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BESUCH IN DER NUTTENGASSE – EIN SPLATTER-AUTOR AUF ABWEGEN – Shortstory von Conchita Mendés

Nuttengasse

BESUCH IN DER NUTTENGASSE
– EIN SPLATTER-AUTOR AUF ABWEGEN

Shortstory
von
Conchita Mendés

DAS MÖRDER-EINMALEINS

Mistwetter!

Der andauernde Nieselregen ging ihm gehörig auf die Nerven, zumal er beim Verlassen seiner Wohnung nicht damit gerechnet hatte und ohne Mantel zum Verlag gegangen war. Nun bekam er seine Quittung für diese Leichtfertigkeit: Sein Anzug war nass, das Wasser lief von den Schulterstücken runter aufs Revers!

Es war ein billiger Anzug, trotzdem!

Und seine Frisur! Dieses mühsam gestylte Kunstwerk aus Resthaaren und Gel hatte jegliche Contenance verloren!

Aber dieses Wetter passte ja hervorragend zum Verlauf des Gesprächs mit seinem Verleger:  Er sollte in Zukunft Geschichten schreiben, die nicht mehr so blutrünstig seien.

Was für ein bescheuertes Ansinnen.

„Ich bin Splatter-Autor!“ schrie er in die fast menschenleere Szenerie dieser drittklassigen Geschäftsstraße mit den herunter gekommenen Läden.

Sein Mops, der durch das Nass trappelte mit runtergelassenen Augenlidern schaute erschrocken zu ihm auf.

„Ja, ist doch wahr, Lesbos, ich kann nur mit Blut schreiben, keine Problemgeschichten oder sowas! Der Verleger ist doch ein Idiot!“

Lesbos nickte zustimmend, da war er sich sicher, dann ließ er seine Lider wieder sinken und trottete weiter.

„Oder romantische Liebesgeschichten, Simpelkrimis, Fantasy….“

Er blieb vor einem Schaufenster eines Pfandhauses stehen, betrachtete sein Spiegelbild: Der Knopf seines Jacketts spannte bedrohlich über seinem Bauch, der Anzug war einfach zu klein.

Warum hatte er überhaupt diesen Weg eingeschlagen? Der kürzeste Weg zu seiner Wohnung war es nicht. Vielleicht wollte er auch gar nicht in seine Wohnung: Kein Schnaps mehr da, kaltes Essen von gestern auf dem Herd – da erwartete ihn auch nichts Aufheiterndes.

Oder  wollte er insgeheim Chilli besuchen? Dann musste er die nächste Gasse abbiegen, am Ende dieser kleinen Straße standen die Nutten, Chilli war bestimmt da; sie war jeden Abend da.

Ohne seine Überlegungen zu ende zu denken, lenkte er seine Schritte in eben diese Gasse.

Chilli lehnte lässig an der Hauswand vor ihrem Etablissement unter dem kleinen Vordach. Von ihren erotischen Reizen war wenig zu sehen, gegen das ungemütliche Wetter hatte sie einen dicken Pelzmantel übergeschlagen, Tigermuster! Die Geschäfte liefen heute wohl auch nicht besonders, die Gasse war menschenleer.

„Hallo Doc,“ begrüßte sie ihn ehrlich erfreut, wahrscheinlich weil überhaupt jemand vorbei kam.

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„Hallo Chilli,“ grüßte er zurück und blieb stehen.

„Was treibt dich denn in diese Gegend bei dem Sauwetter?“

Doc zuckte mit den Schultern. Lesbos  zog an der Leine, er wollte auch unter das kleine Dach.

„Was ist denn los? Dein Gesicht sieht ja genauso aus wie das Wetter?“

„Ich darf keine Bücher mehr schreiben,“ antwortet er mit weinerlicher Stimme.

„Was? Wer sagt das?“

„Mein Verleger. Er sagt, meine Bücher seien zu blutrünstig.“

„Aber ich denke, deine Bücher verkaufen sich ganz gut, da kann es ihm doch egal sein, was drin steht.“

„Dachte ich ja auch. Aber die Kripo war bei ihm und hat gesagt, er soll mir sagen, dass ich damit aufhören soll.“

„Mann, du siehst ja echt beschissen aus. Willst du auf’n Kaffee reinkommen? Kannst auch n bisschen rummachen.“

„Ich will jetzt nicht rummachen.“

„Nun stell dich nicht so an, ist gratis für dich.“ Sie fasste seinen Arm und zog ihn mit in ihr Etablissement.  An dem Nierentischchen neben dem breiten Bett nahm er Platz, Lesbos wählte das Bett während Chilli den Mantel ablegte und Tassen und die Kaffeekanne holte. Nachdem sie eingeschenkt hatte  stellte sie sich vor ihn, knöpfte ihre knappe Weste auf und drückte Docs Kopf an ihren Busen.

„Komm, Kleiner, wärm dich erst mal ein bisschen auf an Mamas Brust.“

Doc ließ es geschehen, Chilli war immer so nett zu ihm.

„Sie haben gesagt,“ begann er nun zu erzählen, „dass da ein Serienkiller ist, der meine Bücher als Vorlage benutzt.“

Chilli nahm seinen Kopf wieder von ihrem Busen, knöpfte die Weste zu und setzte sich. Nachdem sie vom Kaffee geschlürft hatte, murmelte sie: „Ein Serienkiller, soso. Habe ich noch gar nichts von gehört.“

„Er ist ja auch am Westend, nicht hier.

„Na. Da bin ich aber beruhigt. Auf wen hat er es denn so abgesehen?“

„Weiß nicht. Auf Stadtstreicher, Penner, Freaks und so.“

„Auch auf Nutten?“

„Ich glaube schon.“

„Und er ermordet seine Opfer dann genauso wie du es in deinen Büchern beschreibst?“

„Nicht so ganz.“ Doc machte eine Pause, unwillkürlich nahm er seine Hände vom Schoß, seine Finger begannen nach imaginären Dingen in der Luft zu greifen.

„Weißt du,“ fuhr er fort während er sich zu ihr hin beugte, jetzt spielten seine Fingerspitzen miteinander, „in meinen Geschichten hackt der Mörder seinen Opfern immer ein Körperteil ab, manchmal nur einen Finger, manchmal auch das ganze Bein. Und manchmal auch den Kopf. Immer ist alles voller Blut.“ Er wurde aufgeregter, Begeisterung schwang in seiner Stimme. „Und das macht der im Westend auch.“

„Und die Kripo glaubt, dass er sich das in deinen Büchern abgeguckt hat?“

„Ja. Manchmal hatte ich das gerade erst in meinem neuen Buch beschrieben, aber als er mal den Kopf abgehackt hatte, also, das war in einem meiner ersten Bücher, also schon länger her. Manchmal hackt er auch was ab, das ich noch gar nicht beschrieben habe, dann bin ich natürlich ganz Ohr, vielleicht kann ich ja noch was lernen von ihm, für Neues muss man immer aufgeschlossen sein, findest du nicht?“

Erwartungsvoll und mit großen, begeisterten Augen sah er Chilli an, sie sagte nichts, in Gedanken nahm sie noch einen Schluck vom Kaffee.

„Du gehst ganz schön auf in deinen Storys, was?“

„Ja! Und das viele Blut! Alles ist versaut. Wenn die Opfer endlich tot sind, wälzt er sie in der Lache, manchmal auch schon vorher. Ist doch irre, findest du nicht? Er zieht sie natürlich vorher aus, wäre ja zu schade um die Klamotten, wenn die alle mit Blut beschmiert wären. Die Arme Hausfrau, die das dann alles waschen muss!“

Chilli sah ihn kritisch an: „Ich glaube ab und zu geht deine Fantasie auch mit dir durch, Doc!“

„Er spritzt es nicht an die Wände,“ fuhr er ungerührt fort, „auf den Teppich manchmal, das lässt sich nicht immer vermeiden, aber nicht an die Wände, da passt er auf!“

„Vielleicht solltest du mal eine schöpferische Pause machen…“

„Pause? Nein, auch wenn mein Verleger meine Skripte nicht mehr haben will. Aufhören oder Pause kommt nicht in Frage!“ Seine Stimme war jetzt richtig erbost.

Und als Chilli nichts sagte fuhr er fort: „Ich schreibe ja nicht für irgendeinen unfähigen Verleger! Ich schreibe für mich! Das ist mein Lebenselixier, ich brauche das! Ich muss das tun. Eine kurze Pause vielleicht, aber dann muss ich es wieder tun!“

„Beruhige dich, Doc,“ versuchte sie ihn zu beschwichtigen, „dann schreibst du eben und legst die Skripte auf Halde. Bestimmt findest du bald einen anderen Verleger.“

„Ja, aber so einfach ist das nicht….“

Sein Redefluss wurde unterbrochen, draußen quietschten Reifen, ein Motor heulte auf, dann ohrenbetäubendes Scheppern, Klirren von splitterndem Glas, dann absolute Ruhe.
.

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Die beiden sprangen auf, hasteten nach draußen, Lesbos hinterher. Auf der schmalen Straße hatten sich zwei Autos ineinander verkeilt, eine Tür war aufgesprungen, ein lebloser Körper hing zur Hälfte heraus, der blutüberströmte Kopf rollte sanft in einer Regenpfütze, ab und zu zuckte der rechte Arm unkontrolliert.

Chilli schrie entsetzt auf, hielt sich die Hände vors Gesicht. Auch Doc verharrte, dann schlich er auf den Zehenspitzen näher heran als wollte er vermeiden dass ihn jemand hört. Aus nächster Nähe betrachtete er das Unfallopfer, dessen linker Arm war grotesk verdreht, Doc  hockte sich nieder um noch besser sehen zu können. Lesbos war ihm gefolgt, schnupperte am Hals des Opfers und begann das Blut abzulecken. Mit spitzen Fingern zupfte Doc an den Fingern der linken Hand, zog ein wenig.

Chilli schrie wieder auf als Doc den Arm des Verunglückten in die Höhe hielt, nur noch wenige Muskelfasern fixierten ihn an der zerfetzten Schulter, Blut floss in Strömen aus der Wunde und Lesbos trappelte interessiert durch die zähe Lache auf der Suche nach weiteren Kostbarkeiten. Mit einem Ruck riss Doc den Arm ganz ab, betrachtete ihn von allen Seiten und ließ ihn dann fallen; Chilli war schreiend ins Haus zurückgelaufen.

„Interessant,“ murmelte er, „interessant. Vielleicht sollte ich mich mehr um Unfallopfer kümmern. Ich muss Polizeifunk hören, damit ich immer sofort weiß, wo in dieser Sache was los ist. Dann muss ich die Drecksarbeit nicht immer selbst machen. Und Unfallopfer kann die Kripo nicht als Grund nennen, mir das Schreiben zu verbieten.“

Leise kichernd erhob er sich und machte sich auf den Heimweg, Lesbos trottete notgedrungen hinterher, so ein Festmahl gab es schließlich nicht alle Tage.

-ENDE-

Copyright (C) 2016 by Conchita Mendés

HISTORISCHE KRIMINALGESCHICHTEN

Bildrechte: Alle Grafiken und Bilder © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Historische Kriminalgeschichten” (Historische-Krimis-2.jpg) © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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BUCHTIPP DER REDAKTION:

Der Kasematten-Mörder (Kartoniert)
Ein Marburg-Krimi
von Hövelmann, Jürgen

Verlag: Gmeiner Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  312
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  Februar 2016
Sonstiges:  .1894
Maße:  198 x 118 mm
Gewicht:  322 g
ISBN-10:  3839218942
ISBN-13:  9783839218945

Der Kasematten-Mörder

Beschreibung
In den Kasematten, den unterirdischen Wehranlagen des Marburger Schlosses, wird die Leiche eines jungen Studenten gefunden. Er war Mitglied der Burschenschaft „Die Elisabethaner“. Warum musste der junge Mann sterben, und was ist das Geheimnis um die Heilige Elisabeth?
Kommissar Nau taucht tief in die Historie Marburgs und der Studentenverbindungen ein. Die Spur führt in die zahlreichen dunklen Gänge der Marburger Kasematten. Kann Nau den Mord aufklären, bevor es zu weiteren Todesfällen kommt?

Autor
Jürgen Hövelmann wurde 1969 in Siegen/Südwestfalen geboren und war schon frühzeitig musisch und sprachlich interessiert. Ein leeres Blatt Papier gehörte immer schon zu seinen Schlüsselreizen. Er kann sich kaum etwas Interessanteres vorstellen, als es mit „Leben“ zu füllen. Der Autor kam im Alter von 23 Jahren nach Marburg, wo er die nächsten fast zwanzig Jahre als Übersetzer, Werbetexter und Journalist arbeitete – genügend Zeit also, um sich in diese Stadt nachhaltig zu verlieben. Zuletzt wieder in seiner Geburtsstadt wie auch im Taunus lebend, schuf er eine spannende Romanreihe, die in Marburg spielt. Seither begleiten ihn Kommissar Nau und seine Fälle.

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