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DAS HERZ DER ZIVILISATION (Teil 2): DER ANGRIFF – Leseprobe aus der Fantasy-Trilogie “Ninragon” – Band 2: “Der Keil des Himmel” von Horus W. Odenthal

DAS HERZ DER ZIVILISATION (Teil 2): DER ANGRIFF

Leseprobe aus der Fantasy-Trilogie

“Ninragon – Band 2: Der Keil des Himmel”

von

Horus W. Odenthal

Auric bemerkte, dass irgendetwas nicht stimmte, als im Gewebe nächtlicher Geräusche, dem nahen Lachen und angetrunkenen Palavern seiner Gefährten, dem leisen Schlappen des Flusses an seine steinumfassten Ufer, dem fernen Stimmengemurmel aus den Wirtshäusern und Etablissements des Vergnügungsviertels her, plötzlich ein Riss entstand.

Die Schatten alter, aufgegebener Lastkräne blickten auf sie herab, mürrisch und verlassen, die vor sich hin rottenden Hüllen alter Schuppen und Lagerhäuser bildeten eine langsam verfallende Barriere zwischen ihnen und der ersten schartig schiefen Zeile eng gedrängter schmaler Bauten, ehemaliger Wohnhäuser der Schauerleute oder Kontorhäuser der Handelsleute. Mit der Schauerbank hatte es nichts Schauriges auf sich; sie war ursprünglich einmal, vor der Zeit des neuen Hafens, jener Uferabschnitt des Ziamur gewesen, wo auf dem Fluss transportierte Waren geschauert, also verladen wurden.

Auric und Kudais Blicke trafen sich in einem Moment gemeinsamer Irritation.

Jag und Nefraku waren bereits vorausgegangen, zum Fluss hinunter, waren jetzt ihren Blicken entzogen, jenseits der die Uferstraße begrenzenden hüfthohen Mauer und einer in engen Stufen zum Ufer herabführenden Treppe. Mit einem Mal war der Faden ihres auf und ab torkelnden, von unten hohl wie aus einem Tunnel zu ihnen heraufhallenden Gesprächs abgerissen. Stattdessen ein Klappern und Scharren auf feuchten Ufersteinen.

Er und Kudai lösten alarmiert ihre überraschten Blicke voneinander, hasteten zur Treppe. Das Aufschrecken und die Konzentration, auf den engen, abgelaufenen Stufen nicht zu stürzen, ließen ihn schlagartig nüchtern werden.

Stolpernd, halb stürzend kam er vor Kudai am Fuß der Treppe an, sah zunächst nur huschende Schatten und ein langes, dünnes Aufblitzen wie von Klingen im Dunkel, dort zwischen Fluss und aufragender Mauer, direkt vor dem breiten, schwarzen Schlund eines ausladenden Brückenbogens. Ohne weiter nachzudenken stürzte er darauf zu, Kudai ein Zwillingsschatten hinter ihm. Seine Hand zuckte zum Schwertgriff über seiner Schulter, instinktiv. Sein Verstand hielt ihn zurück. (Keine Waffen heute. Dies war Idirium, dies war die Zivilisation. Hier ging man nicht in wilder Kriegshorde mit dem Schwert aufeinander los.)

Die huschenden Schatten dort vorne schienen solche Regeln der Zivilisation nicht zu stören. Sie gingen wie ein wilde Kriegshorde mit gezogenen, blitzenden Klingen auf zwei weitere Schatten, unzweifelhaft Jag und Nefraku, los.

Die waren nun offensichtlich ebenfalls schlagartig nüchtern geworden. Man hörte Klappern, Klirren und Schreien in der Dunkelheit, sah das hektische Drängen und Huschen kaum unterscheidbarer Schatten. Es war düster hier unten. Die Lichter der Schauerbank wurden durch die dunkle Masse der hohen Ufermauer verdeckt, die Lichter der anderen Flussseite lagen hinter dem schwarz schweigenden Band des Ziamur – einmal standen sie still, ein weiteres Mal schwammen sie gespiegelt und schwankend auf den Fluten –, zu weit entfernt, um ihrem Ufer wirklich Licht zu spenden. Er sah, dass Jag und Nefraku auf Gefechtskreisabstand gingen, in knappen, konzentrierten Bewegungen den Klingen der Angreifer auswichen. Professionell. Standen aber trotzdem unbewaffnet gegen eine bewaffnete Überzahl. Acht waren es.

Die Gesichter der Angreifer, hellere Ovale im Grau, zuckten verwundert in ihre Richtung, erblickten die unvermutete Verstärkung ihrer Opfer. Erleichterung glaubte Auric in ihren nur schwach erkennbaren Mienen zu erblicken, als sie sahen, dass die Verstärkung nur aus ihnen zweien bestand: Noch immer in der Überzahl, noch immer bewaffnet gegen unbewaffnete Gegner.

„Die kriegen‘s gleich auch“, schrie einer von ihnen, „hängen bestimmt eh alle zusammen“, und schwenkte ein Kurzschwert in Aurics Richtung.

Noch immer gegen eine Überzahl, noch immer unbewaffnet gegen bewaffnete Gegner, schoss es Auric durch den Kopf. Also schnell handeln und sie schocken, bevor sie ihre Überlegenheit zum Nutzen bringen können.

Also stürzte er auf den ersten zu.

Doch der war klug und geistesgegenwärtig, senkte sein Schwert, versuchte erst gar keine tollkühnen Hiebe und Schläge, streckte es einfach, sich der längeren Reichweite seiner Waffe gegen bloße Hände und Arme bewusst, vor, kein Ausweichen oder Unterlaufen seines Deckungswinkels möglich. Auric konnte gerade rechtzeitig abbremsen, bevor er sich selber aufgespießt hätte. Kein dämlicher Straßenräuber also – ein Profi. Auric blickte die Länge der auf ihn gerichteten Klinge entlang und sah seinen Gegner tückisch grinsen, wartete auf seinen Angriff.

Bewegung, dumpfes Klatschen links neben ihm. Kudai nahm seinen Gegner an. Irgendwo weiter hinten im Brückenbogen hallender Tumult und hohle zerrissene Schreie.

Statt dem erwarteten Angriff des Kurzschwerts kommt eine Bewegung rechts – vorstürmender Körper, schwere Wucht durchtrennt die Luft. Ein Axthieb. Ein zweiter Angreifer. Die Axt saust schräg abwärts, Auric weicht ihr aus. Die plumpe Wucht der schweren Waffe trägt den Hieb mitsamt dem Träger der Waffe zum Ende ihres Schwungbogens fort, an Auric vorbei. Er kommt hinter den Angreifer, hinter Führungsarm und Rücken – für den Moment wie ein Schild gegen den mit dem Kurzschwert – packt den an der Waffe ausgestreckten Arm, packt ihn auch mit der zweiten Hand, drischt ihn auf das eigene hochruckende Knie, spürt Knochen knirschen und brechen, will –

Da kommt die Klinge.

Zischt verdammt nah über seinen Kopf hinweg. Das Kurzschwert. Er spürt den Luftzug, spürt das schwere Metall, das ihn in die Luft pflügt. Der Mann hintendran brüllt mit verzerrter Visage. Er springt zurück, der zweite Hieb folgt schon währenddessen. Die Klingenspitze reißt ihm über die Wange. Sie stehen sich gegenüber, erneut. Der mit dem Kurzschwert keucht.

Im Hintergrund nimmt er wahr, wie die Gestalt des wütenden Jag dort unter dem Brückenbogen etwas vom Boden hochreißt, etwas wie eine Latte oder einen Balken, und es  wie ein Irrer brüllend wild durch die Luft drischt. Die Gestalten der Angreifer weichen aus, einer kriegt es an den Kopf, dass es ihn brutal zur Seite haut und er plump wegknickt, wie gefällt. Dumpfer kurzer Schmerzensschrei – aus.

Dumpfes, schmerzerfülltes Knurren auch vom Boden neben ihm. Der Axtträger. Keine Zeit – der mit dem Kurzschwert greift wieder an, kurze, knappe Hiebe, die keine Lücken durch übermäßiges Schwungholen lassen. Sehr waagerecht geführt, einen weiten Angriffswinkel abdeckend, machen ihm – waffenlos wie er ist – ein Unterlaufen unmöglich. Er kann nur ausweichen, rückwärts, Schritt um Schritt, spürt dann Gerümpel unter seinen Füßen, weiß die Mauer im Rücken. Sein Angreifer grinst: Aurics Rückwarts ist aufgebraucht. Prescht das Schwert schwingend vor. Auric springt zurück – ein letztes Mal – gegen harte Mauersteine an seiner Schulter. Sieht Grinsen, triumphierend geschlitzte Augen im Ansatz des tödlichen Rückhiebs. Auric stößt sich von der Mauer ab und geht blitzschnell in den Gegner hinein, knapp an seinem Schwert vorbei, genau in der Drehung, dem unvermeidlichen Wenden des Schwertes zwischen Hin- und Rückschwung. Packt die Schwerthand in der Klammer seines Griffs. Sie kommen Körper an Körper, ringen miteinander, verbissen, stumm, torkeln umher mit wirbelnd ineinander verschränkten, aneinander reißenden Gliedern. Der mit dem Kurzschwert schwitzt und stinkt und knurrt. Auric schlägt ihm die Hand, die am Schwertgriff sitzt, gegen die rauen Mauersteine. Das muss weh tun, aber der Kerl lässt nicht los. Noch mal, er brüllt. Lässt aber noch immer nicht los. Sie wirbeln, taumeln hin und her. Den Gerümpelberg herunter, von der Mauer weg, ihre Beine kommen sich ringend ins Gehege, verhaken, sie stürzen, ineinander verkrallt, wirr trudelnd übereinander, keuchen. Auric hat Glück, kommt obenauf. Der Kerl hat‘s nicht, prallt mit dem Hinterkopf hart auf Steinboden – schmerzerfülltes Grunzen. Auric hilft nach, blitzschnell, sein Kopf schnellt vor, Stirn hart gegen die Nase des Kerls unter ihm –Knirschen – dessen Griff ums Schwert wird schlaff, endlich. Da kriegt er von Auric den eigenen Schwertknauf auch schon mit voller Wucht auf die gleiche Stelle, die Nase, die schon jetzt ein blutendes Wrack ist. Dem Kerl rollen die Augen weg. Noch mal das Eisen mit Wucht in die blutüberströmte, unförmig anschwellende Masse. Nur noch dumpfes Gurgeln kommt aus der Kehle.

Ein Schatten auf feuchtem Steinboden.

Ein weiterer Angreifer. Mit einer Axt, erkennt er, als sein Kopf herumschnellt. Der ihn attackiert wie ein Bulle. Trotz gebrochenem Arm – ein echtes Tier. Schwingt seine Mordsaxt mit nur einem Arm wie ein Fallbeil. Auric wirft sich, in ungünstiger Lage erwischt, wie er noch über seinem zusammengedroschenen Gegner hängt, zur Seite, von der blitzenden Klinge weg. Ein Huschen der Axt. An ihm vorbei. Ein scharfer Schmerz an seinem Arm – nicht ganz verfehlte. Die dunkel huschende Masse des Axtschwingers blockiert seinen Blick, Blut spritzt. Nicht sein eigenes. Das Axtblatt hat sich in die Schulter des am Boden liegenden Kerls mit Kurzschwert gegraben. Kein Schrei kommt – bewusstlos. Der Axtschwinger brüllt auf, reißt die Axt mit dem unverletzten Arm erneut hoch, um sie ihm in den Leib zu treiben. Er katapultiert sich mit aller Kraft hoch, kann dem Hieb nur entgehen, indem er dem Axtschwinger die Schulter unter den Arm, nah der Achsel wuchtet. Gebleckte Zähne, der Kerl spuckt ihm ins Gesicht, er spürt dessen Bartzotteln an seiner Wange. Übler saurer Atem. Der Kerl brüllt und grunzt, doch er hat ihn jetzt, packt ihn an seinem massigen Schädel, eine Hand unterm Kinn, eine am Ohr, die Axt nützt ihm jetzt gar nichts mehr, Körper an Körper wie sie kleben, will er sich damit nicht selber hacken. Die Axt hängt wie Ballast in seiner Hand, der einzigen, die noch zu was nütze ist – der andere Arm ist gebrochen und baumelt. Auric packt seinen Schädel, der Kerl brüllt, es knirscht. Lässt jetzt endlich seine tolle, mordsgefährliche Axt fallen. Die klappert auf den flussnassen Boden. Auric drischt ihm das Knie in die Eier, kickt ihm, als ihm sein Schrei stumm und erbleicht in den Unterleib ausblutet, die Beine weg und das war‘s. Der Kerl fällt seiner Axt hinterher. Die Auric rasch packt, und die der Kerl, als er sich noch windet, auch schon im Leib hat. Er liegt da wie ein gespaltener Holzstamm, schwach noch röchelnd und schon ziemlich tot, nur ein letztes Pfeifen entweichenden Atems durch Kehle und Zähne, und Auric, die Hände noch immer am Axtgriff – warum endet es nur immer mit einer Axt in seiner Hand? – hat endlich Zeit sich umzublicken. Zwei Gestalten sieht er zunächst noch da stehen, zwei fliehen.

„Scheiß Amateure“, hörte er die Stimme der Gestalt rechts von sich fluchen: Jags Stimme. „Wozu sind Waffen gut, wenn man nicht mit ihnen umgehen kann.“ Er schleuderte den Holzbalken, den er mit beiden Händen gehalten hatte, verächtlich wieder auf einen Haufen Gerümpel direkt an der Mauer zurück. Der Zweite, der nah bei ihm stand, war Kudai.

„Die waren nicht auf so viele Gegner eingestellt“, klang Nefrakus Stimme jetzt direkt vom Ufer her. Er stand da mit gespreizten Beinen über eine schlaffe Gestalt gebeugt, die teilweise im Wasser lag und die er noch am Kragen gepackt hielt. „Die wollten nur einen, und für den hätte ihre Überzahl gereicht. Danke, dass ihr da wart, Jungs.“

Der Schnitt über die Wange, stellte Auric beim Betasten fest, war nur oberflächlich. Der andere Treffer hatte ihm einen aufgeschlitzten Ärmel und einen Schnitt am Unterarm eingebracht, aus dem das Blut den zerfetzten Uniformstoff durchtränkte und auf den Boden tropfte. Die Wunde klaffte zwar übel, aber der Muskel war nicht allzu schlimm verletzt. Auf jeden Fall brauchte er aber einen Verband. Auch Kudai war offensichtlich ebenfalls am Arm verletzt, denn er wand hastig seinen Mantel darum.

Jag fletschte Auric grinsend an. „War nicht gerade die koordinierte Kampftaktik einer Kleingruppe, die du uns immer einbläust.“

„Manchmal kann man es sich nicht aussuchen“, antwortete er ihm, und begann die Körper am Boden zu untersuchen.

Bis auf Aurics ersten Gegner mit dem Kurzschwert waren alle tot, fünf Leichen zusammen mit dem Kerl im Wasser. Und der mit dem Kurzschwert hatte keine großen Chancen die Nacht zu überleben; der Blutverlust durch den Axthieb seines Kumpans war zu groß.

Noch in der Hocke sitzend, sah er die hagere, hoch gewachsene Gestalt Nefrakus neben sich treten, sah ihn auf den verblutenden Kurzschwertträger hinabblicken. Nefraku schaute ihm ins übel verquollene und blutüberströmte Gesicht, zog laut vernehmlich Schleim durch die Nase hoch und spuckte auf den Fast-Toten, dass es ihm über die verwüstete Masse von Nase und Wange hinablief.

„Das hast du dir so gedacht, Dreckskerl.“ Er wischte sich schnaufend mit dem Unterarm über den Mund. Holte dann unvermittelt mit seinem Stiefel aus und trat dem am Boden liegenden mit Wucht in die Seite, dass es den leblosen Körper hochwarf. „Mich fertig machen wollen? Mieses kleines Arschloch!“ Noch einmal trat er zu, schwere, dumpfe Tritte, und noch mal und noch mal. „Mieser. Kleiner. Dreckskerl.“ Er keuchte unter der Wut und der Anstrengung, fluchte und spuckte wieder dem Sterbenden ins Gesicht.

Aurics und Kudais Augen trafen sich in einem Befremdung spiegelnden Blick.

„Du kennst die?“, fragte Auric.

„Den da kenn‘ ich, ja, verdammt“, erwiderte Nefraku, den Mundwinkel verächtlich hochgezogen, dass die Seitenzähne im Dunkel seines schwarzenhäutigen, ausgemergelten Gesichts aufblitzten, schnalzte vernehmlich die Zunge zwischen Zähnen und Oberlippe entlang, spuckte zur Seite und trat nochmals zu. „Djurbeti, kleine Ratte. – Ha, bald Ex-Ratte. Der Rest ist genau der gleiche Schlag, Schläger- und Mörderbande.“

„Und wer sind diese Leute?“

„Arschlöcher. Die mich umbringen wollten. Von Arschlöchern bezahlt, die mich aus dem Geschäft haben wollen. Damit sie ihr übel verschnittenes Gunwaz noch besser und fetter auf die Straße bringen können. Ohne mich.“ Seinen Oberkörper heftig und knapp in Richtung des Leblosen schnellend, spuckte er noch einmal schräg aus dem Mundwinkel zu ihm hin, ein Postskript aus Blut und Speichel. „Ha, war wohl nichts! Ich bin noch immer da! Noch immer Konkurrenz, ha! War wohl nichts, ihr Scheißer!“

„Was?“ Kudai Augen waren groß und starr. „Was?“

Er trat hart an Nefraku heran. Seinen Kopf musste er dabei in den Nacken legen, um Nefraku in die Augen schauen zu können. Er schnaufte vor Wut.

„Das kann nicht wahr sein!“ Kudai schrie ihn an. „Der ganze Scheiß hier hat nur mit deinen Drogendeals zu tun, deswegen liegen die jetzt als Leichen hier? Weil wir dir deine Konkurrenz vom Hals halten durften? Scheiße, Nefraku, scheiße nochmal, das kann doch nicht dein Ernst sein. Ich hätte wirklich nicht übel Lust, dich der Reichsgarde ans Messer zu liefern!“

Nefraku blieb kalt wie ein Schweinearsch. Von Einschüchterung zeigte er keine Spur, seine Überraschung hielt er gut im Griff. Die beiden standen einander gegenüber, Nefraku blickte mit seiner steinernen Miene auf Kudai hinab. Kudai starrte umso wütender zurück. Seine Glieder zitterten – wohl auch noch als Nachwirkung des Kampfes –, und seine Nasenflügel bebten. Bevor aber Auric etwas tun oder sagen konnte, damit die beiden nicht aufeinander losgingen, trat Jag hinzu, legte Kudai seine Hand auf die Schulter.

„Jetzt mach mal halblang, Kleiner. Nur weil du plötzlich einen neuen, hohen Posten hast, musst du hier keine Welle machen. Ich kenn‘ einen Kudai, der mit uns in Kvay-Nan mit dem Arsch in der Scheiße hing und sich mit uns anderen alles reingezogen hat, was ihm grad unterkam, egal ob Rott, Jinsai oder Gunwaz. Und soweit ich weiß, hat dieser Kerl auch nicht, sobald dieser Dreckseinsatz vorbei war, auf der Stelle damit aufgehört und war sauber. Eher nicht.“

Auric sah die Zeichen an Jag, sah, dass er von ihrer ganzen Sauferei und nun dem Adrenalinschub des Kampfes gehörig aufgeputscht war. Aber er verstand nur zu genau, was Kudai meinte.

„He Jag“, er hielt seinen Tonfall ruhig und beschwichtigend, „komm runter. Es geht nicht drum, wer von uns sich wann oder wo eine Pfeife oder eine Knolle reinzieht. Kudai will auf was anderes raus.“

„Richtig“, unterbrach ihn Kudai. „Es geht hier um Drogenhandel, es geht um Kriminalität.“

Aber Jag war nicht zu beschwichtigen. Er schaute sie aus blutunterlaufenen, leicht stieren Augen an.

„Kriminalität? Sind wir jetzt unter die Heiligen gegangen? Was soll dieser Kriminalitätsscheiß? Kommt mir nicht mit so was.“ Sein Zungenschlag holperte bleiern vor sich hin. „Wenn die, die am offiziellen Hebel sitzen, dran verdienen, erklären sie‘s für legal, und es ist okay. Und wenn die anderen dran verdienen und sie nicht, dann erklären sie‘s als kriminell. So einfach ist das. Das hat nichts mit irgendeiner Drecks-Moral zu tun. Auch nicht mit deinem Inaim hier, Inaim da, Kudai. Eigentlich müsstest du doch genug vom Leben mitgekriegt haben, Kleiner, um das zu kapieren. Vielleicht hat sich ja dein großer Inaim nie Gunwaz reingezogen, braucht er ja auch nicht. Wenn er so scheiß-allmächtig ist, denkt er eben Samstags abends, hey, ’ne Dröhnung käm gut, und Ping – Schöpferblitz!, da hat er seine Dröhnung. Aber wir hier unten, die wir im Dreck krabbeln und keine allmächtigen Götter sind, wir müssen‘s auf die gute altmodische Art machen. Und zu jedem, der sich das Zeug reinzieht, gehört eben einer, der es ihm vertickt.“

„Jag, Alter, lass stecken. So viel haben wir kapiert. Drogenhandel gibt es, und wenn man ihn so einfach kontrollieren könnte, wäre er schon heute legal und mit einer dicken Steuer versehen. Ich weiss das, und Kudai weiss das auch. Das ist okay. Worauf Kudai hinaus will – und ich seh‘ das genauso – ist, es ist dagegen absolut nicht okay, wenn es Offiziere sind, die unter die Drogenhändler gehen. Es geht einfach nicht, dass du Angehöriger der Armee und gleichzeitig Teil der Unterwelt, Teil eines kriminellen Milieus bist.“

„Bei Umanákhu hat‘s dich nie gestört.“

Das brachte Auric zunächst einmal kurz ins Stocken. „Aber Umanákhu“, holperte er los, kalt erwischt, „war diskret. Hat sich nie in was verstricken …“

Jag machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte sich wütend ab.

„Ach, lass mich in Ruhe, Skrimare. Das ist Bullshit, und du weißt es.“ Er stapfte weg, aufgebracht vor sich hingrummelnd zur Treppe hin. Auric hielt den Atem an, als er bedrohlich schwankend und stolpernd die Hürde der ersten Stufen nahm. Wäre wirklich tragisch gewesen, wenn gerade Jag, der alte Stahlfresser, nach all den Kämpfen und Schlachten, die er überlebt hatte, nach diesem überstandenen Hinterhalt besoffen eine Treppe hinunter gestürzt wäre und sich dabei den Hals gebrochen hätte. Erleichtert sah er ihn heil am Kopf der Treppe ankommen und hinter der Mauerkante halblaut maulend in der Nacht verschwinden.

Am nächsten Tag, wenn Jag wieder ansprechbar war, würde alles wieder vergessen sein. Spätestens gegen Mittag, wenn er genug Rangniedere – und manchmal auch Ranghöhere – zusammengeschnauzt hatte, würde er wieder ganz der Alte sein. Jag hatte eben einen über den Durst getrunken. Wie so oft. Wie fast immer. „Das ist eben unsere Art zu leben, Scheiße noch mal“, hatte Jag ihm geantwortet, als er ihn einmal darauf angesprochen hatte. „Wir sind Soldaten, Skrimare, keine Betschwestern.“

„Was machen wir jetzt?“, unterbrach Kudai die beklommen auf nasse Ufersteine fallende Stille. „Eigentlich müssten wir der Stadtmiliz Bericht erstatten. Wir sind hier nicht im Feld sondern in einer zivilisierten Stadt.“

„Stadtmiliz hatten wir heute Abend schon“, meinte Auric. Er blickte von seinen unschlüssig und verdrießlich scharrenden Stiefeln auf und zu Nefraku hinüber, der schweigend mit beobachtender, abwartender aber ansonsten nicht im geringsten deutbarer Miene zu ihnen herüberstarrte. Stadtmiliz bedeutete für Nefraku, dass er aufflog, zumindest aber in gehörige Bedrängnis kam. Nefrakus Blick traf sich direkt mit dem Aurics.

Und die Sechzehnte steht zu ihren Leuten. Wir kämpfen miteinander, wir stehen zueinander, wir siegen miteinander. Er mochte zwar das von ihm selber geprägte Motto lieber, Die Sechzehnte ist der Alptraum ihrer Feinde, aber geschenkt.

Nefraku hielt einige Sekunden stumm seinen Blick. „Die Kerle hier wird keiner vermissen.“ Er sagte es mit steinerner Miene. „Die Stadtmiliz am wenigsten. Den Kerlen hier kräht kein Hahn nach.“

„Vielleicht hast du Recht“, sagte Auric. „Aber darum geht es nicht. Es geht um was Prinzipielles.“ Er ließ seinen Blick über ihre Umgebung gleiten, über die in der Düsternis vor den stockfinsteren Schattenrissen von Ufermauer und Brückenbogen nur als zusammengesunkene Umrisse erkennbaren Leichen am Boden, über die Steinplatten, die ringsum in einem abweichenden Ton als der Feuchte vom Fluss her schlüpfrig glitzerten, von Spritzern, Lachen, Rinnsalen, den schlampig grausigen Spuren einer üblen Schlachterei. „Das hier ist kein Krieg“, sagte er. „Wir sind hier nicht im Feld. Das hier ist die Zivilisation. Wenn wir jetzt hier einfach abhauen, dann machen wir aus einem Akt klarer Notwehr einen ungeklärten Mordfall. Egal, ob diese Kerle jemand vermisst, egal, was sie für Halsabschneider sind – wir jedenfalls sind Offiziere der idirischen Armee.“

Kudai sah sie über die Leichen hinweg, mit Beklommenheit im Blick an.

„Du hast uns in eine ganz schön beschissene Situation gebracht, Nefraku“, sagt er, und ließ unwillig seinen Kopf hin und her baumeln. „Eine echt beschissene Situation. In was, zur Hölle, hast du uns da nur hineingeritten?“

Auric sah Kudai ins Gesicht, und der Ausdruck darin prägte sich ihm zutiefst ein. Sein ständiges Grinsen war wie ausgelöscht. Der Triumph, den er den ganzen Abend wie ein Banner vor sich hergetragen hatte, lag ihm mit einem Mal zentnerschwer auf den Schultern. (…)

© Horus W. Odenthal, 2012

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Waffentod-74-minus-110-98.png(Waffentod41.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.


Die ganze Geschichte lesen Sie hier:


Horus W. Odenthal
Ninragon 2: Der Keil des Himmels [Kindle Edition]

Dateigröße: 703 KB
Seitenzahl: ca. 445 Seiten
Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.

Titel als ebook erhältlich bei Amazon.de

Ein Fantasy-Epos in drei Teilen.

Fantasy der neuen Generation, mit einer starken, frischen Stimme.
Eine Geschichte für die Fans von George R. R. Martin, Scott Lynch, Joe Abercrombie und Steven Erikson.

Im zweiten Band der Trilogie, verdichtet sich all das, was Auric in seiner bisherigen Laufbahn als Soldat erlebt hat, und zieht sich wie ein Netz um ihn zusammen. Ereignisse, die er als einfacher Soldat wahrnahm aber nicht verstehen konnte, weil er die Zusammenhänge nicht erfasste, gewinnen jetzt, da er zum General aufgestiegen ist, eine tödliche Bedeutung. Er sieht sich plötzlich in etwas verstrickt, was weit über ihn, weit über sein Leben, weit über das Idirische Reich, dem er als Soldat dient, und auch weit über die Gegenwart hinausgeht.

Zunächst aber kommt er nach Idirium und gerät dort in die Fänge von Intrigen und Politik, muss dabei auch feststellen, dass das Pflaster der Hauptstadt des größten Weltreiches zuweilen gefährlicher sein kann, als die Schlachtfelder des Krieges, dass unter alten Bauten Geheimnisse lauern, die auf eine ältere Welt zurückgehen und ihre Hände nach der Gegenwart ausstrecken.
Dieses Netz um ihn verdichtet sich weiter, als er mit einer neuen Armee und einem neuen Auftrag in den Norden zurückkehrt und dort immer mehr Anzeichen einer Gefahr, eines Grauens findet, das schon seit langer Zeit seine Saat verbreitet hat.

Egal, wie die Zeit aussieht, in der wir leben, egal mit welchen Waffen wir kämpfen und wie die Städte aussehen, in denen wir leben, immer denken wir von unserer Zeit als der Moderne. Und immer vergessen wir allzu leicht, dass diese sogenannte Neuzeit wenig mehr ist, als die uns sichtbare Oberfläche eines gewaltigen Ozean, der uns trägt, und in dem, uns unsichtbar, die Schatten und Mahre der Vergangenheit hausen.

Updated: 3. September 2013 — 14:10

13 Comments

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  1. Wer möchte mal was zu dieser Leseprobe sagen? Oder können wir uns sowas in Zukunft sparen, weil doch keiner einen Kommentar abgibt? Was ist auf einmal los mit Euch, Leute? Das war doch schon mal besser hier? Lebt Ihr nur noch auf und in Facebook und ignoriert alles andere? Sollen wir umziehen und alles nur noch in Facebook posten?

  2. Die Leseprobe ist von der Geschichte her teilweise spannend, nur fehlt hier ein Lektorat. Lange Schachtelsätze, die getrennt ganz sicher besser wirken würden und den Lesefluss und -spaß erhöhen könnten. Sehr viele Attribute, unzeitgemäße Sprache („Jag, Alter, lass stecken“ und „… kriminelles Milieu …“: passen beide weder ins Mittelalter, noch in eine ähnliche Epoche einer Fantasy-Welt) und dergleichen andere Dinge mehr, z.B. Wechsel der Zeitform. Erst Vergangenheit und dann mitten drin – ohne erkennbare Absicht – Gegenwart? Ab: „Bewegung, dumpfes Klatschen links neben ihm.“ bis „Zwei Gestalten sieht er zunächst noch da stehen, zwei fliehen.“ plötzlich Präsens?
    Was – wie gesagt – nichts mit der Geschichte an sich zutun hat.
    Das Titelbild finde ich z.B. saugut; auch der Schriftzug des Titels ist passend.

    mgg
    galaxykarl 😉

  3. Ach ja, Detlef: Du solltest mich bitte erst fragen, bevor du „meiner“ Anthologie einen neuen Beitrag hinzufügst. Soll ein Herausgeber nicht selbst entscheiden dürfen, was in die Antho kommt? Bitte versteh mich nicht falsch: Die Leseprobe passt sehr gut; allerdings hätte ich den Autor gefragt, ob er sie wirklich so drin haben will (dann hätte ich sie fairerweise als Rohfassung bezeichnet) oder ob er sie noch mal überarbeiten kann oder lektorieren lässt. Auch bei E-Books sollte man ordentlich bearbeitete Texte dem Lesepublikum anbieten.

    mgg
    galaxykarl

  4. Ich habe das von dem Autor und soweit ich weiß ist der Text aus dem veröffentlichen e-book.

  5. Als Lektor vom Ninragon möchte ich mal kurz auf die von Galaxykarl aufgeworfenen Fragen zum Text eingehen. Seine „Probleme“ mit der Szene fasse ich zu folgenden zwei Punkten zusammen:
    – Stilmittel: Lesefluss, viele Attribute, Wechsel der Zeitform
    – Sprache

    Stilmittel:
    Seit mehreren Jahren kann man in der Musik einen Dynamikschwund beobachten (siehe z.B. http://www.sueddeutsche.de/kultur/dynamikschwund-in-der-popmusik-tage-des-donners-1.268588). Ein ähnliches Phänomen gibt es auch in der Literatur. In der Popmusik muss alles donnern, in der Literatur muss alles fließen. Literatur scheint immer mehr zu etwas zu werden, das man abends müde und gähnend noch schnell eben zum Einschlafen zu sich nimmt. Sätze gehen auf Normlängen zu. Die Anzahl Adjektive je Satz scheint festgelegt zu sein. Das dies eine Beschränkung der sprachlichen Dynamik mit sich bringt, wird stilschweigend in Kauf genommen, die Leser scheinen in ihrer abendlichen Müdigkeit nichts anderes mehr erdulden zu können. In diesem Sinne kann ich Galaxykarls Bedenken gut nachvollziehen.
    Dennoch lehnen wir uns mal zurück und betrachten wir die Szene hier: Auric und sein Trupp kommen müde und ordentlich angetrunken von einem nächtlichen Gelage. Wie ist die Situation eines Betrunkenen? Er denkt verlangsamt, hat Schwierigkeiten seine Gedanken zusammenzuhalten, weiß am Ende seines Gedankens nicht mehr, wie der Anfang war. Lässt sich ablenken. Er bemerkt etwas, versucht sich darauf zu konzentrieren, der betrunkene Geist will nicht recht, schweift ab zu anderen Dingen, versucht sich zu fangen, die Situation einzufgangen. Da war doch was…
    Die Szene hier fängt das gut ein. Fängt in einem langsamen, torkelnden Tempo an, lässt sich ablenken, wird schneller. Die Sätze werden immmer hektischer (es kommt hierbei nicht auf die Länge, sondern auf die Struktur, das Tempo an), bis sie zu einem Stakkato werden. Gleichzeitig wechselt die Zeitform vom Präteritum ins Präsens (ein althergebrachtes Stilmittel, um die Intensität einer Szene zu steigern. Wenn nicht hier, wo dann?).
    Ich finde die Szene hervorragend eingefangen.

    Sprache:
    Bei der Sprache sind wir mitten in einem wichtigen Diskurs zur Fantasy. Ist Fantasy bzw. phantastische Literatur Eskapismus oder nicht? Rein theoretisch hat Phantastik die Möglichkeit realistisch darzustellen, schließlich sind die Grenzen hier eben nur durch die Fantasie gesetzt, es ist also theoretisch alles möglich. Fantasy ist *kein* historischer Roman, es gibt keine Sprache die beispielhaft ist für Fantasy, jede Sprache ist letztendlich erfunden. Tatsächlich folgt die Fantasy-Literatur meistens, gerade in Deutschland, einer mittelalterlichen Sprache und dient Fantasy meistens eben auch dem Eskapismus.
    Odenthal hingegen möchte – und das zieht sich durch seine ganzes Werk – realistisch sein. Dies findet sich stark in der Metaebene, aber eben auch in seiner ganzen Herangehensweise wieder. Realistisch sein heißt auch nahe am Leser sein, heißt eine Sprache aus der Jetzt-Zeit zu verwenden. Seine Protagonisten empfinden sich nicht als altertümliche Figuren mit einer verstaubten Kunstsprache, sie leben in ihrer Gegenwart, die auch der Leser als seine Gegenwart empfinden soll. Natürlich wird dann die gegenwärtige Sprache des Lesers verwendet.
    Aber Moment mal, würde ein Söldner, ein Barbar zumal, ein Wort wie Milieu benutzen? Nein, natürlich nicht. Es ist nicht irgendein Barbar, sondern Auric, der eine Sonderstellung einnimmt. Auch hier eine ganz bewusste Verwendung.
    Es gibt Bezeichnungen die auf der Grenze liegen, die Grenze ist nicht immer leicht zu ziehen und wir haben über die Verwendung des ein oder anderen Begriffs sehr ausführlich diskutiert. Dennoch, die Intention ist klar und auch hier finde ich sie sehr gelungen.

    Es gibt in obiger Szene Stellen, die ich tatsächlich angestrichen hatte und von Odenthal nicht geändert wurden. Wenn ich als Lektor etwas anstreiche, dann ist das ein Hinweis von mir an den Autor, es zu prüfen, ob es seiner Intention gerecht wird oder ob es eine bessere Lösung gibt. Ich als Lektor habe nicht den Überblick über die komplette Metaebene, gerade bei einem so vielschichtigen Werk wie Ninragon nicht, das kann auch nicht meine Aufgabe sein. Hier hat der Autor das letzte Wort und auch mein Vertrauen, dass es genau so richtig ist.

    Die obige Szene hebt sich in ihrer literarischen Qualität tatsächlich stark von dem ab, was man üblicherweise in der Fantasyliteratur vorfindet. Das kann im ersten Moment verwirren, wieso ist es anders als sonst? Aus meiner Sicht ist es klar: weil es besser ist. Aber das ist letztendlich auch Geschmackssache.

  6. Lieber „DerLektor“,

    mein Hinweis auf Schachtelsätze bezog sich nicht auf die wörtliche Rede eines Protagonisten, sondern auf den Text der Handlung. Selbstverständlich kann jede Figur so reden, wie ihr der Schnabel gewachsen ist; hier ist alles möglich, erlaubt und mitunter auch erfrischend „neu“.

    Aber die unzeitgemäße Wortwahl (z.B. „kriminelles Milieu“) hätte man einfach nur mit dem Wort „verbrecherisches Umfeld“, „Räuber-Haufen“ oder etwas Ähnlichem ersetzen können. Eine leichte Sache, wie ich meine. Und auch das „Jag, Alter …“ bleibt im Wortklang befremdlich, weil eben nicht in die Zeit (welche auch immer, ABER HALT NICHT 2013 SCHULHOF) passend.

    Sich mit nichtssagenden Begriffen wie Metaebene herauszureden oder einem Prota eine nicht näher definierte „Sonderstellung“ zu verleihen, genügt nicht. Diese Sonderstellung mag sein, was sie will: Der Typ bewegt sich in dieser Welt und wird so sprechen, wie alle dort gebräuchlichen Sprachen, Dialekte und Idiome.

    Selbstverständlich hat jeder Autor das Recht, Einwände/Vorschläge eines Lektorats anzunehmen oder abzulehnen. Ich würde mir aber jede Ablehnung dreimal überlegen; schließlich ist der Lektor nicht textblind (wie jeder Autor, mich eingeschlossen).

    Und der Verweis auf (moderne) Musikgeschmäcker greift hier absolut nicht. Musik ist ein anderes Medium und hat nichts mit Schreiben zu tun. Wenn man es auf den Geschmack des Publikums herunterbricht – was du ja tust -, dann ist eine gefährliche Falltür geöffnet: Dann wäre es schlussendlich scheißegal, welche Geschichte man erzählt, welche Welt man sich wählt, welche Epoche (ob real oder fiktiv): alles würde gleich klingen. Nämlich wie die aktuelle schlampige Gossensprache („Ey, isch bin aba heute sowas von geil, boa ey“). Bitte nicht falsch verstehen: Letztere Worte in der Klammer unterstelle ich auf keinem Fall obigen Roman. Aber es wäre die unausweichliche Folge, wenn Autoren in ihrer Wortwahl und ihrem Stil sich nicht der Epoche ihrer Geschichte entsprechend ausdrücken würden. Natürlich spricht heute kein Mensch mehr Mittelhochdeutsch oder Aramäisch („Das Jesus-Video“), Alt-Griechisch („300“ oder „Troja“) oder Latein (siehe hunderte Römerbücher und -filme). Aber Anachronismen werden dort vermieden.

    OK, in „Ben Hur“ trug ein Statisten-Trottel eine Armbanduhr, aber du verstehst sicher, was ich meine.

    Und genau das ist eine der vielen Aufgaben eines Lektorats. Den Autor auf solche Diskrepanzen hinzuweisen. Es beeinträchtigt schlichtweg den Lesefluss und das Lesevergnügen, dass ich im Übrigen druchaus gehabt habe.

    Ich freue mich auf weitere Teile aus diesem Roman.

    mgg
    galaxykarl 😉

    P.S. Für alle: Der Lektor ist der Partner des Autors und nicht dessen Feind. Autoren sollten mehr auf die Stimme des Lektors hören. 😉

  7. Im Übrigen bin ich dafür, dass neben Titelzeichnern auch die Lektoren in den Buchdaten genannt werden. Denn auch sie sollen für ihre Arbeit belohnt (mit Ruhm, Tantiemen und neuen Aufträgen)werden.

    mgg
    galaxykarl 😉
    Werner Karl (weiß ja eh jeder hier)

  8. Lieber Galaxykarl,

    kurz zu ein paar Punkten, die ich anders gemeint habe, als Du sie verstanden hast:
    – meine Argumentation zu Stilmittel bezog sich natürlich u.a. genau auf die „Schachtelsätze“ die Du meinst. Hier werden Stilmittel benutzt, um den Leser erleben zu lassen, was der Protagonist in diesem Moment spürt: Schwierigkeiten, dem Geschehen zu folgen, da er betrunken ist. Ich werde die Argumentation jetzt nicht wiederholen, sie steht ja bereits oben, nur als Hinweis, wie es gemeint ist.
    – meine Analogie zur Musik bezog sich eben nicht auf Geschmack, sondern auf den allgemeinen Trend der verschwindenden Dynamik. Wird Sprache immer auf den Lesefluss hin optimiert, gebt eben auch die Dynamik der Sprache verloren, wird auf Stilmittel, wie sie hier verwendet werden und wie *ich* (und erst hier kommt der Geschmack ins Spiel) sie als Bereicherung empfinde, verzichtet. Geschmack führt zu Vielfalt, da Geschmack eben nicht festgelegt ist.
    – Du bist der Meinung Ninragon einer Epoche zuordnen zu können und nennst einige Beispiele, die tatsächlich klar einer Epoche zuzuordnen sind. Dies ist bei Ninragon aber eben nicht der Fall. Schau Dir in diesem Zusammenhang doch noch mal die Leseprobe „Im Feuer“ an, die auch hier bei SFBasar vorliegt. Wenn ich diese Szene einer Epoche zuordnen würde, was ich nicht mache, aber wenn ich rein hypothetisch gezwungen werden würde sie zeitlich in unserer Geschichte verorten zu müssen, würde ich bei einem Dschungelkrieg mit Brandbomben, sprich dem Vietnamkrieg, landen. Und eine mittelalterliche Sprache würde ich beileibe nicht damit verbinden. Aber nochmal: Es gibt diese Zuordnung nicht. Ninragon erzählt eine Geschichte in der Gegenwart seiner Protagonisten. Dies kann am besten verdeutlicht werden, indem die gegenwärtige Sprache des Lesers verwendet wird.
    – Kurz noch zur Verwendung des Begriffs ‚Milieu‘. Das ein Charakter einen eigenen sprachlichen Duktus haben sollte, ist wohl selbstverständlich. Die Szene hier reicht nicht aus, den sprachlichen Duktus von Auric letztendlich festzulegen. Du sprichst vom Vertrauen, das der Autor in seinen Lektor haben soll. Bitte gib auch als Leser dem Lektor das Vertrauen, den sprachlichen Duktus des Protagonisten aus der Gesamtsicht korrekt beurteilen zu können.

    Viele Grüße vom Lektor

  9. Das ist ja eine interessante Diskussion. Vielleicht sollte man auch mal die Leser fragen, was für sie gut ist? Oder sind wir unmündig?

  10. Lieber Konstantin W.,

    ich verstehe Deine Frage nicht. Der Leser entscheidet doch immer selbst, was er liest.

    Autoren versuchen ein attraktives Angebot zu machen, der Lektor sichert die Qualität, der Leser sucht nach seinem Geschmack aus.

    Odenthal macht hier ein Angebot, dass eher selten ist und für das es sicherlich auch weniger Leser gibt.
    Als Lektor prüfe ich die Qualität entsprechend seines von ihm gesteckten Rahmens und nicht entsprechend einer kommerziellen Marktvorgabe.
    Ob der Leser es dann lesen möchte, entscheidet dieser selbst.

    Viele Grüße vom Lektor.

  11. ok.

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