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DER FALL DER GESTOHLENEN BROSCHE – Fantasy-Story von Günther Kurt Lietz

DER FALL DER GESTOHLENEN BROSCHE

Fantasy-Story

von

Günther Kurt Lietz

Petunia Zwielicht, eine herbe Schönheit Mitte Dreißig und von Beruf Ermittlerin, befand sich mehr zufällig als absichtlich im ‚Grande Hummer’, einem der angesehensten Restaurants für Meeresfrüchte in Moloch, der Stadt ohne Grenzen.

Ihr bestes Kostüm am Leibe und die blonden Haare zu einem strengen Dutt gedreht, versuchte sie Einlass zu bekommen. Sie hatte weder reserviert, noch besaß sie das nötige Vermögen, doch Petunia verfügte über einen starken Willen und das Wissen, dass just an diesem Abend Baron Kolka von Brockenhieb Muscheln im ‚Grande Hummer’ verspeisen wollte. Und die Gerüchte besagten, dass der alte Zwergenadel der von Brockenhiebs wohl eine gute Ermittlerin brauchen könnte.

„Ich habe bereits vor drei Monaten reserviert, mein Herr.“, stieß Petunia gespielt wütend zwischen beinahe geschlossenen Lippen hervor und brachte den Saalchef in arge Bedrängnis, war dieser nun der festen Überzeugung einen Fehler begangen zu haben.

„Guter Mann, da Sie meine Reservierung scheinbar verschlampt haben, ich jedoch heute Abend hier zu speisen gedenke, werde ich mich zum Tisch des Baron von Brockenhieb begeben, um dort meine Mahlzeit einzunehmen. Ich bin sicher mein guter Freund Kolka wird Verständnis für Ihren Patzer haben.“

„Jawohl, meine Dame, aber sicherlich.“, plapperte der Saalchef und wusste nicht, ob er sich nun erleichtert oder bedroht fühlen sollte. Er war jedenfalls froh, den erbosten Gast vorerst los zu sein.

Petunia schritt nun zwischen den reichlich gedeckten Tischen hindurch und hielt Ausschau nach dem gesuchten Baron. Dabei stiegen ihr verlockende Düfte in die Nase und blieb ihr Blick mehr als einmal auf einer der exotischen Köstlichkeiten ruhen. Alleine die berühmten Desserts aus Algenschaum und Wolkengespinst würde mehrere ihrer üblichen Honorare verschlingen.

Da erblickte Petunia Zwielicht den reich gedeckten Tisch der von Brockenhiebs. Baron Kolka von Brockenhieb und sein ältester Sohn Praslav, saßen sich an einer langen Tafel gegenüber, gekleidet in leichte Kettenhemden und Helme aus edlem Metall und von einem halben Dutzend Dienstboten umringt, die gleichzeitig auch die Leibwachen der beiden darstellten – dessen war sich Petunia sicher.

„Halt, meine Dame, keinen Schritt weiter!“ rief auch schon einer der Männer aus und trat Petunia in den Weg. „Der Herr Baron wünscht unbelästigt zu bleiben.“

„Aber natürlich, mein Herr.“, entgegnete Petunia und beobachtete aus den Augenwinkeln den Baron, der sichtlich darum bemüht war, sie zu ignorieren. „Ich werde ein andermal wiederkommen und meine Dienste dem Baron anbieten, obwohl mir versichert wurde die Zeit dränge und der Herr Baron sei auf professionelle und diskrete Hilfe angewiesen.“

Die Worte Petunias hatten den gewünschten Erfolg und Kolka von Brockenhieb scheuchte seinen Mann hinfort. „Setzen Sie sich doch.“, bat der Baron seinem ungebetenen Gast einen Platz an, während sich der gute Sohnemann auf ein knuspriges Haselnussbrot konzentrierte.

„Ihre Worte haben meine Aufmerksamkeit erregt. Ich hoffe Sie können den Worten auch Taten folgen lassen und werden sich wohltuend vom Gesindel abheben, was üblicherweise nach meiner Geduld und meinem Geld verlangt.“

„Mein Herr, ich bin Petunia Zwielicht und dieser Name sollte Ihnen ein Begriff sein.“

„Etwa die Tochter von Interior Zwielicht, dem großen Detektiv?“

Petunia seufzte innerlich. „Wie ich höre, ist Ihnen der Name meines Vaters bekannt?“ fragte sie aufgesetzt höflich.

„Aber sicherlich.“, antwortete von Brockenhieb erfreut. „Wird sich etwa Ihr Vater des Falls annehmen?“

„Nun, er hat mich geschickt, um die Angelegenheit zu übernehmen.“, log Petunia und machte eine kleine Kunstpause bevor sie fortfuhr: „Natürlich erstatte ich ihm Bericht und er wird aus dem Hintergrund den Fall leiten, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.“

„Beim Barte meines Großvaters, das ist eine wahrlich gute Nachricht.“, knurrte der Baron erleichtert. „Wann soll ich Ihren Vater treffen, um ihm zu berichten was mich unterm Helm kratzt.“

Petunia lächelte innerlich, war nach außen hin aber gelassen. Zwerg blieb Zwerg – auch in den modernen Zeiten. „Sie sollten erst einmal mir berichten, damit ich für meinen Vater die Informationen bereits vorsortieren kann.“

„Natürlich.“, ereiferte sich Baron Kolka von Brockenhieb. „Dank eines so berühmten Detektivs wird bald alles wieder im Reinen sein.“ Der Zwerg mit dem faltigen Gesicht winkte einem seiner Diener zu und verlangte nach einem weiteren Gedeck und man möge endlich die Muscheln bringen.

Auch das werde ich überstehen, dachte Petunia, denn sie mochte keine Muscheln. Die Schalentiere waren ihr einfach zu unhandlich und oftmals ein wenig hinterhältig. Praslav mochte wohl auch keine Muscheln, denn der junge Zwerg verlor sichtlich an Farbe und wechselte um die Augenpartie von einem gesunden Erdbraun in ein kränkliches Ocker.

„Mein Informant erzählte, Ihnen sei ein wertvolles Schmuckstück abhanden gekommen.“, begann Petunia und bemerkte, wie Kolka von Brockenhieb seine Stirn in tiefe Sorgenfalten legte, so das sein  eleganter Hörnerhelm leicht verrutschte. Einige Haarsträhnen wurden sichtbar, die an den Wurzeln ein gesundes schwarz aufwiesen, im Gegensatz zum weißen Bart und Haupthaar. Petunia zog sofort ihre Schlussfolgerungen, denn scheinbar konnte sich der Baron keinen guten Barbier mehr leisten. Die Anzeichen sprachen für sich.

„Ich vermute, es handelt sich um ein Familienerbstück. Gerade in diesen schweren Zeiten ein schwerer Verlust, einen so kostbaren Schmuck gestohlen zu bekommen.“

Baron von Brockenhieb nickte bekümmert, Petunia hatte ins Schwarze getroffen. „Es ist die Brosche meiner verstorbenen Gattin, einer geborenen Dame von Tiefenschacht. Ihr Wert ist unermesslich und nie würde ich mich von ihr trennen wollen, doch die Geschäfte laufen schlecht. Der Handel mit Eisenerz ist eingebrochen und in zwei meiner Schächte wurde zu tief gegraben, so dass mir der ehrenwerte Bürgermeister vorerst die Abbaulizenz entzog, bis die Schächte wieder zur Hälfte aufgefüllt sind.“

Petunia nickte. Niemand durfte tiefer als dreihundert Fuß graben und niemand durfte höher als das höchste Gebäude der Stadt fliegen, was zufälligerweise dreihundert Fuß hoch war. Das waren nur zwei der unzähligen Gesetze der Stadt Moloch. Und als sich Petunia Zwielicht kurz mit ihrem scharfen Verstand darauf konzentrierte, was wohl die Gründe dafür waren, glitten ihre Gedanken auch schon wieder auf das eigentliche Thema zurück.

„Sie verfügen über hervorragende Sicherheitsvorkehrungen, Ihre Dienerschaft wurde bis in die dritte Generation überprüft, der Tresor ist das aktuelle Modell und niemand durfte in die Nähe der Brosche kommen. Niemand, außer dem Juwelier, der den genauen Wert für die Auktion schätzen sollte.“

Kolka war erstaunt und riss die Augen auf. Seine Pupillen glichen schwarzen Kohlen und es fiel ihm schwer, wieder zu atmen. „Meiner treu, Sie haben aber viele Informationen gesammelt. Ihre Kontakte sind hervorragend.“

Petunia schüttelte innerlich den Kopf. Ihr Informant hatte kaum etwas gewusst, doch Petunia kannte die sicherheitsliebenden Zwerge zu genüge. Und wer etwas so wertvolles verkaufen wollte, der ließ den Wert schätzen, um danach eine Auktion anzusetzen. So war es meistens und auch hier.

„Ich schlage vor, wir treffen uns Morgen früh bei ihrem Juwelier zu einer Befragung und einer Tatortbesichtigung. So kann ich weitere Informationen sammeln und an meinen Vater weitergeben.“

„Gewiss doch.“, stimmte Baron von Brockenhieb zu und hob erstaunt beide Augenbrauen, als er den Aufschrei seines Sohnes hörte.

Praslav verzog schmerzhaft sein Gesicht und hielt seine linke Hand auf Augenhöhe. Eine der Muscheln hatte ihn ausgetrickst und sich in seinem Zeigefinger verbissen. Petunia unterdrückte ein Grinsen und verabschiedete sich. Sie mochte einfach keine Muscheln, sie waren zu hinterhältig.

***

Petunia war bereits vor dem Sonnenaufgang unterwegs und hatte vor dem Geschäft des Juweliers in einer Seitenstraße Stellung bezogen. „Hiridram & Sohn“ stand in verschnörkelten Lettern auf einem Schild über der Türe und im vergitterten Schaufenster lagen einige hübsche Geschmeide und Edelsteine in der Auslage. Petunia war sicher, dass jedes einzelne Stück ein Vermögen kostete und gut gesichert war. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass die Familie Hiridram mit dem Diebstahl eines einzigen Schmuckstücks ihren guten Ruf aufs Spiel setzen würde.

Pünktlich zum ersten Schlag des Morgens wurde die Türe zum Geschäft von innen geöffnet und Petunia hörte, wie sich eine Droschke näherte. Zwerge waren überaus pünktlich, so auch Baron Kolka von Brockenhieb. Er war, wie am Abend zuvor, in Begleitung seines Sohnes, führte aber nur zwei Dienstboten mit sich. Dafür baumelte an seinem Waffengurt eine silbern glitzernde Schrotpistole.

Petunia verließ ihren Beobachtungsposten und kam lächelnd auf die Zwerge zu. Praslav verdrehte die Augen und zupfte betont gelangweilt an seinem Vollbart. Die Ermittlerin vermutete, dass er lieber in seinem Bett liegen oder ein Straßenrennen fahren würde.

„Frau Zwielicht, so pünktlich, das lässt meinen Hammer donnern.“, sagte Baron von Brockenhieb und ging auf den Laden zu. „Kommen Sie!“

Snott Hiridram persönlich nahm sich der Angelegenheit an und führte seine Besucher in den Tresorraum. „Nach dem ich den Wert der Brosche geschätzt habe, wurde sie für die Auktion in den Tresor geschlossen. Der Tresor ist ein aktuelles Modell und enthält nochmals drei Dutzend herausnehmbare Schließfächer. Ein Jedes nochmals gesichert und nur für seinen Besitzer zugänglich. Es gibt keine Spuren eines Einbruchs, den Tresor kann nur ich öffnen und die Kombination des Schließfachs kennt nur der Herr Baron persönlich.“, sprudelte der hagere Juwelier weinerlich hervor. Er wusste, wie es um seinen Ruf stand.

„Am Abend vor dem Diebstahl waren nur der Herr Baron, der junge Herr Baron und ich im Raum. Der junge Herr Baron legte die Brosche ins Schließfach hinein und schloss die Kassette ordentlich, dann stellte der Herr Baron die Kombination ein, während wir beiden anderen zu Boden sahen. Anschließend schob ich das Schließfach in den Tresor und schloss ihn. Und trotzdem ist die Brosche nun weg.“

Petunia nickte nur leicht und dachte nach. Kolka von Brockenhieb hustete leise und sprach dann mit gesenkter Stimme: „Nun, ich habe ebenfalls nachgedacht und … ich wage es kaum auszusprechen … vielleicht handelt es sich um … Magie?“

Alle vier im Tresorraum befindliche Personen zogen die Augenbrauen hoch. Magie? Was für ein Frevel. Doch Petunia schüttelte nur den Kopf. „Nein, Magie ist zu selten und ihr Einsatz für diese eine Brosche sicherlich zu gefährlich. Es muss eine andere Lösung geben.“

„Hoffentlich.“, grummelte Baron von Brockenhieb. „Bis wann wird ihr Vater den Fall gelöst haben?“

Petunia überlegte kurz, bevor sie antwortete: „Ich denke er wird ihnen heute Abend die Lösung präsentieren können. Soll er Sie in ihrem Haus aufsuchen?“

„Ich wäre ihm sehr verbunden und würde seinen Besuch als Ehre ansehen.“, entgegnete Kolka von Brockenhieb. Praslav schnaubte ungehalten und stürmte aus dem Tresorraum. Der Baron legte seine Stirn in Falten und blickte kurz betrübt drein. „Verzeihen Sie bitte das Benehmen meines Erben. Er ist noch jung, kaum einhundert Jahre alt, und die Lage nimmt ihn sichtlich mit. Seit dem Tode meiner Gattin führe ich ihn ins Geschäft ein und die finanzielle Lage der Familie stürzt ihn in tiefe Trauer.“

Petunia nickte verständnisvoll. „Ja, schlecht gehende Geschäfte können einem die Laune verderben.“

***

Petunia hatte sich entschlossen, die Villa der von Brockenhiebs am frühen Abend aufzusuchen. Sie war nochmals jedes Wort und jede Beobachtung durchgegangen, hatte das Für und Wider abgewogen und kam schlussendlich zu dem Entschluss, die Lösung des Falls zu kennen. Doch Petunia war sich auch sicher, dass diese Lösung den Beteiligten kaum gefallen würde.

Kolka von Brockenhieb und sein Sohn Praslav erwarteten Petunia im kleinen Kaminzimmer, einem imposanten Saal, der von einem noch imposanteren Wandkamin dominiert wurde. Der Raum war mit wertvollen Kunstgegenständen im zwergischen Stil geschmackvoll eingerichtet: Klare und geschwungene Linien, die sich harmonisch zu synchronen Mustern verbanden. Petunia war beeindruckt, der Baron schien eher ungehalten.

„Frau Zwielicht, ich hatte Ihren Vater erwartet. Kommt er noch nach?“ fragte der Baron und seine Nase plusterte sich vor Ärger ein wenig auf.

Petunia seufzte innerlich und schüttelte dann bedauernd ihren Kopf. „Werter Baron, mein Vater ist leider verhindert. Er muss in einem anderen Fall tätig werden, vor allem da der Ihre bereits gelöst ist.“

„Was?“ kam es erstaunt über die wulstigen Lippen des Barons und sein ältester Erbe riss überrascht die Augen auf. „Sie haben den Dieb?“

Petunia nickte betrübt. „Ja, Baron von Brockenhieb. Zu meinem Bedauern gibt es nur einen logischen Täter in diesem Fall. Ihr Sohn Praslav von Brockenhieb!“ stieß Petunia hervor und zeigte anklagend mit dem Finger auf den jungen Zwergen, der erschrocken einen Schritt zurück machte.

„Sind Sie von Sinnen?“ erhob von Brockenhieb seine Stimme, die einen drohenden Ton annahm. Sein Blick suchte bereits nach einer Hammer oder einer Axt in der Nähe, um seine Besucherin mit einem gezielten Schlag zum Schweigen zu bringen.

„Werter Baron, halten Sie einen Augenblick inne und besänftigen Sie ihre Gedanken. Ihr Sohn Praslav beschloss die Brosche zu stehlen, um ein Andenken an seine Mutter zu erhalten. Er war es, der mit geschickten Finger die Brosche entwendete und vorgab, sie in die Kassette gelegt zu haben. Und er ist es, der die gestohlene Brosche noch immer bei sich trägt.“

Baron von Brockenhieb schnaubte und sah zu seinem Sohn, der den Blick beschämt zu Boden richtete. „Und wo soll er sie, im Namen von Niemandem, tragen?“

„Dort, wo kein anderer Zwerg es wagen würde nachzusehen. Im intimsten Bereich eines wahren Zwergenmannes.“, erklärte Petunia und sprach anstandshalber leiser weiter: „In seinem Bart. Denken Sie nach, werter Baron. Er hatte einen Grund, er hatte eine Gelegenheit und er verhielt sich auffällig, sobald das Gespräch auf den Diebstahl kam.“

Baron Kolka von Brockenhieb starrte seinen Sohn wutschäumend an und ihm wurde bewusst, dass Petunia recht hatte. „Haben sie Dank, werte Frau Zwielicht. Grüßen sie mir Ihren Vater. Ich werde die Tage eine entsprechende Entlohnung für seine Dienste veranlassen.“

Petunia nickte knapp, dann ging sie. Beim Hinausgehen hörte sie noch, wie ein schwerer Gegenstand gegen Kettengewebe prallte und Praslav von Brockenhieb schmerzhaft aufschrie. Nun, solche Familienangelegenheiten waren Privatsache, sie hatte ihre eigene Bürde zu tragen.

Ende

Bildrechte: “Vintage (Steampunk5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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