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DER KATZENGENERAL (III) – Fortsetzungsstory in sechs Teilen von Torsten Weigand

DER KATZENGENERAL (III)

Fortsetzungsstory in sechs Teilen

von

Torsten Weigand

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(Zurück zu Teil II)

Sie hatte es kaum erwarten können, aus dem Haus zu kommen, denn zu viel Unruhe hatte hier in den vergangenen Tagen und Wochen geherrscht. Fremde Menschen kamen, trampelten durch das ganze Haus vom Keller bis zum Dachgeschoss und gingen wieder. Tabbi hatte sich dann stets unter das Sofa im Wohnzimmer oder unter das Bett des Jungen verkrochen. Nur einmal hatte es jemand geschafft, sie aus ihrem Versteck zu locken: Eine Familie mit zwei Mädchen. Während die Erwachsenen wie alle anderen ungebetenen Besucher durch das Haus trampelten, spielten die Mädchen mit Tabbi zunächst Verstecken und dann „Bierdeckel-Fangen“. Ein tolles Spiel, das Tabbi vorher gar nicht gekannt hatte: Sie sprang hoch und fing die kleinen runden Filzdinger, die die Mädchen durch das Zimmer warfen, mit den Vorderpfoten im Flug auf. Tabbi hatte später versucht, das Spiel dem Jungen beizubringen, aber leider hatte er sie nicht verstanden.

Ja, die Mädchen waren in Ordnung gewesen, aber die anderen Leute, die kamen und gingen … Einmal hatte sogar jemand einen Hund mitgebracht, einen großen schwarzen, mit langen Haaren und Riesenpfoten. Er hatte Tabbi auf den höchsten Baum des Gartens gejagt und sie hatte sich bis zum Einbruch der Nacht nicht mehr hinunter gewagt. Erst dem Jungen war es nach langem Zureden gelungen, sie wieder hinunter zu locken. Und auch damals, erinnerte sie sich, als er sie in seine Arme schloss und ihr heisere Worte zuflüsterte, hatte sie die salzigen Tropfen in ihrem Fell gespürt.

Mit einem tiefen Seufzer erhob sie sich. Ohne ihr Körbchen eines weiteren Blickes zu würdigen, trottete sie hinaus in den Flur und zwei Treppen hinab. Durch die Katzenklappe verließ sie das verödete Haus. Oben, auf dem Absatz der äußeren Kellertreppe, setzte sie sich und leckte sich unschlüssig die Pfoten. Nur langsam sickerte die schreckliche Erkenntnis in ihr Bewusstsein:

Ich habe kein Zuhause mehr!

Wohin sollte sie jetzt gehen? Was sollte sie tun?

Sie schlug nach einer vorwitzigen Libelle.

Micki …

Micki wusste vielleicht Rat. Micki wusste immer Rat, wenn sie irgendein Problem hatte, obwohl er kaum älter war als sie selbst. Aber er war ein Kater, etwas größer als Tabbi und nach dem Jungen ihr liebster Spielgefährte.

Micki.

Sie raffte sich auf, lief über die Terrasse und setzte über die Hecke. Micki wohnte in einem Weiler, nicht weit entfernt. Tabbi musste nur das kleine Wäldchen durchqueren.

Der Wald kam ihr düsterer vor als gewohnt, die Äste hingen traurig herunter und die Lieder der Vögel klangen schwermütig. Das ist Tabbi, schienen sie zu singen, die arme Tabbi, die kein Zuhause mehr hat!

Sie verließ den Wald wieder und ging an den Rückseiten einiger Häuser entlang, bis sie an eine kleine Holzhütte kam, die verwaist war, seit ihr Bewohner vor einigen Monden in den Hundehimmel aufgefahren war. Und hier, an der Unterkante dieser Hütte, ragte ein zuckender schwarzer Schwanz heraus, ein ebenso schwarzer Katzenpopo sowie zwei schwarze Hinterbeine, die in schneeweißen Pfoten endeten.

„Micki!“

Ein dumpfer Laut ertönte, als ob ein Katzenkopf soeben unangenehme Bekanntschaft mit einer Bohle gemacht hätte, dann zuckten außer dem Schwanz auch der Popo und die Hinterbeine, und Micki robbte rückwärts unter der Hütte hervor. Er drehte sich umständlich um, setzte sich und maß Tabbi mit seinem vorwurfsvollsten Blick.

„Beinahe hätte ich die Maus gehabt!“

„Gib nicht so an.“

Micki war pechschwarz, sogar seine Nase. Außer den Pfoten waren die einzigen weißen Stellen an seinem Körper ein großer ovaler Fleck auf dem Bauch sowie ein kleinerer Fleck auf der Brust. Beide waren im Moment jedoch mit feuchter Erde und Laubresten verklebt.

Er starrte Tabbi an. „Du siehst aus, als wärst du der Riesenratte mit den spitzen Zähnen begegnet, von der Oma so gern erzählt.“

Tabbi ließ sich fallen und legte sich der Länge nach und mit nach innen geknickten Vorderpfoten auf die Erde.

„Ach, ich wollte, ich wäre ihr wirklich begegnet und sie hätte mich gefressen.“

„Was ist passiert?“

In kurzen, abgehackten Sätzen klagte Tabbi ihr Leid.

„Wirklich weg?“, fragte er dann. „Und das ganze Haus leer?“

Anstelle einer Antwort ließ Tabbi den Kopf hängen. Micki legte sich neben sie und leckte ihr tröstend das Nackenfell, bis sie leise zu schnurren begann. Plötzlich hielt er inne.

„Wenn es überhaupt jemanden gibt, der dir weiterhelfen kann, dann ist es der General.“

Tabbi hörte auf zu schnurren. „Der General? Wer ist das?“

„Was denn, du kennst den General nicht? Ein uralter weißer Kater mit einem schwarzen Kopf. Oma sagte mal, er war schon uralt, als sie noch ein kleines Mädchen war, aber das glaube ich nicht. Niemand kann so alt sein!“ Micki legte sich auf den Rücken und begann, sein Bauchfell zu putzen. „Aber er ist auf jeden Fall sehr alt“, sagte er zwischen zwei langen Zungenstrichen, „und deshalb weiß er stets Rat. Sagt man jedenfalls. Ich bin ihm noch nie begegnet.“

„Und warum heißt er ‚General‘? So einen Namen habe ich noch nie gehört!“

„Ein Mensch hat ihn vor Ewigkeiten ‚General Schwarzkopf‘ getauft, aber dieser Name ist natürlich zu lang, und so nennt man ihn seither nur den General.“ Micki blinzelte in die Sonne. „Er lebt gar nicht weit von hier, wir könnten ihn noch im Lauf des Nachmittags erreichen. Ich war schon mal da, aber das war morgens, deshalb bin ich ihm nicht begegnet. Er kommt stets erst gegen Mittag.“

Tabbi sprang auf die Füße. Hoffnung funkelte in ihren grünen Augen.

„Worauf warten wir noch?“

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Micki behielt recht: Die Sonne hatte nicht einmal die Hälfte des Weges zum Horizont zurückgelegt, als sich das kleine Tal, durch das sie marschierten, zu einem Halbrund öffnete, das ein großes hölzernes Gebäude beherrschte – größer noch als das Haus von Tabbis Menschen. Eine Anzahl langer Tische und Bänke stand davor, die vom gestrigen Regen glänzten. Micki erklärte Tabbi, bei gutem Wetter würden hier viele Menschen sitzen und essen und trinken. Und er deutete mit dem Kopf auf einen mit Büschen und Bäumen bestandenen Hügel, der sich hinter dem Haus erhob.

„Wahrscheinlich finden wir den General da oben. Aber zuerst …“ Er begann, suchend zwischen den Tischen herumzulaufen. „Jeder, der Rat beim General sucht, muss ihm eines von diesen runden, blinkenden Metalldingern mitbringen, mit denen die braunen Flaschen verschlossen sind … Ah, hier ist ja schon eines!“

Mit der Pfote lüpfte er einen Kronkorken aus der durchweichten Erde und musterte ihn. „Ja, das passt!“

„Ich habe auch eines gefunden!“, rief Tabbi. „Vielleicht bekommen wir für zwei einen besseren Rat?“

„Lass nur, eines genügt. Die alten Knacker nehmen sich sowieso viel zu wichtig.“

Doch Tabbi fand es schade, das in der Sonne golden glitzernde Spielzeug wieder wegzuwerfen, das in ihren Augen viel schöner war als das von Micki. Während dieser seinen Fund mit dem Maul aufnahm und in Richtung des Hügels davontrabte, versetzte Tabbi ihrem Korken einen Hieb mit der Pfote, der ihn ein Stück weit hinter dem schwarzen Kater hertrieb. Sie hechtete ihm nach, schlug mit der anderen Vorderpfote zu und begann so das Spiel von Neuem. Für kurze Zeit vergaß sie ihre Sorgen.

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(Fortsetzung Teil IV)

Copyright © 2016 by Torsten Weigand

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen”  (20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

KATZENWESEN (Roman) (Kartoniert)
Roman
von Weigand, Torsten

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Verlag:  MariPosa Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  179
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  221 x 146 mm
Gewicht:  285 g
ISBN-10:  3927708836
ISBN-13:  9783927708839

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Katzenwesen neues Cover

Beschreibung
Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.

Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, bei dem sie einst so glücklich war. Auf ihrem Weg durch die große Welt muss sie sich vielen Gefahren stellen und schließlich über sich selbst hinauswachsen, um ihr Ziel zu erreichen.

Parallel zur Haupthandlung lernt der Leser Martin Haller kennen, dem Mausis Suche gilt und der sich auch so sehr nach ihr sehnt. Im Dialog mit seiner Nichte kommt er zu ganz neuen Erkenntnissen, sowohl über Katzen als auch über sich selbst.

In diesem Roman dreht sich natürlich alles um Katzen und Menschen, aber es geht auch um Liebe, die stärker ist als der Tod, um Schuld und Sühne und Vergebung und nicht zuletzt um die Seele der Tiere.

Ein ganz besonderes Lesevergnügen, nicht nur für Katzenfans.

Autor
Torsten Weigand, geboren 1958 in Bayern, war mehr als zwanzig Jahre lang als freiberuflicher EDV-Berater tätig, bevor er 2003 mit dem Schreiben begann. In elf Jahren entstanden etwa vierzig Romane sowie ein Dutzend Kurzgeschichten, die er unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte.

Pressetext
„Glaubst Du, dass Katzen eine Seele haben?“, fragte der alte Mann seine Nichte.
„Ja“, sagte sie mit fester Stimme. „Ja, das glaube ich.“

Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.
Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, von dem sie so oft geträumt hat und bei dem sie einst so glücklich war.
Auf ihrem Weg muss sie sich vielen Gefahren stellen, aber sie findet auch immer wieder Helfer, sowohl Menschen als auch Katzen. Sie begegnet Timber, dem schwarzen Kater, der Vater und Lehrmeister für sie wird. Dem verwahrlosten Kater Oje erfüllt sie seinen größten Wunsch: Er kann bei einer Menschenfamilie einziehen. Erst später wird klar, dass sie ihm in ihrem vorherigen Leben übel mitgespielt hat und somit ein altes Unrecht wieder gutmacht.
Als Mausi im Spätherbst einige vergiftete Mäuse frisst und beinahe stirbt, rettet sie Oliver, ein zehnjähriger Junge. Sie verbringt den Winter bei Oliver und seiner Familie und vergisst über dem sorgenfreien Leben beinahe ihre Suche. Erst im Frühjahr, als „ihr“ Mensch in Lebensgefahr gerät und die beiden sich im Traum treffen, nimmt sie ihre Wanderung wieder auf, nun entschlossen, sich nicht mehr von ihrem Ziel ablenken zu lassen.
Am Schluss kommt die schwerste Prüfung ihres Lebens. Um sie zu bestehen, muss Mausi eine tief verwurzelte Angst besiegen und über sich selbst hinauswachsen.

Über das Buch:
Es gibt Bücher, die geschrieben werden müssen, weil im Herzen ihres Autors eine Geschichte nistet, die unbedingt erzählt werden will. Dies ist so ein Buch. Denn Mausi, seine kleine Heldin, hat tatsächlich gelebt, wenn ihr Leben in Wirklichkeit auch nicht ganz so aufregend verlaufen ist. Der Autor hat mehr als zehn unvergessliche Jahre mit ihr verbracht. Auch die meisten anderen tierischen Hauptfiguren des Romans haben Vorbilder im wirklichen Leben, allen voran Lucy und Sonny, Mausis Geschwister. Und nicht zu vergessen: Kaspar Hauser, alias Oje, und Timber, der wunderschöne schwarze Kater mit den weißen Pfoten und der Blesse. Wie so oft bildet dieser Roman eine Verschmelzung von Dichtung und Wahrheit zu einem größeren Ganzen.

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