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DAS GUMMIBÄRCHEN – Shortstory von Rüdiger Heins

DAS GUMMIBÄRCHEN

Shortstory

von

Rüdiger Heins

Sie kennen mich nicht? Das ist aber ungewöhnlich. Eigentlich müssten sie mich kennen. Sie können mich doch auf jeder Literaturveranstaltung finden.

Wie ich heiße? Oh bitte verzeihen Sie, dass ich vergaß mich vorzustellen. Mein Name ist Robert Blüme. Bekannter Lyriker gefürchteter Literaturkritiker und auch als Broterwerb Gymnasiallehrer!

Wie bereits erwähnt bin ich Dichter: Und ein verdammt Guter noch dazu, das sagen jedenfalls meine Freunde; Mama ist übrigens der gleichen Meinung.

Alle, die mich kennen, nennen mich das Gummibärchen, weil ich einmal eine lyrische Klanginstallation über ein rosarotes Gummibärchen geschrieben habe. Das finde ich toll, wenn sich meine Lyrik so verselbstständigt, dass man mich nach einem meiner Gedichte nennt. Ist doch ein irrer Effekt – oder finden sie nicht auch? Außerdem: Welcher erwachsene Mann darf sich denn in unserer heutigen Zeit noch Gummibärchen nennen?

Trotzdem, es macht mich richtig nervös, wenn ich hier vor Ihnen stehe und mir nichts einfällt. Dabei bin ich voller Geschichten, mein Leben ist der Fundus für Romane, die in der Weltliteratur Einzug halten werden. Soll ich Ihnen etwas über meinen Teddy erzählen? Mama hat ihn mir geschenkt, als ich auf die Welt kam. Ted war immer mein Begleiter. Aber nein über Ted zu sprechen, das würde doch zu weit führen. Schließlich ist Ted für mich so etwas wie ein enger Vertrauter. Einem, dem man alles sagen kann, einem, der mir immer zuhört. Nein, Ted wird hier nicht abgefeiert.

Verdammt, jetzt weiß ich aber immer noch nicht über was ich Ihnen erzählen soll. Vielleicht  die Geschichte von Paul erzählen? Ach so, Sie kennen den Paul ja nicht. Jedenfalls Paul war ein Junggeselle aus unserem Dorf. Niemand wusste genau, ob er keine Frau finden wollte oder keine finden konnte. Seine Eltern waren jedenfalls sehr enttäuscht, war er doch ihr einziger Sohn, der später auch den heimischen Winzerbetrieb übernehmen sollte. Aber Paul interessierte sich offen gestanden gar nicht für Wein und Gesang. Er konzentrierte sich viele lieber auf das Weib, auf das Weib in ihm selbst, denn er verkleidete sich gerne als Frau. Am liebsten sonntags im Sommer, wenn die Sonne prall am Himmel stand, da war Paul nicht mehr zu halten. Er packte dann seinen Rucksack mit Frauenkleiden, einer Perücke und Kosmetik, setzte sich auf sein Fahrrad und fuhr damit in den Wald. Seine Eltern, die glaubten, dass er eine Radwanderung machen würde, hatten sich getäuscht. Im Wald verkleidete er sich als Frau, schminkte sein Gesicht, kämmte die Perücke. Als er so richtig Frau war, ging er dann auf die Wanderung. Sehr gerne bestieg er einen Feuerturm. Dort stand er dann und schaute über die Landschaft. Paul, der sich in seiner Fantasie Monique nannte, träumte in diesen Augenblicken davon, das ein Mann ihn hier oben auf dem Turm, weitab jeder Zivilisation, na ja, Sie wissen schon. Ich habe erst ziemlich spät bemerkt, dass er eigentlich ein Mann ist, ehrlich gesagt, war es schon zu spät.

Wie? Wie bitte? Sie haben überhaupt noch kein Gedicht von mir gehört? Dann wird es aber Zeit, dass wir uns heute hier begegnen. Gar nicht auszudenken, was sie in ihrem bisherigen Leben versäumt haben.

Ich bewege mich doch immer ganz dicht an der Literaturbasis. Wir müssten uns doch irgendwo schon mal begegnet sein. Sie erkennen mich daran, dass ich immer Schwarz trage. Warum ich ausgerechnet Schwarz trage? Alle großen Dichter tragen Schwarz, ich auch. Zugegeben, ich sehe nicht besonders gut aus. Haben sie schon mal einen Dichter gesehen, der gut aussieht? Ich nicht. Dafür sind aber meine Texte ganz schön. Die haben so eine literarische Brillanz, gepaart mit einem Schuss latenter Erotik. Meine Gedichte sind Techno, meine Gedichte sind hammerhart. Meine Gedichte sind nicht von dieser Welt, sie sind ein lyrischer Orgasmus.

Soll ich ihnen mal eines Vortragen? Ja? Na gut, wie sie wollen. Ich will mich ja nicht aufdrängen. Ein Kurzes oder ein Langes?

Ach, jetzt bin ich aber nervös. Meine Hände zittern schon. Gut, ich fang also an. Also, das Gedicht, das ich ihnen jetzt vortragen werde, ist ganz frisch aus meiner Feder entsprungen. Die Tinte auf dem Manuskriptblatt ist sozusagen noch nicht angetrocknet. Es ist ein wirklich gelungenes Gedicht. Sie werden staunen, wenn sie es hören. Oh wie peinlich, meine Knie zittern. Also, sie erleben jetzt die Uraufführung meines neuen Gedichtes. Nicht dass sie denken, ich würde heute zum ersten Mal ein Gedicht in aller Öffentlichkeit vortragen. Nein, nein. Das hab ich schon öfters gemacht. Mama und Papa hören sehr gerne meinen Gedichten zu. Sie erleben sozusagen regelmäßig die Uraufführungen meiner Kreationen. Außerdem darf ich auch immer wieder in meiner  Männergruppe „Howlin Wolf“ eines meiner Gedichte vortragen. Aber nur, wenn ich vorher ordentlich mitdiskutiert habe. Harald, mein Therapeut, meint, ich würde mich zu sehr über meine Lyrik ausdrücken, da würde ich mit der Zeit den Sinn für das reale Leben verlieren. Ich finde da übertreibt er ein wenig.

Meine Schüler sind bereits begeisterte Fans meiner Gedichte. Manchmal schreiben sie heimlich mit bunter Kreide meine Gedichtzeilen an die Tafel. Anstelle meines Namens malen sie ein rosarotes Gummibärchen darunter. Ist das nicht Spitze?

Eigentlich dient mir mein Lehrerberuf nur als existenzielle Grundlage für mein lyrisches Schaffen. Mit Gedichten ist ja heute kein Geld mehr zu verdienen. Außerdem, die Schulstunden sind ja auch schnell vorbei und denken sie doch nur an die Schulferien. Zeit für Muse. Ich betrachte mein monatliches Beamtengehalt als literarisches Stipendium, dass mir das Kultusministerium zur Verfügung stellt; und meine Schüler erleben hautnah den Lebensweg eines bedeutenden Dichters.

Wissen sie, an meinem neuen Gedicht habe ich fast ein halbes Jahr gearbeitet. Jeden Tag mehrere Stunden. Offengestanden die drei Zeilen, die letztendlich übrig geblieben sind, lassen nicht unbedingt an einen so intensiven Arbeitsprozess denken, aber der Inhalt! Der Inhalt kann ich ihnen sagen, der hat es wirklich in sich. Die Qualität des Gedichtes ist außergewöhnlich. Ja geradezu ungewöhnlich. Noch nie da gewesen. Neu. Ein kreativer Prozess. Nach diesem Gedicht muss die Literaturgeschichte umgeschrieben werden, weil sie sich neu definieren muss. Nach diesem Gedicht werden alle darauf Folgenden mit ihm verglichen. Ich habe in meiner neuen Kreation einen alten Stoff verwendet und ihn mithilfe der experimentellen Lyrik in die heutige Zeit transportiert.

Also, ich beginne mit der Rezitation meines Gedichtes. Es gibt ja Fans von mir, besonders unter meinen Schülern, die behaupten, meine Zeilen kommen erst richtig zum Leben, wenn sie von mir – und nur von mir – vorgetragen werden. Kein anderer könne, so ihre einhellige Meinung, so gut seine eigenen Gedichte rezitieren wie ich. Immer wieder fordern sie mich auf, eines meiner Gedichte vorzutragen. Sie können nie genug davon bekommen. Zu ihrer großen Freude rezitiere ich aus meinem schier unerschöpflichen Gedichtefundus. Sie applaudieren, fordern Zugabe. Ja, schon so manche Schulstunde ging im Rausch meiner Dichterlesungen unter. Aber was ist schon eine Deutschstunde gegen eine Dichterlesung? Noch dazu gratis. Ich bitte Sie.

So, jetzt möchte ich sie aber nicht länger auf die Folter spannen, Sie warten ja bereits voller Ungeduld auf mein neues Gedicht. Aber ein Gedicht, auch wenn es noch so klein ist, braucht eine Erklärung. Schließlich müssen sie ja wissen, in welchem Schaffensprozess so etwas entstanden ist. Mama sagt immer: „Robert erkläre doch nicht so viel. Deine Erklärungen sind ja ungemein länger als deine Gedichte.“ Recht hat sie. Mama ist überhaupt eine kluge Frau. Sie ist sehr sensibel und charmant. Ihr Charme hat mich schon immer umgehauen, deshalb wollte ich sie schon als fünfjähriger Junge heiraten. Heute bin ich fünfunddreißig und Papa lebt immer noch. Mit Frauen habe ich nichts zu tun, da schreibe ich schon lieber Gedichte. Solche Schweinereien mit Frauen mache ich nicht. Außerdem, was würde denn Mama dazu sagen, wenn ich eines Tages mit einer Frau ins Haus käme? Wo sollte die denn bei uns schlafen? In meinem Zimmer ist überhaupt kein Platz mehr. Ich sehe auch nicht ein, dass ich meine umfangreiche Stofftiersammlung wegen einer Frau aufgeben soll. Meine Lieblinge dienen mir auch nach dem Stress der Schule als Entspannung. Jeden Nachmittag lege ich mich zu ihnen ins Bett.

So jetzt aber wirklich. Sie sind ja ein so reizendes und auch aufmerksames Publikum, dass ich mich vom Hundertstel ins Tausendstel verzettele. Aber, sie sind ja so liebenswürdig, Sie gestatten mir das.

Schneewittchen

Lachen sie nur, lachen ist ja auch entspannend. Ich freue mich, wenn sie sich bei mir entspannen. Nur zur Information: Schneewittchen ist der Titel meines Dreizeilers.

nochmal von vorne. Ihnen zuliebe:

Schneewittchen

Erster Vers: Tock, tock tock….

Jetzt lachen sie ja schon wieder. Nun konzentrieren sie sich doch bitte auf die Melodie des ersten Verses. Tock, tock, tock. Das ist doch das Geräusch der sieben Zwerge, die im Bergwerk arbeiten.

Zweiter Vers: tock schuft stöhn

Ist das nicht genial, wie ich das gelöst habe? Bereits bei der Überschrift wissen Sie, worum es geht: um Schneewittchen. Im ersten Vers erfahren wir, dass da wer hart arbeitet. Bereits im zweiten Vers kommt noch eine menschliche Regung hinzu. Lassen sie sich das Mal auf der Zunge zergehen:

Schneewittchen

Tock, tock, tock

tock, schuft, stöhn

So, jetzt kommt aber der dritte und letzte Vers, die das Gedicht zur Vollendung führt. Also, nochmal von vorne:

Schneewittchen

Tock, tock, tock

tock, schuft, stöhn

Warten sie mal, bevor ich die dritte Zeile rezitiere. Für das Schneewittchengedicht entwerfe ich gerade eine Choreografie fürs Ballett. Deshalb habe ich mich vor kurzem auch im Ballett angemeldet. Das ist doch `n Ding: Schneewittchen als Ballett. Ich in der Hauptrolle. Sie dürfen gespannt sein, was meine Schüler da staunen werden.

-ENDE-

Copyright (C) 2014 by Rüdiger Heins

Bildrechte: Coverillustration “SkurileGeschichten1.jpg ” (SKURILE GESCHICHTEN-SPIRALE-20110114083935-8edac2f8) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Gummibärchen für die Seele (Kartoniert)
Mystik für Einsteiger und Realisten
von Obermaier, Pamela Y. N. / Hasmann, Gabriele

Verlag:  Goldegg Verlag GmbH
Medium:  Buch
Seiten:  343
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  November 2014
Maße:  134 x 216 mm
Gewicht:  479 g
ISBN-10:  3902991100
ISBN-13:  9783902991102

Beschreibung
Mystik trifft Alltag:

Von Tag zu Tag wächst unsere Sehnsucht nach Leichtigkeit, Ruhe und Entspannung. Doch es ist nicht einfach, den Alltag abzuschalten: zu sehr kreisen unsere Gedanken um Probleme, Sorgen und Belastungen.

Dieses Buch bietet ungewöhnliche Ansätze, um Freude, Genuss und tiefe Erholung zu finden eben Gummibärchen für die Seele. Wer nicht in die esoterische Welt abdriften will, aber Mut hat, neue Wege auszuprobieren, bekommt hilfreiche Anregungen und Tipps, die den Einstieg in spirituelle Methoden erleichtern.

Die unterhaltsamen Selbstversuche und Praxistests der Autorinnen geben Einblick in verschiedenste Praktiken und führen die Leser zu jener Technik, die am besten zu ihnen passt. In diesem Buch geht es um mystische Momente, die den Alltag verschönern, den Horizont erweitern und den Weg für neue Erfahrungen öffnen, ohne dabei den Boden der Realität zu verlassen.

Autorinnen
Pamela Obermaier wirkte nach Abschluss ihres Studiums (Germanistik, Psychologie, Philosophie und Pädagogik) etliche Jahre als Journalistin und Redakteurin für unterschiedlichste Formate in den Bereichen TV, Radio und Print in ihrer Geburtsstadt Salzburg sowie ihrer Wahlheimat Wien. Inzwischen hat sie sich mittels verschiedener Positionen ganz der Literatur verschrieben: Aktuell leitet die Autorin einen traditionsreichen Verlag, schreibt Bücher und arbeitet außerdem u. a. als Texterin, Lektorin und Ghostwriterin.

Gabriele Hasmann war viele Jahre lang als Zeitungs-, Radio- und TV-Journalistin tätig, ist Trägerin mehrerer Literaturpreise und Autorin zahlreicher Bücher. Als Ghostwriterin, Autorenbetreuerin, Lektorin und Leiterin von Schreibkursen gibt sie ihr Wissen auch an andere weiter.

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  1. Liebe Besucher, Leser und Unterstützer unseres Literaturblogs, wenn Ihr unseren Autoren ein wenig Unterstützung bieten möchtet, so gibt es jetzt die Möglichkeit eine kleine Summe über den unten stehenden Button innerhalb der Story per Paypal in die Kasse einzuzahlen, aus der dann die Preisgelder für die Gewinner des nächsten Storywettbewerbs mitfinanziert werden:

    Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

  2. Nette Story die zum Lächeln reizt. Ein Mann der weiß wie man mit Worten umgeht. 🙂

  3. Nette Story die zum Lächeln reizt. Witzige Anekdote auf Schwafler. 🙂

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