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DER KLEINE TANNENBAUM – Eine Kurzgeschichte von Günther K. Lietz

Der kleine Tannenbaum

Kurzgeschichte

von

Günther K. Lietz

Der kleine Tannenbaum steht neben den Eltern, den Geschwistern, den Tanten, den Onkeln, den Freunden und Bekannten. Es ist seine Familie, die ihn umgibt. Sie alle stehen beisammen, wiegen sich des Sommers im Wind und ächzen im Winter gemeinsam unter des Last des Schnees. Der Tannenbaum ist klein. Er hat Spaß am Spiel des Rotwilds, beobachtet die Vögel am Himmel. Er sieht die Wolken von dannen ziehen und spürt den Regen auf seinen Nadeln. Der kleine Tannenbaum lebt und er genießt es.

Dann wird es kalt, die Familie tuschelt hinter den Ästen. Er ist groß genug, flüstert der Onkel. Er ist zu stolz, erklärt die Tante. Der kleine Tannenbaum weiß nicht was es bedeutet. Es fällt der erste Schnee und die Familie schwankt besorgt im ersten eisigen Wind. Die Eltern wirken düster.

Ein Mensch kommt in den Wald. Es ist ein Mann mit Werkzeug. Er sieht sich jeden Baum lange und genau an. Sein Blick ruht schlussendlich auf dem kleinen Tannenbaum. Lächelnd nimmt er Maß, beginnt mit seiner Arbeit.

„Es tut weh!“ ruft der kleine Tannenbaum und blickt zur Mutter. Sie sieht krank aus, der Vater auch. „Helft mir doch! So helft mir doch endlich!“ Doch seine stummen Schreie bleiben hilflos ungehört. Und dann umhüllt ihn Dunkelheit.

Der kleine Tannenbaum ist einsam. Er steht in einem hellen Zimmer. Menschen tänzeln geschwind um ihn herum. Sie schmücken ihn mit silbernen Fäden, hängen glitzernde Kugeln aus Glas an seine Äste und tropfende Kerzen erhitzen schon bald seine Nadeln. Der kleine Tannenbaum leidet. Er sieht sich um. Doch Niemand hier kommt aus dem Wald. Er ist der einzige Baum.

Die Zeit vergeht. Der kleine Tannenbaum hört wie die Menschen ihm unbekannte Lieder vortragen, sieht wie sie bunte Pakete auspacken. Sie nehmen ihn bei sich auf, tanzen um ihn herum und schmücken ihn mit einem Stern. Der kleine Tannenbaum ist im Mittelpunkt, hat wieder eine Familie. Er denkt nur wenig an den Wald, verdrängt die Erinnerung an seine Eltern. Harztropfen kullern an seinem Stamm herab. Doch er bleibt stark, wie es sein Vater ihn lehrte.

Der Tannenbaum gewöhnt sich an die Menschen, will ihnen sein Herz öffnen. Aber dann ist es vorbei. Es dauert nur ein Augenzwinkern, ein Astknicken lang.

Nun liegt er im Schnee, alleine und verlassen. Seine Schreie verhallen ungehört. Er wartet auf den Tod, erinnert sich an die Eltern, die Geschwister, die Tanten und die Onkel. Er sieht die Freunde und Bekannte vor sich. Er will nach Hause. Und sei es nur für einen letzten Augenblick.

Ein Mensch erscheint. Ein Mann. Er sieht sich den kleinen Tannenbaum an, richtet ihn auf. „Warst mal ein stolzer Bursche, was? Und nun? Alles vorbei, für ein paar Tage des Ruhms.“

Der Mann nimmt ihn mit, schlägt ihn entzwei. Schmerzen durchtosen den kleinen Tannenbaum, dann brennt Feuer ihm das Leben heraus. Doch mit dem herbeieilenden Nichts kommt die Linderung, das Erwachen aus dem Albtraum. Er gleitet dahin, kaum mehr als Rauch im Wind. Ein letzter Blick auf den Wald hinab. Eine letzte, flüchtige Berührung der Kronen von Vater und Mutter. Sie erkennen ihn, wünschen ihm Glück auf seinem Weg.

Tod, Erlösung, Abschied…!

Ende

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Buchtipp der Redaktion:

Kerzenlicht und Tannenbaum
Die schönsten Weihnachtsgeschichten

Illustriert von Katharina Grossmann-Hensel
Herausgegeben von Beate Riess
Verlag: Ravensburger Buchverlag
ISBN: 978-3-473-36862-4
Einband: gebunden
Seiten/Umfang: 160 S., farb. Ill. – 26,0 x 19,0 cm
Produktform: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum: 1. Aufl. 01.07.2013

Was gibt es Schöneres, als in der kalten Zeit des Jahres mit der Familie zusammen zu sein und einander vorzulesen? In diesem Buch sind neue und bekannte Geschichten und Gedichte beliebter Autorinnen und Autoren versammelt: Max Bolliger, Agatha Christie, Heinz Ehrhardt, Erwin Grosche, Janosch, Mascha Kaléko, James Krüss, Paul Maar, Antonia Michaelis, Christian Morgenstern, Theodor Storm und viele mehr.

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2 Comments

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  1. Macht Tannnennadeln rauchen eigentlich high? 😉

  2. Keine Ahnung, ich rauche und trinke ja nicht. Mich berauscht nur die Idee einer Geschichte. Ich hoffe, die Story ist nicht zu kritisch und traurig, zumal ich die ja auch für den Wettbewerb nominiert habe. Draußen ist es die meiste Zeit ja nur düster und nass, da mag die Schwermütigkeit mit mir durchgegangen sein. 🙂

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