuten blieb.

»Situation?«

»Unverändert. Die Frachter sind fast fertig. Commodore Sebastian meint, dass wir spätestens in einer Stunde loskönnen.«

Skepz warf einen Blick auf das taktische Display. Die farbigen Icons zeigten die siebzehn schweren Frachter, die Exonium aus dem Asteroidengürtel abtransportieren sollten, den Ertrag der Arbeit eines Standardjahres. Unerkannt von den Hondh hatten die Schürfroboter das kostbare Metall aus den riesigen Gesteinsbrocken extrahiert und in leicht transportable Megabarren transformiert. Ohne Exonium funktionierte wenig in der Flotte der Terranischen Hegemonie, vor allem nicht der Überlichtantrieb. Exonium war das, woran alles hing, auch ihr Überleben im Krieg gegen die Hondh. Siebzehn volle Frachter, das hieß genug Exonium für ein Jahr.

Thrax’ Geschwader weilte seit vier Tagen im System, und die einzige Aufgabe der 26 Leichten Abfangkreuzer bestand darin, das Überleben der Frachter zu sichern. Für den Fall, dass die Hondh angriffen, war das vollständige Ende des Geschwaders mit einkalkuliert. Nicht eines der antiken Schiffe oder der Besatzungsmitglieder war es wert, mit Exonium aufgewogen zu werden. Jeder an Bord wusste das. Jeder fieberte dem Ende der Aktion entgegen. Waren die Frachter gefüllt, würde man auf Fluchtgeschwindigkeit beschleunigen. 30 Stunden später war man dann sicher auf dem Heimweg. Thrax fieberte diesem Zeitpunkt entgegen. Die fünfjährige aktive Schicht seiner Crew war fast um. Bis auf Carlisle, der auch einem neuen Kommandanten dienen würde, hatten sich dann alle einen zehnmonatigen Urlaub verdient, ehe die nächsten fünf Jahre abzudienen waren. Für Thrax, den Ältesten unter ihnen, gleichzeitig die letzte Dienstzeit. Es gab nicht viele, die ihren Ruhestand erlebten. Lieutenant-Commander Alfonso Thrax hatte sich vorgenommen, zu diesen wenigen zu gehören.

Bis jetzt hatte er sich ganz gut gehalten.

»Meldungen vom Commodore?«

»Nichts.«

»Irgendwas auf der Ortung?«

»Nichts.«

»Was gab es zum Mittag?«

»Gar nichts. Glaub mir, ist besser so.«

Skepz verzog das Gesicht. Ein angenehmes Gesicht, wie Thrax fand, schon lange, ohne dass er es jemals hätte sagen dürfen. Schmal, die Nase eine Spur zu dominant vielleicht, aber absolut symmetrisch, mit schönen, großen Augen. Skepz wusste nicht, wie sie auf Männer wirkte, davon war Thrax überzeugt. Ihn selbst durfte es nicht betreffen, schon deshalb nicht, weil er ihr kommandierender Offizier war. Zudem bestand er mittlerweile zu rund dreißig Prozent aus kybernetischen Implantaten, die verloren gegangene Gliedmaßen und Organe ersetzten. Thrax war kein schöner Mann. Er sah aus wie dieser Krieg: alt, verbraucht, hässlich.

»Ich hole mir trotzdem was. Einen Kaffee?«

Nun war es an Thrax, die Gesichtszüge entgleisen zu lassen. Der Nahrungsynthetisierer war so alt wie die Interceptor und produzierte Nahrungsmittel, die zwar bekömmlich waren, jedoch nach nichts oder entsetzlich schmeckten. Das galt auch für den Kaffee. Es war eine schlechte Angewohnheit, dass er und Skepz zu jedem Wachwechsel einen Becher tranken.

Sie taten es dennoch, weil es einfach schön war, einem Ritual zu folgen, das ausnahmsweise nichts damit zu tun hatte, sich auf das Sterben vorzubereiten. (…)

(wird fortgesetzt)

Copyright © 2013 by Dirk van den Boom. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Wurdack Verlags
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Bildrechte: Cover-Apokalypsen.jpg © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Künstliche Menschen” (Zeichnung-Cyborgs.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der kann den Titel des Autoren hier bestellen:

Boom, Dirk van den
D9E – Die neunte Expansion

Eine Reise alter Helden

Umschlaggestaltung von Preuss, Alexander
Verlag :      Wurdack Verlag
ISBN :      978-3-95556-010-2
Einband :      Paperback
Preisinfo :      12,95 Eur[D] / 13,40 Eur[A] / 18,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 07.02.2013
Sonstige Preise :      10,00 Eur[D] Gültig bis 15.09.2013 / 10,30 Eur[A] Gültig bis 15.09.2013 / 14,90 CHF UVP Gültig bis 15.09.2013
Seiten/Umfang :      ca. 256 S. – 21,0 x 13,2 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 12.10.2013
Gewicht :      280 g
Aus der Reihe :      D9E – Die neunte Expansion 1


D9E – Die neunte Expansion
Die heimatliche Milchstraße, weit in der Zukunft. Schon vor Hunderten von Jahren brach der Widerstand der Terranischen Hegemonie gegen die Hondh endgültig zusammen. Die Menschheit wurde zum Vasallen eines Imperiums, dessen Ziele und Absichten bis heute niemand begriffen hat. Außer den Abtrünnigen, die eine neue Heimat außerhalb des Machtbereichs der Hondh gefunden haben, gibt es keine freien Menschen mehr.

Als ein beschädigtes Hegemonie-Kampfschiff, dessen Besatzung in Stasis versetzt war, nach endlosem relativistischen Flug zur Erde zurückkehrt und mit einer Kultur konfrontiert wird, die sich unter der Herrschaft der Hondh gut eingerichtet hat, beginnt ein Prozess mit unabsehbaren Folgen.

Auch außerhalb des Hondh-Imperiums glauben viele nicht daran, dass der letzte Eroberungsfeldzug der fremdartigen Wesen auch ihr letzter gewesen ist. Doch niemand hat je mit einem Hondh gesprochen, geschweige denn einen gesehen. Und genauso wie jene, die Angst vor einem neuen Eroberungskrieg haben, gibt es solche, die die Gefahr nach Hunderten von Jahren des Friedens für vernachlässigbar halten – oder die sogar begonnen haben, Aliens wie mythische Gestalten anzubeten.

Vor diesem Hintergrund startet im Oktober 2013 die neue SF-Reihe aus dem Wurdack-Verlag. Geplant sind vier Romane im Jahr.

Als „shared universe“ konzipiert, schreiben die beteiligten Autorinnen und Autoren eigenständige Romane mit selbständigen Plots und Charakteren, die sich aber gemeinsam vor einer kontinuierlichen Hintergrundgeschichte entwickeln.

Eine Reise alter Helden

Das schwer beschädigte irdische Kriegsschiff Interceptor flieht nach einer verlorenen Schlacht vor den rätselhaften Hondh und kann die heimatliche Erde erst nach einem langen Unterlichtflug erreichen. Während auf dem Schiff nur wenige Jahrzehnte verstreichen, sind auf der Erde fast 500 Jahre vergangen. Jetzt, in ihrer Zukunft, muss die Mannschaft feststellen, dass die Aliens den Krieg für sich entschieden haben und die Menschheit ihren neuen Herren seit langer Zeit Tribut und Gehorsam schuldig ist. Die müden Soldaten stehen vor einer wichtigen Entscheidung: sollen sie jetzt ihren persönlichen Frieden suchen oder den verlorenen Krieg 500 Jahre in der Zukunft wieder aufnehmen?

Der Autor
Dirk van den Boom, geb. 1966, arbeitet eigentlich als Consultant und ist Professor für Politikwissenschaft. Als Science-Fiction-Autor hob er die Serie »Rettungskreuzer Ikarus« aus der Taufe. Neben seinem Engagement für »Die neunte Expansion« veröffentlicht er regelmäßig weitere Romane in seinem Military-SF-Zyklus um den Tentakelkrieg sowie der alternative-history-Serie um die Kaiserkrieger. Darüber hinaus ist er als Übersetzer tätig.

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Updated: 2. Dezember 2013 — 21:33

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