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EINE HERBSTNACHT ANDERS ALS SONST – Eine Shortstory von Irene Salzmann (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 4/2016)

EINE HERBSTNACHT ANDERS ALS SONST

Eine Shortstory
von
Irene Salzmann
(1997/2016)

(sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 4/2016)

Die Ruine spiegel

Die Sonne war leuchtend rot hinter den grauen Hügeln untergegangen. Eine kühle Brise kam auf, die den Geruch von frischem Schnee aus dem Gebirge mitbrachte und den nahenden Winter ahnen ließ. Der Wind pfiff um die Ecken, rüttelte an dürren Bäumen und raschelte im welken Laub. Einige Meilen entfernt mochte eine Turmuhr schlagen und den Menschen verkünden, dass es acht Uhr abends war, doch bis hierher drang niemals der feierliche Klang der Kirchenglocken. Abseits von den gemütlichen Dörfern und befestigten Straßen ragte einsam die alte Burg auf einer steilen Klippe in den violetten Himmel. Ein undurchdringlicher, schwarzer Nadelwald, der sich an den Fuß der Felsen schmiegte, stellte sicher, dass sich kein Wanderer zufällig auf die Burg verirrte und deren Frieden störte.

Angeblich war die Burg schon seit Generationen unbewohnt, und da die einstigen Bewohner keine Erben hinterlassen hatten, war niemand da, der auf den Besitz Anspruch erhob oder sich um seine Erhaltung kümmerte. Sie lag auch viel zu weit weg von den größeren Städten, um zu einem einladenden Ziel für Reiselustige zu werden. Trotzdem seit Ewigkeiten niemand mehr einen Fuß jenseits des verwitterten Tores gesetzt hatte, erhob sich die Burg auf dem Gipfel ohne jegliche Anzeichen von Verfall und sah nicht ein Staubkorn anders aus als damals, als der merkwürdige Graf noch gelebt und manchmal seine Untertanen besucht hatte.

Die Dörfler redeten wenig über das erloschene Adelsgeschlecht, noch weniger über die düstere Burg und am allerwenigsten über das geheimnisvolle Licht, das die wenigen Wanderer, die wegen der Pilze und Beeren in sicherer Entfernung unterwegs waren, dort zu sehen glaubten. Das ist nur eine Täuschung, hieß es; und damit war das Gespräch beendet.

Aber es gab dieses Licht, und die Dörfler wussten es. Genauso wie alle wussten, dass der alte Graf immer noch durch seine Burg wandelte; auch wenn er sein Volk schon lange nicht mehr besuchte.

Die letzten Sonnenstrahlen schwanden – jetzt war wieder seine Zeit gekommen.

Jede Nacht erwachte er, stieg aus seinem mit schwarzem Samt ausgelegten edlen Sarg und verließ die modrige Gruft, die sich ganz tief in den unterirdischen Gewölben befand.

Früher hatte der Graf einen Namen gehabt, doch war dieser schon vor einer ganzen Weile vergessen worden. Er selbst erinnerte sich nicht einmal mehr daran, so lange war das schon her. Es spielte auch keine Rolle, denn er war der einzige, und es gab niemanden, der ihn danach gefragt hätte. Niemals kamen die Dörfler oder Fremde zur Burg. Allein einige übermütige Gespenster fegten durch die Gänge und Säle, hüteten sich jedoch, dem Grafen zu nahe zu kommen. Ab und zu versuchten sie zwar, ihn zu necken, doch ignorierte er beharrlich die frechen Gesellen, die sich irgendwann ungebeten bei ihm eingenistet hatten.

Die Gespenster störten den Grafen überhaupt nicht. Sie waren für ihn sogar noch weniger interessant als Fliegen, Käfer, Spinnen, Ratten, Fledermäuse und anderes kleines Getier, welches er ab und zu fing, um es zu verzehren und das warme Blut zu trinken. Tatsächlich war er damit zufrieden, durch seine Burg zu wandeln, den Mond und die Sterne zu betrachten und dem Rufen der Käuzchen zu lauschen. Hin und wieder heulte ein Wolf ein melancholisches Lied.

Heute Nacht war es jedoch irgendwie anders als sonst. Der Graf spürte es sofort.

Der Vollmond leuchtete rötlich, wenn er zwischen den üppigen Wolken hervor lugte. Das war nie ein gutes Zeichen. Selbst die Gespenster, die für gewöhnlich einige Zimmer weiter kicherten, rumpelten, mit Ketten klirrten oder andere närrische Dinge trieben, hielten sich zurück, waren unnatürlich still. Es war, als hätte etwas seine munteren Untermieter vertrieben. Das beunruhigte ihn nun wirklich. Obwohl er es sich nicht eingestehen mochte, hatte er sich an ihre Gegenwart gewöhnt und vermisste die lustige Gesellschaft.

Mit einem siebenarmigen Leuchter in der Linken ging der Graf seine Runde durch die Burg. Zunächst schien alles in Ordnung zu sein. Nichts ließ darauf schließen, dass etwas verändert worden wäre oder jemand wider Erwarten sein Reich betreten hätte. Er blickte in jede Kammer, vom tiefsten Verließ bis hinauf zu den Zinnen des höchsten Turmes.

Plötzlich hörte er etwas. Es klang wie … Gemurmel, Stimmen. Im selben Moment sah er einige helle Punkte auf die Burg zu tanzen. Das waren Fackeln oder Laternen.

Eine schlimme Erinnerung wurde im Grafen geweckt. Kamen sie wieder? Dabei hatte er sie doch in Ruhe gelassen und niemandem etwas getan. Er brauchte ihr Blut nicht, zumal es gar nicht schmeckte. Warum störten sie dann seinen Frieden? Weshalb wollten sie ihn … töten? Brauchten sie überhaupt einen Grund, um zu töten?

Mit wehendem Umhang eilte er hinab, um ihnen den Eintritt in seine Burg zu verwehren, doch es war bereits zu spät. Die Dörfler trampelten johlend durch die hallenden Gänge, treppauf, treppab. Sie suchten ihn, und – wie entsetzlich! – sie kannten seine Schwächen. Für sie war er etwas Fremdes, Unheimliches, Böses; und sie wollten die vermeintliche Bedrohung endlich vernichten.

Der Graf erkannte, dass er sich vor ihnen verstecken musste, denn gegen so viele aufgebrachte Menschen reichte seine Macht nicht aus. Am besten zog er sich in die Gruft zurück, denn fliehen konnte er nicht. Die Welt dort draußen war ihm nicht vertraut. Wo sollte er in Sicherheit schlafen, wenn sich die Nacht ihrem Ende zuneigte?

Das Gewölbe bestand aus vielen Labyrinth artigen Gängen, in denen er seine Verfolger abzuschütteln hoffte. Bestimmt würden die Dörfler aufgeben, wenn sie ihn nicht fanden. Er wollte sie erschrecken, damit sie die Burg schnell verließen und nicht so bald zurückkehrten. Was hatte sie nur heute aufgestachelt, nachdem all die Jahrhunderte keiner von ihnen gewagt hatte, sich der Burg auch nur auf Steinwurfweite zu nähern?

Die lärmende Meute, die sich gegenseitig mit Mordlust ansteckte, ließ sich nicht so leicht beeinflussen wie eine einzelne ängstliche Person. Weder die haarigen Spinnen noch die quiekenden Ratten, weder die schwirrenden Fledermäuse noch die schreienden schwarzen Katzen vermochten den Dörflern Respekt einzuflößen und sie zur Umkehr zu bewegen. Sie fühlten sich in der Masse stark, hatten gewiss auch so einiges vom Selbstgebrannten getrunken, um sich Mut zu machen und ihre Instinkte abzustumpfen.

Immer weiter trieben sie den Grafen vor sich her, holten zunehmend auf, bis er schließlich in seiner eigenen Gruft zum Gefangenen wurde.

Dann standen sie vor ihm und starrten ihn an.

Er kannte diese Gesichter. Da war der feiste Metzger. Das betrügerische Marktweib. Der stotternde Lehrer. Der eingebildete Büttel. Die alternde Hure. Der verlogene Pfaffe. Und viele mehr. Sie hatten sich kaum verändert; die Nachkommen waren dieselben wie ihre Väter und Mütter. Sie alle grinsten, hielten zuckende Fackeln, ausgebeulte Säcke und spitze Holzpflöcke in ihren Händen.

Der Graf war zu stolz, um für sein Leben zu bitten. Nein, die Dörfler würden keine Gnade zeigen, sondern über ihn spotten und Freude daran haben, ihn, den vermeintlich Bösen, zu peinigen und zu töten. Hoch aufgerichtet blieb er stehen und wartete ergeben.

Der Lehrer trat schließlich einen Schritt vor und grinste noch breiter. Sein hageres Gesicht verzog sich zu einer dämonischen Grimasse.

„Sss-süßßß-igkeiten“, stammelte er, wobei jedes ‘S’ von einem feinen Spuckeregen begleitet wurde, „oder Sss-streich!“

Verwundert hob der Graf die rechte Augenbraue.

„Süßigkeiten oder Streich!“, rief nun auch der Pfaffe mit volltönender Stimme und stellte sich neben seinen Gefährten. Der Feuerschein ließ seine Fratze fast transparent wirken.

„Süßigkeiten oder Streich!“, stimmten die übrigen im Chor in diese Forderung ein.

Der Graf ließ die Augenbraue wieder sinken und beschloss, milde zu sein und seine Erleichterung, die den Ärger überwog, nicht zu zeigen. Er scheuchte einige fette Asseln, Motten und Spinnen auf, die gehorsam in den Säcken verschwanden.

Kichernd, rumpelnd und mit ihren Ketten klirrend stoben die Gespenster durch die gewundenen Gänge davon und zu einem offenen Fenster hinaus. Als hauchfeine Schleier mit schrillen Stimmchen tummelten sie sich in der Nacht und schaukelten auf den Zinnen.

Endlich hatten sie es geschafft, den tattrigen Graf doch einmal dranzukriegen!

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Copyright (C) 1997/2016 by Irene Salzmann

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) und Eingangs-Grafik Ruine © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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Was soll man tun, wenn statt des Pizzaboten ein Zombie vor der Tür steht? Luis ist neu in der Stadt und nicht auf den Anblick vorbereitet. Er fühlt sich beobachtet von dem Untoten, der in Begleitung eines Teufels und eines Kürbisses in seiner Tür steht. Eine kleine Halloween-Geschichte für zwischendurch.

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