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DIE FEUER VON ERENOR – Fantasy-Roman – Leseprobe (Teil 2) von Stephan Lössl

DIE FEUER VON ERENOR

Fantasy-Roman

Leseprobe (Teil 2)

von

Stephan Lössl

(Zum vorherigen Teil)
»Jetzt leg schon die Börsenkurse zur Seite, Robert«, beschwerte sich Alexanders Mutter Susan, die gerade das Essen auf den Tisch stellte. Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm sie ihrem Mann die Zeitung aus der Hand, und ehe der entsetzte Familienvater, der schützenden Deckung seiner Finanznachrichten entrissen, antworten konnte, drückte sie ihm auch schon einen Kuss auf den Mund und verwirbelte ihm die schwarzen Locken.

»Die Kurse sind ohnehin schon wieder veraltet, in dem Moment, wo du die Zeitung aufschlägst.«

»Es geht ja nicht um den Kurs, der gerade da drin steht, sondern um den Trend«, versuchte Robert zu erklären, zuckte dann aber mit den Schultern, als er in die braunen Augen seiner Frau blickte und erkannte, dass sie ihn ohnehin nur aufziehen wollte. Susan warf die Zeitung achtlos in die Ecke, strich sich eine ihrer langen, dunklen Haarsträhnen aus dem Gesicht, das viele Männer als sehr attraktiv bezeichnen würden, und setzte sich.

»Ich weiß nicht, was du an diesem Börsenkram findest«, wunderte sich Susan, nicht zum ersten Mal. »Diese ganzen Zahlen, die existieren doch eh nur in den Computern. Zieh den Stecker raus und alles ist weg.«

Alexander konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wenngleich dies nicht die erste Diskussion dieser Art war, so amüsierte er sich doch immer köstlich über die Ansichten seiner Mutter.

»Weißt du, Susan«, entgegnete Robert und warf einen Teebeutel in seine Tasse, »es ist nicht schlimm, dass du damit nichts anfangen kannst. Genaugenommen ist es sogar besser so. Ich kenne mich wenigstens mit Wertpapieren und Geldgeschäften aus, du nicht!«

Susan stellte einen Topf mit dampfendem Gulasch lautstark auf den Tisch, dann beugte sie sich zu Robert herab und tippte ihm mit dem Finger auf die Nase. »Da hast du recht, ich brauche Greifbares und Wertbeständiges.«

»So wie den Land Rover?«, schnaubte Robert.

»Zum Beispiel ja. Man kann damit fahren, drin schlafen und wie du dich vielleicht erinnerst …« Sie brach ab, warf einen raschen Seitenblick auf Alexander und schmunzelte nur.

»Dazu braucht man aber keinen Land Rover«, gab Robert nüchtern zurück.

Susan schürzte die Lippen, bedachte ihren Gatten mit einem vielsagenden Blick und verteilte großzügig das Essen.

Ja, der Landy, Alexander erinnerte sich. Seine Mutter hatte vor einigen Jahren einen Teil der Ersparnisse in Form eines Land Rovers angelegt, und das hatte richtig Zoff gegeben. Sein Vater war sehr wütend geworden und hatte Susan einen langen Vortrag über wesentlich sinnvollere Anlagemöglichkeiten gehalten. Doch am Ende hatte sich seine Mutter durchgesetzt, wie so oft. Alexander mochte den Land Rover ohnehin viel lieber als den langweiligen Firmenwagen seines Vaters. Auch Kara war damals hellauf begeistert gewesen und hatte es sich nicht nehmen lassen, das urige Gefährt zusammen mit ihrer Mutter vom Händler abzuholen. Nur zu gut erinnerte sich Alexander an Karas Lachen, als sie vor ihrem Haus vorgefahren waren, um die neue Errungenschaft zu präsentieren. Es war ein fröhliches Lachen gewesen, genauso wie jenes heute im Blätterwirbel. Das hatte er sich natürlich nur eingebildet, dessen war er sich mittlerweile sicher, jetzt, da er zusammen mit seinen Eltern beim Abendessen saß.

»Abendessen an Alexander, bitte iss mich, bevor es ein anderer tut!« Nur langsam drang die Stimme seiner Mutter an sein Ohr. »Und mach dir mal die bunten Blätter aus den Haaren! Flowerpower war im letzten Jahrtausend«, fügte sie mit einem herzhaften Lachen hinzu.

Mehr als nur verwirrt blickte Alexander zuerst seine Mutter an und tastete dann zögernd nach seinen Haaren, die einigen Blättern tatsächlich Asyl gewährt hatten. Vorsichtig zog er sie heraus und legte sie neben sich auf den Tisch.

»Guck mal, das hier hat ja sogar ein Gesicht«, sagte Susan erfreut, nahm eines der Blätter und drehte es amüsiert in den Händen.

»Wirklich, lass mich mal sehen.« Rasch griff Alexander danach und betrachtete es.

»Tatsächlich«, murmelte er mehr zu sich als zu seinen Eltern. Schon immer war er von außergewöhnlichen Dingen fasziniert gewesen und verschlang Berichte über unbekannte Flugobjekte, geheimnisvolle Steinkreise oder mysteriöse Erscheinungen wie ein hungriger Wolf seine Beute. Aber irgendwie hatte er solche Sachen immer woanders vermutet, fern von hier, fern von ihm selbst. Westen, ja, Westen wäre ein guter Ort für solche Dinge. Den Küchentisch seiner Eltern dagegen hielt er für höchst unpassend.

»Ich dachte, wir wollten essen.« Sein Vater riss ihn unsanft aus seinen Gedanken und Alexander legte das Blatt zur Seite, doch das fröhliche Lachen, das seit seinem Spaziergang am Waldrand in seinem Kopf umher spukte, blieb. Sein Bauch machte sich grummelnd bemerkbar, und er stürzte sich mit dem Hunger eines 17-Jährigen auf das Gulasch.

»Ich habe übrigens im Supermarkt Frau Simmel getroffen«, erklärte Robert. Alexander zog misstrauisch eine Augenbraue hoch. Frau Simmel war nicht nur seine Deutsch-, sondern obendrein auch noch seine Klassenlehrerin, die trotz offensichtlichen Übergewichts auf hochhackigen Schuhen über den Pausenhof stöckelte. Den Schülern ging sie meist mit ihrer piepsigen Stimme und der übertriebenen Korrektheit wegen ziemlich auf die Nerven.

»Und, wie bist du ihr entkommen?«, fragte Alexanders Mutter. Ein wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Ich kann mich noch gut an den letzten Elternabend erinnern. Mir glühen heute noch die Ohren von ihrem verbalen Amoklauf.«

»So schlimm ist sie nun auch wieder nicht«, entgegnete Robert. »Im Grunde genommen haben wir uns sogar nett unterhalten.«

»Nett? Mit Frau Simmel?« Alexander konnte sein Unverständnis nicht verbergen. »Die ist genauso nett wie ein wilder Stier, dem jemand ein rotes Bettlaken an den Hintern tackert.«

»Alexander! Also wirklich«, entgegnete sein Vater entrüstet, während seine Mutter laut lachend in ihre Tasse prustete.

»Die Vorstellung gefällt mir irgendwie. Vielleicht sollte ich beim nächsten Elternabend …«

»Susan, nun hör aber auf!«, unterbrach Robert sie barsch. »Manchmal könnte man meinen du wärst gerade erst 15. Du benimmst dich wie ein aufgekratzter Teenager.«

»Ich bin Schriftstellerin«, entrüstete sich Susan amüsiert.

»Ich brauche manchmal ein wenig Fantasie und Anregung.«

»So richtig zu Geld verhilft uns deine Fantasie aber nicht«, stellte Robert fest.

»Jetzt werd’ mal nicht frech. Man kann schließlich nicht alles mit Geld bemessen«, beschwerte sich Susan. »Immerhin habe ich endlich einen Fantasy-Zweiteiler bei einem einigermaßen vernünftigen Verlag untergebracht.«

»Hm«, Robert hob die Schultern, »na gut, aber was ist mit den drei Einzeltiteln und der Trilogie, die du zuvor geschrieben hast? Vier Jahre hast du daran gearbeitet, ohne auch nur eine deiner Geschichten irgendwo unterzubringen.«

»Das liegt daran, dass ich echt neue Ideen hatte und kein Verlag den Mut fand, diese zu veröffentlichen. Ein Buch wurde gar abgelehnt, weil ich den Mond als rötliche Sichel, gleich einem grimmigen Auge, beschrieb.«

»Was ist denn daran so schlimm?«, wollte Alexander wissen.

»Nun, für den Verlag war dies gleichbedeutend mit dem Auge Saurons aus Herr der Ringe. Die hielten das ganze Buch deswegen gleich für abgekupfert.«

»Siehst du«, meinte Robert und wischte sich mit einer Serviette über den Mund, »das kann ich fast noch verstehen, dass da ein Übereiliger Parallelen zieht. Aber wenn du angeblich was wirklich Neues in deinen Büchern hättest, würde doch kein Verlag dies ablehnen, oder?«

»Leider doch, lieber Gatte«, erklärte Susan. »Ich habe so das Gefühl, die meisten Verlage folgen nur Trends, die andere gesetzt haben, und hoffen, auf der gleichen Welle mitreiten zu können.«

»Aber ist es nicht viel klüger, selbst einen solchen Trend zu schaffen?« Fragend blickte Alexander seine Mutter an.

»Das meine ich auch«, bestätigte sie.

»Na ja, ich bin ja nicht wirklich bewandert im Business der Schreiberlinge, aber was du da so von dir gibst, erinnert mich an einen Kalender, der im Besprechungszimmer einer Firma hing, in der ich mal gearbeitet habe.«

»Aha.« Susan sah Robert abwartend an.

»Nun«, erklärte Robert, »auf dem Kalenderblatt war ein Bild mit Fußabdrücken im Lehm zu sehen und darunter stand: ›Wer immer nur in die Fußstapfen anderer tritt, wird nie eigene hinterlassen.‹«

»Siehst du«, Susan tippte mit der Spitze ihres Zeigefingers auf die Nase ihres Gatten, »das ist ein Spruch nach meinem  Geschmack.«

»Dachte ich mir schon.« Robert schmunzelte und wandte sich wieder dem Essen zu.

»Ich bin froh, ein wenig fantasiebegabt zu sein«, freute sich Susan.

»So wie Kara«, warf Alexander plötzlich ein. »Auch Kara hatte immer eine lebhafte und blühende Fantasie gehabt.«

(Zum nächsten Teil)

Copyright © 2014 by Stephan Lössl

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Zum Buch:

Die Feuer von Erenor (EPUB)
Fantasy
von Lössl, Stephan
eBook

Verlag:  Gmeiner Verlag
Medium:  eBook
Seiten:  unbekannt
Format:  EPUB
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  August 2015
ISBN-10:  3734993180
ISBN-13:  9783734993183

Beschreibung
Die beiden Jugendlichen Alexander und Anna begegnen auf einer Wanderung der geheimnisvollen Askaya und damit ihrem eigenen Schicksal. Die Suche nach vier gestohlenen Stundengläsern verschlug die Kriegerin aus ihrer Welt Esmarillion nach Schottland. Denn nur wenn alle sieben »Gläser der Elemente« wieder vereint sind, kann ihre Parallelwelt gerettet werden, die von den bösartigen Einaren bedroht ist. Zu dritt machen sie sich auf eine Reise, die vom mythischen Herz der Highlands bis in das fantastische Universum Askayas führt. Teil eins des zweiteiligen Fantasyromans.

Autor
Stephan Lössl wurde 1969 in Erlangen geboren und wuchs in Kunreuth, einem kleinen Ort in der fränkischen Schweiz, auf. Schon früh entwickelte er eine Leidenschaft für Schottland und fantastische Literatur, was sich beides in »Die Feuer von Erenor« vereint. Die Freude am Schreiben teilt er mit seiner Frau, mit der zusammen er den Fantasy-Roman »Der Kampf der Halblinge« veröffentlichte. Zuletzt erschien von ihm die Novelle »Jäger im Zwielicht«.

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