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DAS 9. ABENTEUER DER MILENA HIMIKO KOMORE Episodengeschichte (Teil 34) von Felis Breitendorf & Conchita Mendés

 

DAS NEUNTE ABENTEUER DER MILENA HIMIKO KOMORE

Episodengeschichte (Teil 34)

von Felis Breitendorf & Conchita Mendés

Lektorat: Detlef Hedderich/ Schlusslektorat: Günter Maria Langhaus

Das Universum in dir – Eine etwas andere Naturgeschichte von Neil Shubin (Leseprobe 2)

KRIEGER SEIN BRUDER SEIN – Manifest 47“ Copyright © 2015 by (Michaela) Falkner

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* * *

Das Universum in dir
Eine etwas andere Naturgeschichte
von Neil Shubin

5.

Stellen wir uns einmal vor, wir stünden vor einem Panorama, so groß wie das Auge reicht. Gleichzeitig wissen wir, dass unsere Suche einem Fossil gilt, das so groß ist wie der Punkt am Ende dieses Satzes. Fossile Knochen können sehr klein sein. Dasselbe trifft auch auf ganze Panoramen zu, die im Verhältnis zur Oberfläche des Planeten wirklich winzig sind. Wenn man Lebewesen früherer Zeiten finden will, darf man Steine nicht als unveränderliche Objekte betrachten, sondern muss lernen, in ihnen Gebilde mit einer dynamischen und oftmals turbulenten Vergangenheit zu sehen. Das bedeutet auch zu begreifen, dass unsere Körper und unsere gesamte Umwelt nur kurze Augenblicke im Ablauf der Zeit darstellen.

Die die Szene beobachten tun es ihnen gleich und umarmen einander auch sie

werden auf der Stelle erschossen.

Die Scharfschützen fassen sich ans Herz sagen „Das sind keine Menschen!“

„Ja!“

„Das sind keine Menschen!“

Früher Morgen auf dem Sportplatz eine Menschenmenge wir die Bevölkerung

die Scharfschützen und wir stehen einander gegenüber.

Sie montieren uns kleine sehr scharfe Klingen an unsere Hände damit wir uns

nicht mehr berühren können ohne einander zu verletzen dabei pfeifen sie

vergnügt singen Lieder.

Als ich an die Reihe komme flüstere ich „Ich kenne dich du bist einer von uns“

der Scharfschütze verneint „Bin ich nicht.“

„Bist du schon.“

„Bin ich nicht.“

„Bist du schon.“

„Bin ich nicht.“

Flüstere erneut „Bist du schon!“

„Bin ich nicht.“

„Bist du schon.“

Irgendwann ist dann der nächste an der Reihe „Hände auf den Rücken!“

Wir haben jetzt an unseren Händen kleine sehr scharfe Klingen wenn wir

einander berühren verletzen wir uns.

Scharfschützen malen in den Straßen weiße Kreise auf den Boden und platzieren

uns darin sagen immer wieder „Wir zeichnen Kreise auf den Boden innerhalb

dieser Kreise dürft ihr euch bewegen außerhalb garantieren wir für nichts.“

Ich streiche über mein Gesicht.

Ich blute.

Wir sind nicht stärker als sie.

Wir sind nicht stärker als sie!

* * *

Wir befinden uns in einem Hafenstädtchen und die Daten unserer Sonden haben dort eine Reihe von Gestaltwandlern über ihre Wärmeabstrahlungen ausfindig machen können. Offenbar hat man sich hier organisiert, denn die Infrarotaufnahmen zeigen einige Zusammenkünfte solcherart Strahlungsbilder, die nur diesen Schluss zulassen. Wir werden das Versteck dieser Leute ausfindig machen, denn einzeln, wäre das viel zu mühsam und zeitaufwendig. Aus diesem Grund begeben wir uns in den Untergrund, wo wir die Gestaltwandler vermuten. Dabei sind diese Leute nicht mal so dumm, denn vermutlich haben sie wohl schon begriffen, dass sie mit ihrer Andersartigkeit nicht hausieren gehen dürfen, wenn sie ihr Leben in Ruhe weiterleben wollen. Das wir nicht der Feind sind ist diesen Wesen natürlich nicht beizubringen, denn immerhin fußt ihr ganzes Leid und Elend auf Menschen, die sie als kopierte Wesen darstellen und sie eigentlich unsichtbar in der Menge machen sollte. Doch die Schwachstellen ihres Verhaltens sind einfach nicht wegzuleugnen und so müssen sie im Grunde ums Überleben kämpfen, denn für die Siedlernachkommen auf dieser Welt sind sie keine Menschen und damit nur ein aussätziger Ballast der Gesellschaft. Das Naziregime auf der alten Erde lässt grüssen! Auch dort galten bestimmte Abstammungslinien nicht mehr als Menschen sondern Tieren gleich, als Ausschussware der Natur. Im Grunde sind die Menschen, die jetzt entsetzt darüber die Hände vors Gesicht schlagen würden, auch nicht viel besser, wenn man mal bedenkt, dass das Verspeisen von anderen Individuen, mit denen wir mehr als eine Abstammungs-DNS teilen, eigentlich doch mindestens genauso grausam anzusehen ist. Auch diese Menschen, die anderen Menschen kein Haar krümmen würden, vergessen einfach, dass unsere damaligen Mitbewohner auf Terra oft zu 99 % dieselben DNS-Stränge besessen haben, die wir über Jahrtausende hinweg ausgebeutet und anschließend auch noch verspeist haben. Es gibt hier also keinen Grund hochmütig zu sein und sich für was Besseres zu halten. Streng genommen, und aus der Sicht von Außen, sind wir auch nur Tiere, die ein wenig Glück gehabt haben, bei den damaligen Wursttheken auf der guten alten Erde, auf welcher Seite man sich letztlich wiedergefunden hat. Hochmut kommt halt doch immer vor dem Fall, wie uns die Geschichte der Menschen immer wieder bewiesen hat.

Zurück ins Hier und Jetzt: Die Gruppe um deren Rettung wir uns bemühen, haben auf jedenfalls etwas begriffen: Man sollte nichts dem Zufall überlassen und bei jeder Zusammenkunft für einen Plan B oder einem Hinterausgang sorgen, den man stets zu bewachen hat! Die dunkle Hafenpinte in die wir zwei Gestaltwandler-Jungen folgen, ist offensichtlich gut gesichert. Ganz so schnell gelingt es uns mit Sicherheit nicht, unbemerkt die kleine verstecke Tür, die man durch die Speisekammer der Gaststättenküche erreicht, ausfindig zu machen. Hier gilt es gleich mehrer Hürden zu nehmen: Einmal sind hier die Bedienung und der Wirt, als auch der Koch und sein Gehilfe, an denen wir uns nicht einfach so vorbeischmuggeln können. Jedenfalls wissen wir aus den Daten unserer Sonden, dass unter der Kneipe ein ausgiebiges Kellerlabyrinth zu finden ist und was Wirt, Bedienung und Köche angeht, es sich bei ihnen um Menschen handelt. Welche merkwürdige Abmachung hier das Versteck regelt, ist uns noch nicht wirklich klar. Eigentlich lassen sich keine Menschen mit diesen Gestaltwandlern ein, sondern man schlägt hier normalerweise immer in die gleiche Vorurteilskerbe.

Wir nutzen deshalb weitere Daten wie Ultraschall und Tiefenmessfähigkeit unserer Sonden, so das wir auf unseren Monitoren, innerhalb der Köpfe unserer Avatare eine kristallklare Lageplanstruktur ausspionieren, die ich ebenfalls auf meinem Monitor erblicke, wie auch MANTANA dies in ihrem Quantenrechnerhirn tut. Jetzt heißt es, zu überlegen, wie wir unseren Avataren Zugang zum Versteck der Gestaltwandler verschaffen können, ohne Aufmerksamkeit auf uns und die Zielobjekte zu ermöglichen. Alles andere würde wohl wie ein Lauffeuer sich über diesen Planeten verbreiten und unsere Arbeit radikal erschweren.

* * *

Das Universum in dir
Eine etwas andere Naturgeschichte
von Neil Shubin

6.

Das Drehbuch, mit dessen Hilfe Fossilienjäger sich neue Orte zum Suchen auswählen, ist während der letzten 150 Jahre mehr oder weniger unverändert geblieben. Rational betrachtet, ist es ganz einfach: Finde diejenigen Orte, an denen das Gestein genau das richtige Alter hat, um damit die Fragen beantworten zu können, die dich interessieren; suche Gesteinstypen, die wahrscheinlich Fossilien enthalten werden und außerdem an der Oberfläche freiliegen. Je weniger du buddeln musst, desto besser. Diese Herangehensweise, die ich bereits in meinem Buch „Der Fisch in uns“ beschrieben habe, führte schließlich dazu, dass meine Kollegen und ich einen Fisch fanden, der an der Schwelle des Überganges zum Leben an Land stand.

Klebebänder Farbe für die Haare Farbe für die Beine die Haut Leim für die

Knochen nachts in den Straßen die Toten einsammeln und mir einen Menschen

daraus bauen.

Mir einen Menschen bauen.

Einer für mich mit mir einer der mit mir ist der mit mir kommt Gesichter waschen.

Hände Arme ein Gesicht Augen die Augen!

Ein warmer weicher Körper!

Ein warmer weicher Körper ganz nah an meinem ganz nah Hände Augen der

Bauch die Füße Arme ich baue mir einen Menschen.

Nachts gehe ich raus zu ihnen ich ziehe mich aus und versuche so viel Haut zu

tasten wie ich kann dringe in sie ein so tief ich kann verschlinge sie esse so viel

ich essen kann trage so viel ich tragen kann schiebe mich dazwischen.

Lege sie übereinander wärme die Körper so wieder an und schiebe mich

dazwischen.

Die Toten einsammeln.

Meine Hände warm.

„Und wenn uns einer sieht?“

„Keiner kann uns sehen es ist viel zu dunkel hier.“

Ivan tritt auf einen Kirschkern „Ich bin auf einen Kirschkern getreten hier müssen

sie sein!“

„Shhhh.“

„Nicht so laut!“

„Ich kann sie riechen ich rieche sie ich rieche Kirschen!“ pflückt eine Kirsche und

reicht sie mir „Hier nimm!“ schreit auf „Sei vorsichtig! Deine Hände!“

„Du hast mich geschnitten!“

„Entschuldige.“

Ich weiche zurück.

Ivan streckt mir seine Hände entgegen ich sehe sie mir an ohne ihn dabei zu

berühren „Zeig!“ Blut tropft zu Boden.

* * *

Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir uns über den Keller eines Nachbargebäudes Zugang verschaffen. Dort nehmen wir ein Brandreißerband, das wie ein Klebeband auf das Mauerwerk aufgetragen wird und anschließend über einen Spannungsreger einen Stromimpuls von einer ganz bestimmten Höhe erhält worauf das Mauerwerk unter dem aufgeklebten Material punktgenau korrodiert, so dass man mit einem Saugheber die komplette ausgeschnittene Mauer raushebeln kann. Anschliessend brauchen wir nur noch durchgehen und befinden uns im Keller des Nebengebäudes. Wir treten also durch die entstandene Öffnung und schalten die Mikros unserer Avatare so hoch, dass wir ausmachen können wo die Gruppe sich aufhält. Anschließend fahren wir unsere Nachtsicht vorsichtig hoch, denn in dem Keller, in dem wir uns im Moment befinden, ist es stockdunkel. Beim ersten Lichtschein wird sich unsere Sicht automatisch an die Verhältnisse anpassen und wir müssen nicht befürchten, überrascht zu werden und kurzzeitig erblinden. Als wir vorsichtig den Gang weitergehen und an der nächsten Gabelung um die Ecke lugen, sehen wir fünf Personen zusammenstehen, die uns erst bemerken, als wir mit gezogenen Betäubungswaffen vor ihnen stehen. Sofort geht eine Serie von Rufen durch die Gruppe und plötzlich haben alle eine Waffe in den Händen. Die Waffen sind alle baugleich, soweit man das in diesem Moment beurteilen kann. Es sind Miniversionen von Armbrustgeschützen, gerade mal so groß, dass man sie bequem unter der Kleidung verbergen kann. Mit einer solchen Gegenwehr hatten wir jedenfalls nicht gerechnet. Sofort geht ein Hagel von kleinen Bolzen über uns nieder, vor denen wir uns mit unserer Kleidung so gut es geht schützen. Natürlich können solche Bolzengeschosse nicht in das Gewebe eines Androiden und Avatars eindringen und die Überraschten schauten noch ungläubiger zu uns herüber als zuvor. Sofort verwandelten sich die Menschen in wolfsähnlich Geschöpfe, die zu fliehen versuchen, was ganz besonders obskur aussieht, da die menschliche Kleidung noch immer an ihnen herunterhängt und sie beim Wegrennen behindert. Ansonsten wäre es vielleicht dem Einen oder Anderen gelungen sich abzusetzen, doch so können wir einen Wolfshund nach dem anderen betäuben und niederstrecken.

Sofort mache ich mich aus meiner Kommandozentrale auf und befreie mich aus dem Stuhl für die Avatar-Steuerung. Anschließend teleportiere ich in leichter Schutzbekleidung an den Ort des Geschehens und transportiere einen nach dem anderen der Wolfstiere in seine Gefrierkammer. Anschließend setzte ich mich wieder in den Sitz der Avatar-Steuerung in meiner kleinen Befehlszentrale in meinem Habitat, das sich an Bord des Mantaschiffes befindet und mittels Kreiselbewegung dafür sorgt, dass ich nicht herumschweben muss, sondern meine bevorzugte Schwerkraft genießen kann. Was im Moment wohl auch für den Puma gilt, der sich auf einem großen Kissenlager in der Ecke der Steuerzentrale befindet und der mich mit müden Augen anschaut und seinen Kopf wieder auf seine Pfoten sinken lässt, obwohl ich genau weiß, dass er keineswegs geistig abwesend ist und alles um sich herum genauestens registriert, wenn er dabei auch nicht in meinen Gedanken herumspaziert. So lautet jedenfalls unsere Abmachung auf die ich zähle.

Nachdem alle Gestaltwandler sicher in den Tiefgefrierkammern untergebracht wurden, übernehme ich wieder meinen Avatar.  Inzwischen tut sich auch was von Seiten der Kneipenbelegschaft. Mit allerlei Messern und Säbel bewaffnet stürmen sie die Treppe herunter, so dass wir uns genötigt sehen über den Keller des Nachbarhauses zu verschwinden. Sicher hätte uns interessiert, warum diese Menschen mit der Gestaltwandlergruppe gemeinsame Sache machen oder zumindest ihnen ein Versteck oder einfach nur Unterschlupf gewähren. Doch die Antwort darauf ist das Risiko nicht wert entdeckt zu werden, als diejenigen, die vor ihrer Nase diese Nichtmenschen verschleppen. Die Sondendaten bestätigen, dass diese Hafenstadt frei von Gestaltwandlern ist und so machen wir uns zurück in unser Hotel um uns für die nächste Reise vorzubereiten, die uns in den Süden bringen wird, in dem es laut Sonden nur so wimmelt von Gestaltwandlern.

* * *

Das Universum in dir
Eine etwas andere Naturgeschichte
von Neil Shubin

7.

Während meines Studiums in den Achtzigern fühlte ich mich zu einer Arbeitsgruppe hingezogen, die fortschrittliche, neue Methoden zur Suche nach Fossilienfundstätten entwickelt hatte. Ihr Ziel war es, die ältesten Verwandten der Säugetiere in versteinerter Form zu entdecken. Die Gruppe hatte an mehreren Orten im Westen des nördlichen Kontinents kleine, an Spitzmäuse erinnernde Fossilien und eng mit ihnen verwandte Reptilien gefunden. Doch Mitte steckten sie nach ersten Erfolgen in einer Sackgasse. Am besten formuliert man das Problem mit dem Paläontologenwitz »Jedes neu entdeckte fehlende Bindeglied reißt zwei neue Lücken in der Fossilienreihe auf«. Auf diese Weise hatte das Team einen ganzen Haufen dieser Lücken geschaffen, und sah sich jetzt mit einer solchen Lücke in 200 Millionen Jahre altem Gestein konfrontiert.

Wir stehen da sehen einander an seine Augen was ist nur mit seinen Augen.

Dann leuchten Scheinwerfer auf.

Ivan beginnt am Boden nach etwas zu suchen „Ich will dir eine Kirsche schenken

noch bevor die uns erschießen!“ findet eine Kirsche und reicht sie mir ich stecke

sie in meine Hosentasche.

Scheinwerfer leuchten in mein Gesicht einer der Scharfschützen zerrt an meiner

Hose „Was versteckst du da drinnen?“

„Eine Kirsche nur eine Kirsche.“

„Niemals niemals in deinem Leben wirst du eine Kirsche essen.“

„Bitte!“ strecke meine Hände aus „Ich habe Hunger habe seit drei Tagen nichts

gegessen.“

Der Scharfschütze pflückt eine Kirsche vom Baum isst die Kirsche gibt mir den

Kirschkern „Steck ihn in den Mund nimm ihn steck ihn in den Mund.“

„Und spucke ihn dann so weit du kannst!“

Er reicht mir den Kirschkern „Für dich!“

Ich nehme den Kirschkern stecke ihn in den Mund kaue auf ihm herum.

„Und!“

„Spucken!“

Ich spucke.

„Das ist nicht weit genug!“

„Hol den Kirschkern und versuche es nochmal.“

Ich beginne den Kirschkern zu suchen kann ihn nicht finden.

„Wo ist er der Kirschkern?“

„Such!“

Ich suche weiter.

Ich kann ihn nicht finden.

Der Scharfschütze schlägt mit dem Gewehrkolben nach mir „Such ihn such ihn

such ihn!“

Ich kann ihn nicht finden.

 * * *

Im Süden angekommen, stehen wir vor dem Problem, dass die Gestaltwandler hier zu Hauff auf den Strassen anzutreffen sind. Wir nehmen uns jeden Stadtteil und auch jedes Dörfchen außerhalb vor und verschleppen die Gestaltwandler einen nach dem anderen. Oft hätte nicht viel gefehlt und wir wären aufgeflogen. Zwar gibt es auf dieser Welt keine elektronischen Geräte aber in den meisten Orten gibt es aus den Regime-Ländern jede Menge Spione, deren wir uns erwähren müssen und bei den meisten Auseinandersetzungen mit diesen Spionen fliegen auch schon mal die Fäuste oder werden die Messer gewetzt. Zum Glück geht alles ohne Schwerverletzte und Tote aus und unsere Arbeit füllt so langsam die Tiefgefrierkammern auf unserem Schiff.

Nachdem die ganze Stadt und die Gebiete Drumherum abgearbeitet sind, ist uns offensichtlich eine Art Geheimpolizei auf den Fersen. Wir reisen daher mit einem Pferdegespann, das wir völlig überteuert von einem Händler gekauft haben, welches ein riesiges Loch in unsere Finanzen gerissen hat. Ich werde bei nächstbester Gelegenheit – nach einem Sprung – unsere Avatare mit weiteren Geldmitteln in Form von Goldmünzen ausstatten, von denen wir noch jede Menge an Bord auf Lager haben. Bis dahin ist es besser erstmal die Gegend zu verlassen. Und so rasen unsere Avatare mit voller Geschwindigkeit über Steppen und Wege, bis sie in einer anderen Großstadt ankommen, von der aus viele weitere Straßen in andere Städte führen. Hier geht es dann auf einmal ganz schnell, denn die Gestaltwandler agieren hier nicht versteckt, sondern versuchen sich als Bürger der Stadt darzustellen. Dass man trotzdem hinter der Hand über alles Nichtmenschliche daher zieht lässt die Gestaltwandler in dieser Großstadt aber völlig kalt, denn hier haben sie sich im Erotikgewerbe etablieren können, wofür es in dieser Stadt offenbar jede Menge Klientel gibt.

..

Offenbar sind es die Vorlieben von Menschen, die gerne mal über die Strenge schlagen, die hier bedient werden, ob sie dabei zu Gewalt und Folter greifen oder anderweitig Niederträchtiges, wofür sich die Gestaltwandler sehr gut bezahlen lassen. Keine menschliche Seele würde sich wohl derart verunstalten lassen, da sie ja nicht über die Fähigkeiten der Gestaltwandler verfügen, die dabei einfach beim Gestaltwandeln spezielle Nervenbahnen ins Leere laufen lassen, so dass sie den Schmerz nicht wirklich verspüren müssen, der ihnen bei den absonderlichsten Sexpraktiken angetan wird. Im Anschluss verändern sie ihre Körper wieder so, dass sie aus ihrer verunstalteten menschlichen Erscheinung wieder einen ansehbaren Körper formen, der ihnen aufs neue zahlungskräftige Kundschaft garantiert, denn je schöner die Damen dabei erscheinen, desto wilder sind die Siedlernachkommen heiß darauf, einen solchen schön aussehenden Körper zu schinden und zu peinigen. Hier werden sicher jede Menge Psychosen ausgelebt, bis hin zu pädophilien Sonderwünschen.

 

* * *

Das Universum in dir
Eine etwas andere Naturgeschichte
von Neil Shubin

8.

Die Suche nach Fossilienfundstätten bekommt Beihilfe von Wirtschaft und Politik: Wenn die Aussicht auf nennenswerte Öl-, Gas- und Mineralienvorkommen besteht, besteht für die Staaten ein Anreiz, die geologischen Verhältnisse innerhalb ihrer Grenzen genau zu kartieren und zu erfassen. Deshalb finden sich in praktisch jeder geologischen Fachbibliothek zahlreiche Artikel, Berichte und – hoffentlich – auch Kartenmaterial, aus denen Alter, Aufbau und Mineraliengehalt des Gesteins hervorgehen, das an der Oberfläche verschiedener Staaten und Regionen freiliegt. Die Herausforderung besteht darin, die richtigen Karten zu finden. Die besagte Arbeitsgruppe am Museum für Vergleichende Zoologie wurde von Professor Farish A. Jenkins Jr. geleitet. Fossilien zu entdecken war für ihn und seine Mannschaft das tägliche Brot, und die Arbeit begann in der Bibliothek. Chuck Schaff und Bill Amaral, zwei Kollegen aus Farishs Labor, spielten dabei eine Schlüsselrolle; die beiden hatten ihr Verständnis der Geologie so verfeinert, dass sie mutmaßliche Fundstätten vorhersagen konnten, und – noch wichtiger – sie hatten ihren Blick so trainiert, dass sie tatsächlich selbst winzig kleine Fossilien fanden. Ihre Beziehung hatte oft die Form einer langen, freundschaftlichen Diskussion: Der eine stellte eine neue Idee in den Raum, und der andere bemühte sich erbarmungslos darum, sie zunichtezumachen. Hielt der Gedanke dem zumeist liebenswürdigen Meinungsaustausch stand, stellten sich beide hinter den Vorschlag und legten ihn Farish vor, der ihn mit seinem genauen Gespür für Logistik und Wissenschaft beurteilen sollte.

„Ich kann ihn nicht finden!“

Der Scharfschütze nimmt erneut eine Kirsche vom Baum isst die Kirsche „Mund

auf!“

Ich öffne den Mund der Scharfschütze spuckt den Kern in meinen Mund „Und!“

„Spuck ihn so weit du kannst!“

Ich versuche noch etwas Fleisch vom Kern zu kauen ehe ich ihn so weit spucke

wie ich kann.

„Das ist nicht weit genug!“

„Hol den Kirschkern und versuche es nochmal.“

Ich beginne zu suchen kann ihn nicht finden „Ich kann ihn nicht finden.“

Der Scharfschütze nimmt erneut eine Kirsche vom Baum isst die Kirsche „Mund

auf!“

„Spuck ihn weit so weit du kannst.“

Ich spucke.

Er nimmt die nächste Kirsche isst sie „Mund auf!“ spuckt den Kern in meinen

Mund und ich spucke ihn so weit ich kann.

Zwei Scharfschützen kommen hinzu „Das ist nicht weit genug!“ spucken mir ihre

Kerne in den Mund.

Ich spucke weit.

Nicht weit genug.

Weitere Scharfschützen kommen hinzu schlagen mit Gewehrkolben auf mich ein

Nierenschläge stopfen mir Kerne in den Mund ich verschlucke mich an

Kirschkernen sie halten mir den Mund auf füllen ihn weiter mit Kernen an.

Ich.

Derweil in der Ferne singen sie Lieder.

Scharfschützen hocken in ihren Bäumen essen Kirschen üben sich in

Kirschkernweitspucken singen Lieder unterhalten sich beiläufig über uns die

Bevölkerung.

„Das sind keine Menschen.“

„Vollkommen klar.“

* * *

Da ein Gestaltwandler immer abhängig ist von seiner eigenen Masse und Gewicht, kann er auch nur wieder etwas – ob Tiere oder Menschen – formen, die seiner Gewichtsklasse entsprechen. Da wohl sehr viele Menschen speziell auf der Suche nach Kindern sind, können ihnen die Gestaltwandler nicht immer die Wünsche exakt erfüllen, denn dazu sind sie schlicht zu groß und zu schwer. Also nehmen diese das absonderliche Aussehen von Kindern an, die entweder viel zu fett oder ganz riesig erscheinen, ansonsten aber alle nur erdenklichen kindlichen Züge besitzen.

Wer auf so etwas nicht vorbereitet ist oder sich daran noch nicht gewöhnt hat, für den sind diese „Sexualpartner im Kinderlook“ das reinste Gruselkabinett. In dieser Stadt jedenfalls feiert das Absonderliche regelrecht Hochzeit mit dem Perversen und dem Niederträchtigen, und das auf eine Art bei der man die Gestaltwandler wieder ans untere Ende der Gesellschaft befördert, sie also wieder mal zu nützlichen Opfern stilisiert, die ansonsten auch bei diesen Siedlernachkommen keinerlei Lebens und Überlebensrecht hätten. Nachdem anzusehen ist, dass die Menge der Gestaltwandler auf diese Art und Weise zahlenmäßig nicht zu bewältigen sind, teleportiere ich mit einem kleinen Stadtteiltor in einen Größeren Hof, einer dieser Etablissements um die Geschundenen mithilfe von Androiden hindurch zu bewegen, wobei sie am anderen Ende ebenfalls von Androiden in Empfang genommen und in die einzelnen Schlafkammern verteilt werden. Unsere beiden Avatare schauen sich derweil in den anderen Städten um und suchen bereits nach Standorten, an die wir unser kleines Stadtteiltor teleportieren können, denn offensichtlich können diese riesigen Massen an Gestaltwandlern anders gar nicht mehr bewegt werden. In den anderen Städten sieht es dann noch trauriger aus, was das Lebensrecht der Gestaltwandler angeht. In einigen der Städte haben diese offenbar bereits aufgegeben und es ist ihnen egal, wie man sie behandelt, denn dort geht es ihnen zeitweilig echt so richtig dreckig: Die menschlichen Siedler behandeln sie wie den letzten Dreck, bewerfen sie mit Steinen oder spucken sie an. Die meisten Gestaltwandler reagieren kaum noch darauf und haben ihr Los inzwischen als unumgänglich akzeptiert, oder sie rennen einfach davon, wenn ihnen noch genügend Kraft dazu bleibt.

Insgesamt spitzt sich die Situation derart zu, dass ich inzwischen bereit bin einige Kampfmaschinen aus unseren Lagerbeständen mit hinunter zum Planeten zu nehmen um mit diesen die Gestaltwandler vor den Siedlernachkommen zu beschützen. Dabei kommt es dann auch schon mal zu Toten und Verletzten, was ich zwar zu vermeiden trachte aber sich nicht immer realisieren lässt. Die Kunde von unserem Auftauchen hat sich schließlich soweit rumgesprochen, dass in einigen der weiter weg befindlichen Städte, die Siedler sich mit allem Möglichen bewaffnen und auf unsere Androiden und Kampfroboter losgehen. Mist. Genau das wollten wir ja eigentlich vermeiden, hat aber wohl nicht funktioniert. So bleibt uns nicht anderes übrig als die Gestaltwandler über eine ganze Schar von Androidenhelfern zusammenzutreiben und zu unserer zentralen Stelle mit dem Stadtteiltor zu treiben, bewacht von den Kampfmaschinen, die dabei den Schutz vor der wütenden menschlichen Bevölkerung übernimmt.

(zum nächsten Teil)

Copyright © 2017 by Felis Breitendorf & Conchita Mendés„KRIEGER SEIN BRUDER SEIN – Manifest 47“ Copyright © 2015 by Michaela Falkner –  Mit freundlicher Genehmigung der Autorin, © 2015 by (Michaela) Falkner – ungekürzter Text auch als PDF

Bildrechte: AbenteuerMilenaHimikoKomore” (AbenteuerMilenaHimikoKomore11.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/ 

und: weitere Grafiken im Text von:

WhiskeySierra Grafics

 

Bildrechte: Die Raumfahrerin” (Raumfahrerin 22,5mm hoch.jpg) © 2013 by Detlef Hedderich/sfbasar.de

 

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Herzlichen Dank auch im Namen aller unserer Autoren!

BUCHTIPP DER REDAKTION:

Kaltschweißattacken (Kartoniert)
von Falkner, Michaela

Verlag: Residenz Verlag
Medium: Buch
Seiten: 95
Format: Kartoniert
Sprache: Deutsch
Erschienen: Januar 2009
Maße: 222 x 145 mm
Gewicht: 257 g
ISBN-10: 3701715092
ISBN-13: 9783701715091

Beschreibung
Sie ist wegen Ivan gekommen, für ihn ist sie hier. Ivan ist ihre Heimat, der Ort ihrer Wünsche und Sehnsüchte, der großen Idee von Liebe. Doch als sie schwanger wird, zuerst ein Kind, dann drei, ist Ivan der, der diese Idee verraten hat. Ihre Liebe wird zu einer Obsession, geht unter in Exzessen der Gewalt. Denn der Verrat verlangt nach Rache, und die Rache ist so leidenschaftlich wie die Liebe und so brutal wie das Begehren. Ich bin die Mutter. Ich habe sie geboren ich kann mit ihnen machen was ich will. Michaela Falkner erzählt vom Tod einer Liebe mit der Theatralik einer griechischen Tragödie. Und sie macht gleichzeitig in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit den alltäglichen Schrecken eines Familiendramas erkennbar. Diese Autorin hat den unbedingten Mut zur großen Pose, zum eisigen Pathos der Zerbrechlichkeit und der Grausamkeit.

Autor
Michaela Falkner, 1970 geboren in Kollerschlag, Österreich. Die Autorin arbeitet und lebt in Wien. Promotion in Politischer Psychologie. Arbeiten im Bereich Regie und Dramaturgie sowie Regieprojekte mit eigener Theatergruppe. Seit 2003 widmet sich die Autorin ausschließlich Buchprojekten.

 

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