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BLACK ICE – Leseprobe (Teil 3) aus dem Roman „Black Ice“ von Frank Lauenroth

BLACK ICE

Leseprobe (Teil 3)

aus dem Roman „Black Ice“

vonFrank Lauenroth

 

(Zurück zu Teil 2)

CLARION PRIME

Neue Ziele

 

Leise Musik erklang im Cockpit der CORONA. Frankie hatte die Augen geschlossen und ließ sich mit seinem Schiff durch den Overstream treiben. Die Augen nahmen die Helligkeitswechsel des Streams dennoch wahr und manchmal – nicht immer – passte das Flackern sogar zum Wispern oder Donnern des Orchesters.

Debussy und der Stream!

„Störe ich?“ fragte Holly, der wieder einmal lautlos neben Frankie erschienen war und die Offensichtlichkeit von leiser Musik und geschlossenen Augen noch nicht vollständig begriffen hatte.

Frankie stemmte sich in seinem Sitz hoch und schaute seinen neuen Kumpan an.

„Kein Bisschen!“ antwortete er und meinte es auch so. Zu lange war er hier draußen alleine unterwegs gewesen, zu lange hatte er sich nach einer Begleitung gesehnt, mit der er sich unterhalten konnte, um jetzt verstimmt zu reagieren.

Debussy konnte warten.

„Ähm, danke noch mal wegen …“

Frankie winkte ab.

„Du musst dich nicht alle zehn Minuten bedanken. Ich bin froh, dass du hier bist.“

Holly schien damit jedoch ebenso emotional überfordert. Frankies mutmaßte, dass sein neues Crewmitglied in seinem Leben – oder seinen Erinnerungen daran – noch nichts Positives erfahren hatte. Wie sonst konnte er sich derart hilflos verhalten? Die Grundregeln menschlichen Miteinanders waren ihm nicht fremd. Doch die Feinheiten zwischen dem Offensichtlichen und dem Alltäglichen waren das, was Holly entweder nicht kannte oder in seinen Umgang mit Frankie nicht einbringen konnte.

Jetzt erst bemerkte Frankie etwas, das einen dunklen Schatten hinter Holly bildete. Wortlos deutete er auf dieses Etwas.

„Ein kaldasinischer Vier-Ebenen-Tisch“, erklärte Holly. „Habe ich in Frachtraum Drei gefunden.“

„Und?“ fragte Frankie.

„Wäre der nicht gut, um das Cockpit etwas wohnlicher zu gestalten?“

Frankie schmunzelte. Holly bemühte sich, das musste er ihm zugestehen. Ein Toy, der sich aufgemachte, ein Mensch werden zu wollen. Doch bevor Frankies Neuzugang seine feminine Ader vollends entfaltete, sollte der Kapitän der CORONA ein Machtwort sprechen.

„Ich nehme an, der Tisch war dort vertäut?“

Holly nickte.

„Also abgesehen davon, dass es sich bei diesem Stück um Ladung handelt und es somit jemandem anderen gehört, lautet die erste Regel im All, dass alles irgendwo befestigt wird. Wenn der Schwerkraftgenerator ausfällt, dann ist es ungemein hilfreich, wenn man sich nicht erst durch Unmengen unbefestigter Dinge kämpfen muss, die einem dann im Weg herumschweben.“

Das war für Frankies Verhältnisse eine ziemlich lange Ansprache.

„Wieso sollte der Schwerkraftgenerator ausfallen?“ stellte Holly die nicht ganz unberechtigte Frage.

„Ein Meteoritentreffer? Ein Angriff eines Piratenschiffs? Ein …“

„Haben wir bei einem Meteoritentreffer nicht ganz andere Probleme?“

„Du meinst, wegen des Druckverlustes? Bruch der Außenhülle?“

„Ich würde zumindest erwarten, dass ein Schiff dieser Größe dann Probleme bekommt.“,

„Vielleicht. Vielleicht nicht. Die CORONA ist mit einem speziellen System zur Versiegelung von Bruchstellen ausgerichtet. Außerdem würden sich die Schotts so schließen, dass die Sektion mit dem nicht automatisch zu schließenden Bruch abgegrenzt werden würde.“

„Klingt aufwändig.“

„Wenn es ums Leben geht …“, antwortete Frankie.

„Und bei einem richtig großen Loch?“

„Wir haben ja noch die Raumanzüge. Die CORONA verfügt über sechs Stück, alle gewartet und in einem Top-Zustand. Na ja, wenn man davon absieht, dass die Mikrophone in den Helmen nicht funktionieren. Aber das ist ja zum Glück nichts, was lebensnotwendig wäre.“

Der Toy schien es dabei bewenden zu lassen. Zumindest wollte er sich bereits dem kaldasinischen Tisch zuwenden, als ihm doch noch eine Frage einfiel.

„Es gibt hier Piratenschiffe?“

„Das war nur ein Beispiel. Und ja, es gibt tatsächlich Piratenschiffe. Es hält sich allerdings hartnäckig das Gerücht, dass diese Schiffe für die LaLeLimbus-Gesellschaft auf Kaperfahrt gehen.“

„Denen gehört doch sowieso schon fast alles in diesem Sektor!“ meinte Holly und offenbarte damit, dass er sich in manchen Dingen durchaus auf der Höhe der Zeit befand.

„Zum Glück eben nur fast. Aber wer sagt denn, dass man nicht einhundert Prozent anstreben kann?“

Kaum, dass Frankie das ausgesprochen hatte, zweifelte er bereits daran, dass Holly die Ironie würde verstehen können.

„Einhundert Prozent“, sagte Holly leise.

Frankie schaute ihn fragend an.

„Ich wüsste gern zu einhundert Prozent, wer ich bin. Wofür ich gemacht wurde und weshalb man mich nach Pächnidhia geschickt hat.“

„Du weißt es nicht?“

„Ich weiß nur, dass ich irgendwie blockiert war. Dass ich etwas tun sollte. Es jedoch nicht wollte oder konnte.“

„Das sah für mich genauso aus. Du hattest die Toys oder deren Nachfahren sozusagen auf dem Präsentierteller und hast die Waffe wieder gesenkt.“

Frankie erinnerte sich, dass sich Hollys Riesenwumme noch immer im Transporterraum befand. Sie war einfach zu groß für seinen vergleichsweise winzigen Waffenschrank im Cockpit. Die Schränke im Transporterraum boten etwas mehr Raum.

„Ich weiß nicht, warum ich es tat. Kannst du mir mein Handeln erklären?“, fragte Holly.

„Weil du in deinem tiefsten Innern mehr Mensch bist, als du selbst zu sein glaubst.“

„Aber nicht alle Menschen sind … gnädig, oder?“

Frankie schüttelte den Kopf.

„Nicht viele hätten wie du gehandelt. Das stimmt. Aber wenn man all die Motivationen fortlässt, die aus dem Homo sapiens der Neuzeit ein Raubtier gemacht haben – also Gier, Lust, Machthunger – dann ist der Mensch im Kern … meist gut.“

„Auch die LaLeLimbus-Brüder?“

„Eher nicht. Fragst du, weil du glaubst, dass sie dich geschickt haben könnten?“

Frankie schaute seinen Untermieter schräg von der Seite an. Diesmal war es Holly, der nickte.

„Tief, sehr tief in meinen Erinnerungen gibt es so etwas wie den Gedanken an ein vorheriges Gefühl, dass die Brüder an meinem Schicksal schuld sind.“

„Eine vage Ahnung?“

„Ein Funke, mehr nicht.“

Frankie glaubte Holly. Erinnerungen sind eine fragile Sache. So manch Erlebtes schaffte es aus dem Kurzzeitgedächtnis nicht in die Langzeitabspeicherung. Und Frankie wusste, dass es Möglichkeiten gab, von außen einzugreifen, Erinnerungen zu löschen oder gar neue, fremde zu implantieren. Letzteres war unter Androhung drakonischer Strafen von den Gesetzgebern der Kernsysteme verboten worden. Doch die Kernsysteme waren weit entfernt und die Versuchung groß. Nicht zufällig hatte es so etwas wie die Entwicklungen auf dem Toy Planeten hier draußen gegeben. In den äußeren Sektoren tummelte sich all das, was in den Kernsystemen einen schweren Stand hätte: Gesetzesbrecher, Flüchtige, Schmuggler und Dealer.

„Ich kenne auf Clarion Prime einen Karenadier namens Wood, der dir helfen könnte“, sagte Frankie.

„Um mich zu erinnern?“

„Genau“, bestätigte Frankie. „Bist du schon einmal einem Karenadier begegnet?“

Holly verneinte.

„Die Karenadier sind Holzwesen. Keine wandelnden Bäume, eher wie kleine Menschen mit Rindenüberzug.“

„Wie Marionetten?“ fragte Holly.

Frankie schmeckte der Vergleich nicht so recht, doch in Ermangelung einer passenden Analogie stimmte er

seinem neuen Copiloten zu.

„Irgendwie ja. Nur ohne Fäden!“, schob er eilig nach.

„Dieser Wood … er ist dein Freund?“

Frankie überlegte. Er hatte Wood einmal dessen hölzernen, kleinen Hintern gerettet. Und immer, wenn er Clarion Prime anflog, besuchte er ihn. ‚Auf ein Glas’, war dabei die Floskel, die sie gebrauchten, um   sich zu verabreden. Frankie musste schmunzeln.

Sicherlich, Wood war ein Sonderling. Karenadier im Allgemeinen und Wood im Besonderen wurden nicht müde, ihre Ehre zu betonen. Eine eventuelle Schuld einem anderen gegenüber wog in ihrem Wertesystem äußerst schwer, doch war Wood viel zu selbstbewusst, um diese offene Rechnung ständig zu erwähnen.

„Ja, er ist mein Freund“, antwortete Frankie eine Spur feierlicher als beabsichtigt. „Und er ist der Fachmann, wenn es um verlorene Erinnerungen geht.“

Holly ließ dies unkommentiert.

Wieder ertönte der Alarm und die zwanzig Sekunden Vorwarnzeit wurden auf dem Sichtfenster heruntergezählt.

„Wir fallen aus dem Stream“, sagte Frankie, doch Holly hatte sich längst angeschnallt.

„Ich weiß“, antwortete er leise. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen.

Frankie wollte im Moment nicht nachfragen, er konzentrierte sich viel mehr darauf, die Gurte möglichst fest zu ziehen.

Noch drei, zwei, eins …

Es fühlte sich an, als würde die CORONA bei voller Fahrt Anker werfen. Frankie wurde nach vorn gerissen. Holly ebenso. Sie waren zurück im Standardraum. Während Holly sich bereits wieder ohne ein Zeichen von Schmerzen abschnallte, sah es bei Frankie etwas anders aus.

„Verdammt“, fluchte er laut. Es wurde wirklich Zeit, den Schildgenerator reparieren zu lassen! Und ohne den Abstecher zum Toy Planeten wäre das auch längst geschehen.

Frankie schaute zu Holly hinüber, der stumm und starr auf den Planeten hinunter blickte.

Clarion Prime!

„Die zwanzigtausend, die du mir gegeben hast … von wem waren die?“

Holly löste sich von den Gedanken, die ihn eben noch festgehalten hatten, und schaute zu Frankie.

„Keine Ahnung. Meine einzige Erinnerung daran ist, dass ich mich in deinem Frachtraum befand und es nicht danach aussah, als ob du mir helfen würdest. Den Hinweis auf das Geld fand ich dann wie von selbst in meinen Add-on-Speichern.“

„Das klingt wirklich nach einem Job für Wood“, sinnierte Frankie.

Holly schaute derweil wieder auf Clarion Prime.

„Wenn ich nur als Werkzeug benutzt wurde …“

Sein Gesicht zeigte etwas, das Frankie bei seinem neuen Partner bislang noch nicht bemerkt hatte.

Vielleicht war es Entschlossenheit.

Wahrscheinlich war es Wut.

Voller Zorn

Holly und Frankie standen vor der Tür von Woods Wohneinheit. Und so wild entschlossen Holly auch war, endlich die Wahrheit über sein Leben zu erfahren, so gefesselt war er doch von dem Anblick, der sich ihm hier oben bot. Es war ein surreales Gefühl, auf einem Laubengang im 205ten Stockwerk zu stehen und über die Stadt zu schauen. Die Häuserblocks hatten alle 50 Stockwerke Dockingplattformen, die von Lufttaxis und privaten Planetenjets angeflogen werden konnten. Tausende Fenster. Manche beleuchtet. Manche blind. Und dazwischen tiefschwarze Wände aus dem allgegenwärtigen Verbundstoff. Ihren Miet-Hopper hatten sie auf der untersten Ebene geparkt. Die oberen Dockingplattformen zu benutzen, war ein teures Vergnügen. Frankie fielen aus dem Stand zwanzig bessere Wege ein, seine Credits zu verpulvern. Also hatten sie einen der Standardlifte benutzt und waren so hier hinauf gelangt.

Der Wind zerrte an Holly und Frankie, griff sich jeden Fitzel ihrer Kleidung und drohte, sie über die Brüstung zu ziehen. Freilich war das nicht möglich. Ein feines Grav-Netz hielt alles fest, was größer als eine Männerfaust war. Die kleineren Dinge jedoch wurden hinaus geschleudert, zerrissen, zerfetzt und legten sich als feiner, schmutziger Film über die Stadt.

Prime City war ein Moloch.

Es war eine traurige Wahrheit, dass sich die Welt hier draußen in den Außensektoren um dieses hässliche Etwas drehte, das vorgab, eine Metropole zu sein.

Frankie und Holly wandten sich ab. Die Faszination des Ausblicks hatte sich ins Nichts aufgelöst.

Sie waren hier, um Wood zu treffen. Und wenn dieser Karenadier nur halb so kompetent war, wie Frankie ihn Holly gegenüber angepriesen hatte, würde die nächste Stunde deutlich spannender ausfallen, als es selbst der beste Ausblick über Prime City jemals sein konnte.

„Eines noch“, sagte Frankie und hielt Holly davon ab, den Ankündigungsritus der Wohneinheits-KI zu starten.

„Er heißt Wood. Nenn ihn bitte niemals Woody. Das hasst er.“

Holly nickte.

Frankie dachte für einen Moment an sein geliebtes Schiff. Sie hatten die CORONA in der Parkbucht gelandet, die ihnen von der KI des Raumhafens übermittelt worden war und Frankie hatte das Reparaturteam angewiesen, den Schildgenerator am besten gleich komplett zu ersetzen. Das Reparaturteam bestand ausschließlich aus Polmariern, die mit ihren sechs Händen und drei Gehirnen für so etwas prädestiniert waren.

Frankie hatte den Generator von seiner DNA-Sicherung entkoppelt. Anderenfalls hätten die Polmarier keine Chance gehabt, den Generator zu reparieren oder auszutauschen.

Die CORONA biometrisch abzusichern, war eine der besten Ideen gewesen, die Frankie jemals gehabt hatte. Starten und in den Stream fliegen konnte sein Schiff somit nur, wer über seine DNA verfügte.

Frankie war sich nicht sicher, ob Holly auf Clarion Prime als unerwünschte Person galt und hatte ihm daher sicherheitshalber eine gestohlene Identität verpasst. Die hatte er eigentlich für den Notfall – seinen Notfall – aufheben wollen. Doch im Moment war es besser, sie Holly zu geben und es gar nicht erst zu einem Notfall kommen zu lassen.

So oder so: Frankie würde sich wohler fühlen, wenn Hollys Geheimnis gelüftet war und sie den Planeten mit einer vollständig intakten CORONA wieder verlassen hatten.

Der erste Schritt auf diesem Weg bestand darin, Wood einen Besuch abzustatten. Also startete Holly den Ankündigungsritus. Früher hätte es eine simple Hausglocke getan, doch die Errungenschaften der Neuzeit sahen einen etwas komplexeren Vorgang vor, um Besucher willkommen zu heißen. Je nach Gusto des Wohneinheitsbesitzers sprang damit der Kaffeemat an, gegebenenfalls wurde Musik und Zimmerbrunnen gestartet, möglicherweise wurde je nach Ankömmling das Licht gedimmt – die Gnamorianer sind dahingehend etwas empfindlich – und die möglicherweise geöffneten Schränke und Sicherheitsfächer wurden automatisch geschlossen. Jede Wohneinheit verfügte über eine frei programmierbare KI und somit konnte man die dringendsten Notwendigkeiten der Pre-Begrüßungsphase durch die künstliche Intelligenz erledigen lassen. Zumindest, so überlegte Frankie, gehörten dadurch Sätze wie ‚Komme gleich’ oder ‚Moment, ich hab nichts an’ der Vergangenheit an.

Na ja, zumindest der erstere.

„Komme gleich“, wisperte da ein dünnes Stimmchen hinter der Tür.

Frankie blickte direkt in die Kamera des Wohneinheitsüberwachungssystems und versuchte, so anklagend wie möglich drein zu schauen. Wood würde sein Bild sicherlich auf einem der Bildschirme im Innern sehen können.

Frankie war kein Idiot. Die Tatsache, dass Wood sie vor der Tür warten ließ, bedeutete, dass er im Innern etwas tat, das keine KI übernehmen konnte und das sie aus irgendeinem Grund nicht sehen sollten.

Andererseits: Vielleicht war Wood nur vorsichtig, was Frankies Begleiter anging. Schließlich verfügte Holly neben seinem zuweilen naiven Gemüt auch über eine unübersehbare körperliche Präsenz. Letztere konnte man zweifellos durch die Kameralinse erkennen. Doch dann hätte Wood sich immer noch damit herausreden können, dass seine Wurzel lose im Wind baumeln würde.

Wenn Frankies Vermutung richtig war, dann würde Wood ihm helfen wollen und erwartete sie mit entsicherter Waffe hinter der Tür.

„Okay, okay, bin schon da“, kam in dem Moment ein zweites Wispern. Kaum eine Sekunde später wurde die Tür aufgerissen und Holly blickte in den Lauf eines 97’er Blasters.

„Du!“, sagte Wood in Hollys Richtung, „Alle Waffen auf den Boden. Und schön vorsichtig bitte!“

Gleichzeitig nickte er Frankie zu.

„Alles in Ordnung?“

Frankie lächelte seinen Freund an.

Er ist in Ordnung. Vertrau mir.“

Widerwillig senkte Wood seinen Blaster.

„Bist du sicher?“

Als Antwort schob Frankie Holly durch die Tür ins Innere von Woods Wohneinheit. Der kleine Karenadier sprang selbst für Frankie unerwartet behände durch den Raum und verstaute seine Waffe am anderen Ende. Danach kehrte er ebenso eilig zu ihnen zurück.

Frankie hatte die Tür hinter sich geschlossen und stellte die beiden einander vor.

„Mein neues Crew-Mitglied. Holly.“

„Angenehm, Wood“, erwiderte der Holzmann und wandte sich an Frankie.

„Neues Crew-Mitglied? Du fliegst doch alleine?“

„Jetzt nicht mehr.“

Wood sah ihn schräg von unten an.

„Läuft da was zwischen euch?“

Frankie musste lachen.

„Nein, Wood. Ich bin immer noch hetero.“

„Na, das hätten wir dann ja geklärt“, fuhr Holly etwas unsanft dazwischen und deutete so unauffällig wie möglich auf den Holzmann.

„Ah, ja. Wood, diesmal bin ich nicht nur zum Tanken und auf ein Glas hier. Ich benötige deine Fähigkeiten als Extrahierer.“

„Für ihn?“, entgegnete Wood und deutete auf Holly.

Frankie bejahte.

Wood ging zur rechten Wand, drückte einen verborgenen Knopf und schaute sie unvermittelt an.

Es öffnete sich kein Fach, alles schien unverändert. Bis sich knapp einen Meter über dem Boden eine Kante in der Wand bildete. Sie trat heraus, genauso, als wäre die Wand aus Schleim und würde eben jene Kante nur widerwillig in den Raum entlassen. Dann wurde aus der Kante ein Sitz, immer noch hielt der Schleim sie umfangen, bildete lange Fäden zu den vorderen Ecken des Sitzes. Die Fäden spannten sich, ließen den Stuhl los und sprangen lautlos zurück. Die Wand waberte noch einen Moment nach wie Sirup, in den ein Stein gefallen war und dann war es vollbracht. Der Sitz stand einen Meter vor der Wand. Völlig schleimfrei.

„Ich bin beeindruckt“, sagte Frankie.

„Wart’s ab“, antwortete Wood und hob die Hand gerade so, als müssten sie sofort erstarren oder zumindest verstummen.

Tatsächlich begann der Sitz jetzt mit einer eigenartigen Metamorphose. Zuerst veränderte er sich von einem eher kantigen Konstrukt hin zu einer Schale mit verlängerter Rückenlehne. Dann wuchs aus eben dieser Lehne ein Stab, der sich weiter verlängerte, dicker wurde und schließlich am oberen Ende einen Helm formte. Der Stab wurde wieder dünner; im selben Maß, in dem der Helm an Form gewann. Schließlich erstarrte alles in seinem endgültigen Zustand. Und Wood senkte die Hand.

Jetzt kannst du beeindruckt sein!“

„Ich gebe zu, dass das Ende ebenso erschreckend wie faszinierend war.“

„Aus den Kernsystemen“, flüsterte der Karenadier seinem alten Freund zu.

„Und das Ding kann …?“, fragte Holly voller Ungeduld.

„Extrahieren. Interpretieren. Extrapolieren. Aus jedem Hirn saugt es einen Datenstrom und formt daraus Bilderfolgen und Filmsequenzen. Manchmal nur Fragmente, aber meistens etwas, womit der oder die … oder das … später etwas anfangen kann.“

Wood hatte seinen kleinen Vortrag mit einer Spur Gelangweiltheit versehen. Gerade soviel, dass sowohl Frankie als auch Holly sich fragen müssten, warum in drei Teufels Namen sie nicht von selbst darauf gekommen waren. Dann kam der Karenadier endlich zur Sache:

„Wenn ihr unbedingt wissen wollt, was in seinem Toy-Kopf und in seinen Add-Ons verborgen ist, dann sollte euch das einiges an Credits wert sein“, sagte Wood und es klang eigentlich nur so, als wollte er den Preis hochtreiben. Doch Frankie hatte etwas zwischen den Zeilen gehört. Etwas Verstecktes.

„Das ist doch dein Job! Das Auslesen von verborgenen Informationen. Damit verdienst du dein Geld. Weshalb also sollten wir gerade bei Holly ein paar Extracredits …“

Frankie ließ den Satz unbeendet und Wood tat nicht unbedingt so, als wolle er darauf antworten. Er schaute überall hin, nur nicht auf Holly. Und er hatte Holly einen Toy genannt!

Frankie lächelte.

„Holly war schon einmal hier, nicht wahr?“

Holly fixierte augenblicklich den Karenadier. Würde dessen Antwort der erste Puzzlestein zu seiner Vergangenheit sein?

Wood zierte sich, wand sich um eine direkte Antwort. Und fühlte sich offensichtlich zunehmend unwohl. Frankie war sich sicher, mit seiner Vermutung ins Schwarze getroffen zu haben.

„Hey“, versuchte er seinen alten Kumpel zu besänftigen. „Dein Geheimnis ist bei uns sicher!“

Diese Zusicherung änderte jedoch wenig an Woods ausweichenden Blick.

„Wenn die von LaLeLimbus herausbekommen, dass ich euch geholfen habe …“

Frankie unterbrach ihn.

„Du schuldest mir was, Wood.“

Wood schüttelte seinen kleinen Holzkopf.

„Ja, ich schulde dir etwas. Aber nicht genug, um das hier zu rechtfertigen! Du weißt, wie ernst wir Karenadier das mit der Schuld nehmen. Und du hast mich wirklich einmal vor der Hölle bewahrt. Aber das hier … Danach würdest du mir was schulden.“

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Copyright © 2014 by Frank Lauenroth und dem Verlag:  Begedia
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Bildrechte: “Geheimnisse Fremder Welten” (GeheimnisseFremderWelten2.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der kann den Titel des Autoren hier bestellen:

Black Ice (Kartoniert)
SF-Roman
von Lauenroth, Frank

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Verlag:  Begedia
Medium:  Buch
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  2014
Gewicht:  295 g
ISBN-10:  3957770122
ISBN-13:  9783957770127

Beschreibung
Seit Jahren ist Frankie mit seinem Raumfrachter CORONA allein im Overstream unterwegs. Er arbeitet hart und achtet die allzu wandelbaren Gesetze der Planeten in den äußeren Systemen. Als sich beim Anflug auf Clarion Prime jemand auf sein Raumschiff portiert, ahnt Frankie noch nicht, dass sich durch diesen Fremden sein gesamtes Leben ändern wird.

Vielleicht hätte er die Ladung BLACK ICE – eine perfekte, wunderbar nebenwirkungsfreie Droge – nicht stehlen sollen. Auf der Flucht vor Duistermach, dem weithin gefürchteten psychpatischen Vollstrecker der mächtigen Handelsgesellschaft, gewährt er nach und nach mehreren Verfolgten Auf seiner CORONA Zuflucht. Als sich Duistermach auch noch Kopfgeldjäger anschließen, versucht Frankie mit seiner stetig wachsenden Crew das Geheimnis des BLACK ICE zu lüften und so – vielleicht – ihr aller Leben zu retten.

Autor
Frank Lauenroth, Jahrgang 1963, lebt in Hamburg. Obwohl er ursprünglich Maschinenbau erlernte, studierte er und wurde letztlich diplomiert. Heute arbeitet er als Software-Entwickler.

Sein Roman „Simon befiehlt“ war eines der vier Gewinnerbücher des Wettbewerbs „Deutschland schreibt“ des Jahres 2005. Außerdem war er 2013 für den Deutschen Science Fiction Preis nominiert. Aktuelle Projekte und sonstige Veröffentlichungen finden Sie unter www.franklauenroth.de. Dort erhalten Sie auch eine signierte Ausgabe seiner Bücher.

Der Link zum Trailer … https://www.youtube.com/watch?v=2859jVLCtP4

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