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DIE AKTE HARLEKIN (Prolog) von Thomas Vaucher (Leseproben-Award Herbst 2016/Geteilter Preis)

Die Akte Harlekin

DIE AKTE HARLEKIN (Prolog)

von

Thomas Vaucher

(Leseproben-Award Herbst 2016/Geteilter Preis)

 

 

Prolog

»Warum tun Sie das?«

Der Alte röchelte und versuchte, den Kopf noch weiter in den Nacken zu legen, um seinen Peiniger zu erblicken.

Doch er wurde von einer grellen, gleißend starken Lampe geblendet, die auf sein Gesicht gerichtet war. Er lag auf dem Rücken auf einem Metalltisch, war bis zur Hüfte abwärts nackt und konnte sich weder umdrehen noch aufrichten.

Seine Hand- und Fußgelenke schmerzten von den Fesseln, sein Brustkorb schien ihm kurz vor dem Platzen, so eng zog sich ein faustdickes Seil quer darüber, und sein Kopf dröhnte. ›Er muss mich von hinten niedergeschlagen haben‹, versuchte er, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Sie sollten mir dankbar sein«, erklang eine Stimme aus der Dunkelheit. »Durch mich werden Sie Unsterblichkeit erlangen.«

»Unsterblichkeit? Aber … aber, warum gerade ich?«

Sein Entführer lachte. »Sie werden’s nicht glauben, Herr …«

Er fühlte, wie sein Entführer an ihm etwas herumnestelte.

›Mein Portemonnaie!‹, ging es ihm durch den Kopf.

»… Herr Weber: Zufall. Schicksal. Pech. Wählen Sie sich eines dieser großartigen Wörter aus.«

»Was haben Sie mit mir vor?«

Ein Klicken erklang, gefolgt von einem immer lauter werdenden Brummen.

»Was tun Sie da?«, wollte Weber wissen. Lähmende Angst hatte er, seit er in diesem feuchten Keller aufgewacht war, doch nun begann sie sich zu verändern, wurde intensiver, umgab ihn wie die Fäden einer Spinne, die immer dichter werden, je länger diese daran arbeitet.

»Ich habe die Heizung angeworfen«, antwortete die Stimme. »Es ist kalt draußen und der Raum hier ist nicht gut isoliert. Finden Sie nicht auch?«

Weber runzelte die Stirn. ›Was will dieser Wahnsinnige von mir?‹ Plötzlich kam ihm ein Gedanke.

»Geht es um Geld? Meine Frau wird jedes Lösegeld bezahlen, nur lassen Sie mich bitte frei.«

Wieder dieses Lachen. Diesmal klang es höhnisch.

»Oh nein, Sie missverstehen mich, Herr Weber. Ich habe genügend Geld.«

Es wurde rasch wärmer in dem Raum, was Weber nicht unangenehm war. Zuvor war es tatsächlich kalt hier drin gewesen. Wenigstens etwas.

»Was wollen Sie dann?«

»Geduld, Geduld! Wir arbeiten daran.«

»Wir? Wer ist wir?«

»Sie und ich, Sie werden schon sehen.«

Sein Entführer kicherte. Weber hörte ihn hinter sich mit etwas hantieren. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Angstschweiß. Dann sah er eine Silhouette über sich aufragen. Die Lampe blendete ihn so stark, dass es ihm nicht gelang, mehr zu erkennen. Er hätte nicht einmal sagen können, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Und die Stimme seines Entführers … Einerseits war sie recht tief und rau, aber andererseits auch geradezu melodisch, mit einem femininen Touch. Unmöglich zu sagen, ob die Stimme einer Frau oder einem Mann gehörte.

»Gut«, hörte er über sich den Fremden sagen, »sehr gut.«

Die Silhouette verschwand wieder aus seinem Sichtfeld.

›Was hat dieser Irre mit mir vor?‹

Langsam wurde es heiß in dem Raum. Unerträglich heiß. Der Fremde musste die Heizung bis zum Maximum aufgedreht haben. Weitere Schweißperlen traten Weber auf die Stirn, diesmal aufgrund der Hitze. Sie vermischten sich mit denen der Angst. Die Silhouette erschien wieder über ihm. Weber kniff die Augen zusammen und konnte nun zumindest erkennen, dass sein Peiniger eine Art Schutzbrille, einen weißen Mundschutz und eine grüne OP-Haube aufhatte. Panik kroch langsam wie ein neugieriges Insekt seinen Rücken herauf. Sein Körper zog sich krampfartig zusammen. Unfähig, sich zu bewegen, lag er da und verfolgte mit weit aufgerissenen Augen, wie eine Hand, die in einem Latex-Handschuh steckte, sich seiner Stirn näherte. Sie hatte eine Pipette zwischen den Fingern. Die Starre löste sich und Weber versuchte, seinen Kopf von seinem Entführer wegzudrehen, doch dieser legte ihm seine andere Hand auf den Kopf und hielt ihn fest. Die Spitze der Pipette setzte sachte auf seiner Stirn auf und tastete sich dann langsam quer darüber, ehe sie wieder verschwand.

»Was soll das? Was tun Sie da?« Webers Stimme überschlug sich beinahe.

»Keine Angst, das ist der angenehme Teil des Ganzen.«

Die Pipette setzte nun auf seiner nackten Brust auf und Weber konnte erkennen, dass der Fremde damit langsam und gründlich jeden Schweißtropfen einsog, der auf seiner Haut auftrat. Und bei der Hitze, die mittlerweile in dieser Folterkammer herrschte, waren das nicht wenige. Der Fremde wiederholte die Prozedur noch einige Male schweigend, ehe er sich schließlich wieder entfernte.

»Gut«, hörte Weber ihn sagen. »Sehr gut.«

»Was soll das?«, fragte Weber ängstlich.

Der Fremde ignorierte seine Frage und Weber hörte ihn wieder mit etwas hantieren. Dann Schritte. Etwas Kaltes berührte plötzlich seine Schläfen und sein Kopf wurde leicht zusammengepresst. Er wollte seinen Kopf aus dieser Presse herausziehen, doch es war zu spät. ›Ein Schraubstock!‹, erkannte er, und eine weitere Panikwelle durchlief seinen Körper. Er begann, am ganzen Körper zu zittern. Seine Zähne klapperten unkontrolliert aufeinander. ›Der Wahnsinnige hat meinen Kopf in einen Schraubstock gesteckt!‹

»Das wird jetzt etwas wehtun«, hörte er die Stimme neben seinem Ohr, »aber das ist leider nötig. Es sei denn, Sie können auf Knopfdruck weinen.«

»Weinen? Ich … Warum? Nein, ich …«

»Das dachte ich mir.«

Ein ungeheurer Schmerz explodierte an seiner Schläfe. Sein Entführer zog den Schraubstock langsam, aber unerbittlich an. Weber schrie, presste die Augenlider zusammen und bettelte um Gnade. Tränen des Schmerzes kamen ihm, und durch den Tränenschleier vor seinen Augen sah er wieder die Pipette nahen.

»Gut, sehr gut. Gleich haben Sie es geschafft.«

Weber schluchzte und betete zu Gott, dass er ein Einsehen mit ihm haben und ihm einen raschen Tod schenken möge. Der Druck auf seinen Kopf wurde noch einmal verstärkt. Er schrie und glaubte, sein Schädel würde platzen.

Seine Schreie steigerten sich, bis sie so laut waren, dass sie in seinen eigenen Ohren schmerzten. Doch das war nichts im Vergleich zu dem Schmerz, der seinen Kopf beherrschte. Die Pipette erschien noch einige Male vor seinen Augen – dann verschwand der Druck plötzlich von seinen Schläfen. Er fühlte, wie etwas Nasses aus seinen Ohren tropfte. ›Blut?‹

»Bitte«, stammelte Weber, »bitte, bitte, bitte! Lassen Sie mich gehen! Oder … oder … töten Sie mich, ich bitte Sie … Ich flehe Sie an, aber bitte, bitte hören Sie auf mit dieser Folter, wenn Ihnen irgendetwas heilig ist …!«

»Oh ja, mir ist vieles heilig. Und keine Angst, es dauert nun nicht mehr allzu lange.«

Als sein Peiniger das nächste Mal neben ihn trat, hielt er einen Fotoapparat in den Händen.

»Was …?«, begann Weber, doch er wurde unterbrochen.

»Ich möchte nun, dass Sie für mich lachen.«

»Wie bitte?« Weber glaubte, sich verhört zu haben. Sicherlich spielte ihm sein malträtiertes Gehirn einen Streich. Vielleicht war er auch einfach vor Schmerzen wahnsinnig geworden. Er hatte doch tatsächlich gemeint, sein Entführer hätte ihn gebeten, zu lachen.

Der Fremde seufzte.

»Sie sind nicht der Erste, der so reagiert. Aber keine Angst, Sie haben mich richtig verstanden. Ich möchte nun nur noch, dass Sie kurz für mich lachen, verstehen Sie? Dann haben Sie es überstanden. Das ist doch ein Grund zur Freude, finden Sie nicht auch?«

Weber wollte sich bewegen, aber das jagte eine weitere Welle des Schmerzes durch seinen Kopf. Sein Entführer wollte ihn tatsächlich lachen sehen? Nach allem, was er ihm angetan hatte?

»Ich … Ich kann nicht … Ich …«

»Das habe ich befürchtet.« Wieder ein Seufzen. »Sie sollten es zumindest versuchen, Herr Weber. Ihnen zuliebe. Wenn nicht, werde ich den Schraubstock so lange anziehen, bis Ihr Kopf … Ich bin sicher, Sie verstehen, was ich meine.«

Weber lachte. Es war ein verrücktes Lachen, eher ein Wiehern, bei dem die Grenzen zwischen Schluchzen und Lachen verschwammen. Zwischendurch verschluckte er Luft, doch sogleich lachte er weiter. ›Wenn nur der Schraubstock nicht nochmal zum Einsatz kommt!‹ Dazwischen hörte er den Fotoapparat einige Male klicken. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, legte sich ihm eine Hand auf die Schulter.

»Das war gut. Sehr gut. Nun werde ich Ihre Bitte erfüllen.«

»Sie lassen mich wirklich frei?«

»Nein, die andere Bitte.«

Ein Messer blitzte auf, und ehe Weber antworten konnte, explodierte ein greller Schmerz in seinem Hals. Er wollte schreien, doch aus seinem Mund kam nicht mehr als ein verzweifeltes Gurgeln, als das Blut aus seiner Kehle floss. Er warf sich gegen seine Fesseln, doch vergebens. Seine Augen weiteten sich, er sah, wie das Messer sich seinem linken Handgelenk näherte und ihm die Pulsader sauber durchschnitt. Das Messer und die Hand, die es hielt, begannen, vor seinen Augen zu verschwimmen, das Blut rauschte ihm in den Ohren. Dumpf hörte er klackende Schritte, ehe der Schmerz auch in seinem anderen Handgelenk explodierte.

»Gut. Sehr gut«, hörte er seinen Mörder noch sagen, ehe ihn gnädige Dunkelheit umfing.

(zum nächsten Teil)

Copyright © 2016 by Thomas Vaucher, mit freundlicher Genehmigung des Riverfield Verlags

 

Die Akte Harlekin (Gebunden)
von Vaucher, Thomas

Verlag: Riverfield Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  351
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  September 2016
Maße:  216 x 139 mm
Gewicht:  531 g
ISBN-10:  3952464007
ISBN-13:  9783952464007

Die Akte Harlekin

Beschreibung
Ein Serienkiller, der seine Opfer sämtlicher Körperflüssigkeiten beraubt, versetzt die Bevölkerung in der Hansestadt Bremen in Angst und Schrecken. Die Angehörigen der Ermordeten begehen wenige Tage nach den Verbrechen Selbstmord, nachdem sie angegeben haben, ihnen seien die Getöteten als Geister erschienen. Die Polizei tappt im Dunkeln und engagiert den ehemaligen Kommissar und Experten für Okkultes, Richard Winter, als externen Ermittler für den Fall. Im Laufe seiner Nachforschungen macht Winter eine grauenvolle Entdeckung, die ihn jedoch bald selbst ins Visier des Killers geraten lässt …

Kommissar Winters erster Fall.

20.08.2016

Die Akte Harlekin ist da!

Ich bin sehr froh, verkünden zu können, dass mein erster Thriller-Roman bereits vor der Zeit eingetroffen ist. Ursprünglich für September angekündigt, ist „Die Akte Harlekin“ bereits jetzt erhältlich! Bestellbar in allen Internet-Buchhandlungen oder natürlich auch in meinem Shop (auch als signiertes Exemplar erhältlich). Alle Infos zum Roman findet Ihr hier. ACHTUNG! Ein kostenloses Reziexemplar (Die Besprechung muss aber auf sfbasar.de oder buchrezicenter.de erscheinen!) bitte anfordern mit Anschrift per e-mail an: info@sfbasar.de

Der Autor

Autor
Thomas Vaucher (35) arbeitet als Autor und Lehrer. Er ist zudem als Schauspieler und Musiker tätig. Vaucher hat schon mehrere historische Romane geschrieben, die im renommierten Schweizer Stämpfli Verlag veröffentlicht wurden. »Die Akte Harlekin« ist sein erster Thriller und spielt, da dem Autor die schöne Hansestadt sehr am Herzen liegt, in Bremen. Vaucher ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Freiburg (CH).

Titel erhältlich bei Amazon.de
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Titel erhältlich bei Booklooker.de
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oder natürlich auch in meinem Shop (auch als signiertes Exemplar erhältlich). Alle Infos zum Roman findet Ihr hier.

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