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EIN GANZ NORMALER TAG ODER? – Eine Kurzgeschichte von Ottilie von Schottenburg – Preisangebote für die vorgestellten Grafik-Werke bitte an: info@sfbasar.de – wir leiten das dann weiter an den Künstler.

EIN GANZ NORMALER TAG ODER?

Eine Kurzgeschichte

von

Ottilie von Schottenburg

Preisangebote für die vorgestellten Grafik-Werke bitte an: info@sfbasar.de – wir leiten das dann weiter an den Künstler.

Nerv! Wieder schellt der Wecker. Manchmal komme ich mir vor wie in dem Film „…und täglich grüßt das Murmeltier“. Um 6 Uhr früh aufstehen, duschen, Frühstück, das meistens aus einem Butterbrot und einer Tasse Kaffee besteht, schnell anziehen und sehen, dass ich den Bus um 7:09 erwische.

Das liegt immer im Ermessen des Busfahrers oder der Busfahrerin des Tages. Ab und an fahren sie eher los. Bisher hatte ich Glück, weil ich einfach immer überpünktlich bin. Liegt halt an der guten Erziehung. „Kind“, pflegt meine Mutter zu sagen, „sei lieber 10 Minuten zu früh als zu spät.“ Da hat sie nun einmal Recht.

Gerade bei einem Vorstellungsgespräch ist es enorm wichtig, eher da zu sein. So bleibt Zeit genug für den obligatorischen Toilettengang und um zu schauen, ob das Gesamtbild stimmt.

Ich grinse auf dem kurzen Weg zur Haltestelle vor mich hin. Ja der erste Bus, zum Hauptbahnhof fährt gerade ab. Meine üblichen morgenmuffeligen Reisebegleiter stehen teilweise schon parat:

Das junge Mädchen, das sich gerne auffällig anzieht, aber es nicht mag, wenn man sie sich genauer ansieht, ist sogar noch eher da als ich. Immerhin erwidert sie heute sogar meinen Morgengruß. Ich erwähnte die gute Erziehung? Leider war es das dann auch schon. Ein Gespräch war einfach nicht zu erwarten. Schade, musste ich doch von einer Endstation zur anderen fahren. Nun ja, aller Anfang ist schwer.

Der junge Mann, der immer zu dem auffällig gekleideten Mädchen schaut, ist auch wieder da. Aber da sie sich immer hinter ihrem Handy versteckt, bekommt sie davon leider gar nichts mit. Schade, er ist echt ein niedlicher Teenager. Aber ich bin ja keine Schülerin mehr. Das Alter hat auch seine Vorteile: Man bekommt viel mehr mit von dem, was um einen herum geschieht. Wahrscheinlich weil man sich nicht mehr für den Nabel der Welt hält.

Jetzt kommen die beiden Schulbusse, und der junge Mann steigt ein.

Die ältere Rothaarige kommt, total aufgestylt, heran gehetzt. Die lernt es nicht mehr. Wie kann man denn jeden Morgen so knapp dran sein? Doch die Busfahrer kennen ihre Pappenheimer und sind doch recht nett.

Wie immer kommt dann auch gähnend ein drahtiges, kleines Kerlchen um die Kurve und macht erst einmal ganz gemütlich seine Schnürbänder zu. Sein Freund steht mit einem Bein im Bus und schreit ihn an, er solle sich beeilen. Kurz treffen sich unsere Blicke, und ich sehe ihn grinsen. Na, das ist ja mal ein Früchtchen! Der hat Spaß daran, dass sein Freund so in Panik ist. Der Busfahrer murrt, und der Freund verschwindet im Bus. Im letzten Moment steigt auch der Schnürsenkel-Zubinder ein.

Kurz darauf fahren die beiden Busse ab. Gut, dass ich nicht mehr zur Schule muss, die Kinder heutzutage haben es nicht leicht. Es wird erwartet, dass sie mindestens den Realschulabschluss machen. Was ist bloß aus dem guten alten Hauptschulabschluss geworden?

So, endlich kommt auch mein Bus mit der Nummer 9 Richtung Mönkeloh an.

Die ältere Frau aus der Seitenstraße kommt ebenfalls heran gehetzt. Sie nickt mir zu, und wir steigen in den Bus. Wir unterhalten uns ein, zwei Minuten. Ihr Deutsch ist nicht gut, aber sie bemüht sich, und ich finde es immer spannend, wenn sie erzählt. Ihre Sprüche sind auch recht lustig. Am besten gefällt mir dieser hier: „Deutscher Knast ist wie Urlaub in Usbekistan.“ Woher sie das weiß? Also das habe ich mich  nicht getraut zu fragen.

Leider fährt sie nur vier Haltestellen mit, aber das ist auch gut so. Es ist mitunter doch recht mühsam, ihrem Wortschwall zu folgen. Doch sie ist nett und freundlich.

Heute bekommen wir Neuzugänge. Eine junge Mutter sucht verzweifelt für sich und ihren Sohn einen Sitzplatz. Ich winke sie zu mir, da einige Fahrgäste doch recht frech sind und  lieber alleine sitzen. Tu ich ja auch, aber wenn es voll wird, nehme ich meinen Rucksack auf den Schoß. Sie bedankt sich bei mir, und ihr Sohn fängt gleich an, von seinem Kindergarten und einer Feier zu erzählen. Also, dabei vergeht die Zeit wie im Flug. Als die beiden aussteigen, habe ich schon die Hälfte der Fahrt hinter mir.

Am Krankenhaus steigen einige Nonnen ein sowie zwei Frauen jeweils in eine Abba gekleidet. So heißt wohl das schwarze Umhangkleid, das sie über ihrer normalen Kleidung tragen. Wenigstens kann man noch ihre Gesichter sehen. Ist schon interessant, welche Gemeinsamkeiten einige Religionen doch haben, denke ich (so bei) mir und grinse in mich hinein.
Ja, in meinem Bus fährt schon ein buntes Völkchen mit: Studenten, Schüler, Büroangestellte, Friseurinnen und Mütter bunt durch alle Nationen. Alle wollen wir irgendwohin.

So, der Hauptbahnhof ist erreicht, und hier steigen fast alle aus, um zu den Zügen oder anderen Bussen zu rennen. Doch der Bus bleibt nicht leer da hier der Hauptumsteigeplatz ist. Eine Menge neuer Mitfahrer gesellt sich hinzu. Alle haben einen Sitzplatz bekommen. Auch das junge Pärchen, das lieber steht, als getrennt zu sitzen. Ach ja, junge Liebe.

„Almeweg“, höre ich die Computerstimme sagen.

Auf der Leuchttafel steht „Wagen hält“, also will hier jemand raus. Aber der Busfahrer fährt wie ein Wahnsinniger viel zu schnell vorbei. Erst bei meiner Haltestelle, immerhin gute drei Stationen später, bremst der Bus ab. Einige schimpfen, doch der Busfahrer macht die Tür auf und wünscht allen einen guten Tag. Schnell steigen alle aus – man weiß ja nie: Womöglich fährt er wieder los, und wir sitzen noch alle drin.

Kaum sind wir alle ausgestiegen, fährt der Bus mit einem lauten Knall los. Ich sehe ihm nach, und meine Augen scheinen mir einen Streich zu spielen, da ich den Bus nur noch verschwommen sehen kann. Seltsam!!!

Die Leute, die nun zurücklaufen müssen, schimpfen immer noch und reden von Beschwerden, Wiedergutmachung und Geld zurück. Einer sagt was von Anwalt und Verklagen.

Auf einmal hören wir einen Riesenknall. Erschreckt sehen wir, dass etwas explodiert ist.

Bombenanschlag und Terror denken alle gleich, und keiner der Fahrgäste ist bereit, zur Arbeit zu gehen oder dorthin, wohin er wollte.

Meine Austeige-Haltestelle ist zur gleichen Zeit auch direkt am Parkplatz meiner Arbeitsstelle. Ich gehe eben mal um die Kurve, melde mich an und sage im Büro Bescheid, was passiert ist. Seltsamerweise bin ich gar nicht aufgeregt, sondern eher relaxt. Meine Kollegin ruft die Polizei an, und ich gehe wieder raus. Immerhin sind wir ja alle Zeugen.

Die Polizei rückt schon kurze Zeit später an und nimmt unsere Aussagen auf. Inzwischen ist auf der Straße kein Durchkommen mehr. Mein Chef macht gute Miene zum bösen Spiel. Er ist als Radfahrer einen völlig anderen Weg gefahren und hat das Chaos umrundet.

Ach so, ich arbeite in einem Möbelgeschäft im Büro. Nun also, mein Chef und die Kollegen holen die Campingmöbel raus und es wird Kaffee gekocht. Das Busunternehmen dessen Zentrale direkt eine Straße weiter als wir ansässig ist, schickt ebenfalls etwas zum Essen und Trinken aus der hauseigenen Kantine.  Die Atmosphäre nach den erschreckenden Ereignissen ist von Hilfsbereitschaft geprägt.

Gut, dass es Handys gibt, so können alle Fahrgäste ihre Familien und die Arbeitsstellen erreichen und sagen, dass ihnen nichts passiert ist. Unser Parkplatz gleicht einem Zeltlager. Die Polizei nimmt von jedem einzelnen Fahrgast die Zeugenaussage auf. Eigentlich hätten einige Leute schon gehen können, doch alle harren aus und wollen wissen, was überhaupt passiert ist.
Etwa zwei Stunden später wird das Rätsel gelöst: Eine Gasleitung sei explodiert, und es wäre ein mittleres Wunder, dass niemandem etwas passiert ist. Vor allem da niemand an den Haltestellen war, die zerstört wurden. Morgens werden diese immer von ein bis zwei Leuten zum Aussteigen benutzt. Doch auch zum Einsteigen sei ja niemand gekommen.

Tja, und hier passiert nun etwas recht Seltsames. Der Chef der Busfahrer stößt zu uns und entschuldigt sich wortreich dafür, dass die Linie 9 Richtung Mönkeloh und die Linie 10 Richtung Friedhoff nicht gekommen sind, da beide Busfahrer an ihren Haltestellen einfach eingeschlafen seien.

Allerdings sind beide Busse doch gefahren. Immerhin habe ich ja selber in einem gesessen. Natürlich wird das alles heruntergespielt und keiner will zugeben, dass ein Wunder passiert ist. Vor allem dann nicht, wenn man  selbst daran beteiligt ist. Ich muss schon wieder grinsen -, was ist nur los mit mir?

Leute ich will  echt nicht lange diskutieren. Ich denke, hier waren Mächte am Werk, die noch etwas mit uns vorhaben und daher beschlossen haben, uns zu retten. Seither sehe ich mir die Busfahrer und Busfahrerinnen jedoch genauer an. Vielleicht umgibt ja einige ein göttlicher Glanz.

-ENDE-

 

Copyright © 24.06.2015  by Petra Weddehage / 6 Zeichnungen – Copyright © 2015 by „Vica“ mit freundlicher Genehmigung.

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Bildrechte: Coverillustration “SkurileGeschichten1.jpg ” (SKURILE GESCHICHTEN-SPIRALE-20110114083935-8edac2f8) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Ein ganz alltägliches Wunder (Kartoniert)
Geschichten von wahren und fast wahren Wundern
von Insel Verlag GmbH

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Verlag:  Insel Verlag GmbH
Medium:  Buch
Seiten:  294
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  188 x 118 mm
Gewicht:  318 g
ISBN-10:  3458360417
ISBN-13:  9783458360414
Verlagsbestell-Nr.:  36041

BESCHREIBUNG
Es passiert jeden Tag, immer und überall: das kleine und das große Wunder zwischendurch. Ein kurzer Moment nur – und nichts ist mehr, wie es war. Zwei wildfremde Menschen begegnen sich, ein Blick, eine Geste, und schon setzt die Liebe die Gesetze der Wirklichkeit außer Kraft. Ein verheerendes Feuer bricht aus und erlischt auf unerklärliche Weise, noch bevor die Feuerwehr eingetroffen ist. Ein Fußgänger wird – ausgerechnet am Weihnachtstag – vom Auto angefahren und trägt nicht einmal eine Schramme davon. Einen Mann, der sein ganz Leben vom Pech verfolgt war, trifft plötzlich das große Los … Zufall? Fügung? Geschick? Oder einfach nur Glück? Egal, wie man es nennt: Diese beglückenden Kurz- und Kürzestgeschichten erzählen von wahren Wundern und fast wahren Wundern, von Übernachtwundern und Helllichten-Tag-Wundern, vom Wunder der Liebe und der Freundschaft, vom Wunder des Anfangs und vom Happy End.

AUTOREN
Mit Geschichten von: Isabel Allende, Bertolt Brecht, Peter Bichsel, Max Frisch, Marie Luise Kaschnitz, Erich Kästner Alexander Kluge, Marco Lodoli, Luigi Malerba, Angeles Mastretta, Marie Diaye, Cees Nooteboom, Isaac B. Singer, Andrzej Stasiuk, Rose Tremain und viele andere.

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6 Comments

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  1. Wow! Was für tolle Bilder. Die passen gut zur Story. Bin ja glatt neidisch.

  2. Die Zeichnugen sehen richtig klasse aus^^

  3. Martina Müller

    XenoShiki, hast du gesehen, dass du die für kleines Geld käuflich erwerben kannst? Oder du sagst, was du wünscht und wir fragen bei der Künstlerin, ob sie dir diesen Wunsch erfüllen mag und was das etwa kosten würde. Was meinst du zu meinem Vorschlag? 🙂

  4. Die Künstlerin hat sich über das Lob sehr gefreut. Die beiden unteren Bilder sind unverkäuflich. Auf Wunsch zeichnet sie auch das Orignial als Manga-Figur.

  5. Martina Müller ich kenne die Künstlerin Persönlich das vorletzte Bild soll mich darstellen ich habe das Original, trotzdem danke ^^

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