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DIE AKTE HARLEKIN (Kapitel 4) von Thomas Vaucher

Die Akte Harlekin

DIE AKTE HARLEKIN (Kapitel 4)

von

Thomas Vaucher

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Kapitel 4
Kriminalhauptkommissar Heinrich Möller kam Winter freudig entgegen, als dieser die Direktion der Kriminalpolizei Bremen betrat, und streckte ihm freundlich die Hand hin. Winter schüttelte sie.»Lange nicht mehr gesehen, Richard! Ich freue mich, dass du dir unser Angebot doch noch einmal überlegt hast.

Wie geht’s dir?«

»Willst du die ehrliche oder die angenehme Antwort?«

»Immer noch der alte Zyniker, was?« Heinrich grinste.

»Okay, du hast ja recht, das war eine blöde Frage. Bereit für eine neue Herausforderung?«

»Nein!«

Heinrich lachte laut auf.

»Richard, Richard, du gefällst mir. Ich sehe, du hast deinen trockenen Humor beibehalten – eine gute Sache, wirklich. Eine gute Sache!«

Winter hob die Augenbrauen und sah Heinrich nur schweigend an. Dessen Mundwinkel zuckten kurz – ein Zeichen von Unsicherheit, wie Winter wusste. Er hatte es schon oft bei ihm gesehen. Einen Moment lang wartete Heinrich noch auf eine Antwort. Als er merkte, dass keine mehr kommen würde, lächelte er verlegen und klopfte Winter auf die Schulter.

»Also, hat mich gefreut, dich wieder einmal zu sehen. Melde dich beim Empfang an, sie wissen Bescheid. Wo Sabines Büro ist, weißt du ja. Viel Erfolg und … komm doch bei Gelegenheit zu einem Kaffee bei mir vorbei, ja?«

»Kann es auch ein Whiskey sein?«

Einen Moment lang war Heinrich baff. Dann lachte er nochmals laut und klopfte Winter erneut auf die Schulter.

»Natürlich! Toller Humor, Richard! Also auf ein andermal!«

Er verabschiedete sich und Winter tat, wie ihm geheißen, und meldete sich beim Empfang. Die Sekretärin nickte, nahm den Telefonhörer in die Hand und meldete ihn wohl bei Sabine an, denn als sie den Hörer aufgelegt hatte, meinte sie: »Sie erwartet Sie. Soll ich Ihnen den Weg zeigen?«

Winter schüttelte nur stumm den Kopf und ging den langen Gang entlang.

›Dieselbe Wandfarbe, derselbe sterile Geruch von Reinigungsmitteln.‹

Der Kalender mit den angeblichen Naturweltwundern auf der linken Seite war neu, ansonsten erinnerte ihn alles an damals. Er wich der hässlichen, immergrünen Topfblume aus, die immer noch in der Mitte des geräumigen Ganges stand, klopfte zielgerichtet an die zweitletzte Türe auf der rechten Seite und öffnete sie, ohne eine entsprechende Einladung abzuwarten.

Bis auf zwei Dinge hatte sich das Büro überhaupt nicht verändert, seit er das letzte Mal hier gewesen war: Da war einmal das Namensschild: Statt Richard Winter / Kriminalkommissar stand nun Christian Brunner / Kriminalkommissar auf dem Tisch gegenüber des Arbeitsplatzes von Sabine Krüger. Außerdem hing ein neues Bild an der Wand. Wo früher ein Foto der Skyline von Los Angeles gehangen hatte, war nun ein gemaltes Bild von einem Segelboot, das bei Sonnenuntergang über einen großen See fuhr.

»Das sieht schrecklich aus«, sagte Winter. »Von wem stammt das?«

»Christian ist Hobbymaler«, antwortete Sabine und deutete mit dem Kopf auf Brunner, »er hat es selbst gemalt – und mir gefällt es.«

Brunner warf ihm einen bösen Blick zu und schlürfte beleidigt an seinem Kaffee. Winter hatte nicht gewusst, dass Brunner ein verkannter Maler war, doch selbst wenn er es gewusst hätte, hätte er die Bemerkung nicht zurückgehalten.

Es sah wirklich schrecklich aus.

»Ich bin froh, dass du dich dazu entschließen konntest, uns zu helfen«, sagte Sabine.

»Ich nicht«, antwortete Winter säuerlich, »aber ich brauche das Geld. Ich arbeite allerdings nur gegen Vorauszahlung.«

»Das geht in Ordnung, du kennst ja das Honorar für Externe.«

»Außerdem brauche ich Einsicht in alle Akten und eine Vollmacht, die mich ermächtigt, Zugang und Zugriff zu allen Orten, Personen und Daten zu haben, die für den Fall relevant sein könnten.«

Sie nickte.

»Und ich will meine Waffe wiederhaben.«

»Das wird leider nicht …«

»Denkst du, ich lege mich ohne Waffe mit einem Serienkiller an?«

»Du wirst dich nicht mit ihm anlegen. Du sollst dir die angeblichen Gespensterhäuser der Opfer ansehen. Abgesehen davon brauchen wir dich, um die von uns gefundenen Fakten zu deuten. Du wirst also – von den Besuchen in den Häusern der Opfer abgesehen – von deinem…«, sie stockte einen Moment lang, »… Büro aus für uns arbeiten.«

»Du weißt genau, dass das nicht geht. Wenn ich ermitteln soll, dann muss ich auch rausgehen. Und das tu ich nicht ohne Waffe.«

Sie seufzte. »Also gut, ich werde sehen, was ich tun kann.«

»Das reicht nicht. Ehe ich meine Waffe nicht habe, werde ich keinen Finger rühren.«

Sabine sah zu Brunner hinüber. Dieser nickte.

»In Ordnung, aber ich warne dich: Mach nicht, dass ich meine Entscheidung bereue!«

»Keine Angst! Du kennst mich doch, ich bin ein Profi.«

Sie schnaubte nur verächtlich, kramte aber einige Formulare aus einer Schublade ihres Schreibtischs hervor.

»Die hier musst du ausfüllen, unterschreiben und, bevor du gehst, beim Sekretariat abgeben. Ich nehme an, du hast die benötigte Haftpflichtversicherung noch?« Er nickte und sie fuhr fort: »Schick uns den Versicherungsnachweis und ich werde sehen, was ich tun kann. Aber das wird eine Weile dauern.«

Als Nächstes reichte sie ihm eine Aktenmappe. »Hier sind alle relevanten Daten zu den

Mordfällen zusammengetragen. Hast du die Zeitung heute Morgen schon gelesen?«

Winter schüttelte den Kopf.

»Es hat einen dritten Mord gegeben.« Sabine sah plötzlich betreten zu Boden.

»Und?«

»Das dritte Mordopfer ist keine Unbekannte. Es war Kathrin Bachmann. Du kannst dich sicher noch an sie erinnern. Trug immer hochtoupierte Haare wie aus den 50ern.Sie hat bis vor zwei Jahren hier gearbeitet, ehe sie in den Ruhestand ging.«

Winter schluckte. Er hatte Kathrin Bachmann zwar nur flüchtig gekannt, doch sie war als eine gute Frau und Polizistin anerkannt gewesen. Stets höflich und zuvorkommend, ja beinahe mütterlich.

»Irgendein erkennbares Muster?«

»Ja, alle drei Opfer sind jeweils am Freitagabend entführt und am frühen Sonntagmorgen aufgefunden worden. Alle drei waren … Nun, wie ich schon sagte, sie waren … irgendwie ausgetrocknet. Außerdem fand man bei allen Leichen eine Musikdose – so eine altmodische Spieluhr.«

»Was?«

Sabine deutete auf die Aktenmappe, die Winter in den Händen hielt.

»Steht alles da drin, aber ich wollte es noch erwähnt haben.«

»Das ist … seltsam«, murmelte Winter.

»Wieso?«, wollte Brunner wissen und stand auf.

»Weil es seltsam ist, Herrgott noch mal! Oder finden Sie es normal, dass ein Serienmörder nach jedem Mord eine Spieluhr bei der Leiche hinterlässt?«

»Nein, natürlich nicht«, grummelte Brunner und ließ sich wieder in seinen Bürostuhl sinken.

»Und die Hinterbliebenen des dritten Opfers haben auch Selbstmord begangen?« Winter wandte sich nun wieder Sabine zu.

»Bisher nicht«, sagte sie.

»Geister?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Polizeischutz?«

»Natürlich. Aber das hatten die anderen Familien auch.«

»Haben Sie denn schon eine Theorie?«, wollte Brunner wissen.

»Was hat Ihnen Sabine eigentlich über mich erzählt?«, blaffte Winter Brunner an. »Dass ich so eine Art Hyperintelligenz bin? Erwarten Sie von mir, dass ich den Fall löse, ohne die Akten auch nur eingesehen zu haben?«

Winter deutete auf das eben erst erhaltene Dossier. »Ich melde mich, sobald ich was weiß, in Ordnung?«

»Entschuldigen Sie, das war nicht …«

»… sehr intelligent von Ihnen, das stimmt. Warum halten Sie also nicht Ihren Mund und hören zu, wenn Erwachsene sich unterhalten?«

»Richard, bitte!« Sabine trat zwischen die beiden. Brunner erhob sich beleidigt. »Ich geh mal aufs Klo.«

»Gute Idee«, zischte Winter, »Gleich und Gleich gesellt sich gern.«

»Das reicht jetzt! Ich weiß, dass du sauer bist – wegen allem, was passiert ist, und ich kann mir auch gut vorstellen, dass du auf Christian wütend bist, weil er deinen Platz hier eingenommen hat. Doch weil du ja ein ach so guter Profi bist, solltest du deine Emotionen etwas besser unter Kontrolle haben!«

Brunner warf ihm noch einen bösen Blick zu und setzte dazu an, das Büro zu verlassen.

»Du hast recht«, sagte Winter, »es reicht. Ich habe genug gehört, nun will ich die Leichen sehen.«

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Copyright © 2016 by Thomas Vaucher, mit freundlicher Genehmigung des Riverfield Verlags

Die Akte Harlekin (Gebunden)
von Vaucher, Thomas

Verlag: Riverfield Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  351
Format:  Gebunden
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  September 2016
Maße:  216 x 139 mm
Gewicht:  531 g
ISBN-10:  3952464007
ISBN-13:  9783952464007

Die Akte Harlekin

Beschreibung
Ein Serienkiller, der seine Opfer sämtlicher Körperflüssigkeiten beraubt, versetzt die Bevölkerung in der Hansestadt Bremen in Angst und Schrecken. Die Angehörigen der Ermordeten begehen wenige Tage nach den Verbrechen Selbstmord, nachdem sie angegeben haben, ihnen seien die Getöteten als Geister erschienen. Die Polizei tappt im Dunkeln und engagiert den ehemaligen Kommissar und Experten für Okkultes, Richard Winter, als externen Ermittler für den Fall. Im Laufe seiner Nachforschungen macht Winter eine grauenvolle Entdeckung, die ihn jedoch bald selbst ins Visier des Killers geraten lässt …

Kommissar Winters erster Fall.

Autor
Thomas Vaucher (35) arbeitet als Autor und Lehrer. Er ist zudem als Schauspieler und Musiker tätig. Vaucher hat schon mehrere historische Romane geschrieben, die im renommierten Schweizer Stämpfli Verlag veröffentlicht wurden. »Die Akte Harlekin« ist sein erster Thriller und spielt, da dem Autor die schöne Hansestadt sehr am Herzen liegt, in Bremen. Vaucher ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Freiburg (CH).

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