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BAROMETZ, SCHUTZ UND SCHATZ IN ARBORIUM – Leseprobe (Teil 1) aus der gleichnamigen Geschichte von Ollivia Moore (sfb-Preisträger “Beste Leseprobe Frühling 2014 – geteilter Preis″)

© Bild ‚Barometz‘ von Ollivia Moore, Feder/Bleistift

BAROMETZ, SCHUTZ UND SCHATZ IN ARBORIUM

Leseprobe (Teil 1) aus der gleichnamigen Geschichte

von

Ollivia Moore

Matten Hasenclever: Kräuterarzt mit lebendigen Hasenohren, wird überredet.

Dr. Edgar Ellenbogen: Physicus und Practicus, Vertreter der Wissenschaftlichen Heilkunde.

Destina: Weberin, benötigt die Wolle eines Barometz, um die Löcher in den Vorhängen zum Land Arborium zu stopfen, ansonsten dringt Faktum ein. Kann einen Buhl-Trunck brauen.

Dafne: Seidelbast.

Lorelei: Undine, Ich-Erzählerin, Erstsemester.

Arborium: Verborgenes und Phantastisches Land der Bäume.

Barometz: Wundersames Wesen aus dem Pflanzenimperium – ein Lamm, aus dessen Leib Farnwedel sprießen. Begehrt, gesucht und von unschätzbarem Wert wird es gebraucht für einen Unsichtbarkeitszauber.

An diesem herrlichen Mittsommertag krochen die ersten  Sonnenstrahlen am Waldsaum in Arborium entlang und ließen die Rinde der Birkenstämme in blendendem Weiß erstrahlen. Matten Hasenclever, Famulus in Ausbildung zum Kräuterarzt zog sich einen Kittel über, er wirbelte herum, seine langen Ohren und die Schöße wehten. Matten schaute aus der Tür der Medizinischen Ambulanz, blinzelte in den frühen Morgen und betrachtete ein Wesen, welches mit seinem Bockshuf ungeduldig auf dem Waldboden scharrte. Hinter ihm standen weitere Patienten, die drängelten und schubsten.

Auch Dafne und ich waren hierher gekommen zum Praktikum ‚Phytopharmazie – Pflanzenarznei’ für das Studium zur Heilerin. Dafne rief die erste Patientin auf und sagte: »Bitte nennen Sie Namen und Beruf.«

Eine junge Frau mit Ponyfransen und Sommersprossen wankte hustend herein. Regentropfen glitzerten in ihren Haaren. »Ich heiße Maritt Hludana, Beruf: Gullveig, Seherin und nordische Elfe«, japste sie. Ihr Gesicht war verschwitzt. Sie hängte ihren pitschnassen Umhang, von dessen Kapuze ein Kuhschwanz herunterbaumelte, an einen Sonnenstrahl zum Trocknen und goss Wasser aus einem Gummistiefel – die Feuchtigkeit begann zu verdampfen und hüllte sie in flirrenden Dunst.

Matten blickte zu mir und sagte: »Wasser ist doch dein Fachgebiet, oder?« Er deutete auf meinen feuchten Kleidersaum. Ich knetete nervös mit Zeigefinger und Daumen den Rand meines Gewandes und versuchte mich zu erinnern: Erkältung. Welche Pflanze hatte nasse Füße? Dann kramte ich Mädesüßdolden und etwas abgeschabte Weidenrinde für einen Fiebertee aus einer aufgequollenen feuchten Schublade mit der Beschriftung Acethülsalicülblüthen.

»Danke«, keuchte das Mädchen.

»Bitte weiter«, sagte  Dafne. Sie ließ einen Mann mit einem kugelrund angefutterten Bauch eintreten. In großer Geste reichte er ihr eine Visitenkarte. »Theodor Fortunatus – der Glücksbegabte«, las sie und fragte: »Euer Begehr?« Salbungsvoll und mit volltönender Stimme erklärte er: »Ich erhielt von meinen Eltern durch Sparen und Mehren ein ansehnliches Erbe. Außerdem schenkte mir Fortuna, die Botin des Schicksals, auf Weisung der Sterne ein nie leer werdendes Geldsäckel. Nun traf ich im Wald ein gar schönes Weibsbild. Ihren Versuchungen möchte ich mich ergeben, jedoch mein Geldsäckel vor ihr verbergen.«

Matten reichte ihm eine dornige Ranke. »Hier, Smilax  … eine Merkurpflanze … Stachel – und Wehrwinde für die Hosentasche. Fühlt sich an wie Stacheldraht, so schnell fassen damit keine fremden Finger in die Börse. Sie gehorcht dem Befehl: Beuge dich Kletterranke, dem Zügel.«

»Habt ihr vielleicht auch noch ein Johannishändchen, das ich dort hineintun kann, auf das es noch mehr werde?« fragte der Patient geschäftsmäßig.

»Nein, denn wenn ich das hätte, müsste ich ja nicht hier arbeiten«, knurrte Matten genervt und schob ihn hinaus. Dafne lachte …

Dafne war stets sanft, rosig und anschmiegsam. An diesem Morgen umfloss ein gegürtetes dünnes Kleid in zartem blumenrosa ihre biegsame Gestalt und Matten betrachtete sie mit beseligtem Gesichtsausdruck.

Ein vierschrötiger Mann drängte die anderen Wartenden grob beiseite. Ungestüm platzte er herein und fing sofort an zu pöbeln. Um ihn herum wehte die Wolke eines betäubenden Rasierwassers. Matten musste niesen. Er kramte in seinen Unterlagen. »Das ist Ernie Enurese … wo steht es denn  … Löwenzahn  …  ich glaub, dem habe ich aus Versehen beim letzten Mal ein verkehrtes Medikament gegeben, ach hier …  Piß-en-lit. Und nun kann er das Wasser nicht mehr halten.« Matten blätterte eine Seite zurück. »Früher hatte er schon einmal eine falsche Arznei: Kürbis – davon ist ihm das Ego geschwollen.«

Ernie dicht auf den Fersen lief eine Person mit einem Glöckchenhut. »Kandidel, der Spaßmacher«, sagte er und verbeugte sich. Es plätscherte. »Klingende Schellen, du hast mir auf die Schuhe gepinkelt«, schrie er und schlug Ernie mit seinem Spiegelzepter. Als Antwort drosch dieser ihm die Faust ins Gesicht. Sie prügelten sich. Matten boxte dazwischen.

»Für dich eine Packung Mistel – gegen Nasenbluten.«  »Frechheit, ungehobelter Pinkel«, schimpfte Kandidel.

Matten reichte Ernie einen Schaft Meisterwurz. »Das ist Haarstrang, Heilung bei Blasenschwäche und Bettnässen. Bitte nicht überdosieren, sonst  wachsen an Stelle der Kopfhaare Drahtlöckchen.«

Die Tür klappte auf. Ein Individuum mit geschniegeltem Aussehen kam federnden Schrittes hindurch. Seine Wange war verunziert durch einen Schmiss von einem Duell. »Hallo, ich bin Doktor Edgar Ellenbogen. Facharzt für Rationale Phytotherapie und komme zu Ihrer Verstärkung.« Sein Blick fiel auf den Mistelbusch. »Ach, Sie verwenden Mistelpräparate … wenn Sie mich fragen, reine Phantasterei und Aberglaube.«

»Das stimmt nicht, Mistel hilft«, nuschelte Kandidel mit blutverschmierter Nase und stopfte sich eine Mistelbeere in das Nasenloch.

Dr. Ellenbogen trug einen Stapel Fachbücher unter dem Arm. Zackig stellte er ein Mikroskop und ein scharfes Desinfektionsmittel auf den Tisch. Matten schielte auf den obersten Buchtitel. ‚Kompendium für Realisten – Desillusion und Entzauberung’.

Er hielt dem nächsten Patienten die Tür auf. Gebeugt schlurfte der Leidende herein. »Malorchos Perdura. Beruf: Tagelöhner.  Krankheit: Chronischer Burnout«, las ich aus der Krankenakte vor. Matten band ihm einen Kräuterstrauß: »Eisenhut schützt vor Müdigkeit; Thymian speichert Sonne, bei Depression Energie für Motivation und Tatkraft«, murmelte er geschäftig.

Dr. Ellenbogen blickte von seinem Mikroskop auf: »Ich behaupte, seine Diagnose lautet ‚Emotionaler Tod’. In dem Fall kann man eigentlich nichts mehr machen. Volkswirtschaftlich gesehen ist es besser, Sie harren einfach so aus bis zum Ende.«

Er reichte Malorchos verabschiedend die Hand …

Ende Teil 1

(wird fortgesetzt)

Copyright © 2014 by Ollivia Moore / © Bild ‚Barometz‘ von Ollivia Moore, Feder/Bleistift

Buchtipp der Autorin in welchem ihre Story veröffentlicht wurde:


Verborgene Wesen III – Kryptozoologische Kurzgeschichten

Titeldaten
Titel: Verborgene Wesen III
Untertitel: Kryptozoologische Kurzgeschichten
Inhalt: 96 Seiten, Illustriert

Verlag: Twilight-Line, Wasungen, Oktober 2013
ISBN: 978-3-944315-08-9

Der Titel ist als Taschenbuch (7,99 €) und eBook erhältlich.

Unsere Welt, die wir erforscht und erkundet glauben, steckt hinter dem Offensichtlichen voller verborgener Wesen, die sich in ihrer Existenz vor dem Menschen verbergen oder einfach von der zoologischen Beschreibung übersehen wurden, obwohl diese mitten unter uns existieren. Hin und wieder tauchen diese sonst verborgenen Wesen auf und drängen sich in unsere Wahrnehmung. Sei es nun der berüchtigte Yeti aus dem Himalaya, der Bigfoot aus Nordamerika, fliegende Ungetüme wie der berüchtigte Mothman oder Seeungeheuer, die hin und wieder aus den Tiefen auftauchen. Wesen, die wir nur dann wahrnehmen, wenn wir regelrecht über diese stolpern.

Die Kryptozoologie, also grob übersetzt die Studie der verborgenen Tierwelt, ist eine spezialisierte Suchmethodik nach eben solchen Wesen oder den Hintergründen so mancher Legende über Ungeheuer.

Und genau diese vor dem Menschen verborgenen Wesen beflügeln unsere Fantasie und regen zu Geschichten über solche Wesen an. Im dritten Band unserer kleinen kryptozoologischen Kurzgeschichtenreihe haben sich erneut acht Autoren zusammengefunden, um uns an ihren Fantasien teilhaben zu lassen.

Inhalt:

Mertens Gesindehaus
Autor: Lily Beier

Rätselhaftes Bermudadreieck
Autor: Susanne Haberland

Die Sammlung
Autor: Elisa Bergmann

Artgerechte Haltung
Autor: Britta Ahrens

Katwambimbi
Autor: Detlef Klewer

Der Rüsselwühler
Autor: Eileanora Eibhlin

Cethosia cydippe australiensis?
Autor: Bernar LeSton

Barometz, Schutz und Schatz in Arborium
Autor: Ollivia Moore

E-Book, Kindle Edition, 18.10.2013 ASIN: G00G0EBNHY 2,68 €
Broschiert, 19.10.2013 ISBN: 3944315089 7,99 €

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