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DER KATZENGENERAL (II) – Fortsetzungsstory in sechs Teilen von Torsten Weigand

DER KATZENGENERAL (II)

Fortsetzungsstory in sechs Teilen

von

Torsten Weigand

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(Zurück zu Teil I)

Was mochte flussabwärts liegen? Noch niemals war der General in diese Richtung gegangen. Wie mochte das Leben am Ende des Flusses sein – wenn es überhaupt ein Ende des Flusses gab?

Doch nicht weit entfernt, am Rand der Kiesbank, blieb das Holz an einem Grasbüschel hängen. Es schaukelte auf den Wellen, deren Spitzen in der Sonne funkelten und blitzten.

Mit einem tiefen Atemzug, der einem Seufzer sehr nahe kam, wandte sich der General ab und schlich die Böschung hinauf. Der Wind blies ihm ins Gesicht, als er seinen Weg fortsetzte. Er lief jetzt querfeldein.

Die Jungs warteten auf ihn.

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Das Auto, das Tabbi an diesem Mittag auf dem Nachhauseweg entgegenkam, war das größte, das sie je gesehen hatte. Es war so breit, dass seine runden schwarzen Füße das Gras an beiden Straßenrändern niederwalzten, und so hoch, dass es die Äste der Buchen streifte, die die Straße säumten.

Für die Dauer von zwei hämmernden Herzschlägen verharrte Tabbi in der Mitte der Straße und blickte dem kastenförmigen Fahrzeug entgegen. Dann spannte sie ihre Muskeln und katapultierte sich ins Gebüsch. Der Boden unter ihren Pfoten zitterte, als das Auto nur eine Katzenlänge vor ihren schreckensgeweiteten Augen vorbeidonnerte. Es knackte hoch über ihr, dann prasselte etwas durch den Busch und Tabbi presste sich instinktiv auf die feuchte Erde. Als sie ihre Augen wieder öffnete, ragte das saftige Ende eines abgebrochenen Asts in ihr Blickfeld.

Das Auto verschwand in der Ferne.

Tabbi wartete, bis ihr Atem und ihr Herzschlag sich beruhigt hatten, und kroch dann aus dem Gebüsch hervor. Sie nahm sich nicht die Zeit, ihr rot getigertes Bauchfell von Erdresten zu säubern, sondern rannte zu dem einsamen Haus am Waldrand, in dem sie seit ihren Kindertagen wohnte. Sie sprang über die niedrige Hecke, die das Grundstück begrenzte, hetzte um den halb zugewachsenen Teich herum, dessen flinke, rot-goldene Bewohner sie sonst stundenlang faszinierten, und schlitterte über die Terrasse. An der Tür richtete sie sich auf und trommelte mit den Vorderpfoten gegen das Glas. Sie spähte hinein, doch die Sonne spiegelte sich darin, so dass sie nicht erkennen konnte, ob sich jemand im Wohnzimmer befand.

Wahrscheinlich war wieder mal niemand zu Hause. Obwohl, um diese Zeit …

Sie ließ sich zurück auf alle viere fallen und lief um die Ecke herum. Hier, auf der Rückseite des Hauses, führte eine Treppe hinunter ins Kellergeschoss. Mit drei weiten Sätzen war Tabbi unten. Ein weiterer, kleinerer Sprung brachte sie durch die Katzenklappe in den Vorraum des Heizungskellers. Sie lief durch die offene Tür in den Flur und eine andere Treppe hinauf, dann in das Wohnzimmer.

Sie hielt so abrupt an, dass ihre Hinterbeine die vorderen zu überholen drohten und Tabbi um Haaresbreite auf dem Bauch gelandet wäre.

Das Wohnzimmer war leer.

Die Schränke waren weg, die Anrichte, der runde Tisch – sogar das grüne Sofa, auf dem sie so oft im Schoß des kleinen Jungen gelegen und mit ihm in den großen Kasten gestarrt hatte, in dem sich bunte Bilder bewegten und aus dem manchmal schmerzhaft laute Geräusche drangen.

Der Kasten war natürlich auch weg.

Der einzige verbliebene Einrichtungsgegenstand war Tabbis Kratzbaum mit der Höhle und der hohen Plattform, von der ein Ball herabhing. Und ihre Futter- und Wassernäpfe neben der Terrassentür, beide bis zum Rand gefüllt.

Aber sie spürte weder Hunger noch Durst.

Sie stelzte durch das Wohnzimmer in Richtung der anderen Tür, die ins Esszimmer führte.

Das Esszimmer war auch leer.

Weiter in die Küche: Deren Einrichtung war immerhin noch vorhanden, bis auf den Kühlschrank.

Ausgerechnet der Kühlschrank, in dem all die leckeren Dinge aufbewahrt wurden!

Der Schreck war zu groß: Ihre zitternden Beine trugen sie nicht mehr, und sie musste sich hinsetzen. Sie leckte zwei-, dreimal über ihr Brustfell, um die Spannung abzubauen, die sie zu zerreißen drohte, doch dann sprang sie wieder auf. Ein schrecklicher Gedanke hatte sie gepackt.

Sie lief aus der Küche zurück in den Flur und über die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Das herrlich bequeme Kissen am Fenster des Treppenabsatzes war noch da, aber ob …

Auch im oberen Flur standen alle Türen offen. Während sie, benommen von Furcht, bis zum hinteren Ende stakste, wandte sie den Blick abwechselnd nach links und nach rechts.

Alle Zimmer waren leer: Das große Schlafzimmer der Eltern des Jungen, das Gästezimmer, das Bad …

… und das Kinderzimmer!

Vorsichtig trat sie ein. Der Schreibtisch war weg, auf dem Tabbi so oft gesessen und dem Jungen bei den Schularbeiten zugesehen hatte; die Schränke, in denen man sich so herrlich verstecken konnte; sogar das Bett, in dem sie sich während der Nächte an ihn gekuschelt hatte. Nur ihr mit einer molligen Decke ausgeschlagenes Körbchen stand einsam in einer Ecke. Das kleine Schränkchen, auf dem es bis zu diesem Morgen geruht hatte, war auch weg.

Abermals musste sie sich setzen. Sie spürte jeden einzelnen Herzschlag, und bunte Ringe kreisten vor ihren Augen.

Was ist passiert?, dachte sie verzweifelt. Was ist hier bloß passiert?

Sie atmete tief ein und wieder aus, zweimal, dreimal, und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Etwas Vergleichbares hatte sich in ihrem ganzen Katzenleben, das immerhin schon einen Winter und einen Sommer umfasste, noch niemals ereignet, und sie hatte keine Ahnung, was sie nun machen sollte.

Allein hierbleiben? In einem leeren Haus? Ohne den Jungen?

Denn ihr Gefühl – oder ihr Instinkt – sagte ihr, dass sie den Jungen und seine Eltern nie wiedersehen werde.

Ein langgezogener, klagender Laut kam aus ihrem geöffneten Mund, und wenn Katzen weinen könnten, wäre sie jetzt in Tränen ausgebrochen, zum ersten Mal in ihrem behüteten Leben. Sie hätte sich vielleicht zusammengerollt, die Ärmchen über den Kopf geschlagen und lauthals vor sich hingeschluchzt, bis ihr die Tränen ausgegangen wären.

So jedoch konnte sie nur auf dem rauen Teppich des Kinderzimmers liegen und mit pochendem Herzen und trockener Kehle auf jene nun kahle Stelle vor dem Fenster starren, wo nach der Ordnung der Welt und des Universums der Schreibtisch des Jungen stehen müsste und wo dieser jetzt sitzen und ihr entgegenlachen sollte.

Und mit einem Mal erinnerte sie sich an diesen Morgen: An die zitternde Stimme des Jungen und an die Tropfen salziger Flüssigkeit, die aus seinen Augen auf ihr Fell geronnen waren. Tabbi hatte sie mit der Zunge über ihren Körper verteilt, um seinen Geruch aufzunehmen – jenen Geruch, dessen kostbare Spuren ihr immer noch anhafteten. Sie hatte dem keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, doch nun ahnte sie, dass es eine Art von Abschied gewesen war.
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(Fortsetzung Teil III)

Copyright © 2016 by Torsten Weigand

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen”  (20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

KATZENWESEN (Roman) (Kartoniert)
Roman
von Weigand, Torsten

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Verlag:  MariPosa Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  179
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  221 x 146 mm
Gewicht:  285 g
ISBN-10:  3927708836
ISBN-13:  9783927708839

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Katzenwesen neues Cover

Beschreibung
Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.

Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, bei dem sie einst so glücklich war. Auf ihrem Weg durch die große Welt muss sie sich vielen Gefahren stellen und schließlich über sich selbst hinauswachsen, um ihr Ziel zu erreichen.

Parallel zur Haupthandlung lernt der Leser Martin Haller kennen, dem Mausis Suche gilt und der sich auch so sehr nach ihr sehnt. Im Dialog mit seiner Nichte kommt er zu ganz neuen Erkenntnissen, sowohl über Katzen als auch über sich selbst.

In diesem Roman dreht sich natürlich alles um Katzen und Menschen, aber es geht auch um Liebe, die stärker ist als der Tod, um Schuld und Sühne und Vergebung und nicht zuletzt um die Seele der Tiere.

Ein ganz besonderes Lesevergnügen, nicht nur für Katzenfans.

Autor
Torsten Weigand, geboren 1958 in Bayern, war mehr als zwanzig Jahre lang als freiberuflicher EDV-Berater tätig, bevor er 2003 mit dem Schreiben begann. In elf Jahren entstanden etwa vierzig Romane sowie ein Dutzend Kurzgeschichten, die er unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte.

Pressetext
„Glaubst Du, dass Katzen eine Seele haben?“, fragte der alte Mann seine Nichte.
„Ja“, sagte sie mit fester Stimme. „Ja, das glaube ich.“

Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.
Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, von dem sie so oft geträumt hat und bei dem sie einst so glücklich war.
Auf ihrem Weg muss sie sich vielen Gefahren stellen, aber sie findet auch immer wieder Helfer, sowohl Menschen als auch Katzen. Sie begegnet Timber, dem schwarzen Kater, der Vater und Lehrmeister für sie wird. Dem verwahrlosten Kater Oje erfüllt sie seinen größten Wunsch: Er kann bei einer Menschenfamilie einziehen. Erst später wird klar, dass sie ihm in ihrem vorherigen Leben übel mitgespielt hat und somit ein altes Unrecht wieder gutmacht.
Als Mausi im Spätherbst einige vergiftete Mäuse frisst und beinahe stirbt, rettet sie Oliver, ein zehnjähriger Junge. Sie verbringt den Winter bei Oliver und seiner Familie und vergisst über dem sorgenfreien Leben beinahe ihre Suche. Erst im Frühjahr, als „ihr“ Mensch in Lebensgefahr gerät und die beiden sich im Traum treffen, nimmt sie ihre Wanderung wieder auf, nun entschlossen, sich nicht mehr von ihrem Ziel ablenken zu lassen.
Am Schluss kommt die schwerste Prüfung ihres Lebens. Um sie zu bestehen, muss Mausi eine tief verwurzelte Angst besiegen und über sich selbst hinauswachsen.

Über das Buch:
Es gibt Bücher, die geschrieben werden müssen, weil im Herzen ihres Autors eine Geschichte nistet, die unbedingt erzählt werden will. Dies ist so ein Buch. Denn Mausi, seine kleine Heldin, hat tatsächlich gelebt, wenn ihr Leben in Wirklichkeit auch nicht ganz so aufregend verlaufen ist. Der Autor hat mehr als zehn unvergessliche Jahre mit ihr verbracht. Auch die meisten anderen tierischen Hauptfiguren des Romans haben Vorbilder im wirklichen Leben, allen voran Lucy und Sonny, Mausis Geschwister. Und nicht zu vergessen: Kaspar Hauser, alias Oje, und Timber, der wunderschöne schwarze Kater mit den weißen Pfoten und der Blesse. Wie so oft bildet dieser Roman eine Verschmelzung von Dichtung und Wahrheit zu einem größeren Ganzen.

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