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DIE DUNKELHEIT – Eine Science Fiction Kurzgeschichte von Günther K. Lietz

Die Dunkelheit

Science Fiction Kurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Mehr als alle Wunder dieser Welt wünschte sich Nick ein sorgenfreies und erfülltes Leben. Doch in seinem jetzigen Zustand war er weit davon entfernt, dass eines seiner Luftschlösser auch nur ansatzweise entstehen könnte. Anstatt zu Hause bei seiner Familie zu sitzen und sich mit den Kindern zu beschäftigen, nach ihren Leistungen in der Schule zu fragen oder seine Frau wild und hemmungslos zu lieben, trieb er einsam in seinem Tank.

Der Tank war seit mehr als vier Tagen sein neues Zuhause. Oder waren es bereits fünf Tage? Oder nur einer? Nick wusste es nicht. In der absoluten Dunkelheit hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Die Dunkelheit hatte ihm geflüstert, Tankmenschen würden durch den andauernden Schwebezustand, die Stille und die Dunkelheit, innerhalb weniger Stunden wahnsinnig. Aber Beweise gab es keine. Oder flunkerte die Dunkelheit nur? Nick hatte keine Ahnung.

Er nahm einen tiefen Zug Sauerstoff, der von außerhalb zugeführt wurde. Das Atmen fiel ihm seit einiger Zeit schwerer. Ein Zeichen dafür, dass seine Lunge bereits angegriffen war. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis auch die anderen Organe ihm ihren Dienste versagten. Jedenfalls nach Meinung der Dunkelheit.

War jetzt nicht der Augenblick gekommen in Panik auszubrechen? Spätestens jetzt? Doch es geschah nichts. Nick wunderte sich darüber, denn immerhin nagte der Tod bereits an seinen Knochen. Doch es blieb bei der Verwunderung.

Was hatten sie mit ihm angestellt? Was hatten sie mit ihm gemacht? Er spürte wie sich ein Fetzen Haut von seinem Rücken langsam abschälte und in der Dunkelheit versank. Doch es bereitete ihm keine Schmerzen. Nur Bedauern – des Verlustes wegen. Mit der Haut war ein alter Freund gegangen.

Etwas schien sich unter ihm zu regen, kroch an seinem Po entlang nach oben, strich über seine Hüfte, floss über das bloße Fleisch und zerplatzte mit einem leisen Knall, als es die Oberfläche der Flüssigkeit durchstieß. Es roch nach faulen Eiern, und Nick fragte sich, ob er ohne Nahrung überhaupt Blähungen haben könne. Doch er vermutete, dass der Tank mit irgendeinem Gas geflutet wurde. Oder mit etwas anderem, hörte er die Dunkelheit wispern.

Nick nahm noch einen weiteren, tiefen Zug nun bitter schmeckenden Sauerstoff und stieß sich mit den Füßen ein wenig ab. Sein Kopf stoppte nach wenigen Zentimetern an der metallenen Tankhülle. Einige Haare und etwas Kopfhaut lösten sich ab. Ein Stück Schädelknochen lag blank.

Sie wissen, schon was sie machen, sprach sich Nick selbst Mut zu. Bald werde ich bei Linda und den Kindern sein. Wir werden lachen, singen und Spaß miteinander haben.

Täuschte er sich oder verabschiedete sich gerade der linke Ringfinger von seinem Körper? Er tastete mit der Rechten nach der Linken und fühlte nichts. Nun, dann waren jetzt wenigstens Ringfinger und Zeigefinger irgendwo im Tank miteinander vereint. Oder auch nicht.

Waren nun Stunden oder Minuten vergangen, seitdem der Finger sich selbstständig gemacht hatte? Oder nur Sekunden? Nick versuchte nachzudenken und rieb sich gedankenverloren sein rechtes Ohr. Doch er griff nur ins Leere, was ihm nichts mehr ausmachte. Die Geräusche waren bisher nur gedämpft zu hören gewesen. Dann hört er jetzt eben gar nichts mehr.

Nick gähnte und fand es nur normal, dass sich sein Kiefer ohne Worte verabschiedete. Es gab ein leise Platschen, dann war er weg. Kann ich so überhaupt überleben, fragte sich Nick. Oder war es die Dunkelheit?  Nick begann müde zu werden. Er wurde schnell müde in letzter Zeit. Oder knipste nur jemand einfach sein Lebenslicht aus? Er wusste es nicht.

Dann geschah es. Geist und Körper wurden voneinander getrennt. Die Dunkelheit seufzte bedauernd.

Nick konnte nun alles ganz genaue sehen und mit seinem Blick das Wasser durchdringen. Dort unten sank sein Körper tiefer ins düstere Nass hinein. Sie hatten seinen Tod wohl bemerkt und die Halterungen gelöst. Der Körper begann zu trudeln und die restlichen Knochen, Sehnen und Muskeln lösten sich langsam auf. Nick konnte die Bakterien fast fühlen, die sich um die Verwertung der Reste kümmerten und Platz für den nächsten Kandidaten schafften.

Ein einsamer, warmer Lichtstrahl durchdrang von oben den Tank und wurde immer größer, bis er Nicks Geist vollkommen erfasste. Es war ein seltsames Gefühl, in dieses Licht getaucht zu werden. Ein angenehmes Gefühl. Nick fühlte sich zu dem Licht hingezogen und ließ sich auf seine Quelle zutreiben. Nicks Geist begann aufzusteigen, verschwand und das Licht erlosch – die Dunkelheit schwieg …

***

„Verdammt!“ brüllte Heidler und knallte seine dürre Faust kraftlos gegen den großen Metalltank. „Schon wieder! Der wievielte war es, Brösler?“

Heidlers Assistent rief die Daten auf seinem Pad ab. „Nummer Zehn.“

„Familie?“

„Frau und zwei Kinder. Wir haben ihnen gesagt, er sei unheilbar  krank. Sie kommen jeden Tag und wollen ihn sehen. Wir haben sie immer vertröstet.“

„Die übliche Standardausrede“, wies Heidler Brösler an. Der alte Mann drehte seinen dürren Körper zu dem Tank herum und funkelte die Maschine böse an. „Vielleicht war er zu alt. Bestellen Sie die Kinder zu einer Routineuntersuchung. Faseln Sie etwas von Erbkrankheiten und bereiten Sie einen weiteren Tank vor. Wir steigern das Bakterienniveau und beginnen vor dem Tod mit der Übertragung. Wir nehmen die Kinder von Nummer Zehn. Vielleicht klappt es diesmal.“

„Vielleicht“, entgegnete Brösler und schaltete das Pad ab.

„Wir haben das Genom entschlüsselt. Wir haben Krankheiten besiegt. Wir haben uns Bakterien und Viren untertan gemacht. Wir sind die Herren und Meister der modernen Technologie.“ Brösler klopfte auf den metallenen Korpus des Tanks. „Körper, Verstand, Geist und Seele sind auch nur Bauteile einer Schöpfung. Und ich werde diese Bauteile separieren und neu arrangieren. Irgendwann jedenfalls.“

Brösler verließ wortlos das Labor und bereitete sich in Gedanken auf seinen eingeübten Text vor. Hoffentlich würden die Angehörigen nicht weinen. Das hielt immer unnötig auf.

Nachdem Brösler gegangen war, streichelte Heidler über das Gehäuse des Tanks und lächelte. Die Dunkelheit sang ihm ein Lied.

ENDE

Copyright © 2001 by Günther K. Lietz, all rights reserved.

Buchtipp:


Alexander Kröger
Fundsache Venus

Verlag: Projekte-Verlag Cornelius
ISBN: 978-3-86237-846-3
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: ca. 352 S. – 19,6 x 13,8 cm
Erscheinungsdatum: 2. Aufl. 19.04.2012

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In „Fundsache Venus“ entdeckt Wally 327 Esch als Überlebende einer Rettungsexpedition das geborstene Raumschiff, und sie findet Dirk, ihren Lebensgefährten, aus dessen toter Hand sie ein Souvenir entnimmt, das, so glaubt sie, für sie bestimmt ist. 18 Jahre hütet sie das Geheimnis dieses Geschenks. Dann berichtet sie dem Sohn Mark von der Operation in einem verlassenen Urwaldhospital und von Bea, einem Mädchen mit Tigeraugen … Sie bürdet damit dem jungen Mann eine Verantwortung auf, die er allein nicht tragen kann.

Maren 021 Call kämpft leidenschaftlich gegen die Entstehung von „Anderen“ auf der Erde und dem Mars. Sie fürchtet auf lange Sicht den Untergang des ursprünglichen Menschen.

Alexander Kröger richtet in einer mitreißenden Handlung – in Sicht auf heutige Realitäten und Tendenzen wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung – das Augenmerk des Lesers auf die Verantwortung der Menschen für ihre Zukunft.

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13 Comments

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  1. Christa Kuczinski

    Hallo Günther,
    eine tolle Story.
    Was mir besonders gut gefallen hat, war die Lässigkeit seiner Gedanken während sich sein Körper in Auflösung befand. In Anbetracht des Gruselfaktors, der durchaus vorhanden war, emfand ich die Atmosphäre der Geschichte als sehr angenehm. 😉

  2. Vielen Dank für dein Kommentar. Hat mich sehr gefreut. 🙂

    +1

  3. Ist das Cover kaputt oder zeigt es tatsächlich nur eine schwarze Wand, oder von mir aus nur „Dunkelheit“? Die Möchel schnallt es mal wieder nicht… 🙁

  4. Was bedeutet eigentlich das: „1+“ in dem Kommentar? Bin da wohl nicht so auf der Höhe der Zeit, was sowas angeht. 🙁

  5. Also ein möglicher Kandidat auf den Haupttreffer im Wettbewerb, Christa? 😉

  6. Habe die Geschichte gelesen und kapiere nix. Was genau versuchen die Protagonisten da zu machen, was wollen sie eigentlich erreichen? Stehe offenbar auf der Leitung. Wer kann mich mal von der Leitung schuppsen oder mich aufklären, wie die Beweggründe der Protagonisten in dieser Geschichte lauten? 🙁

  7. +1, Gefällt mir, dickes Plus dafür, cool. 🙂

    Beim Cover kommt es auf die Einstellung an. 😉

  8. Christa Kuczinski

    Martina,

    dieser Satz ist in meinen Augen der Schlüssel:
    „Körper, Verstand, Geist und Seele sind auch nur Bauteile einer Schöpfung. Und ich werde diese Bauteile separieren und neu arrangieren. Irgendwann jedenfalls.“

    Mir gefallen so einige Texte, die am Start sind. Schwer sich endgültig zu entscheiden… 😉

    Günther, 1+ nehme ich doch gerne 😉
    Das Cover ist übrigens genial, war das vorhin auch schon da? Ich kann mich gar nicht daran erinnern.

  9. Interessante Geschichte, aber was genauso interessant ist: „Copyright © 2001“ – war die Geschichte ein Produkt deiner dunklen Jahre? 😉

    Machst du uns noch einen Buchtipp, Günther? 🙂

  10. @Christa
    Jip, das Cover war schon da. An dem Ding habe ich ziemlich lange gesessen, bis es mir gefallen hat. Sieht einfach aus, ist aber etwas tricky.

    @Martina
    Christa hat es genau richtig erkannt.

    @Detlef
    Ich bin noch am überlegen, was für ein Buch da passt. Und was das Jahr angeht, so habe ich ja einige alte Sachen hier herumliegen. Obige Story habe ich natürlich aktuell überarbeitet.

  11. Ich finde die Story interessant, wundere mich aber ein wenig, mit was du dich 2001 schon beschäftigt hast. Das habe ich damals garnicht mitbekommen. 😉

  12. Nimm doch sowas:

    FANTASTISCH ENTSPANNEN
    Unkomplizierte Entspannung für den Alltag.

    Verlag : MINDDROPS
    ISBN : 978-3-943396-01-0
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    Seiten/Umfang : 12,5 x 14,0 cm
    Produktform : A: Audio-CD
    Erscheinungsdatum : 1. Aufl. 24.02.2012


    oder das?:

    —-

    Johannsen, Anna
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    Verlag : Groh
    ISBN : 978-3-86713-695-2
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    Preisinfo : 9,95 Eur[D] / 10,30 Eur[A] / 12,50 CHF UVP
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    Seiten/Umfang : ca. 48 S. – 16,5 x 17,5 cm
    Produktform : B: Einband – fest (Hardcover)
    Erscheinungsdatum : 04.06.2012

  13. Scheint ja auch ein interessanter Buchtipp-Titel zu sein, aber was hat der mit der Story zu tun?

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