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DER HOBBY-ASTRONOM – Shortstory von Irene Salzmann

DER HOBBY-ASTRONOM

Shortstory

von

Irene Salzmann

Mit einem Ruck klappte ich die leicht angefrorene Dachluke auf und schaltete die Taschenlampe aus. Schon nach kurzer Zeit hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, sodass ich die Umrisse der sperrigen Sachen, die wir auf dem Speicher aufbewahrten, erkennen konnte und nicht mehr Gefahr lief, bei einer unbedachten Bewegung das große Teleskop umzustoßen.

Das Wetter war, wie es sich jeder Astronom wünscht: klar, wolkenlos und ein Himmel voller Sterne. Doch dafür fühlte ich allmählich die Kälte durch meine Kleidung dringen, typische trockene Dezemberkälte. Ich zog mir den Wollschal über die Nase und klapperte ein bisschen mit den Zähnen, denn es heißt, dass man sich bewegen soll, damit man nicht mehr friert. Das nächste Mal würde ich mir einen Flachmann mit nach oben nehmen.

Mit dem Feldstecher erkundete ich den Himmel. Zu dumm, dass selbst bei dreißig Kilometern Entfernung der Lichtschein von München und dem dussligen Flughafen noch so hell ist, dass man im Südosten nichts erkennen kann. Die schönen Sternbilder Orion, Eridanus und Hase würden erst im Frühjahr zu bewundern sein.

Nachdem ich mich etwas orientiert hatte, legte ich das Fernglas beiseite und richtete den Teleskopkörper in einem steilen Winkel nach oben. Über das Dach hinweg zog sich, sogar mit bloßem Auge sichtbar, das blasse Band der Milchstraße – Besseres konnte mir gar nicht passieren. Durch das Teleskop waren nun Sterne zu sehen, die man selbst mit dem Feldstecher nicht mehr wahrnahm.

Wie wohl jeder Hobby-Astronom hege natürlich auch ich den Wunsch, einmal eine sensationelle Entdeckung zu machen. Vielleicht erlebte ich den Ausbruch einer Supernova mit, oder ich hatte sogar das Glück, ein UFO zu beobachten. Für solche Fälle hielt ich stets Kamera und Adapter bereit, die sich in Sekundenschnelle montieren ließen. Selbstverständlich glaube ich an Leben auf anderen Planeten und an Besucher aus dem All, auch wenn Spötter behaupten, ich lese zu viele „Perry Rhodan“-Hefte und „Superman“-Comics.

Mit dem Zielfernrohr suchte ich nach dem Jupiter in den Fischen, konnte ihn aber nicht finden. So wandte ich mich der Reihe nach den Sternbildern Fuhrmann, Perseus, Kassiopeia, Kepheus und Schwan zu, die sich im Bereich der Milchstraße befanden, wobei ich der Versuchung widerstand, oberhalb der Mirach im Pegasus nach dem Andromeda-Nebel zu suchen, da dieser bei einer Ausdehnung von drei Grad kaum erfasst wird.

Als ich Deneb im Schwan im Fadenkreuz hatte, probierte ich die Okulare mit den verschiedenen Brennweiten aus, bis ich schließlich beim stärksten, aber leider auch Licht schwächsten blieb. Ab und zu musste ich die flexiblen Wellen der Stunden- und Deklinationsachsen regulieren, damit mir Deneb nicht aus dem Erfassungsbereich wanderte, was sehr leicht geschieht, wenn man auch nur einmal zu dicht mit dem Auge ans Okular gerät und sich der Teleskopkörper um Millimeter bewegt.

Während ich die kleinen Sternchen im Hintergrund andächtig betrachtete und mir eine Supernova für die Kamera wünschte, schob sich so ein dämliches Flugzeug vor das Teleskop. An seiner Spitze glühte ein rötliches Licht. Mist-Flughafen! Warum hatte der nicht in Riem bleiben können? Nicht nur stören die blöden Dinger die Ruhe der Anwohner, auch noch alle UFOs werden von ihnen verscheucht.

Plötzlich stutzte ich. Da stimmte doch etwas nicht! Flugzeuge haben mehr Positionslichter als nur eines …

Mit fliegenden Fingern befestigte ich den Adapter mit der Kamera, wobei ich mich bemühte, das Objekt nicht aus den Augen zu verlieren. Es bewegte sich mit gleichmäßiger Geschwindigkeit auf die helle Mondsichel zu, in deren Richtung ich das Teleskop rasch schwenkte. Ich verschoss sämtliche Bilder, die noch auf dem Film waren, und hoffte, dass wenigstens auf einem das UFO deutlich zu erkennen war.

Für Sternenfotos verwende ich einen lichtempfindlichen Schwarzweißfilm, den ich im Keller selbst entwickle und von dem ich auch Fotos abziehen kann. Diese Arbeit nimmt für gewöhnlich nicht mehr als zwei Tage in Anspruch, aber diesmal konnte ich es kaum erwarten und wäre vor lauter Neugierde und Entdeckerinstinkt fast geplatzt. Welch eine Sensation, würde ich endlich den Beweis für die Existenz von UFOs vorlegen können! Hoffentlich kam mir niemand zuvor.

Die Aufnahmen waren echt gut geworden, und ich fertigte gleich einige Detailvergrößerungen des Objekts an. Es büßte zwar etwas an Schärfe ein, war aber dennoch deutlich im Vordergrund des Mondes auszumachen. Eilig nahm ich die Bilder aus dem Fixierbad und legte sie in die Wanne mit klarem Wasser.

Ein torpedoförmiger Körper mit einem verwaschenen Fleck – das rötliche Licht – am Bug war zu sehen. Im vorderen Drittel hatte es eine weitere helle Stelle, die mir zuvor nicht aufgefallen war. Täuschte ich mich oder war das tatsächlich ein S?

Ich starrte eine Weile mein Foto an und wusste plötzlich, was ich vor mir hatte. Normalerweise wäre es unentdeckt über das Haus hinweg geflogen, aber das rote Leuchten hatte mich – und sicher auch einige andere – darauf aufmerksam gemacht. Gewiss erlebten die Kollegen beim Anblick ihrer Bilder die gleiche herbe Enttäuschung wie ich. Da glaubt man, endlich etwas Aufsehenerregendes gefunden zu haben, und dann entpuppt es sich als Flop erster Größenordnung.

Ärgerlich und frustriert zugleich warf ich das Foto in die Wanne zurück, dass das Wasser nur so über den Tisch spritzte. Dafür hatte ich einen halben Film vergeudet, Chemikalien und meine Zeit verschwendet, vor Aufregung kaum schlafen können …

„Scheiße! Warum muss dieser Dummnickel von Superman auch ausgerechnet auf seinen Nachtflügen Zigarren rauchen?“

-ENDE-

Copyright © Irene Salzmann, Kranzberg, 1986/93/2017

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Der Sternenhimmel 2018 (Gebunden)
Das Jahrbuch für Hobby-Astronomen
von Roth, Hans

Verlag: Franckh-Kosmos
Medium: Buch
Seiten: 336
Format: Gebunden
Sprache: Deutsch
Erscheint: September 2017
Sonstiges: 15441
Maße: 210 x 148 mm
ISBN-10: 3440154416
ISBN-13: 9783440154410
Verlagsbestell-Nr.: 15441

 

Beschreibung

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Zum ersten Mal seit 15 Jahren steht der rote Planet in Erdnähe – damit leuchtet er sehr hell und erscheint im Teleskop besonders groß. Wann und wie man den Mars am besten beobachten kann, dazu findet man im „Sternenhimmel 2018“ umfangreiche Angaben. Daneben bietet das traditionsreiche Jahrbuch mit seinem einzigartigen Astro-Kalender mit über 3000 Einträgen alle Daten zu Sonne, Mond, Sternen und interessanten Himmelserscheinungen – so ausführlich, wie passionierte Himmelsbeobachter es sich wünschen.

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