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DIE RUINE (2) – Eine Kurzgeschichte in zwei Teilen von Irene Salzmann

DIE RUINE (2)

Eine Kurzgeschichte in zwei Teilen
von
Irene Salzmann
(2000/2016)

Die Ruine spiegel

(zurück zum 1. Teil)

Das Grau des Nachmittags wurde dunkler. Sieben Fledermäuse ließen sich mit dem Kopf nach unten am Ast einer kahlen Buche nieder.

Carla fühlte sich elend und sehnte sich nach ihrem warmen, scheinbar sicheren Zuhause. Wäre sie bloß nie ausgegangen. Hätte sie sich nur nie mit Sven eingelassen. „Wie viel willst du?“ fragte sie mürbe.

„So ist es recht“, lobte Sven. „Ich bin bescheiden. Hundert Mille würden meinen Mund verschließen und die Toten ruhen lassen.“

„Du bist wirklich verrückt. Woher soll ich so viel Geld nehmen?“

„Dein Geschäft wirft eine Menge ab. Nimm einen Kredit auf. Versetze deinen Brillantring. Mir ist es wurst, wie du die Knete beschaffst. Ich will sie Ende nächster Woche, klar?“

„Das … das geht nicht so schnell.“ Am liebsten hätte sich Carla übergeben, so schrecklich war alles. „Ich muss erst mit der Bank sprechen.“

„Eine Woche.“ Langsam löste Sven seinen Griff. „Wir sehen uns dann wieder hier bei den Fledermäusen.“ Es waren bereits zehn oder elf. „Zur selben Zeit.“

„Du bist widerlich“, zischte sie. „Wie habe ich es auch nur eine Minute mit dir aushalten können, du Bastard. Du Erpresser. Blutsauger.“

Er lachte nur. „Gehen wir. Es wird dunkel, und ich fange zu frieren an.“

Benommen stolperte Carla zum Pfad. Würde er Wort halten und wirklich aus ihrem Leben verschwinden, wenn sie zahlte? Oder würde er erneut auftauchen, sobald das Geld verprasst war? Die Summe genügte nicht einmal, um die Schulden, von denen sie wusste, zu decken. Nein, das sah ganz danach aus, als würde er sie nie mehr in Ruhe lassen, zumindest nicht, so lange es noch etwas bei ihr zu holen gab.

Die Fledermäuse hingen wie eine Traube an dem Ast. Im Schimmer des aufgehenden Mondes, der durch die aufreißenden Wolken schielte, glühten ihre Augen hungrig. War es nicht bereits zu kühl für die Tiere? Hielten sie nicht normalerweise Winterschlaf? Egal. Sie musste Sven los werden, dauerhaft.

„Wenn das nicht Andreas war, der beerdigt wurde, wer war es denn dann – deiner Ansicht nach?“ Vielleicht gelang es ihr, seine Redseligkeit und Arroganz zu ihrem Vorteil zu nutzen.

„Ein namenloser Penner“, erwiderte Sven prompt, „den niemand vermisst. Du hast doch nicht plötzlich Gewissensbisse? Oder“, er machte eine Kunstpause, „willst du mich hereinlegen? Natürlich, das willst du. Allerdings werde ich dir nicht den Gefallen tun und einen Fehler begehen. Pech gehabt, Schatz.“

“Nein“, Carla setzte alles auf eine Karte, „du hast Pech gehabt. Du weißt nämlich gar nichts. Und ich denke überhaupt nicht daran, dir auch nur einen Penny zu zahlen. Geh zur Polizei. Ich lasse es darauf ankommen. Wenn sie mich verurteilen, bekommst du nämlich auch nichts. Das ist besser, als ständig neue Forderungen von dir erfüllen zu müssen. Du wirst nie aufhören, mich zu erpressen, genauso wenig, wie du aufhören kannst zu koksen. Oder, ich weiß noch etwas Besseres: Ich gehe zur Polizei und erzähle, dass du eine arme Witwe belästigst. Wahrscheinlich hat nicht der Irre Andreas ermordet, sondern du, weil du dachtest, dann endlich durch mich deinen Drogenkonsum finanzieren zu können.“

„Den Teufel wirst du.“ Svens Hände zuckten nach vorn, doch geistesgegenwärtig wich sie aus. „Tu das nicht. Ich bin schon so weit gegangen …“

„Ich habe keine Angst vor der Polizei.“ Instinktiv begann Carla zu rennen. Ein dumpfes Gefühl wisperte ihr zu, dass sie möglicherweise zu viel riskiert hatte. Sie eilte an der Buche vorbei, und der Schwarm Fledermäuse stob rauschend in die Luft. Es waren noch mehr geworden.

Hinter sich hörte sie Svens schwere Schritte. Er würde sie einholen, wenn kein Wunder geschah. Und dann? Was würde er unternehmen?

Verflixt! Irgendwie musste sie in ihrer Aufregung den Weg verfehlt haben, denn vor ihr gähnten die Stufen, die hinab in das Gewölbe führten. Weder rechts, noch links führte der Pfad weiter, denn auf der einen Seite ragte ein Stück Mauer, das zu hoch war, als dass sie es hätte überwinden können, auf der anderen ging es den Abhang hinunter, und sie hätte sich nur den Hals gebrochen, wenn sie gewagt hätte, dort hinab zu klettern. Sie konnte bloß die Treppen nehmen, und an der Gittertür war ihre Flucht zu Ende.

Fast flog sie die ausgetretenen Steine hinunter und wunderte sich, dass sie nicht stolperte und fiel. Schwer prallte sie gegen die eisernen Stäbe, die zu ihrer Überraschung aufschwangen. Vielleicht war das Schloss durchgerostet, oder jemand von der Dorfverwaltung hatte nach einem Kontrollgang vergessen abzusperren. Egal, sie war drin, und vielleicht konnte sie sich verstecken.

Je tiefer Carla in das Gewölbe eindrang, umso dunkler wurde es. Irgendwann würde sie nichts mehr sehen können; Sven aber auch nicht. Es roch nach Moder, und der Steinboden war rutschig. Ein dunkler Fleck befand sich fast in der Mitte der Kammer, die voll war von Fledermauskot. Unter Getöse flogen die Tiere herein und suchten sich einen Platz an der Decke.

Sven stand am Eingang und versuchte, etwas in der Finsternis auszumachen.

Ängstlich presste sich Carla mit dem Rücken an die raue, feuchte Wand. Er konnte sie nicht sehen. Oder doch?

Zögernd trat Sven ein. Als er des Raumes Mitte erreicht hatte, blieb er abrupt stehen.

„Weg“, hörte Carla ihn verwundert murmeln. „Wie?“

Beunruhigt schaute er in alle Richtungen.

„Carla“, rief er. „Ich werde dich so oder so finden. Komm raus, dann sparst du uns beiden eine Menge Zeit. Es wird immer kälter, merkst du das nicht? Und dunkler. Bald kann man den Weg nicht mehr erkennen. Du brauchst dich nicht zu fürchten. Ich will dir nichts tun. Lass uns von hier verschwinden.“ Er lauschte, und sie hielt den Atem an. „Okay. Du willst nicht. Dann gehe ich eben allein. Wenn dir unterwegs etwas passiert, bist du selber schuld. Also, ich mache mich jetzt auf den Weg.“

Er drehte sich eilig um, und es war fast, als befände er sich auf der Flucht. Aber der Ausgang wurde ihm versperrt. Die unzähligen Fledermäuse umschwirrten ihn, dass er vor Entsetzen aufschrie und wie wild mit den Armen zu fuchteln begann, um sie zu vertreiben, und sie ließen auch ab von ihm, um sich zu einer dunklen Masse zu verdichten, die den Steinbogen zur Treppe verschloss. Dieses Gebilde nahm Form an, wurde zu einem Menschen.

„Du?“ Sven kreischte, und auch Carla stöhnte.

„Ich“, kam es hohl zurück.

„Das kann nicht sein. Du … du bist tot. Ich weiß es. Das … das ist ein Trick, ein böser Traum Geh weg. Lass mich vorbei. Hau ab!“

Aber sein Gegenüber wich nicht. „Ich habe auch gefleht, dass du mich gehen lässt. Kanntest du Erbarmen? Du hast gelacht und mir erzählt, wie du es mit meiner Frau getrieben hast. Dann hast du mich niedergestochen.“

„Ich kann dich noch mal niederstechen. Und diesmal mache ich es richtig.“ Sven zog ein Schnappmesser und stach nach dem anderen, der sich nicht rührte und scheinbar keine Verletzungen davon trug, gleich, wie oft die spitze Klinge ihn traf. Es war, als würde Svens Waffe in Nebel stoßen. „Scheiße! Was ist das? Warum bist du nicht tot?“

„Ich bin tot.“

Kichernd sackte Sven zusammen. Sein Verstand konnte das nicht ertragen.

Der andere breitete die Arme aus, und ein Umhang oder ein Flügelpaar entfaltete sich. Langsam trat er auf Sven zu, der sich auf dem Boden zusammenkauerte und dessen Schließmuskeln vor lauter Entsetzen ihre Aufgabe nicht mehr zu erfüllen vermochten. Ungeachtet dessen schlossen sich die überlangen Arme des Mannes über ihm.

Stille erfüllte das Gewölbe.

Das musste ein Alptraum sein, dachte Carla panisch. Wann würde sie aufwachen, wann nur?

Dann löste sich der Mann von Sven, der reglos am Boden lag. Tot? Es kümmerte Carla zu ihrer eigenen Überraschung wenig. Kein Sven, keine Probleme. Aber was war mit diesem Alptraum? Hatte er auch sie bemerkt? Sie schwitze und fror gleichzeitig.

„Carla.“

Es war ein zärtliches Raunen, dem sie nicht widerstehen konnte. Wie eine Marionette, deren Fäden jemand führte, verließ sie den Schatten und trat ihm entgegen.

„Andreas …?“

„Ja und nein.“

Nun konnte sie die Züge des Mannes erkennen. Sie ähnelten denen von Andreas und waren doch anders.

„Wer sind Sie?“

„Hast du es noch nicht erraten?“ Er öffnete einladend seine Arme, und Carla bemerkte, wie sich ihre Füße gegen ihren Willen in Bewegung setzten. „Ich bin Andreas“, vernahm sie, „aber ich bin auch der Ritter von dieser Burg. Dein Liebhaber rief mich eines Tages im Geschäft an und erzählte mir von euch. Er sagte, wenn ich ihm genug Geld geben würde, dann würde er dich aufgeben und verschwinden; niemand bräuchte davon zu erfahren. Ich willigte ein, weil ich dich liebte und trotz allem nicht verlieren wollte. Er nahm das Geld und stach mit dem Messer auf mich ein. Meine Leiche schleppte er hierher und bedeckte sie mit etwas Erde und Laub. Was er nicht wissen konnte, war, dass das Blut, das aus meinen Wunden strömte, zufällig in das Grab des Ritters sickerte und dessen Gebeine netzte. Er erwachte, und wir wurden eins. An deinem Liebsten habe ich mich gerächt. Das war ein Teil unseres Pakts.“

„Oh, Andreas, ich wollte das nicht. Es tut mir so leid …“ Tränen füllten Carlas Augen. „Du hast mich gerettet.“

„Das habe ich. Doch nun muss ich den anderen Teil des Pakts erfüllen. Mein Freund ist sehr durstig nach all den Jahrhunderten. Wehre dich nicht. Dann schmerzt es weniger.“

Carla verharrte direkt vor dem Wesen, zu dem Andreas geworden war. Seine Züge wurden verdrängt von anderen, in denen Skrupellosigkeit und Gier standen. Weiche und doch starke Arme schlossen sich um sie. Es war ihr nicht möglich, sich aus der entsetzlichen Starre zu lösen, die sie gefangen hielt, und gegen die Umarmung anzukämpfen. Warum konnte sie nicht in Ohnmacht fallen? Selbst das Schreien war ihr verwehrt.

Der Ritter lächelte.

Seine Oberlippe zog sich ein wenig zurück und entblößte spitze, nadelfeine Zähne. Er beugte sich vor zum Kuss.

-Ende-

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Copyright (C) 2000/2016 by Irene Salzmann

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) und Eingangs-Grafik Ruine © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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