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AUS DEM TAGEBUCH EINES LEHRERS – Eine Kurzgeschichte von Irene Salzmann (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 2/2013 – geteilter Preis)

AUS DEM TAGEBUCH EINES LEHRERS

Eine Kurzgeschichte
von
Irene Salzmann
(12/2012)

(sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 2/2013 – geteilter Preis)

7:30.

Es fällt mir schwer, so früh wach zu werden. Die Nacht war, wie man so schön sagt, wieder mal lang. Aber nicht, weil ich aus war, Essen ging und ein wenig Spaß hatte – nein: weil ich die verdammten Deutschaufsätze der 5a korrigiert habe. Eine Klassenarbeit soll zurückgegeben werden, bevor die nächste geschrieben wird.

Ich erledige meine Toilette, wie immer mit Axe, das am besten gegen Geruchsbildung wirkt. Wichtig an langen Tagen. Heute ist Elternabend. Ich hasse Elternabende.

Das Gefrierfach ist leer. Ich weiß es und brauche gar nicht nachzuschauen. Die Zeit für einen kleinen Snack ist ohnehin zu knapp.

7:50.

Ich nehme, wie üblich, die Abkürzung durch das Neubaugebiet. Dort wohnte ich, bis sie alles abgerissen haben und ich mir eine neue Unterkunft suchen musste. Nichts erinnert mehr an die kleinen Häuschen, die bis vor fünf Jahren noch hier standen, an den alten Friedhof in ihrer Mitte mit der schlichten Kapelle und der Einsegnugshalle, an die Felder und Weiden rund herum. Das friedliche Idyll ist einer typischen Siedlung für junge Familien gewichen. Statt friedlich grasender Rinder gibt es tobende Kinder.

Die jetzt auf dem Weg zur Schule sind, so wie ich. Manche grüßen, manche wechseln auf den anderen Gehweg und tun so, als hätten sie mich nicht gesehen. Mir egal. Auf der Straße bin ich irgendein Mann. Erst in der Schule werde ich zum Lehrer Herr Hettinger.

7:57.

Kurz melde ich mich im Lehrerzimmer und bin dann pünktlich mit dem Gongschlag in der 5a. Ich teile die Aufsätze aus. Von Drama bis Triumph ist die ganze Gefühlsbreite vertreten.

So geht es in den nächsten Stunden weiter: Deutsch in der 6a, Pause, Geschichte in der 5c, Sozialkunde in der 9b, Pause, Sozialkunde in der 9a, Deutsch in der 7b.

Da ich heute keine Pausenaufsicht habe, verbringe ich die wenigen Minuten im Lehrerzimmer. Unter den Kollegen gelte ich als schweigsam und wenig kontaktfreudig. Tatsächlich höre ich ihrem Geplänkel gar nicht zu: Der Florian aus der 8a hat … Die Lara aus der 5a hat … Der Kevin aus der 6c hat … Manchmal auch: Die Mutter von Hanna aus der 7b hat … Der Vater von Mirco aus der 6a hat … Gelegentlich wird auch über abwesende Kollegen getuschelt. Man bezieht mich nur in die Gespräche mit ein, wenn es ums Fachliche geht.

Wieder einmal frage ich mich, warum ich mich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden habe. Wieder antworte ich: Ich will mit Menschen zusammen sein. Aber die Begleitumstände sind äußerst lästig. Man darf nur nichts an sich heranlassen. Und nicht nachlässig werden. Dann geht es. Irgendwie. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Ich habe Hunger.

13:00.

Der Vormittag war anstrengend. In der einen Stunde Mittagspause setze ich mich auf eine von drei Bänken im Schatten einer alten Eiche, dem einzigen Überbleibsel des Friedhofs, die man nicht gefällt hat, weil sie schon so alt und mächtig war, dass sich die Umwelt- und Denkmalschützer erfolgreich für ihren Erhalt hatten einsetzen können. Ich kann mich noch gut an das Hin und Her erinnern, schließlich war ich der Friedhofswächter, bevor ich umziehen und mir eine neue Arbeit suchen musste.

Unter den ausladenden Ästen des Baumes wurde ein Spielplatz errichtet, der um diese Zeit selten besucht wird. Die Kinder essen gerade zu Mittag, machen Hausaufgaben oder halten Mittagsschlaf. Erst wenn ich zur Schule zurückgehe,stürmen die ersten die Spielgeräte.

Ich bereite mich auf die nächsten Stunden vor. Keine Zeit, einen Snack zu organisieren. Es gibt auch nichts. Ich habe Hunger und gehe, als sich ein Kind dem Spielplatz nähert.

14:00.

Die Nachmittagsstunden mag ich am wenigsten. Geschichte-Leistungskurs in der 11, Doppelstunde; Deutsch-Grundkurs in der 12, Doppelstunde. Je älter die Schüler werden, umso aufsässiger sind sie. Geben sich cool, jeder will irgendwen beeindrucken und den Lehrer wie einen Idioten dastehen lassen.

Ich stelle mir immer vor, dass das gar keine Kinder sind, die an den Tischen sitzen. Mal sehe ich sie als Kohlköpfe, mal als Runkelrüben. Vor allem dann, wenn sie den Dativ nicht vom Akkusativ unterscheiden können oder rätseln, ob Schiller und Bismarck etwas mit Gastronomie zu tun haben. Etwas anderes zu denken, wäre nicht gut.

18:00.

Ich könnte nach Hause gehen. Wozu? Weil ich Hunger habe? Die Gefriertruhe ist nach wie vor leer. In einer Stunde muss ich ohnehin wieder hier sein. Elternabend der 5b, deren Klassenleiter ich bin.

Das Schuljahr ist noch jung. Es geht um die Klassenziele, um Sonderaktivitäten im Unterrichtsrahmen wie Exkursionen und AGs, um Hinweise auf Tutorien seitens älterer Schüler für Kinder, die bereits jetzt erkennbare Probleme haben, dem Unterricht zu folgen, um das Engagement der Eltern bei Festen, wobei sich manche beide Beine ausreißen und andere so tun, als gehörten sie nicht dazu. Das Übliche eben.

18:45.

Die ersten Eltern treffen ein. Das geht eine halbe Stunde so weiter. Einige kommen immer zu spät. Von 25 Schülern hat sich nicht einmal die Hälfte der Eltern eingefunden. Dafür kamen von wenigen beide Elternteile. Das zeigt, wer ehrgeizige Pläne für seine Kinder verfolg – und wem sie gleichgültig sind.

Die meisten kennen sich, ein paar sitzen isoliert ganz hinten oder an der Seite mit mindestens einem leeren Platz zwischen sich und dem nächsten Erziehungsberechtigten. Die einen unterhalten sich, die anderen bleiben stumm und hoffen wie ich, dass sie bald gehen dürfen.

Die Gespräche sind identisch mit denen, die im Lehrerzimmer geführt werden: Der Florian hat …. Die Lara hat … Der Kevin hat … Manchmal auch: Die Mutter von Hanna hat … Der Vater von Mirco hat … Gelegentlich wird auch über abwesende Eltern getuschelt. Einig sind sich alle nur darin: Die Schule soll bei den Kindern die Erziehung übernehmen, die sie selber vermasselt haben.

Als niemand mehr hinzukommt, beginne ich mit meinen Erläuterungen. Wiederhole alles ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Danach dürfen die Eltern Fragen stellen. Der erste fragt genau nach dem, was ich gerade drei Mal erklärt habe. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Dann ist die nächste an der Reihe. Fragt exakt dasselbe. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Und so geht es weiter. Sind sie debil?

Ich stelle mir ein Feld voller Kohlköpfe vor. Das sind die Männer. Die Frauen sind die Runkelrüben. Etwas anderes zu denken, wäre nicht gut.

Aber ich habe nun wirklich Hunger.

21:30.

Die letzten Eltern sind endlich gegangen. Ich packe meine Tasche und schließe das Klassenzimmer der 5b zu. Im Flur begegne ich zwei Kollegen, die ebenfalls erst so spät fertig wurden. Wir wünschen uns einen schönen Abend und eine gute Nacht. Der Hausmeister ist angewiesen, um 22:00 einen Rundgang zu machen und die Schule abzusperren.

Wieder nehme ich die Abkürzung. Vorbei an der alten Eiche. Der Spielplatz ist verwaist. In den meisten der neuen Häuser brennt Licht. Die stromsparenden Laternen spenden ein oranges Leuchten, das den Bürgersteig kaum erhellt. Fußgänger und Radfahrer sind unsichtbar, bis man sie über den Haufen fährt. Einbrecher auf dem Nachbargrundstück werden trotz Lärm nicht mehr gesehen.

Ich habe Freude daran, von Schatten zu Schatten zu huschen.

Der fette Kater sieht mich nicht. Ich packe ihn am Genick. Es knirscht.

21:35.

Wieder zu Hause.

Ich hänge meinen Mantel auf, stecke die müffelnde Kleidung in die Waschmaschine und streife die Hettinger-Haut ab.

Dann stille ich meinen Hunger.

Es schmeckt nicht. Etwas anderes wäre mir lieber gewesen. So viele Leckerbissen …

… aber es ist nicht mehr wie früher. Man muss sich anpassen, um nicht aufzufallen. Und nicht vertrieben zu werden. Oder Schlimmeres.

Der Rest des Katers wandert in die Gefriertruhe.

ENDE

Copyright (C) 2012 by Irene Salzmann

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus10-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Untot – Wiedergänger-, Gespenster-, Geister- & Zombiegeschichten” (Zeichnung untot.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/


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