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Literatur-Blog

DIE MUTPROBE – Science Fiction-Story von Carl Reiner Holdt

DIE MUTPROBE

Science Fiction-Story

von

Carl Reiner Holdt

(Anm> Leseprobe aus „Gezeitenwechsel“ diesmal nicht mit einem technischen Thema ;-))

1355 Uhr. Marcella und Ragan sitzen in den letzten begehbaren Räumen des Lager-Komplexes fest. Jetzt ist auch klar, warum X’Rschins Truppen nicht stürmen. Sie warten auf Joris‘ Befehl

(Anm.> Joris: Gegenspieler aus Marcellas Vergangenheit als Agentin des „Büros für Anschlussfragen“, er hat den beiden im Auftrag von Alien-Admiral X’Rschin eine Falle gestellt. Joris und Marcella sind dank biotechnischer Maßnahmen mehrere hundert Jahre alt).

Durch das Fenster sehen sie, wie es draußen dunkel wird. Ein Schatten legt sich über den Platz. Das typische Summen von MinusG-Feldern erfüllt die Luft. Die Panzer, die schon bis auf Sichtweite herangerückt sind, ziehen sich zurück wie Wüstenfüchse vom Kadaver beim Erscheinen des Löwen. Zwei Sprinter verdampfen gleich nach ihrem Abschuss. Der Störsender verstummt. Plötzlich knacken ihre Ohren.

„Jagdbomber eins-drei-eins-acht Hornisse unter den Fähnrichen der Hangarmannschaft eins-acht meldet sich zur Stelle! Kapitän eins-acht Ragan, sind Sie da unten? Wir sollen Sie und Lady Marcella de Brivio abholen. Befehl von Major Reuters.“

Marcella klappt der Unterkiefer herunter.

Auch Kapitän Ragan sieht aus, als hätte ihr jemand auf den Schwanz getreten.

(> Kapitän Ragan: Verbündetes Alien, > Major Reuters: Held der Geschichte, Gegenspieler von Admiral X’Rschin.)

Marcella und Ragan warten, bis das Beiboot der Hornisse genau vor ihrem Fenster steht. Dann springen sie durch die offene Luke hinein. Die Hornisse schwebt einen halben Kilometer über ihnen. Marcella schätzt, dass der Rumpf 800 Meter lang und 100 Meter breit ist. Das Beiboot steigt bis unter die Feldleitwerke. Dann fliegen sie wie ein Küken im Schutz seiner Mutter zum Stadtzentrum von Freiburg. Über dem alten Rathaus bleibt die Hornisse stehen. Das Beiboot steigt ab hinter die Martinskirche. Da warten schon eine Menge Menschen und R’rall. Sieht eher nach Evakuierung aus als nach Empfangskomitee. Kaum sind sie ausgestiegen, wird das Beiboot beladen.

1403 Uhr. Reuters im Smoking mit roter Schärpe und viel Lametta für den Festakt in Stuttgart. Er schließt Marcella in die Arme und küsst sie kurz. Sie lässt es verdutzt geschehen.

„Schnell, wir müssen uns beeilen! Du kannst dich nachher auf dem Flug nach Stuttgart umziehen. X’Rschin wird mordsmäßig sauer, wenn er merkt, dass sein kleiner perfider Plan gescheitert ist. Ragans Clan-Geschwister werden uns etwas Rückendeckung verschaffen, aber höchstens 20 Minuten.“ Dann zieht er sie hinter sich her in das Nebengebäude mit den Resten des Kreuzganges.
„Du hast von unserer Operation gewusst?!“

Ja klar. Ich erkläre dir ein andermal, woher. Das wäre jetzt zu kompliziert.“

Warum hast du nichts gesagt? Wir hätten draufgehen können!“ Marcella bleibt stehen und zwingt Reuters sie anzuschauen. Der schaut sich nervös um.

„Äh, du hast doch auch nichts gesagt. Außerdem kannst du sehr gut auf dich selbst aufpassen. Nur eure Rückendeckung war zu schwach. Da musste ich nachhelfen.“ Er will sie weiterziehen.

„Stopp, Herr von Reuters! Schön, dass wir uns jetzt Duzen, obwohl ich nicht mal deinen Vornamen kenne! Schön auch, dass alle Welt weiß, dass wir zusammen sind… außer mir natürlich! Aber Joris zum Beispiel.“ Sie ist nicht bereit, noch einen Schritt weiter zu gehen. Sieht ihn herausfordernd an. Er druckst verlegen.
„Tja, ich habe Berkenstein (> Doppelagent von X’Rschin) gesagt, dass wir heute heiraten. Im Vertrauen natürlich.“
„Du hast
was!?“ Marcella holt tief Luft. Gut, dass sie noch nicht ihr schulterfreies Abendkleid an hat. Er kommt ihr zuvor.

„Ja also, sieh es mal so: X’Rschin hatte auf jeden Fall eine Sauerei vor. Dann ist es besser man weiß vorher, an welcher Sauerei er arbeitet, als dass man sich überraschen lässt. Da kam der Streit zwischen Joris und dir gerade recht. Taktisch gesehen …“

„Taktisch gesehen … du machst mich zum Köder, taktisch gesehen …“ Marcella ist so wütend, wie seit 50 Jahren nicht mehr. „… Spielst den Loverboy, natürlich rein taktisch gesehen, und inszenierst eine Scharade von Hochzeit, um …“ ihr bleibt die Luft weg. Da fasst sie Reuters an beiden Schultern, schüttelt sei sanft und sieht ihr sehr ernst ins Gesicht.

„Was Joris angeht, hatte ich Vertrauen zu dir, dass du mit ihm fertig wirst. Außerdem wusste ich, dass Ragen das Talent hat, allen Einschlägen auszuweichen. Selbst ihre Entscheidung mit dem Sportflieger abzuhauen, war davon beeinflusst. Sonst hätte ich dein Leben niemals riskiert. Niemals!“

Woher weißt du …“

Schhht …“
Er legt ihr einen Finger auf den Mund. Beugt sich vor. Flüstert ihr seinen Namen ins Ohr. Zieht sie in seine Arme und küsst sie.

Marcella verliert den Boden unter den Füßen.

Nach einer schwindelerregenden Ewigkeit lösen sie sich voneinander. Sie ist noch etwas taumelig, als er sie schon weiterzieht.
„Und die Trauung ist auch keine Scharade. Komm, Pater Franziskus wartet auf uns!“ Jetzt muss sich Marcella setzen. Sie sind inzwischen in der Sakristei.

Wäre es nicht nett gewesen, mich zu fragen?“ , sagt sie schwach.

Äh, mache ich doch … gleich vor dem Altar!“ Sie sieht ihn mit großen Augen an. „Ich dachte, Menschen in unserer Position können eine Lebensentscheidung schon mal aus dem Stand treffen.“ Er wirkt selbst aber nicht lebensentscheidend selbstsicher.
„Das werde ich, Carl Christoph von Reuters, das werde ich! Jetzt lass uns vor den Altar treten, dass du meine Entscheidung hören kannst.“ Dann nimmt sie ihn bei der Hand und zieht ihn ins Kirchenschiff.

Die Kerzen auf dem Altar brennen. Davor warten zwei Messdiener und ein alter Priester. Die Messdiener fungieren als Trauzeugen.
„Kürzen Sie die Zeremonie bitte auf das Allernötigste, Hochwürden! Die Formalitäten erledigen wir später.“ Reuters stellt Marcella rechts neben sich. Sie will aber links von ihm stehen. Der erste stumme Ehekrach bahnt sich an. Schließlich gibt Reuters nach.
„Ja, äh, ist denn Ihre Zukünftige auch katholisch? Wissen Sie, es liegen noch keine Dokumente vor und …“

„Ich bitte Sie Hochwürden, Contessa de Brivio ist seit 700 Jahren katholisch! Wie ich gerade erfahre, haben unsere Feinde meine Desinformations-Kampagne überwunden und organisieren den Gegenangriff. Uns bleiben höchstens zehn Minuten!“
„Ja, wenn das so ist … die jungen Leute heutzutage … immer in Eile.“ Und dann beginnt die Trauung.

Marcella ist innerlich in Aufruhr. Weiß immer noch nicht, was sie tun wird. Bekommt kaum etwas von den Worten des alten Priesters mit. Sie hatte nie die Absicht, zu heiraten! Sie hat alle ihre Männer überlebt. Den letzten erst heute morgen: Joris. Oder sie musste sie zurücklassen. Der Aufbruch zu den Sternen hat etwas Endgültiges, selbst wenn man irgendwann wiederkommt. Die Zurückgebliebenen sind längst Staub.

Jetzt wird etwas von ihr erwartet. Der alte Priester schaut sie an. Christoph hängt mit bangem Blick an ihren Lippen. Sie zögert immer noch … dann begreift sie, dass auch er nicht nur eine Tradition hochhält. Er beginnt heute ein neues Leben. Und er kann nicht, er will es nicht ohne sie! Für ihn bedeutet das ein vorbehaltloses ja, vielleicht zum ersten Mal, und er verbindet es mit ihr, Marcella. So wahr ihm Gott helfe, Amen!

Das wäre zwar auch passend, ist aber die falsche Antwort. Sie erinnert sich gerade noch rechtzeitig.

„Carl Christoph von Reuters: Ja, ich will!“

Sofort ist alle Unsicherheit weggeblasen. Sie weiß, dass sie das Richtige getan hat. Besonders als sie sein Gesicht strahlen sieht.
Der Priester gebraucht noch eine Schlussformel.

„Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau. Sie können die Braut jetzt küssen!“

Statt sie zu küssen, wirft Christoph sich auf sie. Reißt auch den Priester zu Boden. Das Altarkreuz zerplatzt zu einem Funkenregen. Sie robben hinter den Altar. Die Messdiener verdrücken sich seitlich zwischen den Bänken.
„Ich hatte mir meine Hochzeit romantischer vorgestellt … mehr Kerzen und Freunde, weißt du? Weniger Schießereien …“ Marcella feuert mit ihrem Nadler auf X’Rschins Soldaten, die durch das Westportal eindringen.
„Wir holen das nach, versprochen!“ Reuters wendet sich an den Priester. „Bleiben Sie hier ruhig sitzen. Sie sind nicht hinter Ihnen her.“ Der Priester schaut ihn nur mit stummen Entsetzen an.

„Ich will eine richtige Hochzeitsparty!“
Marcella versucht die Schwachstellen der Panzerung zu treffen. Die Soldaten sind seltsam desorientiert. Einer fällt sogar über eine Kirchenbank. „Und ich will eine Hochzeitsnacht!
Bis dass der Tod euch scheidet hat er gesagt. Du musst dich also beeilen, Carl Christoph!“

Kriegst du alles. Noch heute!“ Dann schnappt er ihre Hand. Zerrt sie aus der Deckung. Rennt zur Sakristeitür. Marcella schreit.

Kein Lasergewitter stoppt sie. Sie rennen durch den Kreuzgang. Niemand hält sie auf. Sie springen in das wartende Beiboot. Weit und breit keine Verfolger.

1422 Uhr. Sie kommen durch die Schleuse in die Hornisse. Jubel brandet auf unter den dichtgedrängten, evakuierten Passagieren. Einer wirft sogar mit Reis.

Ende

Copyright (c) 2012 by Carl Reiner Holdt

Bildrechte: “Liebesgeschichten” (Liebesgeschichten.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Subcover-Liebesgeschichten-minus-100-minus-160-100.jpg” (Originaltitel: Liebesgeschichten.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Wie es weitergeht erfährt man hier:

Holdt, Carl Reiner
Gezeitenwechsel

Verlag :      Südwestbuch
ISBN :      978-3-942661-76-8
Einband :      Paperback
Preisinfo :      12,50 Eur[D] / 12,90 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.10.2011
Seiten/Umfang :      ca. 260 S. – 19,0 x 12,5 cm
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      31.12.2011
Gewicht :      260 g

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„Der Himmel im Schwarzwald ist immer schwarz, kein städtisches Streulicht, nur Sterne. Normalerweise. Jetzt wurden die Sterne von einem runden Schatten gefressen, bis der ganze Himmel über Reuters’ Haus verschwunden war. Der Sieger war angekommen.“

Die Erde ist Zankapfel zweier galaxisweit konkurrierender politischer Systeme, der Liga und dem Kaiserreich der R’rall. Major a. D. von Reuters, Kampfpilot und Gentleman der alten Schule, hätte im Traum nicht gedacht, welche Dienste der Kavalleriesäbel seines Ur-Großvaters ihm noch leisten würde, als er zwischen die Fronten gerät. Er erobert im Duell mit einem R’rall -Admiral einen Ring, der als Insignie der Macht gilt. Mit diesem Ring, einer Truppe von Freischärlern und einer 320-jährigen Liga-Agentin schafft er das scheinbar Unmögliche: die Befreiung der Erde.

Lokalkolorit, packende Kampfszenen mit ausgefeilter Nano-Technik, erotische Begegnungen der dritten Art und eine erstaunliche Interpretation der Geschichte von Luther und Napoleon machen diesen Sci-Fi-Thriller zum faszinierenden Gesamtkunstwerk.

Carl Reiner Holdt wurde 1958 in Rom geboren. Nach dem Studium der Mathematik und Allchemie arbeitete er als Gärtner, Krankenpfleger, Erzieher und Lehrer. 20 Jahre verbrachte er im Kloster. Seit sieben Jahren ist er verheiratet und lebt heute in der Nähe von Tübingen.

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Updated: 5. Dezember 2014 — 08:18

3 Comments

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  1. Hallo Carl Reiner Holdt, fällt dir was auf, wenn du die Schriftarten deiner Story und die der Buchempfehelung vergleichst was Lesbarkeit angeht?

  2. Eine wirklich nette Trauung! Ist ja ein unerwarteter Aspekt eines Invasionsromanes, oder? Was meinen die anderen?

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