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DER KATZENGENERAL (I) – Fortsetzungsstory in sechs Teilen von Torsten Weigand

DER KATZENGENERAL (I)

Fortsetzungsstory in sechs Teilen

von

Torsten Weigand

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Erst als die Sonne beinahe den Höchststand erreicht hatte, trafen ihre Strahlen den General in seinem Versteck zwischen der Rückwand des alten Bauernhauses und dem aufgeschichteten Brennholz. Die Wärme kroch in seine Glieder und Muskeln und weckte sie aus ihrer Starre. Die Nächte waren bereits frostig; bald würde er sich einen anderen Schlafplatz suchen müssen.

Er gähnte, reckte sich und fuhr die Krallen an den Vorderpfoten aus und wieder ein. In letzter Zeit schlief er meist lange, obwohl Dauer und Umfang seiner nächtlichen Streifzüge abnahmen. Es war, als ob sich sein Körper auf den kommenden Winter vorbereitete, der durchaus sein letzter werden konnte.

Noch etwas benommen kroch er aus seinem Unterschlupf und setzte sich ins taufeuchte Gras. Er leckte sich über die Lippen, schleckte seine linke Pfote ab und säuberte damit eine Hälfte seines schwarzen Kopfes, dann kamen die andere Pfote und die andere Kopfseite an die Reihe. Er leckte Erde, Laubreste und Holzstückchen aus dem weißen Fell seines langgestreckten Körpers und hielt erst inne, als auch die Spitze seines Schwanzes makellos sauber war. Er mochte alt sein – uralt für eine Katze, die ein einigermaßen unabhängiges Leben führte –, aber er hatte niemals vergessen, wie wichtig ein gepflegtes Fell war.

Ein Schatten flog über ihn hinweg und der General blinzelte in die Sonne. Es war ein wolkenloser Tag; der Föhnwind ließ die gezackten Rippen der Berge blau und nahe erscheinen. Viel näher, als sie in Wirklichkeit waren, wie der General wusste, denn vor so vielen Sommern, dass er sie nicht mehr zählen konnte, war er dem Ruf gefolgt, den sie in mondhellen Nächten aussandten. Das war im gleichen Jahr gewesen, als er den Fluss –

Abermals der Schatten, diesmal größer, tiefer: Ein Bussard oder Habicht auf der Suche nach Beute hatte ihn erspäht. Als er erkannte, womit er es zu tun hatte, gewann er wieder an Höhe und flog in Richtung Süden davon, auf das Moor und die Berge zu. Mäuse waren eine passendere Beute.

Mäuse …

Der General überlegte, ob er auf eine Frühstücksmaus gehen sollte, aber eigentlich fühlte er sich zu müde dafür. Überdies: Alte Leute brauchen weniger zu essen. Aber er war nicht zu müde, um das Haus herumzutrotten und nachzusehen, ob in dem Fressnapf neben dem Eingang noch etwas Trockenfutter verblieben war.

Tatsächlich war noch etwas übrig; genug, um den Hunger bis zum Nachmittag fernzuhalten. Der General schnupperte daran, dann rümpfte er die schwarze Nase und ließ ein leises Fauchen hören. Gorgo, der große Graue, war ihm wieder einmal zuvorgekommen und hatte gewohnt protzig seine Geruchsspuren überall hinterlassen. Wenigstens war er schon eine Weile weg; eine Begegnung zwischen den beiden ging selten ohne gezielte Pfotenhiebe ab. Der General spürte immer noch einen tiefen Riss hinter seinem linken Ohr.

Er überwand seinen Widerwillen und aß den Napf leer, dann putzte er sich abermals, jedoch nur flüchtig, während er überlegte. Die Jungs warteten wahrscheinlich schon; es war wohl besser, sich auf den Weg zu machen. Was sollte er auch sonst tun?

Wie jeden Tag folgte er der Straße bis zu dem Baum mit der weißen Rinde, wo sie einen Knick machte. Der General ging geradeaus weiter und überquerte eine mit gelben, roten und violetten Blumen bestandene Wiese sowie einen Feldweg, der noch die Spuren des gestrigen Regens trug, und kroch schließlich unter dichtem Buschwerk hindurch, das nach Feuchtigkeit und Moder roch.

Dann stand er am Fluss.

Seine Farbe war ein kaltes Blaugrün, und die Mittagssonne, auch wenn sie um diese Jahreszeit nicht mehr sehr hoch stand, ließ die Spitzen der vom Wind aufgewirbelten Wellen funkeln und blitzen wie Splitter gefrorenen Lichts.

Der General sog mit leicht geöffnetem Mund den frischen Geruch des Wassers ein und blickte flussaufwärts. Ein Ast trieb langsam herab, auf dem ein großer weißer Vogel mit schwarzer Kopfoberseite und einem ausnehmend langen und spitzen Schnabel saß. Seine schwarzen Augen fixierten den alten Kater. Eine Weile starrten sich die beiden reglos an. Dann verschwand der Ast hinter einer Biegung, und der General nahm seinen Weg wieder auf. Die Zeit, da sich Vögel vor ihm hüten mussten, war lange vorbei.

Er trabte flussaufwärts, stets an der Uferböschung entlang. Viel weiter oben war der Fluss enger und reißender; vor schier unendlich langer Zeit war der General, getrieben von jugendlicher Abenteuerlust, seinem Lauf gefolgt, durch Moore, Felder, Wäldchen und Menschensiedlungen bis zu den Ufern des großen Sees, aus dem der Fluss entsprang und auf dessen anderer Seite sich die blauen Berge mit den weißen Spitzen, Graten und Karen erhoben. An einer der ruhigeren Stellen hatte er den Fluss sogar durchschwommen; es war einer dieser verrückten Augenblicks-Einfälle gewesen, die man einmal im Leben guthat und die, wenn einem das Glück die Gefolgschaft aufkündigt, eben dieses Leben kosten können. Der Schock des Eintauchens in das eisige Wasser hatte ihn zunächst gelähmt. Er war abgetrieben und hatte gefürchtet, weder die andere Seite zu erreichen noch zu jenem Ufer zurückkehren zu können, von dem er aufgebrochen war. Doch dann hatte er zu schwimmen begonnen, und mit einem Mal hatte er das Leben in sich gespürt! Niemals vorher oder nachher hatte er dieses Hochgefühl empfunden, das ihn hatte schwindeln lassen. Niemals vorher oder nachher hatte er jede einzelne Faser seines Körpers gespürt, und niemals vorher oder nachher war er sich so sehr bewusst geworden, was die Welt ihm zu geben hatte – was zu leben wirklich bedeutete.

Ein gutes Stück weiter unten hatte er das jenseitige Ufer erreicht und einige atemlose Augenblicke lang auflodernde Todesfurcht verspürt, als er glaubte, aus dem tiefen Wasser heraus die steile Böschung nicht erklimmen zu können. Und selbst diese Momente der Todesfurcht waren eine kostbare Erinnerung – kostbar wie das Leben selbst.

Einmal im Leben …

Weiter ging er, stets den Fluss entlang, wie jeden Tag. Vielleicht ein bisschen langsamer und nachdenklicher. Die Jungs warteten auf ihn, aber ihnen war wohl kaum langweilig, und überdies hatte er in letzter Zeit immer öfter das Gefühl, dass sie ihn nicht mehr ernst nahmen. Dass der Respekt, den ihm einst die junge Generation entgegengebracht hatte, vertrocknet war wie ein Tümpel in einem zu langen Sommer. Aber er hatte sich an die Jungs gewöhnt, und es war viel leichter, eine Gewohnheit beizubehalten, als sie aufzugeben.

Und außerdem: Was sollte er sonst tun?

Er erreichte die Flussbiegung. Hier hatte sich eine sichelförmige Kiesbank gebildet, und wie jeden Tag lief der General die flache Böschung hinab, um zu trinken. Als er damit fertig war, fiel sein Blick auf ein Brett, das die Strömung hierher getrieben hatte. Es war aus geschwärztem Holz, nicht viel länger und breiter als er selbst, mit einem Astloch an einem Ende. Spielerisch schlug er mit der Pfote danach. Winzige Fische, die sich darunter vor der Mittagssonne verborgen hatten, huschten gleich silbernen Blitzen davon, das Brett löste sich von der Kiesbank und trieb ab. Die Blicke des Generals folgten ihm.
(Fortsetzung Teil II)

Copyright © 2016 by Torsten Weigand

Bildrechte: Eingangsgrafik Der Katzengeneral: “Der-General-der-Katzen” (Der-General-der-Katzen.jpg) © 2016 by Courtage. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen”  (20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

KATZENWESEN (Roman) (Kartoniert)
Roman
von Weigand, Torsten

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Verlag:  MariPosa Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  179
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  221 x 146 mm
Gewicht:  285 g
ISBN-10:  3927708836
ISBN-13:  9783927708839

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Katzenwesen neues Cover

Beschreibung
Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.

Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, bei dem sie einst so glücklich war. Auf ihrem Weg durch die große Welt muss sie sich vielen Gefahren stellen und schließlich über sich selbst hinauswachsen, um ihr Ziel zu erreichen.

Parallel zur Haupthandlung lernt der Leser Martin Haller kennen, dem Mausis Suche gilt und der sich auch so sehr nach ihr sehnt. Im Dialog mit seiner Nichte kommt er zu ganz neuen Erkenntnissen, sowohl über Katzen als auch über sich selbst.

In diesem Roman dreht sich natürlich alles um Katzen und Menschen, aber es geht auch um Liebe, die stärker ist als der Tod, um Schuld und Sühne und Vergebung und nicht zuletzt um die Seele der Tiere.

Ein ganz besonderes Lesevergnügen, nicht nur für Katzenfans.

Autor
Torsten Weigand, geboren 1958 in Bayern, war mehr als zwanzig Jahre lang als freiberuflicher EDV-Berater tätig, bevor er 2003 mit dem Schreiben begann. In elf Jahren entstanden etwa vierzig Romane sowie ein Dutzend Kurzgeschichten, die er unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte.

Pressetext
„Glaubst Du, dass Katzen eine Seele haben?“, fragte der alte Mann seine Nichte.
„Ja“, sagte sie mit fester Stimme. „Ja, das glaube ich.“

Das kleine Katzenmädchen Mausi zieht es seit seiner Geburt in die Ferne.
Als Mausi ein halbes Jahr alt ist, folgt sie diesem für sie selbst kaum fassbaren Ruf. Sie spürt, dass sie den einen Menschen finden muss, von dem sie so oft geträumt hat und bei dem sie einst so glücklich war.
Auf ihrem Weg muss sie sich vielen Gefahren stellen, aber sie findet auch immer wieder Helfer, sowohl Menschen als auch Katzen. Sie begegnet Timber, dem schwarzen Kater, der Vater und Lehrmeister für sie wird. Dem verwahrlosten Kater Oje erfüllt sie seinen größten Wunsch: Er kann bei einer Menschenfamilie einziehen. Erst später wird klar, dass sie ihm in ihrem vorherigen Leben übel mitgespielt hat und somit ein altes Unrecht wieder gutmacht.
Als Mausi im Spätherbst einige vergiftete Mäuse frisst und beinahe stirbt, rettet sie Oliver, ein zehnjähriger Junge. Sie verbringt den Winter bei Oliver und seiner Familie und vergisst über dem sorgenfreien Leben beinahe ihre Suche. Erst im Frühjahr, als „ihr“ Mensch in Lebensgefahr gerät und die beiden sich im Traum treffen, nimmt sie ihre Wanderung wieder auf, nun entschlossen, sich nicht mehr von ihrem Ziel ablenken zu lassen.
Am Schluss kommt die schwerste Prüfung ihres Lebens. Um sie zu bestehen, muss Mausi eine tief verwurzelte Angst besiegen und über sich selbst hinauswachsen.

Über das Buch:
Es gibt Bücher, die geschrieben werden müssen, weil im Herzen ihres Autors eine Geschichte nistet, die unbedingt erzählt werden will. Dies ist so ein Buch. Denn Mausi, seine kleine Heldin, hat tatsächlich gelebt, wenn ihr Leben in Wirklichkeit auch nicht ganz so aufregend verlaufen ist. Der Autor hat mehr als zehn unvergessliche Jahre mit ihr verbracht. Auch die meisten anderen tierischen Hauptfiguren des Romans haben Vorbilder im wirklichen Leben, allen voran Lucy und Sonny, Mausis Geschwister. Und nicht zu vergessen: Kaspar Hauser, alias Oje, und Timber, der wunderschöne schwarze Kater mit den weißen Pfoten und der Blesse. Wie so oft bildet dieser Roman eine Verschmelzung von Dichtung und Wahrheit zu einem größeren Ganzen.

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