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DER MANN IM SCHRANK – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Der Mann im Schrank

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Miguel Flores versuchte möglichst flach zu atmen und kein unnötiges Geräusch zu machen. Es wäre mehr als peinlich gewesen entdeckt zu werden. Immerhin war er für seine leise und verstohlene Art bekannt. In einigen Kreisen sogar verrufen. Wer etwas still und heimlich erledigt haben wollte, der holte sich Miguel ins Boot, den Meisterdieb.

Doch diesmal war etwas schief gegangen. Allen Vorarbeiten zum Trotz war der Herr des Hauses, nebst seinem Weib, doch daheim. Dabei hatte Miguel die Sache sauber eingefädelt und ein Preisausschreiben fingiert, bei dem Senor Esteban absichtlich zufällig gewann. Zwei Karten für die Oper waren der Hauptgewinn und wie erwartet hatten die Estebans ihren Besuch von „Aida“ telefonisch bestätigt.

Ein sauberer, ein guter Plan. War der Kater aus dem Haus, tanzte die Maus auf dem Tisch. Und in diesem Fall war Miguel die Maus. Verstohlen hatte er sich an der Alarmanlage vorbeigeknabbert, sich ein kleines Löchlein gesucht und war hineingehuscht.

Miguel arbeitete stets auf Rechnung anderer. Er war zuverlässig in seinem Job, hatte aber keine Nase für eine gute Gelegenheit und war zu ungeduldig, um selbst ein Ziel klar zu machen. Das überließ er anderen. Und die Aufträge waren in den letzten Jahren immer lukrativer geworden. Die Polizei vermutete zwar stets jemanden der hinter dem Diebstahl steckte, aber der Auftraggeber verschaffte sich ein Alibi und zu Miguel gab es keine offensichtliche Verbindungen. Und Miguel selbst fiel vollkommen aus jeglichem Raster der Fahndung. Ein lohnendes Geschäft für alle Beteiligten. Und schlussendlich kam doch sowieso die Versicherung für den Schaden auf, dachte sich Miguel.

Natürlich war er auch ein Ganove von Ehre. Und Stolz darauf. Er war ein Dieb, ein Einbrecher, aber kein Erpresser oder gar Mörder. Miguel stahl zwar mit Freude den Dali eines reichen Industriellen, aber niemals die schmale Börse der armen Rentnerin von Nebenan. Nein, das machte er nicht.

Und nun steckte er fest. Wortwörtlich. Wider allen Planungen und Annahmen waren die Estebans doch Zuhause. Miguel war bereits im Haus als er es gemerkt hatte. Schritte auf dem Flur, die sich dem Schlafzimmer näherten. Dort befand sich der Tresor der Familie, genau hinter dem Schminkspiegel. Miguel hatte es gerade noch geschafft in den Kleiderschrank zu springen und die Türe hinter sich zuzuziehen.

Zuerst war Señora Mercedes Esteban hereingekommen. Zwanzig Jahre jünger als ihr Mann. Heißblütig, feurig und eine atemberaubende Schönheit. Miguel riskierte einen flüchtigen Blick. Die Señora zog sich aus und wollte ins Badezimmer. Gut. Miguel hoffte dann aus dem Schrank schlüpfen und aus dem Zimmer huschen zu können. Nebenbei genoss er den Anblick von Mercedes Estebans nacktem Körper. Immerhin war er nicht nur ein Dieb, sondern auch ein Mann.

Doch die Señora machte keine Anstalten ins Badezimmer zu gehen, sondern den Kleiderschrank zu öffnen. Miguel drückte seinen kleinen und drahtigen Körper in die hinterste Ecke und schob eine große Hutschachtel vor sich. Er betete zur Madonna und schwor nie wieder in ein fremdes Haus einzubrechen, falls er heil aus der Sache herauskommen würde.

Die Señora nahm sich nur eine rote Seidenjacke und einen beinahe durchsichtigen Schal aus dem Schrank. Dann schloss sie die Türe wieder und ging zum Bett zurück. Miguel hörte das Knistern des Satins, als sich Mercedes Esteban auf die Laken legte. Da waren erneut Schritte zu hören. Schwere Schritte. Ein Mann. Fernando Esteban war ebenfalls Zuhause.

„Geht es deinem Köpfchen wieder besser? Oder macht dir die Migräne noch immer zu schaffen?“ fragte eine Männerstimme. Es war eindeutig die Stimme eines Estebans, aber die Stimme von Pedro Esteban, dem Sohn aus erster Ehe. Miguel hätte am liebsten laut geflucht. Die Frau des Hauses nutzt „Aida“ für ein Stelldichein mit ihrem Stiefsohn. „Was habe ich doch für eine schöne und hilfsbereite Stiefmutter.“ Pedro lachte und Miguel hörte wie Kleidung raschelte.

O Madonna, bitte steh mir bei und sorge dafür, dass es schnell vorbei ist, flehte Miguel. Ihm schien es als würde die Luft im Schrank immer stickiger. O Madonna, ich bitte dich, lass diesen Mann einen schlechten Liebhaber sein.

Entweder wurde Miguels Gebet erhört oder er hatte einfach nur Glück. Das Stöhnen und Seufzen dauerte nur wenige Minuten an, dann fielen die Körper der Estebans erschöpft auseinander.

„Mein Vater weiß gar nicht, was er alles verpasst. Er sollte auf den Rat seines Arztes hören und sich eine dieser kleinen blauen Wunderpillen besorgen.“ Pedro lachte bitter auf. „Wenigstens du hättest dann doppelten Spaß.“

Mercedes Antwort hatte einen schmollenden Unterton: „Warum? Ein Esteban alleine reicht mir vollkommen. Immerhin seid ihr euch im Bett ähnlicher als du glaubst. Ihr beiden scheint stets ein Wettrennen gewinnen zu wollen.“

„Vielleicht liegt es einfach nur an dieser umwerfenden Zielgeraden, meine Liebe. Aber keine Sorge, ich werde dich zukünftig nicht mehr brauchen, um eine Runde zu laufen.“

„Was?“ Mercedes Stimme klang verwirrt. „Wie meinst du das? Machst du mit mir Schluss?“ Ihre Stimme klang schrill und verletzt.

„Nicht direkt. Ich habe heute mit meinem Vater gesprochen und er hat mich darüber informiert, dass er dich als Haupterbin eingesetzt hat. Du hast ihm vollkommen den Verstand geraubt. Und mir auch.“

Miguel horchte auf. Das Stelldichein nahm eine ganz unerwartete Wendung. Wäre er auf Erpressung spezialisiert, würde er das Gespräch nun mit seinem Telefon aufnehmen. Doch seine Ganovenehre verbot ihm diesen Schritt. Aber lauschen, das konnte er.

„Dein Vater ist halt verliebt, Pedro. Finde dich damit ab.“

Ein lautes Klatschen war zu hören, gleichzeitig mit zwei Schreien. Der eine überrascht und voller Schmerzen, der andere wütend. Irgendetwas fiel zu Boden und zerbrach klirrend. Dann war Pedros keuchender Atem zu hören, dazu wilde Schläge auf Satinbettwäsche und ein krächzender, verzweifelter Laut.

Miguel dachte fiebrig darüber nach, was er machen sollte. Er schob vorsichtig seinen Kopf nach vorne und spähte durch die angelehnte Türe des Kleiderschranks erneut ins Schlafzimmer hinein. Er konnte einen Blick auf das Bett erhaschen.

Pedro hatte sich über Mercedes geworfen, seine Hände umspannten ihren Hals und er würgte ihr gerade den letzten Atem aus dem Leib. Miguel war kurz davor aus dem Schrank zu springen und der Frau beizustehen, aber gleichzeitig kam die Angst vor der Polizei in ihm hoch. Panik kam in Miguel auf und ihm wurde übel. Dann endlich hatte er einen Entschluss gefasst und wollte die Schranktüre aufstoßen. Aber ein Blick aufs Bett zeigte ihm, das er zu spät kommen würde. Die Beine von Mercedes Esteban zuckten ein letztes Mal schwach, dann lag sie leblos unter Pedro.

Der ließ angewidert den Hals seiner Stiefmutter los und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er sah sich suchend um, stand auf und kam auf den Schrank zu. Miguel war wie erstarrt. Als er endlich wieder klar denken konnte, war es zu spät. Pedro zog die Schranktüre auf und machte erschrocken einen Sprung nach hinten.

„Was?“ kam es Pedro über die Lippen und die Farbe wich aus seinem Gesicht. „Aber?“

Miguel lächelte und verließ den Kleiderschrank. Er hob beide Hände um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Sein Blick wanderte an Pedro hinab und blieb kurz unterhalb der Gürtellinie verharren. Was für ein großes Ding, dachte Miguel. Und er kann nicht damit umgehen. Dann wurde dem Gauner bewusst, was er gerade für einem abstrusen Gedanken folgte. Er sah zu Pedro wieder auf und zuckte verlegen mit den Schultern.

Pedro Esteban hatte sich wieder gefasst. Mit einem wütenden Schrei warf er sich nach vorne, ein junger und sportlicher Kerl. Seine Hände legten sich nun um Miguels Hals. Der versuchte den Angreifer abzuwehren. Doch Pedro war stärker und langsam ging auch dem Ganoven die Luft aus. Ebenso wie vor wenigen Augenblicken der schönen Mercedes Esteban, die nun regungslos auf dem Bett lag.

Miguel versuchte die Panik zu unterdrücken, die erneut seine Gedanken überflutete. Er musste rational an die Sache herangehen, nachdenken, eine Lösung finden. Doch die Panik war stärker. Mit letzter Kraft stemmte sich Miguel gegen Pedro und schob den jungen Mann vor sich her. Beide gewannen an Tempo, dann kam das Fenster, Glas, Scherben und der freie Fall. Der endete erst zwei Stockwerke tiefer auf dem Asphalt der Straße. Schreie wurden laut, jemand rief nach einem Arzt und irgendwann waren auch Sirenen zu hören.

Im Schlafzimmer der Estebans schlug vom Lärm geweckt Mercedes ihre Augen auf. Sie war zwar benommen, aber am Leben. Mercedes fragte sich, warum Pedro von ihr abgelassen hatte. Er hätte doch sicherlich irgendwann bemerken müssen, dass noch ein Funken Leben in ihr war.

Mercedes bekreuzigte sich und betete still: O Madonna, heilige Mutter Gottes, ich weiß nicht was geschehen ist und was du getan hast, aber ich danke dir von ganzem Herzen für meine Rettung.

ENDE

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz


Buchtipp:


Ernesto Mallo
Der Tote von der Plaza Once
Comisario Lascano ermittelt

Verlag: Aufbau TB
ISBN: 978-3-7466-2763-2
Einband: Paperback
Seiten/Umfang: 216 S. – 19,0 x 11,5 cm
Produktform: B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 16.11.2011
Gewicht: 233 g

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Mörderischer Tango

Buenos Aires zur Zeit der Militärdiktatur, Ende der 1970er Jahre. Comisario Lascano erhält einen Anruf, dass am Riachuelo zwei Leichen entdeckt wurden. Als er am Fundort eintrifft, findet er jedoch drei Tote vor: zwei, deren Gesichter durch mehrere Schüsse entstellt sind – die typische Handschrift des staatlichen Terrors -, und eine Leiche, die eine gewöhnliche Schusswunde aufweist. Schnell findet Lascano heraus, dass es sich bei dem dritten Opfer um Biterman, den gefürchteten Geldverleiher aus dem Once-Viertel handelt. Und bald ist der Comisario dem Mörder dicht auf den Fersen. Doch reichen dessen Beziehungen bis in die höchsten Kreise des Regimes, und Lascano hat viel zu verlieren: Er hat sich in die Widerstandskämpferin Eva verliebt und hält sie bei sich versteckt. Trotzdem entschließt er sich, den Fall aufzuklären – mit allen Konsequenzen.

Der Tote von der Plaza Once bildet den Auftakt zu einer mehrbändigen Buenos-Aires-Krimiserie mit Comisario Lascano, in der sich unterschiedliche Epochen der argentinischen Geschichte spiegeln und die einen tiefen Einblick in die politischen Realitäten des Landes gewährt.

Ausgezeichnet als bester internationaler Kriminalroman bei der Semana Negra.

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3 Comments

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  1. Aber die Geschichte kann doch so noch nicht zu ende sein, oder wie? 🙁

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