sfbasar.de

Literatur-Blog

BLUMBERG WILLS WISSEN – Eine Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Blumberg wills wissen

Kriminalkurzgeschichte
von
Günther K. Lietz

Als Ritzker aus dem siebten Stock, im freien Fall, nach unten raste und krachend auf ein parkendes Auto prallte, herrschte in der Straße erst überraschtes Schweigen und dann lautes Entsetzen. Trotz der Anteilnahme am Tod eines Menschen, fand sich die Meldung, mit dazugehörigen Fotos, bereits wenige Minuten später im Internet.

Kommissar Blumberg schüttelte angesäuert sein Smartphone. „Was ist heutzutage denn nur mit der Technik los? So was unzuverlässiges“, schimpfte der in die Jahre gekommene Beamte. „Ohne Knöpfe kann das einfach nicht funktionieren.“

Peter Hansen, Blumbergs jüngerer Kollege, lachte, während er das Auto in den Verkehr einfädelte. „Sie hätten einfach mal an einigen Kursen teilnehmen sollen.“

„Wofür denn, Hansen? In vier Wochen gehe ich in den verdienten Ruhestand. Und den eigenen Verstand zu bemühen ist stets besser, als sich auf neumodischen Schnickschnack zu verlassen. Ah, jetzt geht es. War ausgeschaltet.“

Hansen bog ab, bremste am Zebrastreifen und fuhr dann gemütlich weiter. „Schon Ergebnisse vorhanden?“

„Ergebnisse?“ Jetzt war es an Blumberg zu lachen. Er winkte dann aber wieder ab. „Schon gut, schon gut. Kleiner Scherz. Sie meinen die Aufnahmen. Davon sind schon einige auf unserem Server. Auch erste Zeugenaussagen. So ein Schmarrn. Ich werde mir trotzdem alles selber anschauen und die Leute befragen.“

„Das wird den Kollegen vor Ort nicht gefallen. Doppelte Arbeit. Braucht mehr Zeit. Und ist auch kostenintensiver.“

„Wissen sie, Hansen, früher wurden die Fälle noch von Menschen gelöst und unsere Methoden der Situation angepasst. Heute bestimmt die Buchhaltung was geht und was nicht. Das kann kein gutes Ende nehmen.“

Hansen lauschte dem Navi und bog an der nächsten Kreuzung rechts ab. „Das sind einfach moderne Zeiten, Kollege Blumberg. Die Verbrecher setzen auch die neuste Technik ein. Da müssen wir gleichziehen. Und sparen müssen alle. Polizei, Kriminelle und der normale Bürger auch.“

Kommissar Blumberg schnaubte. „Früher waren wir Freund und Helfer. Da schenkten einem die Kinder noch Vertrauen. Heute laufen sie schreiend weg. Alles nur wegen diesen dummen Fernsehbildern.“

„Wollen Sie damit die Kollegen in Schutz nehmen, die sich falsch verhalten haben?“

Blumberg sah Hansen wütend von der Seite an. „Mein lieber Kollege, Sie wissen ganz genau was ich meine. Zu meiner Zeit wäre die Sache erst einmal hinter verschlossener Türe geregelt worden. Sich so an harmlosen Demonstranten zu vergehen ist zwar eine Schande, aber einen Beamten öffentlich an den Pranger zu stellen ebenfalls. Sie wissen ganz genau, dass es rauer da draußen geworden ist.“

Der Wagen bog nun links ab und fuhr am Flussufer entlang. Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien und Sparziergänger flanierten über die Promenade. „Deswegen brauchen wir die ganze Überwachungstechnik. Um die Verbrecher dingfest zu machen.“

„Totale Überwachung war noch nie ein Garant für Sicherheit, Hansen. Ein freundliches Wort dagegen schon. Alles andere erinnert mich nur an Mielke und Honecker. Und die Zeiten sind zum Glück vorbei. Ah, wir sind da.“

Hansen hielt den Wagen an und winkte kurz den Kollegen zu. Man kannte sich untereinander und ließ die beiden Männer von der SOKO durch. Nägele von der Spurensicherung sah die Neuankömmlinge und kam herüber. Sie trug einen weißen Plastikoverall und wirkte abgespannt. „Die Kollegen, endlich. Wird auch Zeit. Ich muss noch ins Labor, die Beweise auswerten.“ Doktor Monika Nägele zeigte mit dem Daumen auf zwei Lieferwagen. „War ein ziemliches Chaos in der Wohnung. Wir nehmen alles mit, was nützlich scheint.“

Blumberg sah sich um und zeigte dann auf die Beamten in Zivil. „Warum tragen Sie denn einen Plastikanzug und die nicht, Frau Doktor? Entweder alle oder keiner, Sie kennen die Regel.“

Nägele zuckte resignierend mit den Schultern. „Anweisung von ganz oben. Wenn die Presse kommt soll es aussehen wie im Fernsehen. Sonst beschweren sich die Leute oder geben uns sogar Tipps, wie es angeblich richtig geht.“

Hansen versuchte ein Lachen zu unterdrücken, während Blumberg ihn böse anguckte. „Was denn, Hansen?“

„Ich warte auf ihr ‚Früher, da haben wir noch …‘, lieber Kollege.“

Blumberg sah Hansen erstaunt an, dann winkte er ab. „Ach, Sie Idiot. Jetzt spare ich mir den Mist. Sie werden schon sehen, was sie davon haben. Dann lernen sie halt nichts aus meiner Berufserfahrung. Früher, da haben wir noch auf unsere Kollegen gehört. Mist!“

Die Wohnung des Opfers schien wie leergeräumt. Sämtliche Kleinteile waren in Kartons oder Tüten verpackt. Blumberg sah sich um und schüttelte den Kopf. „Wie soll ich denn hier ermitteln, wenn gar nichts mehr in den Regalen und Schränken steht?“ Hansen gab ihm einen Tablet-PC auf dem sich die wichtigsten Informationen befanden. Blumberg sah seinen Kollegen vorwurfsvoll an. „Das ist ein Witz, Hansen, oder? Ich fange doch jetzt nicht noch damit an. Übernehmen Sie das.“

Kollege Hansen lächelte. Er mochte Blumberg und dessen konsequente Art, erst einmal alles abzulehnen. „Das Opfer war Tobias Ritzcker. Geschäftsmann, Hobby-Musiker und Liebhaber. Die Wohnung gehört seiner Freundin Anette Frost. Sängerin in Ritzckers Band ‚The Uniteds‘ und seine Geliebte. Die Band diente wohl eher als Vehikel, um die Affäre zu vertuschen. Als die Kollegen eintrafen herrschte das totale Chaos in der Wohnung. Fotos sind ja auf dem Server. Zeugen berichteten wie Ritzcker fiel und auf ein Autodach krachte. Bilder davon sind ebenfalls auf dem Server. Handyvideos haben wir aber auch schon bei Youtube entdeckt. Ob Ritzcker sprang oder gestoßen wurde hat angeblich niemand gesehen.“

Blumberg seufzte. Youtube. Server. Tablets. Smartphones. Er seufzte noch einmal, diesmal richtig laut, damit es auch ja alle Kollegen hören konnten. „Wo ist die Freundin?“

Einer der Beamten war gerade dabei den Inhalt des Kühlschranks einzupacken. „Sie wollte zu ihrer Schwester. Adresse ist in der Akte oder kann über den Server abgefragt werden“, erklärte der Mann hilfsbereit. „Italienische Mortadella. Lecker.“

„Gibt es Anhaltspunkte, ob sich Beweise unter den Lebensmitteln befinden könnten, Kollege? Oder warum räumen sie alles aus?“

Monika Nägele kam von hinten und legte Blumberg beruhigend die Hand auf die Schulter. „Den ganzen Kram nehmen wir mit, damit es für die Leute gut aussieht. Anweisung vom Senat. Die überlegen auch, ob wir uns Sonnenbrillen zulegen müssen. Das PR-Budget wurde ordentlich aufgestockt.“

Unwirsch schüttelte Blumberg den Kopf. „Aber der Haushalt für Polizeiarbeit wurde gekürzt. Was für ein Wahnsinn. Ich hätte lieber mehr Kollegen als mehr Tablets. Und was soll das mit dem Kühlschrank?“

„Frau Frost hat dem Kollegen erlaubt die Sachen einzupacken und mitzunehmen. Sie hat nicht vor in ihre Wohnung zurückzukommen. Zu gruselig, meint sie. Und es wäre Schade wenn die guten Sachen verderben.“

„Kollege, die Bilder sind geladen“, sagte Hansen und reichte Blumberg das Tablet.

Der Kommissar nahm sich das flache Gerät und guckte auf den Bildschirm. Am liebsten hätte er laut aufgestöhnt, aber diesmal wollte er sich keine Blöße geben. Er galt bereits als antiquiert und Dinosaurier der Abteilung. „Danke, Hansen. Was haben wir denn da. Aha, die Wohnung. Und zwar die Wohnung mit der ganzen Einrichtung. Sieh mal einer an. Das hätten wir ja auch einfacher haben können, nicht wahr, Hansen? Viel einfacher.“

Blumberg sah sich die Bilder genauer an. „Alles viel zu klein. Ich kann ja kaum was erkennen.“

„Es gibt eine Zoomfunktion. Hier unten. Moderne Technik. Sie können sich alles ganz nah heranholen.“

„Wäre nicht alles weggeräumt worden könnte ich auch einfach meine Nase dahinbewegen. Alte Technik, Hansen. Aber gucken wir uns das mal an.“ Blumberg hielt den Tablet-PC hoch vor sein Gesicht und verglich die Wohnung mit dem Foto. „Ich komme mir vor wie bei einem Suchbild. Fehlt nur noch die versteckte Maus.“ Der Kommissar runzelte die Stirn. „Hat jemand die Personalien der Frost überprüft?“

„Sie hat einen aktiven Facebook-Account. Status ist Single.“, kam es vom Kühlschrank, gefolgt von einem leisen Rülpsen. „Hm, Bionade, lecker.“

Blumberg dachte nach. Er kniff die Augen zusammen, konzentrierte sich. Dann sah er sich nochmals die Bilder an und ließ sich von Hansen beim Zoomen helfen. „Ich verstehe das also richtig. Niemand hat tatsächlich die Personalien überprüft, die Dame hat nicht vor wiederzukommen und ist zu ihrer Schwester gefahren. Von der ich auf unseren Bildern übrigens keine Fotos gefunden habe. Da sind nur Fotos von einem Mann und einer Frau zu sehen. Keine Fotos mit zwei Frauen, von denen eine die Schwester sein könnte. Zudem hat sie ihren Status bei Facebook geändert. So weit ich das verstanden habe, ist das ein soziales Netzwerk in diesem Internet. Das bedeutet die Geliebte des Opfers war abgebrüht genug, um ihren Status nach dem Tod ihres Freundes zu ändern. Und ich wette, das hat sie mit einem dieser modernen Smartphones gemacht, dass ihr sicherlich niemand abgenommen hat, um eventuelle Beweise zu sichern.“

In der Wohnung wurde es ruhig. Blumberg hatte alle Aufmerksamkeit und fuhr genüsslich fort: „Irgendwie habe ich das Gefühl, das hier etwas gewaltig schief läuft. Die ganzen neuen Spielsachen, die Presse vor der Türe, Sonnenbrillen auf der Nase, aber die Verdächtige verschwindet einfach. Und in meinen Augen ist sie eine Verdächtige.“

„Wie soll sie denn verschwinden? Wir können alles überwachen“, erklärte Hansen und Blumberg grinste breit.

„Deswegen hat sie es ja schon geschafft aus der Wohnung zu verschwinden. Und ich wette, der liebe Kollege am Kühlschrank ist gerade dabei unabsichtlich Beweise aus der Wohnung zu schaffen. Hauptsache lecker.“ Betretenes Schweigen. „Ich würde erst einmal bei dieser Frau Frost ansetzen, Kollegen. Treibt mir die Dame auf und bringt sie aufs Revier. Und komm mir keiner auf die Idee eine Videoschaltung zu machen. Ich will Frau Frost persönlich sprechen.“

Blumberg schüttelte den Kopf und ging. Hansen folgte ihm. „Beeindruckende Schlussfolgerungen, Kollege Blumberg.“

„Hoffen wir mal, das ich richtig liege. Ansonsten habe ich mich gerade unsterblich blamiert. Und im Labor würden sie ja auch zu Ergebnissen kommen. Irgendwann jedenfalls.“

„Aber jemand mit ihrem Riecher, mit ihrem Instinkt, der ist einfach schneller.“

„Hansen, Sie haben doch ihren ganzen Technikpark. Das wird schon.“

„Sie werden mir fehlen, Blumberg.“

„Sie mir auch, Hansen.“

Tatsächlich wurde Anette Frost auf dem Flughafen aufgegriffen, als sie unter ihrem richtigen Namen versuchte das Land zu verlassen. Sie und Ritzcker waren in einträgliche Drogengeschäfte verwickelt. Drogen, die sie in Pillenform unter die Tiefkühlerbsen gemischt hatten und die Anette Frost in ihrer Panik mit Hilfe der Polizei aus dem Haus schaffen wollte. Tobias Ritzckers Tod stellte sich schlussendlich als Selbstmord heraus, denn nach dem Genuss eines Drogencocktails und einem Streit mit seiner Freundin, hatte er wütend und benebelt versucht die Wohnung durchs Fenster zu verlassen. Was ihm schlussendlich auch gelang. Er hatte sogar sein parkendes Auto getroffen.

ENDE

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz


Buchtipp:


Leena Lehtolainen
Sag mir, wo die Mädchen sind
Maria Kallio ermittelt

Verlag: Kindler
Übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN: 978-3-463-40607-7
Einband: gebunden
Seiten/Umfang: 352 S. – 20,5 x 12,5 cm
Erscheinungsdatum :      16.01.2012

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

Ehrenmorde in Finnland

In Espoo verschwinden kurz nacheinander drei muslimische Mädchen. Alle sind noch Teenager. Kaum hat Maria Kallio damit begonnen, Menschen aus dem Umfeld der Mädchen zu befragen, wird eine vierte junge Frau mit ihrem eigenen Kopftuch erdrosselt aufgefunden, die 16-jährige Iranerin Noor. Schnell stellt sich heraus, dass das Mädchen einen finnischen Freund hatte. Alle Anzeichen weisen auf einen Ehrenmord. Noors männliche Verwandte werden verhört. Doch dann stößt Maria Kallio auf Spuren, die in eine ganz andere Richtung deuten.

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

4 Comments

Add a Comment
  1. Das ist sehr witzig erzählt, hat mir gefallen. Ich hoffe, ich kann noch weitere Storys dieser Art goutieren!

  2. Hallo Günther!

    Wirklich witzige, interessante Idee.

    Mich störte (und lenkte so vom Inhalt ab) die zum Teil fehlende Kommasetzung. Weiterhin fiel auch die Behandlung der wörtlichen Rede auf. Mein Vorschlag wäre, wörtliche Rede eine eigene Zeile zu gönnen und sie nicht in einen Absatz zusammen mit nichtwörtlicher Rede zu vermengen. Außerdem solltest du bei wörtlicher Rede, die den Satz nicht beendet, keinen Punkt setzen. Beispiel: „“Sie wollte zu ihrer Schwester. Adresse ist in der Akte oder kann über den Server abgefragt werden.”, erklärte der Mann hilfsbereit.“ Hier ist der Punkt nach werden nicht nur entbehrlich sondern falsch (der Satz geht ja weiter). In der wörtlichen Rede wird Sie großgeschrieben, wenn eine bestimmte Person angesprochen wird.

    Gruß

  3. Hallo Micha!

    Danke für die Hinweise. Ich bin manchmal zu schnell. Deswegen sollten Autoren gute Korrektoren und Lektoren haben, damit sie sich bloß auf die Kunst konzentrieren können. 😀

    Ich habe die wörtliche Rede im Zusammenhang mit den Begleitsätze mal schnell überflogen und die Autokorrektur von „sie/Sie“ korrigiert, bzw. OO durch LO3 ersetzt.

    Liebe Grüße,
    Günther

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme