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DIE GEISTERSTAFFEL – Eine Science Fiction Kurzgeschichte von Miriam Kleve

DIE GEISTERSTAFFEL

Eine Science Fiction Kurzgeschichte von Miriam Kleve

Der kleine Vogel schlug wild mit den Flügeln und brachte sich im letzten Augenblick in Sicherheit. Beinahe wäre er von dem Lastwagen erwischt worden, der über die Straße bretterte. Aus dem Radio wummerten harte Rockklänge. Der Fahrer wippte mit dem Kopf zum Takt des Songs und zog an seiner Elektrokippe. Die Glut wurde intensiver, ein aromatischer Geruch breitete sich in der Fahrerkabine aus. Zimt, Kardamon und der Hauch von Orient.

„Scheiße!“ fluchte der Fahrer und die Elektrokippe flog ihm in weitem Bogen von der Lippe und quer durch die Kabine. Der Mann stieg auf die Bremse. Nach all den Jahren fing er sich dann doch innerhalb eines Wimpernschlags das Beten an.

Vor ihm auf der Straße zuckelte ein Mann auf seinem Fahrrad entlang. Dieser zog einfach nach links über die Fahrbahn, zur Einfahrt seines Hauses hin. Dabei achtete er nicht auf den Verkehr oder gar den Lastwagen hinter sich. In Gedanken war er bei den zwei Plunderteilchen, die er vor einigen Minuten beim Bäcker gekauft und in der Satteltasche verstaut hatte. Dazu eine Tasse Kaffee mit drei Stück Zucker und etwas Sahne. Klassische Musik aus dem Internet. Und ordentlich Sahne aufs Gebäck. Selbstgeschlagene. Also von der guten Sorte. Der Radfahrer war erstaunt, als ihn etwas Schweres im Rücken traf und er schneller als gedacht auf die Einfahrt zuraste. Irgendwie ist der Winkel falsch, dachte der Mann. Ich glaube ich fliege. Und dann wurde es schwarz um ihn.

Das Quietschen, Kreischen und Donnern hörte er nicht. Sah nicht, wie der Lastwagen ausbrach, zur Seite knickte und sich überschlug. Die ungesicherten Metallrohre auf der Ladeflächen nahmen die Einladung der Rotation an und sausten, Wurfspeeren gleich, als tödliche Geschosse durch die Luft. Der kleine Vogel war kurz erstaunt als ihn etwas einholte und in einen blutigen Federball verwandelte.

Teenager sind schrecklich, dachte Kathrin Mahler und stellte ihrer Tochter ein Schälchen mit Schokomüsli auf den Tisch. Dann öffnete sie den Kühlschrank, um Milch und Saft herauszunehmen. Samantha nahm davon keine Notiz. Es war ihr vollkommen egal. Sie hatte die In-Ears einstecken und verzog ihren Schmollmund im schnellen Takt zur Musik. Dabei hatte sie die Augen geschlossen. Sie stellte sich vor, wie sich Toby nach vorne beugte, ihr eine Strähne hinters Ohr strich, ihr tief in die Augen sah, die Lippen spitzte –

„Samantha, mach endlich die Musik aus und iss dein Müsli!“ Kathrin Mahler plusterte ihre Backen auf und stieß die Luft anklagend seufzend aus dem Mund. Etwas klirrte hinter ihr. Es klang laut und teuer. Sie kannte den Ton von Kevin, ihrem Jüngsten. Der kleine Fußballnarr hatte bereits drei Fenster mit dem Leder eingeschossen. Allerdings war Kevin schon unterwegs in die Schule.

Langsam drehte sich Kathrin Mahler um. Alles schien wie immer. Nur das Fenster in Samanthas Rücken war zerschlagen. Kathrin ging zum Tisch rüber. Sie gab Milch über das Schokoladenmüsli, goss den frischgepressten Orangensaft ins Glas. Dann setzte sie sich auf den Stuhl. „Du musst dein Müsli essen, Liebes“, sagte sie, während ihr die Tränen die Sicht nahmen. So sah sie nicht, wie Blut dickflüssig über das Rohr floss, am Ende nach unten troff und sich mit der Milch und dem Kakao in der Müslischale vermischte.

Mein Gott, jetzt hat sie schon wieder einen Moralischen, dachte Samantha. Nur weil ich mein Müsli nicht esse flennt sie wieder rum. Das Mädchen rollte mit den Augen. Sie zog eine gelangweilte Grimasse. Dabei sitze ich doch kerzengrade. Okay, liegt wahrscheinlich an den Stange. Samantha dachte darüber nach. Es kam ihr merkwürdig vor, dass sie den Tisch aus der Vogelperspektive sah. Den Tisch, ihre Mutter und sich selbst, ein schlankes Rohr quer durch den Oberkörper ragend. Von hinten nach vorne. Muss wohl durchs Fenster gekommen sein, dachte sich Samantha. Und dann schrie sie. Und schrie. Und schrie. Sie schrie eine Ewigkeit lang …

* * *

Der kleine Mann mit dem dicken Bauch und dem viel zu engen Laborkittel sprach zu einigen Studenten und Reportern, die zum ersten Testlauf eingeladen waren. „Der Vorteil an diesem Programm ist, dass wir uns die teure Programmierung einer KI sparen“, erklärte Doktor Dreier und schob sich seine dünne Drahtbrille den Nasenrücken hinauf. Dann zeigte er mit einer theatralischen Geste auf einen roten Knopf, der gut sichtbar auf einem Pult angebracht war.

„Die Existenz des angeblich Übernatürlichen zu beweisen hat viele Jahrzehnte gedauert. Als die Wissenschaft erst einmal wusste, wonach sie suchen musste, war der Rest ein Kinderspiel.“ Dreier gab seiner Stimme etwas Wichtiges mit und glaubte fest daran, dass ihm das auch gelang. Die Reporter waren allerdings gelangweilt, während die Studenten darüber nachdachten, was es wohl zum Mittagessen in der Mensa geben würde.

Doktor Dreier fuhr unbeirrt vor und rief ein großes Hologramm auf, um ein paar der bereits angesprochenen Thesen grafisch zu verdeutlichen. „So wie der Mensch einst erkannte, dass die Erde ein Ei ist und der Überlichtantrieb nur ein Sprung …“, hier machte Dreier eine kurze Pause, um das Wortspiel sacken zu lassen. Niemand lachte. „… so gilt die Existenz von ektoplasmatischen Lebensformen seit dem Kenski-Fabius-Experiment als erwiesen.“

Eine Reporterin meldete sich mit Handzeichen und plapperte los, bevor ihr Dreier dazu überhaupt die Genehmigung erteilen konnte. „Sie meinen damit Geister? Oder irre ich mich?“ Jetzt lachten die Anwesenden kurz und Doktor Dreier verzog ärgerlich das Gesicht.

„Über solche Normalitäten sollten wir gar kein Wort verlieren. Das ist eine Sache der Allgemeinbildung.“ Er hielt kurz inne, um sich zu beruhigen. „Aber ja, der gemeine Begriff lautet Geister. Und um eben jene Geister dreht sich alles. Mir und meinem Team ist es nämlich gelungen, nicht nur Kontakt mit den Geister aufzunehmen. Nein. Dank der Hilfe unseres großzügigen Militärs ist es gelungen, ektoplasmatische Lebensformen vom Jenseits ins Diesseits zu transferieren, um sie als Piloten in unserem Drohnenprogramm einzusetzen.“

Augenblicklich war es still. Weder Langeweile noch Hunger herrschten im Labor vor. Stattdessen lag Unglauben in den Blicken der Anwesenden. Doktor Dreier lächelte selig. Endlich hatte er sie am Haken. Seine Hand näherte sich dem Knopf. „In den letzten Wochen haben wir bereits einige ektoplasmatische Lebensformen in unsere Welt geholt und ausgebildet. Diesmal dürfen sie Zeugen dieses Vorgangs sein.“

Mit diesen Worten drückte er den Knopf. Die Maschinerie des Labors wurde angeworfen, der Beschleuniger summte leise und die Computer berechneten sämtliche Daten. Dann, von einem Augenblick auf den anderen, materialisierte sich inmitten des Labors ein Geist. Die Gestalt nahm immer mehr Form an, wurde zum durchscheinenden Körper eines jungen Mädchens, den Mund geöffnet zu einem lauten Schrei. Durch den Oberkörper war ein Rohr getrieben. Und dann war sie da, auf der materiellen Ebene, mittels moderner Technik aus der Zwischenwelt geholt. Und sie schrie. Sie schrie so laut und so voller Energie, dass sich ihr Schrei zu einer Wolke Ektoplasma ballte, zerplatzte und eine Ewigkeit in den Köpfen aller Anwesenden widerhallte.

* * *

Samantha saß in ihrer Zelle auf der einzigen Pritsche und ließ locker die Beine baumeln. Das Rohr ragte aus ihrer Brust und wippte dabei im Takt mit. Sam fand das unheimlich witzig und musste kichern. Neben ihr schnaubte Doktor Dreier. Seine Schädeldecke war weggesprengt und die Augäpfel baumelten locker vor ihren Höhlen.

„Komm schon, Doktor“, sagte Sam grinsend und gab Dreiers Geist einen kameradschaftlichen Stups mit dem Ellbogen. „So bekommst du alles aus der ersten Reihe mit.“

Dreiers baumelnde Augen funkelten Sam wütend an. „Du bist an allem Schuld. Eine Katastrophe.“

Sam verzog schmollend den Mund. „Also wirklich, du hast doch diese unausgereifte Technik eingesetzt. Selber schuld. Du hattest vorher halt immer Glück, dass die Leute still und leise ihr Leben ausgehaucht haben. Außerdem habt ihr jetzto wunderbares Material aus eigener Produktion bekommen.“

„Das Programm wurde nach meiner Rückholung eingestellt“, maulte Dreier und versuchte erfolglos seine Augen zurückzustopfen. „Riskant, unausgereift, zu gefährlich. Glücklicherweise brauchte das Team mein großes Fachwissen, sonst wäre ich in der Zwischenwelt gefangen.“

Sam lachte auf. „Halt mich nicht für doof, Doktor. Die brauchten nur den Zugangscode zum Rechner. Den hast du ja niemandem verraten. Ansonsten bist du schon irgendwie nutzlos.“

Das gefiel Dreier überhaupt nicht, aber er unterließ es Sam zurechtzuweisen. Er hielt das für klüger, musste sich aber insgeheim eingestehen, dass er vor ihr eine Todesangst hatte. Das lag seiner Meinung nach daran, dass Sam mit ihrem Schrei seinen Kopf hatte platzen lassen. Dreier hatte geschworen, sich dafür noch zu rächen. Irgendwann jedenfalls. Als Geist hatte er ja nun genug Zeit.

Die Türe zur Zelle öffnete sich und General Piotr Minski trat ein, ein rundlicher Kerl mit mehr als zwanzig bunten Abzeichen auf der Brust. „Stehen sie ruhig bequem“, meinte er gedankenverloren und warf ein paar Akten auf die Pritsche. „Freut mich, dass sie wohlauf sind, Doktor Dreier. Habe eben mit dem Team gesprochen. Sind alle ganz begeistert. Endlich jemand für die Tests, der sich mit der Materie auskennt.“

„Tests?“ kam es Dreier entsetzt über seine toten Lippen. „Was denn für Tests?“

„Geister, Ektoplasma und so ein Zeug. Werden das Programm neu entwerfen. Neue Stoßrichtung. Ihr Kollege, Doktor Hassel, hat ausgezeichnete Ideen. Bin begeistert.“

Sam grinste. „Tja, Doktor, das hast du dir selbst eingebrockt. Und was ist mein Job bei der Sache, General?“

Minski nahm eine der Akten von der Pritsche und las darin. „Das mit den Drohnen vergessen wir. Sofortiger Einsatz an Bord unserer Kampfmaschinen. Hervorragende Reaktionszeiten, keine moralischen Gewissensbisse und zusätzliche Fertigkeiten. Doktor Hassel hat erstaunliche Ideen vorgebracht. Dürfte unsere Streitkräfte ordentlich ankurbeln.“

„Ah, ja“, entgegnete Sam. „Und warum sollte ich da mitmachen wollen?“

General Minski sah auf. „Zum Wohl ihres Landes und ihres Planeten. Aus nationalem Stolz. Und weil wir dich sonst wieder zurück in die Zwischenwelt schicken.“ Minski machte einen ärgerlichen Gesichtsausdruck. „Hier gibt es kein Desertieren. Keine dummen Fragen. Hier gibt es nur die Pflicht.“

Sam kratzte sich aus einem Reflex heraus hinter dem rechten Ohr, obwohl sie im Grunde nichts spürte. Sie seufzte, obwohl auch das Atmen für sie keine Bedeutung mehr hatte. Aber so war sie nun einmal und alte Gewohnheiten ließen sich nur schlecht ablegen. „Ich bin aber Pazifistin.“

„Ehrlich?“ Minski sah Sam schief an. „Du hast mehr als zwanzig Menschenleben auf dem Gewissen. Pazifismus ist etwas anderes.“

Darüber musste Sam erst einmal nachdenken. „Okay, stimmt, ich bin wohl keine waschechte Pazifistin mehr. So wie Veganer, die Auto fahren und mit Smartphones telefonieren.“

General Minski sah Sam verwundert an. „Was ist Veganer?“

Sams durchscheinende Gestalt schüttelte den Kopf. „Vergiss es, General. Pilotin klingt gut. Seit meinem Tod habe ich gefallen am Fliegen gefunden. Aber was sind meine zusätzlichen Fertigkeiten?“

Erneut blätterte Minski in seinen Akten. „Du bist eine Todesfee, eine Banshee. Dein Schrei tötet andere Lebewesen.“

Doktor Dreier schnaubte und schüttelte heftig den Kopf. Seine Augäpfel flogen dabei wie Flummis durch die Luft. „Tja, das erklärt dann einiges. Ich werde zu allem Übel zukünftig für Tests herhalten, meine Mörderin wird Pilotin und Hassel erntet, was ich gesät habe. Etwas Schlimmeres kann es ja nicht geben.“

Minski lachte. „Ach, Dreier. Glauben Sie mir, das geht noch schlimmer. Kommen sie erst einmal mit. Und Sam, du wirst gleich abgeholt und dem Trägerschiff Tigerpranke zugeteilt. Viel Glück auf deinem weiteren Lebensweg. Ach. Was auch immer. Wir haben jedenfalls noch weitere Geister in unseren Reihen. Zusammen bildet ihr die Geisterstaffel. Willkommen bei der Truppe.“

Minski und Dreier verließen die Zelle. Sam blieb zurück und dachte über das Schicksal und seine Wendungen nach. Als sich die Zelle öffnete und ein junger Offizier eintrat, um Sam abzuholen, stieß sie einen lauten Schrei aus. Der Kopf des Mannes platzte wie eine reife Melone. Sam musste kichern. Okay, gab sie innerlich zu, das macht einfach Spaß. Mal sehen, wie sich das Fliegen im Weltraum darstellt …

ENDE

Fortsetzung möglich

Copyright(c) 2014 by Miriam Kleve, all rights reserved

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

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Chance, Karen
Bezaubernd untot
Roman

Verlag :      Piper
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Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
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Letzte Preisänderung am 08.05.2014
Seiten/Umfang :      ca. 400 S. – 19,0 x 12,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      08.12.2014
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Cassandra Palmer ist wieder da! Nachdem die erfolgreiche Urban-Fantasy-Serie um die toughe Seherin mit dem fünften Band, „Verlockend Untot“, zunächst abgeschlossen war, verführt uns Karen Chance nun erneut mit actiongeladener Handlung und heißer Romance!

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Updated: 3. September 2014 — 01:05

2 Comments

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  1. Liebe Miriam,

    ich habe deiner Story mal einen Buchtipp verpasst. Ich hoffe du bist damit einverstanden?

    Wir würden deine Story auch gerne in unsere Anthologie „UNTOT“ aufnehmen. Sag mal bescheid!

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