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BABYMORD – Kriminalkurzgeschichte von Günther K. Lietz

Babymord

Kriminalkurzgeschichte

von

Günther K. Lietz

Fassungslos starrte Allistair O’Neill auf die sterblichen Überreste seiner Frau June. Mitleidlos zog der Leichenbeschauer das blaue Tuch wieder über die blutigen Einzelteile. Neben dem Mann stand ein Mitarbeiter des Departments, seine Sonnenbrille locker in der Hand wippend. Der Beamte wartete einige Sekunden, dann ergriff er das Wort: „Die Leiche ist ziemlich verstümmelt. Da hat jemand ganze Arbeit geleistet. Das Baby haben wir einige Meter weiter gefunden. Der Mörder hat das Ungeborene aus dem Bauch geschnitten. Es liegt in einem extra Fach. Wollen Sie es sehen?“

Allistair blickte langsam auf. „Baby?“ kam es ihm schwer über die Lippen. „Was?“

„Sorry, ich wusste nicht, dass Ihnen das unbekannt war. Sehen Sie es mal so, das spart einiges an Alimenten.“

Der Schlag kam ansatzlos und traf den verblüfften Beamten am Kinn.

***

Der Richter hatte ihn zwei Monate in den Knast gesteckt. In dieser Zeit hatten die Cops die Ermittlungen eingestellt. Ermittlungen gegen ihn, den gehörnten und verlassenen Ehemann. Allistair saß im Central Park auf einer Bank und fütterte die Tauben mit Brotresten. Seine Kleidung war ungepflegt, er roch nach billigem Fusel und die Spaziergänger machten einen Bogen um ihn.

Junes Mörder lief irgendwo da draußen herum. Und niemanden kümmerte es. Allistair verdankte nur seinem wasserdichten Alibi, dass er auf freiem Fuß war. Eigentlich hatte er alleine draußen in der Hütte sein wollen. Zum Angeln. Wie jedes Jahr. Auch nach der Trennung war das ein fester Termin für ihn. Er brauchte diese Auszeit, um wieder zu Kräften zu kommen. Ohne June mehr denn je.

Auf der Fahrt zur Hütte war er auf einen Jeep aufgefahren. Der Fahrer des anderen Wagen war sauer gewesen und es hatte eine Rangelei gegeben. Der Sheriff war hinzugekommen und hatte beide in die Ausnüchterungszelle gesteckt. Damit sie wieder zu Sinnen kamen. Ein gutes, starkes Alibi. Allistair hatte Glück gehabt. Ohne den Unfall säße er jetzt sicherlich auf dem elektrischen Stuhl.

Er sah sich den letzten Brocken Brot an, holte aus und donnerte das große trockene Vollkornteigstück einer Taube gegen den Kopf. Der Vogel fiel tot um, irgendwo kreischte ein Kind und jemand empörte sich lautstark. Doch das alles war Allistair egal.

***

„Mann, Alter, mach keinen Scheiß“ wimmerte Frank Sander und wedelte abwehrend mit beiden Händen vor dem Gesicht. Er warf einen Blick nach hinten und erschauerte. Zwölf Stockwerke tiefer verliefen die Straßen von Manhatten. „Wir sind doch Freunde.“

Allistair grinste müde. „Wir waren Freunde. Bis du was mit June anfangen musstest, Frank. Mein bester Freund spannt mir meine Frau aus.“

„Mann, das ist auf Junes Mist gewachsen. Sie hat mich angebaggert. Verstehst du? Sie mich!“ Franks Stimme überschlug sich. Ängstlich sah er auf die Pistole, die Allistair in der Hand hielt. „Es tut mir leid, Mann. Es tut mir ehrlich leid.“

„June ist tot, Frank. Und niemand will wissen, wer sie umgebracht hat. Nur ich. Aber ich habe gar keine Ahnung, was die letzten Monate passiert ist. Du schon, Frank. Aber du drehst lieber Däumchen, als nach dem Mörder zu suchen.“

Frank sah erneut über die Schulter. Nur noch zwei Schritte und er würde in den sicheren Tod stürzen. „Allistair, Mann, ich habe keine Ahnung. June hatte sich verändert. Ich war nur das Sprungbrett, glaub mir. Sie hat sich an mich herangemacht, um dann weiterzukommen.“

Allistair beherrschte sich mühsam. Es dürstete ihn abzudrücken oder zuzuschlagen, aber er musste sich zusammenreißen. June zuliebe. „Was meinst du? Komme endlich raus damit. Oder ich mach dich auf der Stelle kalt.“ Er ging einen Schritt vor und Frank wich einen Schritt zurück.

„Mein Boss, Henry Silverstein, der ist Anwalt. June war gerade frisch mit mir zusammen und ich habe sie auf eine Party unserer Kanzlei mitgenommen. Sie ist sofort auf Silverstein los. Hat ihn umgarnt, heiß gemacht. Eine Woche später waren die beiden zusammen.“

„Und das soll ich dir glauben, Frank? Davon hätte ich gehört.“

„Mann, Alter, ehrlich. Das war mir einfach zu peinlich. Ich habe behauptet, wir wären noch ein Paar. Wollte Gras über die Sache wachsen lassen und irgendwann mal mit der Wahrheit herausrücken. Wollte ja auch keinen Stress mit Silverstein. June ist bei mit ausgezogen und dann in ein Apartment, was er bezahlt hat. Seine Frau durfte ja nichts davon mitbekommen.“

Allistair atmete tief ein. Seine geliebte June ein Flittchen, eine Schlampe? Das konnte er kaum glauben. Aber wenn doch? Mit einem leisen Knurren machte Allistair noch einen Schritt vor und stieß Frank in den Tod.

***

Henry Silverstein in die Finger zu bekommen, war schwer. Der reiche Anwalt war nie alleine anzutreffen. Jedenfalls die ersten Wochen. Doch Allistair lag auf der Lauer und nutzte seine Chance, als sie ihm sich bot.

Silverstein hatte eine neue Geliebte, der er ein Apartment in der City einrichtete und das er stets ohne Leibwächter aufsuchte. Allistair musste nur einen geeigneten Zeitpunkt abwarten, den Anwalt niederschlagen, im Kofferraum verstauen und einen Tag schmoren lassen. Dann war Silverstein bereit zum Plaudern.

Das Auto stand oberhalb der Klippe. Tief unten krachte unermüdlich die Brandung gegen die Felsen. „O’Neill, was soll der Quatsch? Kommen Sie zur Vernunft! Wir können über alles reden. Über alles.“

Allistair lachte auf. „Sie haben meine Frau auf dem Gewissen, Silverstein. Und dafür werden sie bezahlen. Mit ihrem Leben.“

Der Anwalt fuhr sich mit der Hand über die ausgetrockneten Lippen. Seine Stimme war nur noch ein heißeres Krächzen. „Ich habe nichts damit zu tun, O’Neill. Mein Ehrenwort.“

„Ihr Ehrenwort? Das ist nichts wert, Silverstein. Ich weiß nicht was passiert ist, aber Sie tragen Schuld daran. June ist tot. Und mein Kind auch.“

„Ihr Kind?“ krächzte Silverstein überrascht.

Allistair sah den Anwalt abschätzend an. „Sie haben es für Ihr Kind gehalten, oder? Denn nur so ergibt Ihre Frage einen Sinn. Das June schwanger war, dass auch das Kind getötet wurde, dass stand in allen Zeitungen. Warum sollten Sie also überrascht sein?“

„O’Neill. Wir können doch über alles reden. Ihre Frau, ich meine, es war nichts Ernstes. Der Skandal, Sie müssen das doch verstehen. Sie wurden von Ihr doch auch betrogen. O’Neill, Sie müssen doch wissen was für eine Schlampe June war. Sie hat mich erpresst, mit dem Kind. Was sollte ich denn machen? O’Neill, legen Sie die Waffe weg. O’Neill …!“

ENDE

Copyright (c) 2012 by Günther Lietz

Buchtipp:


Rosemarie Bus
Es sterben immer drei
Kriminalroman

dtv Paperback
Seiten/Umfang: ca. 384 S. – 19,1 x 12,0 cm
ISBN: 978-3-423-21364-6
Erscheinungsdatum: 01.05.2012

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Die Münchner Journalistin Stella, Mitte dreißig, erhält den Auftrag, eine Geschichte über den Tod einer Kollegin zu schreiben. Valerie wurde in Umbrien erschossen, wo sie mit ihrem älteren Liebhaber Jochen und einigen anderen Deutschen in der »Casa Pornello« wohnte. Unterstützt von ihrer beherzten Mutter Irma und dem Fotografen Luis geht Stella auf Mördersuche. Ist es einer der Mitbewohner, die alle ihre Probleme mit der exaltierten, nymphomanen Valerie hatten? Oder ist etwa die Mafia im Spiel? Während ihrer Recherche verliebt sich Stella in den schönen Maresciallo Luca – und findet heraus, dass er Valerie viel besser kannte, als seine Kollegen von den Carabinieri wissen dürfen.

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10 Comments

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  1. GEFUNDENE FEHLER:

    “Sorry, ich wusste(n) nicht, dass Ihnen das unbekannt war. Sehen Sie es mal so, das spart einiges an Alimenten.”

    Physikalischer unmöglich? : „donnerte das trockene Teigstück einer Taube gegen den Kopf. Der Vogel fiel tot um“

    Die *** sollte man besser zentrieren!

    Ich habe behauptet(,) wir wären noch ein Paar.

    HIER ENTWEDER ALLE „ZU“ WEG ODER: „NIEDERZUSCHLAGEN“: Allistair musste nur einen geeigneten Zeitpunkt abwarten, den Anwalt niederschlagen, im Kofferraum zu verstauen und einen Tag schmoren zu lassen.

    das(s) stand in allen Zeitungen

    Ansonsten: „Erste Sahne!“ 🙂 Hat mir gut gefallen, Monika sagt: „…war ok!“ 😉

  2. War ok, heißt bei ihr „super“, sagt sie! 😉

  3. Bekommen wir hier noch einen Buchtipp? 🙂

  4. So, bin wieder zurück. War kurzfristig einige Tage unterwegs und da hat sich dann einiges verschoben. 🙂

  5. Wie grausam! 🙁

  6. Christa Kuczinski

    Eine gute Geschichte.
    Allerdings verstehe ich nicht, warum der Mörder das Kind zwar aus dem Uterus entfernt, jedoch nicht entsorgt hat. Welchen Grund gab es das Baby in der Nähe der Mutter zulassen? Welchen Grund gab es das Kind überhaupt herauszuschneiden und damit Gefahr zu laufen, das Interesse der Polizisten auf dieses Mordmotiv zu lenken?
    Ich hätte eher erwartet, er hätte das Kind verschwinden lassen, immerhin hätte eine DNA-Probe Aufschluss über den (vermeintlichen) Vater (und Mörder)geben können.

  7. Vielleicht hatte er das ja auch vor, ist dann aber aufgeschreckt, weil er in der Nähe etwas gehört hat und verschwand, könnte doch sein, oder? Was meint denn der Autor?

  8. Christa Kuczinski

    Klar könnte das sein, aber der Leser möchte es dann natürlich auch erfahren. 😉

  9. Bin mal gespannt ob sich der Autor dazu äußern wird.

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