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BELLA KOMMT NACH HAUSE – Eine Katzengeschichte von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 4/2014 – geteilter Preis)

BELLA KOMMT NACH HAUSE

Eine Katzengeschichte
(nach leider wahren Motiven)

von

Miriam Kleve

Irgend etwas war schief gelaufen. Da war sich Bella ganz sicher. Es war dunkel und roch nach alten Schuhen. Und es war eng. Bella fuhr ihre Krallen aus und kratzte mit den Pfoten, wie eine Furie, an der Pappe. Sie mochte normalerweise die Dunkelheit. Aber das hier, das war die pure Finsternis. Und das machte Bella Angst. Um so mehr strengte sie sich an. Sie spürte, wie ihre Krallen immer mehr von der Pappe zerfetzten und dann bahnte sich auch schon der erste Lichtstrahl einen Weg in Bellas finsteren Kerker. Anders konnte dieser alte und mit Packband verschnürte Schuhkarton kaum bezeichnet werden.

Von Draußen roch es angenehm nach Natur, nach Freiheit und nach Straße. Alles Dinge, nach denen sich Bella geradezu verzehrte. Sie verwandelte sich in einen Tornado aus Krallen und Fell. Mit einem lauten „Ratsch!“ gab die restliche Pappe nach. Bella machte einen Sprung nach draußen. Noch in der Luft schnappte sie sich einen herumwirbelnden Fetzen und biss herzhaft hinein. Nimm dass, du dumme Pappe!

Gekonnt landete sie auf allen Vieren und spuckte ihre Beute wieder aus. Sie blitzte in die Helligkeit und brauchte einige Augenblicke, um sich an ihr neues Umfeld zu gewöhnen. Hinter ihr lag der halb zerfetzte Schuhkarton im nassen Gras der Böschung und weichte weiter auf.

Bella dachte darüber nach, was passiert war. Sie verstand es einfach nicht. Noch am Morgen war sie um die Füße des kleinen Dosenöffners gestrichen, war von ihm gestreichelt worden und dann mauzend zum Napf getrottet. Allerdings war der leer, was Bella bei ihrer Dosenöffnerin lautstark monierte. Doch diese ignorierte die jammernde Katze einfach.

Der kleine Dosenöffner war kaum aus dem Haus gegangen, da packte sie die starke Hand des bärtigen Dosenöffners im Genick und dann war Bella auch schon im Karton. Vielleicht hatte er sie auf dem Weg zu den Dosen fallengelassen?

Mit einem entspannten Gähnen räkelte sich Bella im Sonnenlicht. Sie waren einige Stunden unterwegs gewesen, das wusste sie noch. Und dann plötzlich kam Bewegung in den Karton, er fiel ins Gras und es war absolut ruhig. Ab diesem Zeitpunkt fing Bella an, sich Sorgen zu machen und einen Weg aus der Pappschachtel zu suchen. Was schlussendlich auch klappte. Aber sie hatte schon viele Jahre auf ihrem Katzenbuckel. Genug, um die Ruhe zu bewahren und den ein oder anderen Trick zu kennen.

Bella sah sich um. Die Gegend war ihr vollkommen unbekannt. Was für ein Desaster. Nach Hause zu kommen, die Richtung zu finden, dass könnte für jeden anderen Stubentiger anstrengend werden. Aber Bella war alt, zäh und erfahren. Sie wusste einfach, was für eine Richtung sie einschlagen musste. Da würden sich die heimatlichen Dosenöffner freuen, ihre alte Bella bald wieder streicheln und füttern zu dürfen. Miau!

Der Tag war schon weit vorangeschritten und der Hunger drückte ordentlich. Deswegen beschloss Bella, erst einmal einen Happen zu sich zu nehmen. Es gab keine Häuser in der Nähe, um dort bei einigen lieben Leuten ein Leckerli zu erschnurren. Also musste sie sich auf ihre Jagdinstinkte verlassen. Die waren zwar etwas eingerostet, funktionierten aber nach einigen Anläufen wieder hervorragend. Das bekam die kleine Feldmaus zu spüren, die zu spät das flauschige Unheil bemerkte.

Bella wollte zwar nach Hause, aber trotzdem nahm sie sich die Zeit, um ein wenig mit dem Essen zu spielen. Das futtern selbst bereitete einige Probleme. Immerhin waren die meisten Zähne bereits ausgefallen. Aber mit ein wenig Geduld und Muskelkraft lutschte und drückte sie solange, bis das Quieken der Maus irgendwann erstarb, als der kleine Nager in der Mitte auseinanderriss.

Zwar nicht so lecker wie das Dosenfutter, dachte sich Bella, dafür aber frischer und unterhaltsamer. Trotzdem, Lachs wäre ihr lieber gewesen. Lachs und das Fensterbrett über der Heizung. Der Gedanke an die behagliche Wärme ließ Bella durchstarten. Frisch gestärkt und in freier Wildbahn fühlte sie sich wieder wie ein junges Kätzchen. Nach einiger Zeit merkte sie aber, dass diese Kätzchenjahre schon lange hinter ihr lagen. Viel zu lange.

Doch Bella war schon immer zielstrebig und ausdauernd. Das hatte ihr in der Nachbarschaft einen guten Ruf eingebracht. Und es zahlte sich aus. Erst als die Sonne versank und die Nacht hereinbrach, machte sich Bella doch ein wenig Sorgen. Sie war zwar absolut trittsicher und erkannte die meisten Gefahren schon bei weitem, aber dennoch: Das hier war nicht ihr Revier. Also musste sie doppelt vorsichtig sein.

Und tatsächlich, diese Vorsicht machte sich mehr als bezahlt. Als die ersten Häuser der Stadt auftauchten, musste Bella das Revier eines stattlichen Katers durchqueren. Und der fiese Kerl lag auf der Lauer. Bella hoffte darauf, er würde sie einfach ziehen lassen, aber der Kater sah die Sache anders. Er zeigte nicht nur eindrucksvoll, wie groß er sich machen konnte, sondern sprintete plötzlich los, um Bella eines zu verpassen.

Im letzten Augenblick konnte sie sich wegducken und rannte ebenfalls los. Bella kannte die Gegend nicht und beschloss deswegen, einfach in gerader Linie zu fliehen und hoffte darauf, dass der Kater irgendwann die Lust an der Verfolgung verlieren würde. Die Hoffnung erwies sich als Trugschluss und plötzlich bildeten beide ein jaulendes, fauchendes und kreischendes Knäuel. Spitze Krallen bohrten sich in Bellas linke Flanke und sie roch Blut. Ihr eigenes Blut. Mit letzter Kraft gab sie dem Kater einen Schlag auf seine empfindliche Nase und verschaffte sich etwas Luft. Mit einem Satz war sie über den nächsten Zaun und dann über eine Straße hinweg. Rettung in letzter Sekunde.

Müde und verletzt schleppte sich Bella bis zu einem Spielplatz und kroch zitternd in ein großes Rohr, durch das die kleinen Dosenöffner so gerne krabbelten. Die Katze spürte wie das Blut in ihr Fell sickerte und machte sich müde daran, sich zu putzen. Heute Nacht würde sie nicht mehr weiterlaufen. Sie brauchte dringend etwas Ruhe.

Die währte nur wenige Stunden, dann ging die Sonne wieder auf und es kam Leben in die Gegend. Bella fror, denn in den letzten Stunden waren die Temperaturen stark gefallen. Zu allem Überfluss nieselte es und das lange Fell wurde ganz nass. Du hast auch schon mal besser ausgesehen, dachte sie Bella und trottete los. Die Wunde schmerzte und behinderte sie beim Laufen, aber Bella ließ sich einfach nichts anmerken. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt nach Hause zu kommen. Und das würde sie auch schaffen.

Und tatsächlich. Irgendwann hörte der Regen auf und die Sonne kam hervor. In deren warmen Strahlen unterwegs zu sein, machte das Laufen sofort um einiges angenehmer. Zwar drückte erneut der Hunger, aber bis nach Hause war es nicht mehr weit. Bella war wieder voller Zuversicht und ihr kleines Herz pochte ganz aufgeregt, als sie die ersten Straßen wiedererkannte. Das warme und sichere Heim schon vor Augen, legte sie einen Schritt zu. Dann nur noch ein Katzensprung. Geschafft! Bella war wieder daheim.

Müde lief sie in den Garten und zur Terrassentüre. Sie stellte sich am Glas auf und begann mit beiden Pfoten daran zu kratzen. Es dauerte nicht lange und die beiden großen Dosenöffner kamen ins Wohnzimmer. Beide beobachteten Bella, anstatt sie ins Haus zu lassen. Unter anderen Umständen wäre Bella beleidigt, aber just in diesem Augenblick war ihr erst einmal alles egal.

Da öffnete sich auch schon die Türe und die Frau des Hauses bückte sich, um Bella in Empfang zu nehmen. Es gab ein paar wundervolle Streicheleinheiten zwischen den Ohren. Bella schnurrte glücklich.

„Wir sollten uns beeilen, bevor Max aus der Schule kommt“, sagte die Dosenöffnerin und der Dosenöffner pflichtete ihr bei.

Er packte Bella und hob sie vor sich in die Luft. „Das Fell sieht noch räudiger aus als sonst.“

„Kannst du sie nicht einfach, na ja, erledigen, Liebling?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, ich kann doch nicht einfach so ein Tier töten, Schatzi. So was bringe ich einfach nicht über Herz.“

„Harte Schale, weicher Kern, was?“ kam es sanft von der Dosenöffnerin. „Warte, ich halte den Karton auf.“

Bevor sich Bella versah, landete sie erneut in vier Wänden aus Pappe. So hatte sie sich die Sache nicht vorgestellt. Sie miaute fragend und sah mit großen Augen nach oben, in die Gesichter ihrer Besitzer. Da wurde der Karton auch schon geschlossen.

„Diesmal nehme ich Panzertape“, erklärte der Dosenöffner und wenige Minuten später war der Karton mit einer dicken Schicht Klebeband umwickelt. „Ich fahre los und bin rechtzeitig zurück, um mit Max zum Tierheim zu fahren.“

Nun sprach wieder Bellas geliebte Dosenöffnerin: „Die haben so süße Kätzchen, für die sie einfach keinen Besitzer finden. Das neue Kleine wird Max helfen, um über Bellas Verlust wegzukommen. Fahr vorsichtig.“

„Das werde ich. Und ich gehe auf Nummer sicher, dass Bella nicht wieder den Weg nach Hause findet. Diesmal landet der Karton im Fluss.“

ENDE

Copyright (c) 2014 by Miriam Kleve, all rights reserved

Bildrechte: Coverillustration “Schwarze Katzen” (20110205113353-e67c2f3d-400×600.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: http://saargau-arts.de/

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Einführung in die Tierkommunikation
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Verlag:  Schirner Verlag
Medium:  Buch
Seiten:  92
Format:  Kartoniert
Sprache:  Deutsch
Erschienen:  September 2012
Maße:  113 x 165 mm
Gewicht:  101 g
ISBN-10:  384345051X
ISBN-13:  9783843450515
Verlagsbestell-Nr.:  5051

Beschreibung
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Autor
Beate Seebauer ist ausgebildete Heilpraktikerin, Tierheilpraktikerin und Tierkommunikatorin. Seitdem sie ihre besondere Fähigkeit zur intensiven nonverbalen Kommunikation mit Tieren entdeckte, unterstützt sie Tierhalter dabei, mit ihren Haustieren zu kommunizieren. Zudem bietet sie Seminare und Kurse in Tierkommunikation und Tierheilkunde an.

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Updated: 6. Dezember 2014 — 07:33

8 Comments

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  1. @Detlef

    Wie besprochen, kann in die Katzenantho. 🙂 🙂

    Alles Liebe!!! 🙂

  2. Oohh, wie böse! 🙁 Warum soll die alte Katze eigentlich weg, wenn doch gleich darauf eine neue beschafft werden soll? Liegt an der Menge von Futter oder woran? Ist mir irgendwie nicht klar …

    Habe den Buchtipp drangehängt und stelle es jetzt in die Katzenanthologie!

  3. Huhu!

    „Warum soll die ***alte*** Katze eigentlich weg, wenn doch gleich darauf eine neue beschafft werden soll?“

    Habe den Grund markiert. 🙂 🙂

    Liebe Grüße!!! 🙂

  4. Hä, finde ich nicht … 🙁

  5. Da wird sich Tröpfchen bestimmt drüber freuen! 😉

  6. Dass selbe gilt auch für diesen Lesetipp!

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