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DIE RUINE (1) – Eine Kurzgeschichte in zwei Teilen von Irene Salzmann

DIE RUINE (1)

Eine Kurzgeschichte in zwei Teilen
von
Irene Salzmann
(2000/2016)

Die Ruine spiegel

Der kalte Novemberwind zerrte an Carlas langem Haar und blies es ihr immer wieder ins Gesicht, so dass sie sich wünschte, es mit einem Gummiband zusammengesteckt oder wenigstens den Anorak mit Kapuze angezogen zu haben. Fröstelnd trat sie von einem Fuß auf den anderen und ließ ihre Blicke schweifen. Vom Turm der alten Burgruine hatte sie weite Sicht über das umliegende Gelände.

Wo blieb Sven? Und was hatte er sich dabei bloß gedacht, sie bei dieser Witterung ausgerechnet hierher zu bestellen? Hätten sie nicht auch in einem Café miteinander reden können? Dabei, eigentlich gab es gar nichts mehr, worüber sie mit ihm hätte sprechen wollen. Aber Sven hatte gebettelt, gedrängt und – merkwürdige Andeutungen gemacht, sodass sie schließlich eingewilligt hatte, sich an ihrem alten Treffpunkt einzufinden. Egal, was er vorbringen mochte, um sie umzustimmen; sie wollte nicht zu ihm zurückkehren.

Langsam schlenderte Carla auf der Aussichtsplattform umher und spähte immer wieder durch das Schutzgitter. Unter ihr ragten die dunklen Wipfel der Fichten, zwischen den Wiesen schlängelte sich ein Weg, und weiter hinten, auf Spielzeuggröße geschrumpft, befand sich das Dorf, in dem die ersten Lichter aufleuchteten.

Sie war die einzige Besucherin der Ruine um diese Jahreszeit. Doch auch sonst verirrten sich eher selten Touristen oder Ausflügler hierher. Dafür war das alte Gemäuer zu abgelegen; man musste den Wagen unten im Dorf stehen lassen und zu Fuß einem Trampelpfad folgen. Was man dann vorfand, lohnte den Marsch kaum:

Außer dem runden Turm war nicht viel von der Burg übrig geblieben. Ein paar bemooste Grundmauern standen noch, es gab einen Schacht – vermutlich handelte es sich um einen ausgetrockneten Brunnen -, der versiegelt worden war, damit keine spielenden Kinder hineinstürzten, sowie eine Treppe, die in ein gleichfalls abgesperrtes Gewölbe führte.

Einer Sage nach, war der letzte Bewohner ein wahnsinniger Ritter gewesen, der sich jeden Monat von den Dorfbewohnern eine Jungfrau zuführen ließ, die er auf grausame Weise umbrachte. Irgendwann erhoben sich seine Untertanen und legten Feuer, woraufhin die Burg mit samt ihrem blutrünstigen Herrn niederbrannte. Seine Gebeine verscharrte man irgendwo in dem Gewölbe, doch die Archäologen, die hier vor ein paar Jahren halbherzig gegraben hatten, brachen sehr bald ihre Zelte wieder ab, ohne etwas gefunden zu haben.

Sven ließ sich Zeit. Der gemeine Kerl!

Carla stieg wieder hinunter. Offenbar hatte er sie versetzt. Was für eine billige Rache! Nun, dann gab es keinen Grund, länger auszuharren und ihn bei einer anderen Gelegenheit anzuhören. Er hatte seine Chance gehabt und verspielt. Die Stufen waren uneben und glitschig. Mit der Rechten tastete sich Carla an dem dünnen, schmiedeeisernen Handlauf entlang. Bevor es dunkel wurde, wollte sie wieder zu Hause sein.

Als sie draußen stand, schaute sie kurz zurück. Wie unheimlich, ja, bedrohlich, der geschwärzte Turm in den wolkenverhangenen Himmel ragte, wie ein warnender, Furcht gebietender Finger.

Es war so anders hier zu dieser Jahreszeit als im Frühling und Sommer. Da hatten Löwenzahn, Kornblume, Schafgarbe, Kornrade, Klatschmohn und andere Blumen, deren Namen sie nicht kannte, leuchtende Farbtupfer in das saftig grüne Gras gesetzt, und die Sonne schien freundlich herab.

Jetzt hingegen war alles düster in Braun und Grau, und an der lauschigen Stelle, auf die duftende Heckenrosen neugierige Blicke verwehrt hatten, stachelten nur Dornensträucher und harte Gräser. Kaum zu glauben, dass sich Carla und Sven dort geliebt hatten, heimlich, wenn sie sich hatte davonstehlen können, immer dann, wenn Andreas sie wieder einmal über das Geschäft vergessen hatte.

Aber das war vorbei. Alles war vorbei, so wie der Sommer. Bloß, der Sommer würde wiederkehren, nicht jedoch –

Ein Geräusch!

Carla wirbelte herum.

„Tut mir leid, dass du warten musstest, Schatz!“ Obwohl er etwas atemlos klang wie nach einem schnellen Lauf, grinste Sven sie breit an. „Stadtauswärts war Stau. Ich hatte schon Angst, dass wir uns verfehlen würden.“

„Was fällt dir ein, mich so zu erschrecken?“ fauchte Carla. „Und nenn mich nicht Schatz.“

„Woher sollte ich wissen, dass du so schreckhaft bist? Da fliegt eine Fledermaus – pass auf, dass sie dich nicht beißt.“

„Lass die blöden Witze. Ich friere hier schon seit einer Ewigkeit. Sag, was du zu sagen hast. Ich will endlich heim.“

Das Lächeln verschwand von Svens gut geschnittenem Gesicht. „Das kannst du dir doch denken.“

„Dann kannst du dir auch meine Antwort denken: Sie lautet nach wie vor Nein. Es ist aus zwischen uns. Wir hatten zusammen eine schöne Zeit, aber das ist vorüber. Und du weiß wieso.“

„Das glaube ich nicht, Carla. Hast du vergessen, wie du hier in meinen Armen gelegen und geschworen hast, mich immer zu lieben? Du wolltest sogar Andreas verlassen, damit wir zusammen sein können.“

„Das war törichtes Gerede“, Carla schnaubte verächtlich, „wie man es immer von sich gibt … in solchen Momenten. Außerdem wusste ich da noch nicht Bescheid.“

„Ich war also nur gut genug, um dir die einsamen Stunden zu versüßen, wie?“

„Wenn du es so nennen willst: Ja. Ist sonst noch etwas, oder können wir gehen?“

Für einen Augenblick herrschte bedrückendes Schweigen. Sven hatte sich abgewandt, wütend und gekränkt. Nach einigen Schritten blieb er stehen und starrte in den Himmel hinauf.

Unwillkürlich sah Carla in dieselbe Richtung und entdeckte die Fledermaus, die um den Turm flatterte und gerade von einer zweiten Gesellschaft bekam. Sie hatte gar nicht gewusst, dass es in der Gegend welche gab.

„Schwarz steht dir gut“, sagte Sven unvermittelt.

„Ich bin in Trauer.“

„Komm schon. Wir wissen beide, dass du Andreas keine einzige Träne nachweinst. Für dich war es eine Erlösung, von dem Langweiler befreit zu werden. Und als Dreingabe hast du das Geschäft geerbt. Aber das Testament kanntest du, nicht wahr?“

Carlas Augen verengten sich. „Was willst du damit sagen? Kurz nachdem er verschwunden war, entdeckte die Polizei seine Leiche im Wald. Du willst doch nicht etwa andeuten, ich hätte damit etwas zu tun …, ich hätte ihn …“, sie keuchte, „… umgebracht? Als es geschah, war ich bei einer Freundin. So was … Furchtbares hätte ich niemals tun können. Ich spielte mit dem Gedanken, ihn um die Scheidung zu bitten, aber -“

„Aber dann wärst du mit leeren Händen dagestanden und nicht als reiche Witwe. Ich verstehe schon“, Bitterkeit schwang in Svens Stimme, „dass ich der gelangweilten Ehefrau gut genug war, doch jetzt, da sie ungebunden ist und Geld hat, denkt sie, dass sie etwas Besseres finden kann. Es ist doch so, gibt es ruhig zu.“

„Denk doch, was du willst“, fuhr Carla ihn an. „Das haben wir seither oft genug durchgekaut. Wann willst du es endlich akzeptieren? Es ist das Kokain. Du hattest versprochen, es aufzugeben, stattdessen schnupfst du es immer noch und hast überall Schulden.“

„Na, und? Anfangs gefiel es dir doch, dass ich ein böser Junge bin, so ganz anders als dein spießiger, zuverlässiger, unschuldiger Einfaltspinsel von Mann. Außerdem koksen viele. Da ist nichts dabei. Du hast es ja selbst ausprobiert.“

„Einmal. Aus Neugier. Ich will nicht abhängig werden von dem Zeug.“

„So wie ich?“ Leise kicherte Sven. „Sprich es ruhig aus. Natürlich wollte ich es nicht aufgeben. Das habe ich auch nur so daher gesagt, wie man manches in solchen Augenblicken verspricht. Du weißt, wie das ist, im Rausch der Gefühle.“

„Es wird jetzt schnell dunkel“, stellte Carla fest. „Gehen wir, damit wir unten sind, bevor die Nacht hereinbricht.“ Sie schaute wieder zum Himmel und entdeckte eine dritte Fledermaus.

„Nicht so schnell.“ Sven hielt sie am Arm fest. „Wir sind noch nicht fertig.“

„Lass mich sofort los!“ Eis klirrte in ihren Worten.

Sein Griff wurde fester. „Carla, meine liebe Carla, wir sind noch nicht fertig. Was meinst du, würde passieren, wenn jemand der Polizei einen kleinen Tipp gibt?“

„Du bist verrückt.“

„Nein, nur klüger, als du erwartet hast. Stell dir einfach vor, jemand würde denen, anonym selbstverständlich, verraten, wo die echte Leiche liegt? Dann käme auch heraus, dass du für die Mordzeit kein Alibi hast. Und das Tatmotiv ist offensichtlich: Du wolltest sein Geld, um deinen Lover mit Koks versorgen zu können.“

„Du Schwein!“ Carla wollte ihm mit der anderen Hand ins Gesicht schlagen, aber er war flinker und umklammerte ihr Gelenk. „Damit kommst du nicht durch. Keiner wird dir glauben. Das hast du auch nur erfunden, um mir Angst einzujagen.“

„Wirklich?“ flüsterte Sven, sein Gesicht ganz dicht vor ihrem. „Wie kann ich dann wissen, dass es gar nicht Andreas verstümmelte Leiche war, die du identifiziert hast, sondern die eines Fremden?“

„Ich will deine Lügen nicht länger hören. Lass mich jetzt gehen.“

„Schrei nur – es hört dich doch keiner …, außer den Fledermäusen.“ Inzwischen waren es schon vier, die hinter Svens Kopf schwebten wie ein unheilvolles Omen. „Die Polizei denkt, er ist von dem Irren ermordet worden, der auf einem Freigang entwischt ist. Das war einfach ideal, stimmt’s? Anderenfalls wäre das Problem Andreas weniger elegant gelöst worden.“

„Verdammt!“ Vergeblich versuchte Carla, sich los zu reißen. „Nimm die Hände von mir. Das wird dir niemand abkaufen. Eher werden sie annehmen, dass du es warst, dass du über mich an sein Geld wolltest.“

„Du hast mich benutzt. Nun benutze ich dich. Wenn du mein Schweigen willst, wird dich das etwas kosten.“

„Ich denke gar nicht daran! Na, los, geh doch zur Polizei. Wir werden schon sehen, wem sie glauben wird.“

„Du bist schön, wenn du zornig bist“, Sven lachte, und fünf Fledermäuse schienen sich im gleichen Rhythmus zu bewegen. „Das erinnert mich an unser erstes Mal. Du hast so getan, als würdest du es nicht wollen: Du hast geschlagen und getreten, gebissen und gekratzt, wie eine kleine Wildkatze, und dann warst du so richtig unersättlich, konntest gar nicht genug von mir bekommen. Wie wäre es … Schon gut, bleiben wir beim Thema. Natürlich wird die Polizei dich verdächtigen, schließlich konntest nur du von Andreas’ Tod profitieren. Ich, der Liebhaber, den du zu halten versucht hast, hat längst eine andere Braut, bei der er zur fraglichen Stunde weilte. Vielleicht hast du ja Glück, und man kann dir nichts nachweisen, aber dein Ruf wäre dahin, die Firma kaputt, dein Geld rasch aufgebraucht. Was wäre es dir wert, dass ich dich nie wieder belästige und niemand davon erfährt?“

(zur Fortsetzung)

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Copyright (C) 2000/2016 by Irene Salzmann

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) und Eingangs-Grafik Ruine © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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