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DAS BUCHHOLZER KÄTHCHEN – eine Kurzgeschichte von Rüdiger Heins

DAS BUCHHOLZER KÄTHCHEN

eine

Kurzgeschichte

von

Rüdiger Heins

Kartoffeln schälen
Warten auf das junge Kalb
Jupp ist auf dem Feld

Senryu

Drinnen in der Küche bereitet Käthchen das Frühstück zu: Gebratene Spiegeleier mit Speck aus der eigenen Schlachtung, dazu frische Butter; Weißbrot und Marmelade stehen bereits auf dem Tisch. Der Bauer trinkt morgens immer nur Kamillentee.

Josef ist noch im Stall, um die Kühe zu melken. Da ist das Klirren der Ketten, mit denen sie verbunden sind. Ein monotones Brummen der Melkmaschine.

Dieser Morgen ist wie jeder Morgen. Wie sollte er auch anders sein? Käthchen schaut aus dem Fenster und träumt sich in die Landschaft hinein.

Saftiges Grün vermischt sich mit den gelben Farbtupfern der Butterblumen, dazwischen das zarte Rot des Mohns. Von weitem ist das Krähen eines Hahnes zu hören, während ein leichter Wind über die Hänge streift. Mit einem sanften Kauen bewegen sich Kühe über die Weide. Die Ruinen des alten Klosters. Traktorengeräusche.

Diese geschundene Eifellandschaft hat sich tief in ihre Seele gegraben Mit schwieligen Händen und gebogenen Rücken ringen die Bauern ihr schon seit Generationen die Früchte ihrer Arbeit ab. Käthchen war ihr Leben lang nur hier oben auf dem Hof. Es gab nie einen anderen Ort, an dem sie hätte leben können. Länger als zwei Wochen hielt sie es nirgendwo aus. Gewiss, da war dieser Tiroler Bursche, ein junger Mann aus reichem Elternhaus, er hätte sie gerne geheiratet. Auch sie hatte damals Freude an ihm. Doch Tirol, nein, das war nicht ihre Heimat. Bereits in der ersten Woche in Klausen bekam sie so großes Heimweh, dass ihr Liebster in der zweiten eine Fahrkarte nach Mayen lösen musste. Sie versprach ihm wiederzukommen. Er wartete lange, vielleicht viel zu lange. Doch sie konnte das Versprechen nicht einlösen. Die Eifel hielt sie zurück. Ihre Entscheidung, zu bleiben, hat sie nie bereut.

Einen dieser derben Eifelbauern wollte sie auch nicht heiraten. Die waren ihr zu grob und ungebildet. Da blieb sie lieber allein. Wozu brauchte sie auch einen Mann? Ein Mann nützte ihr hier nichts und anderswo auch nicht. Sie hatte ja auch alles, was sie brauchte: eine Familie, das Land, das Vieh. Da war kein Platz mehr für einen Mann. So verbrachte sie ihre jungen Jahre im Elternhaus. Maria, ihre jüngere Schwester, Jupp, der kleine Bruder, und Mama. Vater starb schon sehr früh und Rudi blieb in Russland.

Ihr blieb die Arbeit im Stall und auf dem Feld oder der Mutter in der Küche zur Hand zu gehen. Nie bekam sie ein Lob für ihren Fleiß. Dabei versuchte sie ihre Arbeit immer gut und ordentlich zu machen. Doch sie wurde nur getadelt. Auch daran gewöhnte sie sich, war sie doch der Meinung, ihre Mutter könne nicht anders.

Als Maria aus dem Hause ging, um einen Kaufmann in Burgbrohl zu heiraten und Kinder zu gebären, blieb sie. Einige Jahre später, als Mutter starb, spielte sie kurz mit dem Gedanken, den Hof zu verlassen, doch auch dann blieb sie. Ernsthaft wollte sie nie ihr Buchholz verlassen. Wo sollte sie auch hin?

„Hast du die Hühner gefüttert?“ Jupp kommt aus dem Stall. Er setzt sich an den Frühstückstisch. Die Fliegen, die sich an der Marmelade zu schaffen machen, vertreibt er mit einer schnellen Handbewegung, „Möckevieh“. Im Radio die Nachrichten. Es dauert nicht lange und Jupp ist mit dem Frühstück fertig Er zieht draußen vor der Tür seine Stiefel an, setzt sich auf den Traktor und fährt in die Rüben.

Käthchen ist wieder allein. Sie genießt diese Morgenstunden, wenn Jupp draußen auf dem Feld ist und sie sich alleine im Haus ihren Träumen hingeben kann. Nachdem sie den Küchentisch abgeräumt und die Kartoffeln auf den Herd gestellt hat, zieht sie sich in das Schlafzimmer ihrer Mutter zurück.

Sie haben alles so gelassen, wie Mama es zurückließ. Jeder Versuch Käthchens, sich dort ein eigenes Zimmer einzurichten, wurde von Jupp mit den Worten: „Es bleibt alles so, wie es ist“, zurückgewiesen. So schlief sie weiterhin in ihrer engen Kammer, in der nur für ein Bett und eine Kommode Platz war. Doch immer, wenn sie alleine war, hielt sich Käthchen im Zimmer ihrer Mutter auf. Sie durchstöberte dann den alten Eichenschrank, der von einem Schreiner in Ahrweiler angefertigt worden war. Ein einfacher Bauernschrank, auf dem sich die Spuren der Zeit ins Holz geritzt hatten. Der Schrank war der ganze Stolz ihrer Mutter. Sorgfältig aufeinandergelegt bewahrte sie darin die Bettwäsche aus Leinen auf. Auch das Hochzeitskleid aus grünem Brokat hing noch am Bügel. Es musste wohl mehr als achtzig Jahre alt sein. Ihre Mutter hatte es in all den Jahren vor Motten und dem Zerfall der Zeit gerettet.

In der Schublade des Nachtschränkchens liegt noch Mamas Gebiss. Der Leichenbestatter konnte es ihr nicht mehr anpassen.

Die alte Klosterruine erhebt sich mit ihren grauen Mauerresten in den morgendlichen Himmel. Konturen des Zerfalls vereinen sich nahtlos mit dem Blau des Himmels. Dazwischen die Sträucher und Gräser, die der Ruine ihren Zauber verleihen.

Buchholz, die Klosterruine, das Land: Das ist der Platz von Käthchens Ahnen. Die Einigs wohnen bereits seit vielen Generationen hier oben. Als die Benediktiner die Probstei verließen, kamen Bauern aus Burgbrohl, Ahrweiler und Niederzissen, um sich mit ihren Familien in den alten Gemäuern anzusiedeln. Jetzt gibt es hier oben nicht mehr viele Bauern. Die meisten haben sich aus der Landwirtschaft zurückgezogen. Käthchen und Jupp sind geblieben.

Es duftet nach frischem Heu und Kuhdung. Sie schaut aus dem Fenster und atmet die Morgenluft ein. Für sie ist dieser Duft wie eine zarte Melodie, die diese karge Landschaft mit ihren weichen Tönen zum Singen bringt. Jetzt beobachtet sie ein paar Spatzen, die auf einem Fladen Mist nach etwas stochern. Leben und leben lassen.

In der Nachttischschublade greift sie wieder nach dem Brief, den ihr Mama interlassen hat. „Käthchen“ steht da in Sütterlinbuchstaben, denen anzusehen ist, das sie von schwacher Hand geschrieben wurden Käthchen hält den abgegriffenen Umschlag in ihren Händen, sucht nach Spuren ihrer Mutter. Riecht daran. Riecht, ob sie vielleicht noch den Hauch eines Duftes von ihr erspüren kann. Mama hat diesen Brief kurz vor ihrem Tod geschrieben. Sie wusste, dass sie bald sterben würde. Käthchen und Jupp auch. Aber sie schwiegen sich darüber aus. Sie wollten nicht, dass sie stirbt. Es sollte alles so bleiben. Der Brief war immer noch ungeöffnet. Auch zehn Jahre nach ihrem Tod. Nie hatte sie den Mut gehabt, ihn zu öffnen. Sie hatte einfach Angst davor, die letzten Zeilen ihrer geliebten „Mama“ zu lesen. Diesen Augenblick wollte sie möglichst weit von sich wegschieben. Immer wieder nahm sie sich vor, den Brief zu öffnen. An Mamas Geburtstag, an ihrem Todestag; Gelegenheiten hatte sie genug, nur sie nahm keine davon wahr. Heute war wieder so ein Tag, Käthchens Geburtstag. Jupp hatte ihn wie immer vergessen. An ihrem siebzigsten Geburtstag, hatte sie sich bereits seit langem vorgenommen, werde sie den Brief öffnen. Heute ist ihr siebzigster Geburtstag. Aber auch dieses Mal zögert Käthchen. Sie kennt dieses Zögern. In Gedanken hört sie die Stimme ihrer Mutter. Drohend, klagend, wütend. Nie kam ein gutes Wort über ihre Lippen. Was mag sie wohl in diesem Brief geschrieben haben? Nur zaghaft versucht sie mit einer Nagelfeile, die sie in Mutters Nachttischschublade gefunden hat, den Umschlag zu öffnen. Ihre Hände zittern. Käthchens Aufregung steigert sich mit jedem Millimeter, den sich die Nagelfeile ins Papier schneidet Doch plötzlich verliert sie den Mut, weiterzumachen. Sie legt die Nagelfeile wieder an ihren Platz zurück, den Brief auch. „Nein, heute werde ich ihn nicht lesen, ich bin noch nicht so weit. Vielleicht morgen.“

Ein Traktorengeräusch, das deutlich lauter werdend in den Hof dringt, lässt sie aus ihrer Einsamkeit erwachen. Schnell springt sie vom Bett ihrer Mutter auf, rennt in die Küche. Die Kartoffeln sind bereits angebrannt. Jupp kommt zur Tür herein: „Sin die Katoffele schun widder anjebrannt? Och Käthche!“ Sie schweigt. Nachdem Jupp die angebrannten Kartoffeln draußen auf dem Mist entsorgt hat, geht er in die Stube, um den Fernseher einzuschalten Er legt sich auf das Sofa und sieht die Nachrichten. Mit einer blauen Plastikfliegenklatsche in der Hand vertreibt er die Fliegen, die sich am Schweiß auf seiner Stirn laben wollen: „Möckevieh!“

Käthchen schält Kartoffeln. Heute wird im Stall noch eine Kuh kalben. Als sie den Topf auf den Ofen stellt, murmelt sie leise vor sich hin: „Morgen, ganz bestimmt morgen …“

– Ende –

Copyright © 2013 by Rüdiger Heins

Heins, Rüdiger – Autorenporträt

Bildrechte: Dynastien.jpg” (Dynastien2x.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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WEITERE GESCHICHTEN DES AUTOR FINDEN SICH IN UNSERER BUCHEMPFEHLUNG:


Heins, Rüdiger
Urstrom: Vier Theaterstücke vom Jenseits ins Diesseits

Verlag :      Bertugan-Verlag
ISBN :      978-3-939165-26-2
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,50 Eur[D] / 14,50 Eur[A] / 21,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.10.2012
Seiten/Umfang :      145 S. – 21,0 x 13,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 09.2012
Gewicht :      200 g

4 Theaterstücke:

„Gilgamesch und Enkidu“
„Fee: Ich bin ein Strassenkind“
„Vision der Liebe“ (Hildegard von Bingen)
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5 Comments

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  1. Man kann sich das richtig vorstellen, wie die Frau dasitzt und Kartoffeln schält und wie das Leben ihr die Jahre abverlangt. Die Geschichte schmeckt richtig nach der Zeit, in der sie handelt …

    Vielleicht mag auch hier der Autor uns einweihen, wie diese Story in seinem Kopf enstand.

    Was meinen Leser zu dieser Geschichte, die doch so ganz ander ist, als die meisten Beiträge auf dieser Seite?

    Ich finde das eine schöne Bereicherung unserer Bandbreite, um es mal so zu formuliereen, aber sagt ihr dazu?

  2. Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Als junger Student bin ich zu den Einigs in den Semesterferien gefahren, um mich dort im Stall und auf dem Feld vom Studium zu erholen.
    Diese Geschichte war schon lange in meinem Kopf.

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