sfbasar.de

Literatur-Blog

DIE FARBE BLAU – Eine Kurzgeschichte von Ann-Kathrin Karschnick

Die Farbe Blau

eine

Kurzgeschichte

von

Jeder hat ein Geheimnis. Das ist heute so und das war auch schon im Jahre 1296 n. C so. Dies galt auch für Bruno. Von Beruf war er Färber, doch war er nicht irgendein Färber, er war Bruno der Blaue.  Weit über die Grenzen seiner Dorfgemeinschaft hinweg war er für seine Fähigkeiten bekannt die schönsten blauen Stoffe herstellen zu können. Niemandem sonst im Umkreis von mehreren hundert Kilometern gelangen die sanften Abstufungen, in den verschiedenen Tönen so wundervoll, wie ihm. Jeder lobte ihn für die Arbeiten, aber Bruno wusste, was hinter diesen Schmeicheleien steckte. Seine Kollegen wollten hinter das Geheimnis kommen, warum seine Kleider so einzigartig waren. Mit fast 35 Jahren war er nun schon ein alter Hase im Geschäft der Färber und hatte so manchen Betrug miterlebt.

Als zum Beispiel zwei rivalisierende Färber gegeneinander heftig intrigierten. Der eine stahl die Pflanzbestände des anderen und der andere zerschnitt ihm die fertig gefärbten Laken. Das ging so weit, dass sie im Gefängnis landeten für Taten, die jeweils der andere begangen hatte. Bruno hatte sich schon immer aus solchen Intrigen herausgehalten. Freundlich, aber bestimmt war es ihm Jahr für Jahr gelungen, seine Konkurrenten abzuweisen und sein Geheimnis für sich zu bewahren. Trotzdem erwischte er immer wieder einen seiner Färberkollegen, wie er bei ihm zu Hause um die Hütte schlich und nach Hinweisen suchte. Je nach Laune beobachtete Bruno ihn dann und lachte sich heimlich ins Fäustchen, wenn dieser schließlich enttäuscht aufgab.

‚Wenn die wüssten.’ dachte er sich so manches Mal.

Meist nutzten die anderen Färber auch den Freitag, um ihn auszukundschaften. Freitags kam der Händler Hugo in ihr Dorf und versorgte Bruno mit allen Materialien, die er benötigte. Da waren einmal die Stoffballen, die blau gefärbt werden würden. Dazu benötigte er die Pflanze Färberwaid, aus deren Blättern Indican gewonnen wurde. Dies war die noch farblose Vorstufe des Indigos. Als letztes kaufte er noch zwei Flaschen Alkohol. Der Händler bezog den selbst gebrannten Schnaps von einem der Brenner im Nachbardorf. Alkohol war teuer und deswegen versuchten manche Färber die so wichtige Zutat mit billigem, gepanschten Alkohol zu ersetzen, doch die Ergebnisse waren meist weit von Brunos Qualität entfernt.

Da Bruno immer dieselbe Marke und immer dieselbe Anzahl kaufte, machte der Händler extra für ihn einen kleinen Umweg über das Dorf. Inzwischen begrüßten die beiden sich schon äußerst kameradschaftlich.

Er nahm seine Kiste mit der Bestellung entgegen, die er ihm später am Tage zurückbringen würde. Wie gewohnt erkundigte er sich nach den Geschäften des Händlers.

„Im Moment mehr schlecht als Recht.“ antwortete Hugo. „Der König überlegt Steuern auf fahrende Händlerwaren zu erheben. Stell dir das mal vor. Wenn er das wahr macht, werde ich nicht der einzige sein, der sein Geschäft aufgeben muss. Da will man nur einer rechtschaffenen Arbeit nachgehen und es werden immer mehr Steine in den Weg der Händler gelegt.“

Hugo schimpfte noch eine Weile weiter, ehe Bruno sich verabschiedete. Schnell trug er die Kiste in seine einfach eingerichtete Hütte und stellte sie dort auf den einzigen Tisch ab. Er räumte die Materialien in die jeweils dafür vorgesehenen Regale. Vor allem den Alkohol stellte er gut sichtbar auf Augenhöhe. Jeder Färber benutzte Alkohol für die Gärung, um das Indican aus dem Färberwaid zu gewinnen. Wenn die Stoffe einen Tag lang in einem angerührten Farbsud, der so genannten Küpe, gelegen hatten, nahmen sie nur eine unappetitliche gelbe Farbe an. Das Blau entstand erst, wenn die Stoffe am nächsten Tag an der Luft trockneten und sich mit Sauerstoff verbanden.

Gewöhnlich färbte Bruno seine Stoffe am Sonntag, ebenso wie alle anderen Färber, die er kannte. Während der restlichen Tage reinigte er den großen Kübel, den er für die Küpe nutzte und verkaufte die Stoffe an die Näher und manchmal sogar an reiche Durchreisende. Er selbst wurde nicht reich durch das Färben. Dafür war die Herstellung zu teuer, selbst mit seinem einzigartigen Verfahren. Es reichte, um sich eine eigene Hütte zu leisten, in der er alleine lebte. Manchmal saß er abends da und fragte sich, ob er sich nicht einmal eine Frau suchen sollte, doch meist schob er diesen Gedanken schnell wieder fort.

Als er die Kiste zu Hugo zurückbrachte, unterhielt er sich noch eine Weile mit ihm, bevor Bruno sich auf den Weg in die Kneipe machte. Höflich wurde er dort begrüßt, als er sein übliches Feierabendbier trank. Gleich darauf verschwand er in seinem Bett aus Stroh.

Erst am Sonntagmorgen begann seine eigentliche Arbeit. Morgens früh stand er auf und frühstückte kräftig. Als er vor seinem Farbsud stand, betrachtete er einen Moment lang den abscheulichen Brei aus Laken, gelber Flüssigkeit und den Blütenrückständen. Er atmete tief durch und machte sich bereit für das kommende. Eigentlich mochte er nicht, was er dort tat, doch es war nun einmal notwendig, um die Farbe so kräftig werden zu lassen. Vor zwanzig Jahren hatte er sein Geheimnis durch einen Zufall herausgefunden und seitdem war es ihm gelungen das Verfahren stetig zu verbessern.

„Es hilft nichts. Ich muss anfangen.“ murmelte er zu sich selbst und schnappte sich die erste Flasche Schnaps.

So wie jeden Sonntagmorgen leerte er die Flasche innerhalb einer halben Stunde und legte sich dann auf sein Bett. Die Nebenwirkungen des Verfahrens waren meist Schwindel und leichte Übelkeit, doch es war nun mal der beste Weg, sagte er sich immer wieder.

Diesmal jedoch schien der Schnaps stärker zu sein, denn er benebelte seine Sinne mehr als sonst. Klare Gedanken waren kaum noch möglich und so vergaß er das erste Mal seit zwanzig Jahren seine Fensterläden zu schließen, als er mit dem Verfahren begann. Dabei beobachtete Franz, der Konkurrent aus einem der Nachbardörfer, ihn. Vor Schreck schrie dieser auf und starrte den nun zusammenzuckenden Bruno an. Langsam drehte der sich um.

„Bruno, was tust du da?“ fragte sein Konkurrent fassungslos.

Bruno, der immer noch völlig benebelt war durch den Alkohol, starrte ihn mit großen Augen an und versuchte die Frage zu verstehen. Es dauerte fast eine Minute, ehe er reagierte.

„Was ich mache? Das siehst du doch!“ lallte er in den schönsten Worten, die er zustande brachte.

„Aber du pinkelst in deine Küpe!“ rief er immer noch verwirrt aus.

Bruno schaute von ihm zu dem großen Kübel und wieder zurück zu Franz. Dabei schwankte er ziemlich stark und hielt sich gerade so auf den Beinen.

„Das hast du gut erkannt!“ lobte er den mit offenem Mund dastehenden Franz.

„Sag mal, bist du betrunken?“

Misstrauisch blickte Franz zu ihm herüber und zog dabei seine rechte buschige Augenbraue hoch.

„Du bist wirklich ein schlaues Kerlchen. Tja, jetzt hast du mich erwischt.“ kicherte Bruno leise.

Ihm kam die ganze Situation so lustig vor, dass er nicht mehr an sich halten konnte. Mit großen schwankenden Schritten und weit schwingenden Armen torkelte er auf Franz zu, der noch immer durch das Fenster starrte. Da er nicht mehr rechtzeitig bremste, rannte er mit dem Knie gegen die Holzlatten seiner Hütte. Fluchend hielt er an, stützte seine Ellenbogen auf den Fensterrahmen und legte seinen Kopf in seine Hände. Mit fröhlich zwinkernden Augen und einem, wie er hoffte, gewinnendem Lächeln, versuchte er Franz einzuwickeln. Doch da er keine Frau war, funktionierte der Trick nicht so, wie er sollte. Franz blickte nur verstört in Brunos blaue Augen und war sich nicht sicher, was er tun sollte.

„Du solltest deine Küpe lieber ganz schnell wegkippen. Vielleicht ist der Stoff noch zu retten. Und dann schlaf gefälligst deinen Rausch aus. Du musst morgen schließlich noch die Stoffe aufhängen.“ ermahnte er ihn und verließ das Hüttenfenster mit einem mulmigen Gefühl.

Amüsiert betrachtete Bruno die etwas zu hastigen Schritte des Färbers. Als Franz außer Sichtweite war, ging Bruno zurück zu dem Kübel und betrachtete die Sud einen Moment lang. Schließlich brach sich ein durchdringendes Lachen aus seinem Mund. Er öffnete seinen Hosenstall und pinkelte erneut in die Küpe.

„Wenn die wüssten!“ murmelte er kichernd.

Zwanzig Jahr später gab Bruno auf dem Sterbebett sein Geheimnis weiter. Er verbrauchte mit dem Umweg durch seinen Körper nur die Hälfte des Alkohols, den andere Färber benötigten. Außerdem gärte das Indican und der Alkohol besser mit der Beigabe von Harnstoff aus dem Urin. Je mehr Alkohol dabei im Spiel war, desto besser war die Qualität der Blaufärbung. Wenn am nächsten Tag die Stoffe ausgehängt wurden, oxidierte das verbesserte Indical mit dem Sauerstoff.

Bruno erzählte sein Geheimnis nur einer einzigen Person. Als er erst die Verwirrung, kurz darauf das Verstehen und schließlich die blanke Wut auf Franz Gesicht sah, starb er mit einem Lächeln auf den Lippen.

-ENDE-


Copyright © 2010 by

Bildrechte: Coverillustration “Überraschungsgeschichten-der-besonderen-Art1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

.
“Die Farbe Blau” ist in der Anthologie „blaugetaucht“ vom Balthasar-Verlag www.ug-balthasar.de erschienen:
.

Herausgegeben von Kiesbye, Maren
blaugetaucht

Kurzgeschichten und lyrische Gedanken
Verlag :  Balthasar Verlag
ISBN :  978-3-937134-48-2
Einband :  Paperback
Preisinfo :  8,80 Eur[D] / 9,10 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :  ca. 100 S. – 22 x 17 cm
Erschienen :  1. Aufl. 15.09.2009
Gewicht :  200 g

Titel bei buch24.de

Titel bei Amazon.de

Updated: 23. Januar 2013 — 05:34

12 Comments

Add a Comment
  1. Das ist jetzt die richtige Version! Schreibt mal einen Kommentar!

  2. Felis Breitendorf

    Das ist ja eine lustige Geschichte, wie bist du darauf gekommen? Machte man das früher tatsächlich so oder hast du das selbst schon mal ausprobiert? 😉

  3. Hi Felis,
    ja, es wurde wirklich früher in den ärmeren Schichten so gehandhabt. 🙂 Ich brauchte eine Geschichte für die Anthologie und habe ein wenig zu der Farbe Blau recherchiert. Dabei bin ich auf das ursprüngliche Herstellungsverfahren gestoßen und fand es ebenfalls lustig. *g*

    Liebe Grüße,
    Ann-Kathrin

  4. …und ich hatte mich schon gewundert, warum der alte Pulli, den mir meine Urgrossmutter geschenkt hatte, immer irgendwie so ein kleines Bisschen nach Urin roch… 😉

  5. Lustig 😉 jetzt werde ich vermutlich keine blauen Sachen mehr kaufen können, ohne daran zu denken – igitt!!

  6. Wenn ich jetzt frech wäre, würde ich Aileen mal raten, zu schauen, ob, wenn Ann-Katrin demnächst bei den Lesungen neben ihr sitzt und einen blauen Pulli trägt, sie auch so merkwürdig riecht!

    Nur ein Scherz!!!
    😉

  7. Haha, witzig, das war mir neu.

    Was mir nicht ganz klar geworden ist: „(…) leerte er die Flasche (…)“. Er hat den Schnaps gesoffen? Da muss ich sagen, lieber Blau tragen als blau sein. Er hätte seine Ingredienzen doch einfach in die Küpe gießen können. Aber vermutlich wird der Schnaps noch edler nach seinem Durchmarsch durch den Margen-Darm-Trakt :-p

    Als Färber hatte man’s schon schwer 😉

  8. Wie mit den Kaffebohnen des teuersten Kaffees der Welt, die erste ne Katze fressen muss um sie dann wieder auszukacken und die man dann einsammelt und dafür horrende Preise verlangt, weil der Kaffee angeblich einen unvergleichlichen Geschack bekommen soll!

  9. Felis Breitendorf

    Meiner Meinung nach muss hier:

    Weit über die Grenzen seiner Dorfgemeinschaft hinweg war er für seine Fähigkeiten bekannt die schönsten blauen Stoffe herstellen zu können.

    hinter Fähigkeiten ein Komma!

    Hier muss:

    or zwanzig Jahren hatte er sein Geheimnis durch einen Zufall herausgefunden und seitdem war es ihm gelungen das Verfahren stetig zu verbessern.

    meiner Meinung nach hinter gelungen ein Komma!

  10. Beim 1. Satz bin ich mir nicht sicher, aber beim 2. stimme ich dir uneingeschränkt zu. Das sind zwei eigenständige Sätze mit „und“ verbunden, die gehören durch ein Komma getrennt.

  11. Felis Breitendorf

    Vielen Dank Leon. 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme